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Predigten und spirituelle Begleitung

Gedanken zur Fastenzeit - 26. März 2020

Liebe Freunde Seligenthals,

der Aschermittwoch und die Hälfte der Fastenzeit liegt hinter uns. Und spätestens seit gut einer Woche ist uns allen bewusst geworden jetzt ist das Loslassen, so mancher Verzicht, nicht mehr freiwilliger Art, sondern wird uns von der schnellen Verbreitung eines kleinen Virus abverlangt.  Ähnlich wie wir die Ascheauflegung nicht als etwas Niederdrückendes ansehen sollten, weil das nicht ihr Sinn ist, können wir uns auch jetzt fragen, wie können wir auch dieser Zeit trotz allem Schweren und Bedrohlichen gut meistern. Vielleicht helfen ihn die Gedanken, die ich meinen Mitschwestern am Beginn der Fastenzeit mitgab ohne dabei an das Corona Virus zu denken.

Das Kreuzzeichen auf unserer Stirn, ist ja keine Bedrohung oder etwas, was uns Angst vor dem Tod machen möchte, sondern das Zeichen der Erlösung; ein Hinweis, Du bist wertvoll und wichtig, aber Dein Leben hier ist nicht unbegrenzt.

Die Ascheauflegung gibt den Impuls für die Fastenzeit, über unser Leben nachzudenken, wieder neu zu sehen, dass es kostbar ist, dass wir Gott kostbar sind, dass er ein gutes, ein erfülltes, ein geglücktes Leben für uns möchte. Ja, dass Gott uns die Fülle des Lebens schenken möchte. Sagt Christus doch von sich: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben!“
Ostern ist das Fest der Fülle, der Freude, des Lichtes. So sollen die Tage, die dieses Freudenfest vorbereiten, sicher nicht traurige Tage sein, sondern das Fasten, Beten und Barmherzig Sein sollen uns helfen, frei zu werden von dem, was mich am Leben hindert, was mich beschwert, was mir auf der Seele liegt, was ich unnötig mit mir herumschleppe. In diesen vierzig Tagen sollen wir uns selbst immer wieder Zeit gönnen zu fragen, was beglückt, bereichert mein Leben, was ist mir kostbar, wesentlich und wichtig? Aber auch, was fehlt mir, was ist mir abhanden gekommen, wie haben sich meine Wertvorstellungen verändert, was habe ich aufgegeben, was ist mir genommen worden?

Hier können wir auch darüber nachdenken, wie es mit unserer ersten Liebe steht, ob wir lau geworden sind? Bin ich glücklich und zufrieden, stimmen meine menschlichen Beziehungen, meine Beziehung zu Gott? Wie steht es mit meiner Lebensfreude, meiner Freude an Gott und der Erfüllung seines Willens, der Freude am Gebet? Unser Leben ist sinnvoll, aber manches kann unseren Lebensfluss bremsen, vielleicht unmerklich, vielleicht aber auch bewusst. Da kann es sein, dass ich selbst mit mir unzufrieden bin, dass ich das eine oder andere ändern sollte, ich neu fragen sollte, was Gott mit mir vorhat, was er sich von mir wünscht und manchmal auch die Mitmenschen. Suchen wir zu erkennen, was uns zufrieden macht, nicht im Sinne es passt schon, sondern was uns im Tiefsten erfüllt und erfreut.

Nutzen wir die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern als eine intensive Zeit des persönlichen Gebetes, eine Zeit der Hellhörigkeit für unsere eigenen Bedürfnisse und die der anderen, eine Zeit der Offenherzigkeit für alle, die unsere Hilfe brauchen. Fasten, Beten und Barmherzig Sein sind hilfreiche Übungen, um Augen, Ohren und Herz zu weiten für alle Bereiche, wo Veränderungen notwendig werden.

Dabei ist es heilsam, wenn sich die Wahrnehmung auf drei Richtungen hin öffnet: auf mich selbst, auf meine Mitmenschen und auf Gott hin. Konkret heißt das:

  • Mit meinen ‚Augen‘ darf in den Spiegel schauen und mich fragen: Wer bin ich? Kann ich mir selbst ins Gesicht sehen? Mag ich mich? Nur wer sich selbst annehmen kann, wird auch einen gütigen Blick für seine Mitmenschen entwickeln oder sich den wohlwollenden Blick Gottes aneignen, mit dem ER mich und die Welt ansieht.
  • Mit meinen ‚Ohren‘ darf ich in mich hinein hören: Was meldet sich aus der Stille? Ist mein Gewissen noch lebendig? Nur wer die Schwingungen seiner eigenen Seele kennt, wird hören, wo sich seelische Not bei den anderen rührt. Und nur ein waches und lauschendes Ohr wird auch die leise Art Gottes nicht überhören, mit der ER seinen Willen für mich kundtut.
  • Und schließlich braucht es die Sorge um das eigene Herz: Spüre ich dort Leben? Wovon ist mein Herz erfüllt? Freude, Trauer, Not, Angst? Je mehr jemand behutsam und liebevoll mit seinem eigenen Herzen umzugehen lernt, umso stärker kann er auch seine Fähigkeit entwickeln, barmherzig mit anderen zu sein, und so eine Grundeigenschaft Gottes zu verkörpern.

So will die Fastenzeit Raum schaffen und eine Übungsplattform bieten für heilsame Veränderungen, die dem Leben gut tun. Wenn die Kirche von der österlichen Bußzeit spricht, hat sie recht, denn der Weg durch diese Zeit hat ein Ziel, er geht auf Ostern zu! Unsere ‚geistlichen Übungen‘ dienen keinem Selbstzweck, sondern sie sollen helfen, dass unser Glaube neue Kraft bekommt, dass wir frische Hoffnung schöpfen für den Alltag aus der Botschaft der Auferstehung und dass andere unsere Liebe zu spüren bekommen.

Ihre M. Petra Articus
Äbtissin Abtei Seligenthal


Sonntagspredigten von Monsignore Dr. Norbert Fuchs

Die Sonntagspredigten von Herrn Dr. Fuchs wurden mehrere Jahre hindurch von unseren Schwestern niedergeschrieben. Wir fanden sie in seinem Nachlass und bewahrten sie im Archiv auf.  Von jetzt ab werden wir die zum jeweiligen Sonn - oder Festtag eine passende Predigt in unsere Homepage zu laden. Die Worte von Herrn Dr. Fuchs werden sicher eine religiöse Bereicherung und zugleich eine liebe Erinnerung für Sie sein.

Pfingsten

                                                                                                                                Apg 2,1-11

                                                                                                                                  Joh 20,19-23

A          Das Pfingstfest, das wir heute feiern, unterscheidet sich von den anderen großen Festen des Jahres dadurch, dass es nicht auf ein einmaliges geschichtliches Ereignis hinweist.

Die Geburt Jesu geschah an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit; einmal und nicht wieder. Auch der Tod und die Auferstehung Jesu geschahen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit; einmal und nicht wieder. Anders das Pfingstereignis: das geschah nicht nur einmal dort in Jerusalem, fünfzig Tage nach der Auferstehung, sondern es geschah und geschieht immer wieder und an vielen Orten. Es wiederholten sich gelegentlich sogar die Begleiterscheinungen, die das erste Pfingsten kennzeichnen, so etwa bei der Bekehrung des ersten Heiden, des Hauptmanns Cornelius in Cäsarea, von der die Apg. berichtet.

Aber das Kommen des Hl. Geistes geschieht nicht nur dort, wo es sich äußerlich bekundet. Es geschieht, wo getauft wird, wo gefirmt wird, wo Sünden vergeben werden, wo Eucharistie gefeiert wird. Es geschieht in vielen Weisen. Der Geist Gottes weht wo er will, und er wirkt, wie er will. Bleiben wir aber zunächst bei der Erzählung vom ersten Pfingstfest, die wir als Lesung gehört haben.

B1        Das Pfingstfest war schon ein jüdisches Fest. Es war eines der drei großen Pilgerfeste und wurde wie heute fünfzig Tage nach Ostern, nach dem jüdischen Paschafest, begangen. Ursprünglich hatte es den Sinn eines Erntedankfestes; später wurde es Gedächtnis der Offenbarung Gottes und der Gesetzgebung auf dem Sinai. Dies erklärt die Tatsache, dass an diesem Tag Menschen, gläubige Juden, aus allen Völkern in Jerusalem waren: aus dem nahen Judäa, aus Ägypten, aus Medien, aus den Völkern Kleinasiens und aus Rom. Diese Menschen sind nicht nur Zeugen der Ausgießung des Hl. Geistes auf die Apostel, sondern sie werden selbst von ihm ergriffen. Sie verstehen, was sie in fremder Sprache hören, und es berührt sie. Sie sind in die „Begeisterung“ mit einbezogen. Petrus sieht darin eine alte Verheißung erfüllt. Er sagt es in seiner Pfingstpredigt: „In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: “Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch …, über meine Knechte und Mägde … und es wird geschehen: jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“

Gott schenkt seinen Hl. Geist allen ohne Unterschied: Juden und Heiden, Römern und Nicht-Römern, Griechen und Barbaren, Männern und Frauen, Freien und Knechten. Alle, die davon ergriffen wurden, schlossen sich den Aposteln an und wuchsen so zur Kirche zusammen. Alle Unterschiede in Bezug auf die Herkunft, auf Standeszugehörigkeit, auf Bildung, alle diese Unterschiede wurden und werden so relativiert, werden nebensächlich angesichts des göttlichen Geschenkes, des Hl. Geistes. Er ist die einigende Kraft, die die Menschen miteinander verbindet.

2          Der hl. Paulus macht uns in seinem 1.Kor die einheitsstiftende Kraft des Hl. Geistes verständlich im Bild des Leibes. Er sagt dort: So wie der Leib viele Glieder hat, diese aber doch eine Einheit bilden, so ist es auch mit dem Leib Christi, mit der Kirche. Der Geist ist es, der diesen geheimnisvollen Leib schafft, der die einzelnen Glieder belebt und verbindet, durch den jeder seine Bedeutung für das Ganze gewinnt. Ob er Jude oder Heide, Freier oder Knecht ist: das ist dafür völlig unerheblich. In diesem Zusammenhang, in dieser Sicht sind solche Äußerlichkeiten völlig belanglos, ist all das nicht mehr wert, als wenn Kinder König und Kaiser spielen. Jeder soll deshalb den anderen ehren, soll sich mit ihm freuen und mit ihm leiden. Um das Bild des Leibes zu Ende zu führen: Das Haupt dieses Leibes, so sagt Paulus, ist Christus.

Der Hl. Geist verbindet uns nicht nur untereinander, sondern er verbindet uns vor allem mit Christus und damit mit Gott und eben damit auch untereinander. Es ist eine Einheit, die wie ein Kreuz eine Senkrechte und eine Waagrechte hat. Die Senkrechte zeigt die Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen an. Alles, was wir über die Wirkungen des Hl. Geistes sagen können, lässt sich in diese Glaubenswahrheit einfügen, dass er diese große Einheit stiftet.

3          Freilich geschieht das nicht über uns hinweg, nicht ohne unseren Willen und vor allem nicht gegen unseren Willen. Der Hl. Geist ist das große Geschenk des Auferstandenen an uns. Nur wer es annimmt, empfängt es, und wer es annimmt, muss es ganz annehmen. Man kann sich nicht nur auf die Senkrechte beschränken. Wer ja sagt zur Gemeinschaft mit Christus, der muss auch ja sagen zu denen, die ebenfalls in Gemeinschaft mit ihm stehen. Diese Verbundenheit wertet sich jedem so sehr auf, dass man einen Grund hat, dass man die Möglichkeit hat, ihn anzunehmen und die Gemeinschaft mit ihm zu bejahen, so schwierig das im einzelnen Fall auch sein mag. Jeder muss das einheitsstiftende Wirken des Hl. Geistes mitvollziehen; jeder muss in diese geistige Bewegung mit eingehen.

4          Diese Feststellung führt uns vor die Frage, die wir an uns selbst richten müssen: ob und wie weit bestimmt dieser Geist mein Denken, Reden und Handeln, wie weit gebe ich dem Wirken des Hl. Geistes in mir Raum, inwieweit harmoniert mein Geist mit dem Seinen. Wer nur egoistisch sich selbst sucht, oder voll Selbstmitleid auf sich selbst schaut, der versperrt sich dem Wirken des Geistes. Wer auf andere herabschaut, die weniger können, weniger haben, weniger erfolgreich sind, oder umgekehrt voll ungutem Neid auf andere ist, der stellt sich dem Hl. Geist, der die Einheit will, entgegen. Jede bewusste Gemeinschaftsstörung, gleich in welcher Gemeinschaft, der kleinen und der großen, ist wider den Hl. Geist.

Pfingsten, die große Demonstration Gottes, ist gegen jede Form von Egoismus; es ist die große Demonstration Gottes für die Einheit. Sie weist damit auf das große Ziel der Geschichte überhaupt hin: das Reich Gottes, das jetzt noch klein ist wie ein Samenkorn oder eine kleine Pflanze, das aber soll zu einem großen Baum, wie es Jesus im Gleichnis vom Senfkorn ausgedrückt hat. Und es wächst, wenn sich die hl. Lebenskraft mit unserem Streben verbindet, wenn sich der Geist Gottes mit unserem Geist vereint.

C          Pfingsten ist nicht ein Gedächtnisfest, sondern ein Ereignis. Was damals in Jerusalem geschah, geschieht immer, geschieht auch heute. Wenn wir beten „Herr sende uns deinen Hl. Geist!“ oder „Komm, Hl. Geist, und erfülle uns“, dann ist diese Bitte zugleich Ausdruck der Bereitschaft, ihn aufzunehmen und willentlich in die Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen einzutreten und die große Einheit, auf die das Wirken des Geistes gerichtet ist, zu bejahen.

 

7. Ostersonntag

Apg 1, 12-14

[ Joh 17, 1-11a

A[ Was die Lesung und das Evangelium, die wir eben gehört haben, verbindet, ist das Thema: Gebet. In der kurzen Lesung hörten wir von den Jüngern, die nach der Himmelfahrt Jesu nach Jerusalem zurückkehrten; dort, so heißt es, „verharrten sie einmütig im Gebet.“ Im Evangelium ist nicht vom Beten oder über das Beten gesprochen, sondern der ganze Abschnitt ist ein Gebet, ein Gebet, das Jesus in der Stunde des Abschieds spricht. Es ist ein sehr persönliches Gebet, in dem er sich an den Vater wendet, so persönlich, dass wir es nicht als Gebet einfach nachsprechen können.

Das Gebet, das Jesus im Garten von Getsemani gesprochen hat, „Vater …, nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen“: dies können auch wir beten, das könnten wir direkt von ihm übernehmen. Aber dieses, das Abschiedsgebet, nicht, zumindest nicht in allen Teilen. Aber wir können von diesem Gebet für unser Beten etwas lernen. Und unter diesem Gesichtspunkt wenden wir uns ihm etwas eingehender zu.

B1        Dieses Gebet ist, wie ich gesagt, ein sehr persönliches Gebet. Jesus spricht zum Vater von seiner Sendung, die Menschen zur Erkenntnis Gottes zu führen und ihnen ewiges Leben zu schenken. Er betet für die, die sein Wort angenommen haben und von denen er jetzt geht, in dem Sinn, dass sie seine Gegenwart nicht mehr wahrnehmen können, wie es ihnen möglich war, solange er als Mensch unter ihnen war. Es ist ein Gebet, das ganz auf die Stunde, in der Jesus steht, abgestimmt ist und das von dem einmaligen Verhältnis bestimmt ist, indem er, der Sohn, zum Vater steht. So kann nur er beten. Dieses persönliche Beten, das bestimmt ist durch die Lage, in der sich der Betende befindet: das isst eigentlich die natürlichste Form des Betens. Ich spreche zu Gott von dem her, was mich hier und jetzt bewegt.

2          So betet Jesus hier. Er betet nicht immer so; auch er betet in vorgegebenen Gebeten. Das tat er, wenn er am Tempelgottesdienst teilnahm, das tat er auch am Kreuz. Sein Gebet aus Qual und Not „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, ist der Anfangsvers  des Ps. 22, eines Gebetes, das vorlag, das damals schon Jahrhunderte alt war, das aber genau das ausdrückt, was er in dieser Stunde erlebt.

Es ist zwar richtig, dass jeder Mensch ein Einmaliger ist und dass auch jede Lage eine einmalige ist, aber sie haben auch etwas Gemeinsames. Ich bin nicht der erste, der seine Ratlosigkeit erfährt, sondern vor mir haben das schon unzählige erlebt, und gleichzeitig mit mir erfahren es auch viele andere. Bestimmte Erfahrungen macht jeder Mensch, die wesentlichen sogar Tag für Tag. Es gibt die zeitlosen Gebetsanliegen, wie etwa die, die wir im Vaterunser aussprechen.

3          Wir sollen nicht so oder so, frei oder anhand fester Gebete beten, sondern o und so. Aber hier haben wir nun das Beispiel eines freien Betens, und durch dieses sollen wir auf den Wert und die Bedeutung eines solchen Betens wieder aufmerksam gemacht werden. Es ist eine wichtige Form. Ohne sie wäre unsere Haltung Gott gegenüber förmlich und starr.

Persönlich beten: das heißt nicht, dass wir bei einem solchen Beten nur um uns selbst kreisen sollten. Auch Jesus spricht hier nicht nur von sich selbst. Er tut dies auch, wenn er zum Vater betet „Vater, verherrliche deinen Sohn damit der Sohn dich verherrlicht!

Persönlich beten: das heißt nicht, dass wir bei einem solchen Beten nur um uns selbst kreisen sollten. Auch Jesus spricht hier nicht nur von sich selbst. Er tut dies auch, wenn er zum Vater betet „Vater, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht“. Aber sein innerer Blick geht dann weiter auf die, die ihn und den Vater erkannt haben und erkennen werden.

So sollen auch wir beim Beten nicht von uns absehen; aber wir müssen auch bedenken, dass wir nicht die Welt sind, dass wir in Gemeinschaft mit anderen leben: in einer Familie, in einer klösterlichen Gemeinschaft, in einem Bekanntenkreis, an einem Arbeitsplatz, in einer Stadt, einer Pfarrei, einem Volk, der Kirche, dass wir zusammen mit 3 Mrd. Menschen auf dieser Welt leben. In diese umfassenden Kreise ist mein Leben eingefügt, und die vielen damit gegebenen Beziehungen sollen in mein Beten eingehen.

4          Das Abschiedsgebet Jesu besteht nicht nur aus den Sätzen, die wir vorhin gehört haben. Es erstreckt sich auf das ganze Kapitel. Es sind nicht nur einige kurze Bitten. An anderen Stellen des Evangeliums hören wir, dass Jesus lange im Gebet verweilte, einmal, dass er die ganze Nacht betend zubrachte. Jesus war ein Beter wie kein anderer. Verständlich! Denn keiner kannte den Vater so wie er, und keiner war ihm enger verbunden als er. Auch das sollen wir von ihm lernen, dass persönliches Beten nicht nur heißt, einige kurze Bitten aussprechen. Auch zum persönlichen Beten sollen wir uns Zeit nehmen, sollen bei ihm verweilen. Will man nicht an der Oberfläche bleiben, sondern auch n die Tiefe dringen und auch dieses ins Gebet einbringen, dann braucht man dazu Zeit. Das lässt sich nicht kurz abtun.

Man macht heute Ärzten oft den Vorwurf, dass sie sich nicht genügend Zeit für ihre Patienten nehmen, zum Gespräch mit ihnen, dass sie zu wenig auf den Menschen achten und auf all das, was ihn bewegt. Hier ist es uns ganz klar, denn dass man Zeit braucht, um zu einer persönlichen Beziehung zueinander zu kommen, dass sich das nicht mit ein paar Frage und einigen Auskünften erreichen lässt. Nicht anders ist es beim Gebet: zu einem wirklich persönlichen Gebet braucht man Zeit. Und wenn jemand diese Zeit nicht hat, dann muss man ihm raten, dass er sich diese Zeit nimmt.

Wieviel Zeit nehmen wir uns für anderes, für Nebensächlichkeiten. Wieviel Zeit wird vor dem Fernsehen „verplempert“! Sicher gibt es immer wieder Tage, die eine Ausnahme darstellten aber im allgemeinen haben wir alle die Zeit für ein persönliches Beten, das mehr ist als ein paar Bitten, zu einem gewissen Verweilen im Gebet: wir haben sie, wenn wir sie uns nehmen. Und wir müssen sie uns nehmen, weil das persönliche Beten für unsere Beziehung zu Gott so wichtig ist.

C          Christen sind wir, wenn wir Christus nachfolgen wenn wir uns am Vorbild Jesu Christi ausrichten. Dazu gehört auch das rechte Verhalten Gott gegenüber. Das schließt das Beten mit ein. Wir wissen, dass wir im einen wie im anderen weit hinter Jesus zurückbleiben. Aber das soll kein Grund sein der uns abhält, zu tun, was uns möglich ist, nicht nur, weil es von uns gefordert wird, sondern weil es einfach zu einem lebendigen Glauben gehört.

6. Ostersonntag

Joh. 14,15-21

 

A          Vierzehnmal heißt es in diesem Evangelium „ihr“ oder „euch“. Vierzehnmal werden die Jünger, zu denen Jesus spricht, direkt angeredet. Mit einem solchen „ihr“ können mehrere Einzelne gemeint sein oder eine Gemeinschaft, also mehrere, die zusammengehören, die in Beziehung zueinanderstehen, die eine Einheit bilden. Hier ist es in diesem weiten Sinn gemeint, denn ein Jünger Christi, ein Christ ist man nie für sich allein, sondern immer mit anderen. Jeder ist immer auch Glied der Kirche, der kleinen Kirche am Ort und der großen Kirche, der Weltkirche. Aus dieser „Gliedschaft“ ergibt sich auch die Sorge und die Verantwortung für die anderen Glieder im Kleinen und im Großen.

Seit mehreren Jahren wird der heutige Sonntag, der Sonntag vor dem Fest Christi Himmelfahrt, begangen als Gebetstag für die verfolgte Kirche. An ihm soll unsere Aufmerksamkeit auf die gelenkt werden, die um ihres Glaubens willen zurückgesetzt und verfolgt werden, und soll uns wieder bewusst gemacht werden, dass wir – anteilnehmend und betend – ihr Los mittragen müssen.

In diesem Jahr sollen es vor allem unsere Glaubensbrüder und -schwestern und überhaupt die Menschen in Albanien sein, denen unsere besondere Aufmerksamkeit gilt.

B 1       Albanien, das Land an der Adria, auf dem Balkan, ist ein kleines Land. Es ist nicht halb so groß wie Bayern und hat höchstens ein Viertel seiner Bevölkerung. Es ist ein Staat, der seine Grenzen so dicht gemacht hat, dass man nur wenig über die inneren Verhältnisse erfährt. Dieses kleine Land nimmt für sich den traurigen Ruhm in Anspruch, der erste atheistische Staat der Welt zu sein. In seiner Verfassung, die seit 1976 gilt, heißt es wörtlich: Art. 37: „Der Staat erkennt keinerlei Religion an.“ Und in Art 55: „Verboten ist die Bildung jedweder Organisation mit …religiösem … Charakter …“ und weiter: „Verboten ist … religiöse Tätigkeiten und Propaganda …“ Das Strafgesetzbuch (1977) bestimmt, dass die Herstellung und Verbreitung von Literatur mit religiösem Inhalt mit Freiheitsentzug zwischen drei und zehn Jahren bestraft wird.

In Albanien wird nicht nur die Tätigkeit der Kirchen eingeschränkt, sondern man will den Glauben, die Religion mit Stumpf und Stiel ausrotten. Das geht weit über das hinaus, was wir aus anderen Staaten im Osten kennen. Betroffen sind dadurch nicht nur die Christen, sondern alle Religionen. Nach der letzten Schätzung unmittelbar vor dem 2. Weltkrieg gehörte der größte Teil der Bevölkerung (68%) dem Islam an, 21% der orthodoxen Kirche und 11 % der katholischen Kirche. Die katholische Kirche war in sechs Bistümer aufgeteilt. Von den Orden waren es vor allem die Franziskaner und Jesuiten, die dort tätig waren. Gerade durch sie hat die Kirche einen großen Einfluss auf das kulturelle Leben des Landes ausgeübt.

2          Die Katastrophe begann mit der Besetzung des Landes 1939 durch die Italiener und die Rückeroberung 1944. Damals gelang es den Kommunisten, die Herrschaft an sich zu reißen. Sie taten dies mit einer Radikalität sondergleichen.

 

Ganz im Sinn des Marxismus und Leninismus erklärten sie die Religion als ein Mittel, das der Unterdrückung des Volkes dient und das den Fortschritt verhindert. Zudem, so erklärten sie, seien dort alle bestehenden Religionen unalbanisch. Die Religion des Albaners sei der Albanismus: so lautet die Parole, mit der man die Ausrottung des Christentums und des Islam zusätzlich zu begründen suchte.

3          Mit der Machtergreifung der Kommunisten im Januar 1944 brach eine blutige Verfolgung über die Kirche herein. Schon in den ersten Jahren wurden vier der Bischöfe und Dutzende von Priestern hingerichtet oder im Gefängnis so behandelt, dass sie starben. Die Zahl der Laien, die Kerker und Tod auf sich nahmen, lässt sich nicht in Zahlen fassen.

1971 gab es in Albanien noch 14 Priester; zwölf von ihnen waren im Gefängnis, zwei lebten im Untergrund. 1939 waren es etwa über 200.

Es gibt heute in Albanien keine Kirche, keinen Kirchenraum mehr. Aus den früheren Kirchen wurden Lagerhallen und Sportstätten. Vor zwei Jahren brachte die Süddeutsche Zeitung eine kurze Eindrucksschilderung von Shkodia, dem Sitz des früheren Erzbischofs. Es heißt darin: …

Andere Statten mit marxistischer und leninistischer Staatsdoktrin haben wenigstens den Menschen die Freiheit gelassen, Gottesdienst zu halten. In Albanien ist jede religiöse Handlung verboten. Die Regierung hat sogar ein Dekret erlassen, das die Einwohner auffordert, alle an Heilige erinnernde oder religiös klingende Vornamen abzuändern. So will man auch noch die kleinsten Hinweise auf die Religion tilgen.

4          Wir wissen über Albanien wenig, vor allem wissen wir fast nichts über die Kirche im Untergrund, über die heimliche Kirche, die es natürlich gibt; wir wissen nichts über das, was in den Herzen der Menschen lebendig ist und sich dem öffentlichen Zugriff entzieht. Aber das wenige, was wir wissen über die Verhältnisse, ist erschütternd.

Wie weit ist das bekannt? …denen, die nach Griechenland oder nach Sizilien in Urlaub fahren und Albanien links oder rechts liegen lassen!

Was bekommen wir zu hören über die Vorgänge in Mittelamerika (um nur ein Beispiel zu nennen) und was über die Unfreiheit in Albanien. Die religiöse Unfreiheit ist ja immer nur die Spitze der allgemeinen Unfreiheit! Dabei liegt es fast vor unserer Haustüre.

Haben die Menschen dieses Landes, Albaniens, einen Platz in unserer eigenen Gedankenwelt und damit auch in unserem Beten? Existierten sie vielleicht für uns bisher überhaupt nicht, die Menschen des ersten atheistischen Staates? Wussten wir vielleicht gar nichts von Ihnen?

Der heutige Gebetstag soll ihnen einen bleibenden Platz in unserem Herzen verschaffen und in unserem Beten.

C          Ein Kind des albanischen Volkes, das zur Gottlosigkeit verurteilt werden soll, ist die uns allen bekannte Mutter Theresa, die heute in Kalkutta lebt. Sie kommt aus Albanien. Sie sagte bei der Verleihung des Friedensnobelpreises: „Ich glaube, dass die Kirche in Albanien den Karfreitag erlebt; doch lehrt uns der Glaube, dass das Leben Christi am Karfreitag kein Ende nimmt …, sondern sich in der Auferstehung vollendet.“

Wirklich beten kann man nur, wenn man Hoffnung hat. Die Hoffnung, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt, soll unser Beten tragen.

 

5. Ostersonntag

Joh 14, 1-12

A         In dem gehörten Abschnitt aus dem Joh-Evangelium gibt Jesus Antwort auf die Grundfragen des Menschen: Was ist das Ziel unseres Lebens, und auf welchem Weg gelangen wir zu diesem Ziel? Die Antwort ist: Wir sollen einmal beim Vater sein wie er, und der Weg zu diesem Ziel ist der Glaube an ihn, an Jesus Christus. „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Ich möchte nicht in einem erklärenden Sinn näher auf diese Worte eingehen, sondern von einem sprechen, der ganz aus dem Glauben an diese Worte, an das Evangelium gelebt hat, vom hl. Bruder Konrad. Er ist genau heute vor 50 Jahren heiliggesprochen worden, am 20. Mai 1934. Es war damals der Pfingstsonntag. Bruder Konrad ist ein sehr leiser Heiliger. Man übergeht ihn sehr leicht. Deshalb muss man von ihm reden.

B 1      Die Heiligsprechung vor 50 Jahren hat Pius XI., der Papst jener Jahre, vollzogen. Von ihm wird erzählt, dass er einige Zeit vorher nach der Durchsicht der Liste mit den vorgesehenen Heiligsprechungen fast barsch sagte: „Mir fehlt in der Liste der Bruder Konrad.“ Diese Bemerkung zeigt uns, dass der nüchterne, hochgebildete Mann auf dem päpstlichen Thron ein Gespür hatte für die Größe des einfachen Kapuzinerbruders von Altötting. Es war der gleiche Papst, der die kleine Theresia heiliggesprochen hatte, die kleine Theresia v. Lisieux. Auch sie hat ein ganz unscheinbares, einfaches Leben geführt. Aber sie hat wenigstens neben zahlreichen Briefen ihre Lebensbeschreibung hinterlassen, die sehr bald große Verbreitung fand. So etwas finden wir bei unserem niederbayerischen, bäuerlichen Heiligen nicht. Keine großen Worte, keine tiefen Schriften, sondern allein sein Leben ist das Zeugnis seiner Heiligkeit.

2         Der äußere Verlauf dieses Lebens ist schnell umrissen. 1818 wurde Johann Birndorfer – so hieß er mit bürgerlichem Namen – in Parzham geboren, einem Weiler in der Nähe von Griesbach i. Rottal. Auf dem väterlichen Anwesen verbrachte er seine Kinderzeit, und dort arbeitete er bis zu seinem 30. Lebensjahr. Eine Volksmission lenkte seine Gedanken auf das klösterliche Leben hin. 1849 setzte er sie in die Tat um und trat in das Kapuzinerkloster in Altötting ein. Nachdem er in Laufen das Noviziat gemacht und die Gelübde abgelegt hatte, übertrug man ihm die Aufgabe des Pförtners im St. Anna-Kloster in Altötting. Dieses besorgte er bis wenige Tage vor seinem Tod im Jahre 1894. Die äußere Seite seines Lebens lässt sich wirklich in einem Satz darstellen: Er war der Sohn eines Bauern in Parzham und Pförtner von St. Anna in Altötting.

Was es sonst von ihm zu berichten gibt, ist zwar nicht wenig, aber es sind samt und sonders Kleinigkeiten; alltägliche Ereignisse, Begebenheiten in der Begegnung mit seinen Mitbrüdern im Kloster und mit denen er an der Klosterpforte zusammenkam. Das waren in Altötting, dem größten Wallfahrtsort, natürlich sehr viele. Keine von diesen Begegnungen hat Gewicht genug, um sie eigens anzuführen; aber alle zusammen haben ein unglaubliches Gewicht. Obwohl ihn sein Dienst von morgens bis abends in Beschlag nahm und unter denen, die bei ihm anklopften, die Aufdringlichen, Frechen, Verbitterten nicht fehlten, wurde von ihm bezeugt: „Niemand hat ihn je mürrisch oder ärgerlich gesehen. Niemals hat man eine üble Nachrede oder ein leichtfertiges Urteil … aus seinem Mund gehört.“ Wie gesagt: im einzelnen nichts Besonderes! Aber im Ganzen, so zu leben Jahrzehnte, ein Leben lang: etwas ganz Großes.

3         Es wäre falsch, zu sagen: Nun, er war eben so. Er hatte eben trotz seiner kräftigen Natur das Gemüt eines Lämmleins. Sicher hat er für das Leben, wie er es führte, entsprechende Voraussetzungen mitgebracht, aber er hat auch ein Leben lang darum gerungen. Zu den wenigen Aufzeichnungen, die wir von Bruder Konrad haben, gehören die Vorsätze, die er während des Noviziats in Laufen niedergeschrieben hat. Es heißt darin: „Auch die Kleinigkeiten will ich recht beachten und jede Unvollkommenheit soweit wie möglich verabscheuen.“ Das war sein Programm, das sein Leben prägte.

Die Grundlage aber war das, was er im 2. Punkt schreibt. Dort sagt er, dass er immer an die Gegenwart Gottes denken will. „So wie ich in Gegenwart meines Oberen nichts tun würde, was diesem missfiele, so will ich mich erst recht in der Gegenwart Gottes zusammennehmen.“ Er war nicht einfach ein „guter Kerl“, sondern er hat ganz aus dem Glauben an den gütigen und heiligen Gott gelebt und aus diesem Glauben sein Leben gestaltet.

Der 2. Punkt dieser Vorsätze lautet: „Wenn Kreuz und Leid kommen, will ich nicht jammern, sondern fragen: „Konrad, wozu bist du gekommen?“ „Wozu bist du gekommen?“: Er weiß, dass er mit dem Entschluss, Christus in seinem klösterlichen Leben nachzufolgen, nicht den leichteren und angenehmeren Weg gewählt hat im Vergleich zu denen, die zu Hause die Felder bestellten oder im Stall arbeiteten. Er wusste, dass diese Nachfolge auch bedeutet, das Kreuz auf sich zu nehmen. Das Ja zum einen ist auch das Ja zum anderen. Aber es war ihm klar, dass das Kreuz Christi nicht nur seinen Schatten auch auf sein Leben wirft, sondern dieses Kreuz auch Quelle des Trostes und der Kraft ist. Das bekannteste seiner wenigen Worte ist dies: „Das Kreuz ist mein Buch“. Das Kreuz sagte ihm deutlicher, als es Worte können, wie Gott zu uns, zu mir steht und was sich daraus für das Denken, Reden und Tun ergibt. In ihm hat er die Größe der Liebe Gottes erkannt, und sie hat ihn herausgefordert zu dem heiligen Leben, das er geführt hat.

C         Wie jedes Leben, so war auch das Leben des hl. Bruders Konrad eingebunden in seine Zeit. Er war ein Mensch des 19. Jahrhunderts. Aber die Botschaft seines Lebens ist zeitlos. Sie ist kein billiges Rezept, aber eine echte Weisung, vor allem eine Botschaft, die jeder von uns verstehen kann und die jeder auch leben kann … leben soll.

4. Ostersonntag

Impulse aus den Lesungen zum Nachdenken aus der Regensburger Sonntagsbibel, Bischof Rudolf Voderholzer, S. 201

                                                                                                                      Joh 10,1-10

„… er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.“: Christus will uns aus falschen Zwängen und den Ghettos unserer Ängste ins Freie führen. Wo sind meine Ghettos der Ängste? Wo bin ich mir selbst mein eigener Pferch im negativen Sinn, nicht als Raum, wo ich bei mir zuhause bin, wo ich mich annehmen kann wie ich bin?

 

„… und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“: Der Hirt kennt die Seinen und die Seinen kennen ihn. „Kennen“ im biblischen Sinne ist nicht bloß ein Wissen um etwas, sondern ein Lieben. Kenne ich Jesus gut genug? Ist er mir wirklich wichtig? Wie könnte ich ihn noch besser kennen lernen? Was könnte ich ganz konkret dafür tun?

 

 

Die Liturgie des vierten Sonntags in der Osterzeit legt uns eines der schönsten Bilder vor, die seit den ersten Jahrhunderten der Kirche Jesus, den Herrn, dargestellt haben: das Bild des Guten Hirten. Das Evangelium des hl. Johannes beschreibt im 10. Kapitel die besonderen Merkmale der Beziehung zwischen Christus, dem Hirten, und seiner Herde, einer so engen Beziehung, dass es niemandem je gelingen wird, die Schafe seinen Händen zu entreißen. Denn sie sind an ihn durch ein Band der Liebe und der gegenseitigen Kenntnis gebunden, das ihnen das unermessliche Geschenk des ewigen Lebens verbürgt. Zugleich beschreibt der Evangelist die Haltung der Herde gegenüber Christus, dem Guten Hirten, anhand zweier spezifischer Verben: hören und folgen. Diese Begriffe bezeichnen die Grundmerkmale derer, die in der Nachfolge des Herrn leben, vor allem das Hören seines Wortes, dem der Glaube entspringt und aus dem er sich nährt. Allein wer gegenüber der Stimme des Herrn aufmerksam ist, vermag in seinem Gewissen die rechten Entscheidungen für ein Handeln nach Gott abzuwägen. Dem Hören entspringt also die Nachfolge Jesu: Man handelt als Jünger Jesu, nachdem man inwendig die Lehren des Meisters gehört und aufgenommen hat, um sie tagtäglich zu leben.

                                                                       Aus der Ansprache beim Angelus vom 15.5.2011

3. Ostersonntag

3. Ostersonntag 1984

Predigt von Dr. N. Fuchs

                                                                                                                                  Joh 21,1-14

A         Die Überlieferungen von den Erscheinungen des Auferstandenen sind keine sachlichen Berichte, keine trockenen Protokolle. Sie stellen nicht nur dar, was damals und dort geschehen ist, sondern sie zeigen auch die Bedeutung des Geschehenen auf; sie sprechen von dem, was ist: in welchen Beziehungen der Auferstandene zu den Seinen steht. Dass er lebt: das ist die Voraussetzung dafür, aber diese Tatsache allein wäre zu wenig. Über diese Beziehungen des Auferstandenen zu den Seinen wird nicht nur in Worten gesprochen, sondern dies wird auch in sinnbildlichen Handlungen angedeutet. Das gilt gerade für das Evangelium, das wir eben gehört haben; es enthält mehrere solche sinnbildliche Hinweise. Auf sie möchte ich etwas näher eingehen.

B 1a)    Es fällt auf, dass die scheinbare Nebensächlichkeit mit dem Fischfang verhältnismäßig breit erzählt wird.

Wir hören von der Absichtserklärung des Petrus: „Ich gehe fischen“ und der Zustimmung der anderen anwesenden Apostel: „Wir kommen auch mit.“ Aber die gemeinsame Mühe bleibt erfolglos. Obwohl sie die ganze Nacht arbeiten, und obwohl sie etwas von dieser Arbeit verstehen, kehren sie am Morgen zurück, ohne etwas gefangen zu haben. Erst auf das Wort Jesu hin, der am Ufer steht, machen sie einen erneuten Versuch, der ihnen einen überreichen Fang beschert.

b)        Ganz ähnlich erzählt uns auch der Evangelist Lukas aus dem früheren Leben Jesu, aus der Zeit des ersten Wirkens. Durch die Zusammenschau des einen mit dem anderen erkennen wir, dass zwischen dem Wirken Jesu vor seinem Tod und seiner Auferstehung und nachher ein enger Zusammenhang besteht. So wie Jesus damals als Mensch zu ihnen stand, so steht er auch jetzt und für immer zu ihnen – nur eben nicht mehr sichtbar. Dass er sich ihnen zeigte, dass sie ihn sehen dürfen: das ist die Ausnahme. Sie sind der Erweis, dass er wirklich bei ihnen, bei uns ist.

2          Auffallend ist, dass in diesem Zusammenhang gesagt wird, dass die Jünger, als sie am Morgen zurückkommen und Jesus am Ufer stand, ihn nicht erkennen: „Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“ Obwohl sie ihn noch nicht erkennen, tun sie, was er ihnen sagt, und erst dann gehen ihnen die Augen auf. Man erwartet doch eigentlich die umgekehrte Richtung: dass sie Jesus erkennen und dass sie deshalb, weil er es sagt, tun, was er ihnen aufträgt. Wenn der Zusammenhang ausdrücklich anders dargestellt wird, dann will damit etwas gesagt werden, und zwar dies, dass das Handeln nach der Weisung Jesu nicht nur die Konsequenz ist, die sich aus dem Glauben an ihn ergibt, sondern dass dieses auch der Weg zur Erkenntnis Christi ist.

So wie den Jüngern hier die Augen aufgehen, nachdem sie geglaubt haben, was er ihnen gesagt hat, oder indem sie es tun, so ist das Handeln auch für uns ein Weg, ihn zu erkennen, ihn tiefer zu erkennen. Dieser Hinweis erinnert uns an den Ratschlag, den Pascal einem suchenden Menschen gegeben hat: er soll einige Wochen einfach einmal so leben, als ob Gott wäre, als ob er sich in Jesus Christus geoffenbart hätte. Auf diese Weise würde er unmittelbar erfahren, dass Gott wirklich ist und dass uns Jesus die Wahrheit verkündet hat.

Es ist das nicht nur ein Ratschlag für Ungläubige. Wir sollten ihn alle beherzigen. Es wird ja der Wunsch jedes echten Gläubigen sein, dass er zu einem tieferen, innigeren Verhältnis zu Jesus und damit zu Gott kommt. Ich kann das tun durch Leben, Betrachten der Hl. Schrift; ich kann es durch das Gebet; ich kann und soll es aber auch tun dadurch, dass ich mich in meinem Handeln ganz und bewusst an ihn halte. Wenn ich z.B. mit seiner Weisung ernst mache, zu vergeben und immer wieder zu vergeben und nicht vorzurufen, nicht vorzuklagen, dann komme ich auch zu einer tieferen Erkenntnis, zu einer engeren Beziehung zu ihm. Das Handeln und Tun sind nicht nur die Folge von Wissen und Glauben, sondern sie sind auch ein Weg, um dadurch zu Wissen und Glauben zu gelangen und es zu vertiefen.

3          Am deutlichsten ist in unserem Evangelium der Hinweis, der in dem Gegensatz von erfolgloser Arbeit und geschenktem Erfolg liegt. Wir dürfen uns doch alle in den Jüngern erkennen, die die ganze Nacht gearbeitet haben und nichts erreicht haben. Viele von uns müssen sich doch sagen: Wie habe ich mich um dieses oder jenes bemüht, oder wie bemühe ich mich seit Jahren um dieses oder jenes: und wieweit bin ich gekommen, was habe ich erreicht? Ja ich habe nicht nur nichts erreicht; ich stehe heute ärmer da als damals, zumindest ist mir meine Armseligkeit bewusster als vordem.

In einer ergreifenden Weise hat Karl Rahner diese Erfahrung immer wieder in Gebeten ausgesprochen. Er, ein großer Glaubender, ein großer Theologe, weiß um sein Elend, um seine Mittelmäßigkeit nach allen Seiten, sein karges Herz, wie er es nennt. Er bekennt das nicht am Anfang, sondern am Ende seines Lebens, am Ende eines langen Mühens. Im Unterschied zu den Aposteln auf dem See lässt uns Gott den Erfolg unseres Mühens nicht immer erfahren. Aber wir dürfen sicher sein, dass auch unsere Mühe und unser Einsatz nicht umsonst sind, sondern dass der Herr vollenden wird, was wir an Gutem gewollt haben, erstrebt haben, ohne es zu erreichen.

Gut, wenn wir ihm wenigstens sagen können, wenn wir ans andere Ufer gelangen: Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet, aber ohne Erfolg: es wäre das nicht wenig. Und es wird uns Jesus dann sicher auch zum Mahl laden wie die Jünger, auf die er am Ufer des Sees von Tiberias gewartet hat und für die er ein kleines Morgenmahl vorbereitet hat. Auch dieses, das kleine Mahl von Fisch und Brot, ist mehr als eine Speise: es ist ein Zeichen der Verbundenheit, der Gemeinschaft, ein Hinweis auf das himmlische Hochzeitsmahl, von dem die Geh. Offenbarung spricht.

C          Wir Europäer, wir deuten im Vergleich zu anderen Völkern, vor allem den Völkern des Ostens viel direkter. Wir deuten weniger an, sondern nennen das Gemeinte meist ohne lange Umschreibung beim Namen: bestimmt, hart. Man kann nicht sagen, dass das eine besser ist als das andere. Unsere Art wirkt auf andere plump und unhöflich, umgekehrt fehlt es uns an Verständnis an Verständnis für die behutsame, feinfühlende umschreibende Andeutung.

Auch in der der Bibel stoßen wir auf diese Art des Sprechens. Wir dürfen es nicht überhören. Wir müssen versuchen, es zu entdecken und zu deuten. Es ist die Art, die dem göttlichen Geheimnis angemessen ist.

Weißer Sonntag

Weißer Sonntag 1984

Predigt von Monsignore Dr. Norbert Fuchs

                                                                                                                                  Joh 20, 19-31

A         Nach dem Zeugnis aller Evangelisten waren die ersten, denen sich der Auferstandene offenbar hat, Frauen aus der Gefolgschaft Jesu. Sie kamen zu den Aposteln und erzählten ihnen, was sie erlebt haben. Aber sie glaubten ihnen nicht. Lk schreibt: „Ihre Worte erschienen ihnen wie leeres Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.“ Erst als ihnen der Auferstandene selbst erschien, glaubten sie.

Auf diesem Hintergrund gesehen, fällt Thomas nicht aus dem Rahmen. Die anderen Apostel waren genauso reserviert wie er, sie waren nicht glaubensbereiter als er, und er war umgekehrt nicht kritischer als die anderen. Er ist einer von ihnen. Er handelt genauso wie auch diese gehandelt haben. Und Jesus hat diese genauso getadelt wegen ihres Unglaubens und ihrer Verstocktheit, wie er Thomas tadelt. Hier ist dieser Tadel sehr verhalten. Aber er fehlt nicht. Er steckt in den Worten: „Strecke deine Hand aus, und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Aber der Nachdruck liegt auf der Mahnung, die für die Zukunft gilt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Ja, auf dieses Wort ist nicht nur diese Erzählung von der Erscheinung des Auferstandenen hingerichtet, sondern das ganze Evangelium. Mit diesem Wort „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ schließt das Evangelium des Johannes ab. Es folgen nur noch einige Schlussbemerkungen.

B 1       „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Von der sprachlichen Form her gesehen, haben wir es hier mit einer sog. Seligpreisung zu tun. Solche gibt es in der Hl. Schrift viele. In ihnen wird jeweils in bündiger Weise eine wichtige Aussage gemacht, die zugleich einen Appell darstellt. Sie ist nicht in erster Linie eine Mitteilung, sondern ein Aufruf.

 Der theologische Fachausdruck für diese Form heißt Makarismus, weil das „selig sind“ in der Sprache der Bibel „Makarismus“ heißt. Mit diesem „selig sind“, diesem „selig“ wird nicht nur gesagt, dass sie die Seligkeit erlangen werden, wenn sie das jeweils Genannte als Vorbedingung erfüllen. Es wird damit auch etwas über die Gegenwart gesagt.

Wer das Verlangte tut, - wer glaubt -, der wird nicht nur einmal die Seligkeit, die Herrlichkeit erlangen, sondern er wird jetzt schon selig sein; er gewinnt dadurch etwas, was sein Leben – hier und heute – reicher, erfüllter, sinnvoller, glücklicher macht. Es wäre zutreffender, wenn auch nicht schöner, zu sagen statt „Selig, die glauben …“: „Glücklich zu preisen sind, die glauben“. Man darf ihnen gratulieren, man darf sie beglückwünschen.

Fragen wir uns einmal, ob das durch unsere eigenen Erfahrungen, durch unser Empfinden gedeckt ist. Wenn in den kommenden Wochen unsere Schülerinnen ihr Abitur machen und es gut machen und ich beglückwünsche die einzelnen, dann entspricht mein Glückwunsch sicher ihrem Empfinden. Sie sind tatsächlich froh und dankbar, dass sich ihre Mühe gelohnt hat. Würden wir das gleiche empfinden, wenn uns jemand sagte: Ich beglückwünsche Sie, dass Sie ein gläubiger Mensch sind, dass Sie ein Christ sind. Stimmten auch hier Worte und Empfinden zusammen? Natürlich wird es nicht so stark erlebt wie ein gut bestandenes Abitur. Denn dieses Erfolgserlebnis beschränkt sich auf kurze Zeit. Verhaltener zwar, aber dafür dauerhaft müssten wir auch unseren Glauben als etwas Beglückendes empfinden. Wenn das nicht der Fall ist, dann würde irgendetwas nicht stimmen. Es wäre wichtig, dem nachzugehen, es zu erkennen und es zu korrigieren – soweit es möglich ist -, um so den Glauben als etwas Beglückendes auch zu erleben.

2          Wenn hier von „glauben“ gesprochen wird – „selig sind, die glauben“ – so bezieht sich das zunächst auf die Auferstehung, auf den Auferstandenen. Aber wer an den Auferstandenen glaubt, der glaubt auch an Jesu Sendung, an seine Botschaft vom Vater, an seine Verheißung; wer an den Auferstandenen glaubt, hält sich an seine Gebote, seine Weisungen. Wer an den Auferstandenen glaubt, der glaubt, dass Jesus bei uns ist, er vertraut ihm, er lebt auch mit ihm. Der Glaube, auf den sich die Seligpreisung bezieht, ist nicht nur ein Fürwahrhalten einer Tatsache oder einer Aussage, sondern er bezeichnet ein Vertrauensverhältnis. Gerade das macht das Beglückende des Glaubens ja aus. Es liegt nicht schon in der Bejahung einer Tatsache, einer Aussage, sondern in der lebendigen Beziehung: in dem Wissen um das Angenommensein und als Antwort im Vertrauen und in der Hingabe.

3          Der Akzent der Seligpreisung freilich ruht hier auf dem „... nicht sehen“. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Das ist die Lage, in der sich die Menschen, von den ersten Zeugen abgesehen, befinden. Nicht jeder erlebt es neu so unmittelbar wie die Apostel, wie Thomas, dass Jesus lebt. Für uns ist grundlegend das Zeugnis, das sie uns gegeben haben bzw. das Zeugnis derer, die durch dieses zum Glauben gekommen sind. Gott verlangt von uns, wenn er sagt „selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, keinen grundlosen, keinen blinden Glauben, also keinen Glauben, auf den von der Erkenntnis oder der Erfahrung gleichsam ein Weg hinführte, sondern einen Glauben, der auf dem Zeugnis anderer aufbaut, das schließlich in die unmittelbare Erfahrung seiner Jünger mündet. Es liegt demnach in dieser Seligpreisung sowohl ein Aufruf zum Glauben als auch ein Aufruf zum Zeugnis, damit auch andere durch dieses zum Glauben gelangen.

Der Evangelist selbst gibt uns ein Beispiel dafür. Er gibt seinem Glauben Ausdruck und bezeugt ihn durch die Niederschrift des Evangeliums. Dass er selbst das so versteht, das zeigt der Schluss des Evangeliums, der auch der Schluss unseres Evangelien-Abschnitts ist. Er beteuert in ihm, dass Jesus noch vieles andere getan hat, was nicht hier steht. Dieses aber ist aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr das Leben habt. Er berichtet nicht einfach das Geschehene, sondern er bekennt damit seinen Glauben, um damit neuen Glauben zu wecken. In der nämlichen Lage befinden auch wir uns: Wir tragen Verantwortung für unseren eigenen Glauben und auch für den Glauben anderer. Je weiter die Scheidung der Geister voranschreitet, je weniger selbstverständlicher der Glaube ist, umso dringender wird für uns der Doppelanruf, den die Seligpreisung des Auferstandenen enthält: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

C          Der liturgische Osterjubel geht mit dem Weißen Sonntag zu Ende, aber das Gedächtnis der Auferstehung wandert mit durch das Jahr. Der erste Tag jeder Woche, jeder Sonntag wird als Erinnerungstag an die Auferstehung begangen, und jede Messfeier ist eine Verkündigung seines Todes und seiner Auferstehung, wie wir es nach der Wandlung jeweils bekennen.

So soll der Osterglaube lebendig bleiben, der die Mitte unseres Glaubens ausmacht.

Ostermontag 1984 -

1 Kor 15, 1-8

Lk 24, 13-35

 

1                 Wie wir wissen, nützen jährlich viele die Osterfeiertage für einen kurzen Urlaub aus. Die meisten von ihnen müssen heute wieder die Rückkehr antreten.

Auch die beiden, von denen unser Evangelium erzählt, kehren vom Osterfest heim, freilich nicht von einem Osterurlaub, sondern von der Feier des Osterfestes in Jerusalem.

Sie sind auch nicht in froher Urlaubsstimmung. Auf ihrer Seele liegt der Schatten dessen, was dort geschehen ist. Das war nicht nur das Entsetzen über ein schreckliches Ereignis, wie es jede Unglücksbotschaft auslöst. Sie sagen zu dem Fremden, den sie treffen: „Wir hatten gehofft, dass er es sei, der Israel – der uns – erlösen werde.“ Sie haben zwar noch die Erzählungen einiger Frauen mitbekommen, aber diese reichten nicht hin, um ihre enttäuschte Hoffnung aufzuhellen. Grund dafür war sicher nicht nur die Größe, die Höhe ihrer Hoffnung, aus der sie gefallen sind, sondern auch die Art ihrer Hoffnung. Sie verstanden die Erlösung als äußere, als politische Befreiung von der Herrschaft der Römer.

2                 Die beiden Jünger müssen sich wegen ihrer Niedergeschlagenheit geistige Schwerfälligkeit und Unverstand vorhalten lassen. Der ihnen noch Unbekannte sagt: „Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.“ Sie hören dem, was er ihnen sagt, aufmerksam zu, wie er ihnen die die Hl. Schrift auslegt und zeigt, dass der Messias leiden müsse. All das traf sie und bewegte sie. Nachher können sie sagen: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete.“

3                 Die Hülle zerreißt aber erst, als sie bei Tisch saßen, als er das Brot nahm, den Segen sprach, es brach und ihnen gab. Das klingt ganz ähnlich wie der Abendmahlbericht, wie die Worte, die bei jeder Meßfeier gesprochen werden. Aber das hier war keine Eucharistiefeier, das war ein einfaches Abendmahl, bei dem Jesus die Rolle des Hausvaters übernimmt, wie er es wohl oft getan hat in der Gemeinschaft mit seinen Jüngern.

Wie er das machte: wie er das Brot, diese kostbare Gabe, in die Hände nahm und teilte, wie er es ihnen gab – wie er also bei dieser kleinen, nebensächlichen Begebenheit mit ihnen umgeht: das öffnet ihnen die Augen. Ja, er ist der, mit dem sie beisammen waren, auf den sie gehofft hatten, um den sie trauerten! Er ist es, aber er ist doch anders; Das wird dadurch deutlich, dass sie ihn plötzlich nicht mehr wahrnehmen. Der Auferstandene ist ja nicht einfach wieder in dieses Leben zurückgekehrt. Es ist eine neue Weise, in der er lebt. Er zeigte sich ihnen nur kurz; sie durften ihn erfahren, damit sie auch anderen von dieser Wahrheit der Auferstehung Zeugnis geben.

4                 Sie fühlen sich gedrängt, dies sofort zu tun. Sie kehren nach Jerusalem zurück zu den anderen Jüngern, erzählen dieses, was sie erlebt haben. Diese hören ihr Zeugnis. Diese können aber auch selbst bezeugen, was ihnen gesagt wird. Das Zeugnis dieser und der anderen, denen sich der Auferstandene zeigte, klingt zusammen und bildet den Kern des Glaubens der Kirche. Es trägt den Glauben der vielen Christen auf der Welt, es trägt auch unseren Glauben.

Dieser Glaube heißt: Christus ist auferstanden. Christus lebt in unserer Mitte. Indem wir dies feiern, verkünden wir dies – einer dem anderen, um uns gegenseitig darin zu stärken.

 

Ostersonntag 1984 "Auferstehung"

Ostern 1984

Predigt und Theologie von Monsignore Dr. Norbert Fuchs

 

                                                                                                                                  Kol 3,1-4

                                                                                                                                  Joh 20,1-9

 

A         Die Mitte des Osterfestes bildet die Botschaft: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Aber darin erschöpft sie sich nicht: Paulus sagt, wie wir in der kurzen Lesung gehört haben: „Ihr seid mit Christus auferweckt.“ Es geht also nicht nur um ein einmaliges Ereignis, das vor 1950 Jahren stattfand, um das, was an Jesus geschehen ist; sondern es geht um uns alle.

Wir können sagen: In Jesus Christus ist der Mensch, sind wir Menschen von den Toten auferweckt worden. Das will die Schrift auch ausdrücken, wenn sie Jesus als den Erstgeborenen von dem Toten bezeichnet, und die  Liturgie, wenn sie von Jesus sagt, dass er den Tod besiegt hat und uns den Zugang zum ewigen Leben erschlossen hat, wie es im Tagesevangelium heißt.

Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu Christi, es ist zugleich das Fest der Auferstehung des Menschen, es ist das Fest des Menschen. Und das frohe Halleluja umspielt nicht nur das Ereignis von damals, sondern auch die Wahrheit, die Hoffnung unserer eigenen Auferstehung. Sie erst begründet die Bedeutung, die dieses Fest hat.

Auf diese „Bedeutung für uns“ möchte ich in dieser österlichen Betrachtung auch eingehen.

 

B 1       Karl Rahner, der große deutsche Theologe, der vor wenigen Wochen kurz nach seinem  80. Geburtstag gestorben ist, beginnt eine seiner Abhandlungen über die Tatsache und die Bedeutung der Auferstehung Jesu so, dass er fragt: „Wünsche ich mir eigentlich die Auferstehung?“ Er meint, wir sollten uns, bevor wir uns der Botschaft der Evangelien zuwenden, einfach einmal die Frage stellen – ganz allgemein: Wünsche ich mir eine Auferstehung?

Er gesteht, dass wir die Frage wohl so nicht stellen würden, wenn nicht die Kirche von der Auferstehung spräche. Aber man muss sie nicht in dieser Form stellen. Man könnte sie auch so formulieren: Wünsche ich mir, dass mit dem Tod alles ein Ende hat, oder wünsche ich mir eine endgültige Erfüllung des Lebens jenseits der Todesgrenze. Ob ich das Wort Auferstehung verwende oder nicht, spielt zunächst keine Rolle. Es geht nur darum, ob der Tod ein absolutes Ende ist, oder ob er der Übergang zu einem neuen Leben ist.

Darf ich mir das wünschen? Seine Antwort ist: Ich darf mir nicht nur meine Auferstehung wünschen. Ich muss sie mir wünschen, wenn ich am Ernst und an der Sinnhaftigkeit dieses Lebens festhalte. Dies ist nur gesichert, wenn ich im Tod nicht ins Leere falle und wenn es somit völlig gleichgültig ist, was ich getan habe, wie ich gelebt habe: ob ich betrogen habe oder betrogen wurde.

Wir hoffen also auf die Auferstehung nicht, weil wir dadurch etwas gewinnen, worauf wir auch bescheiden verzichten könnten; wir hoffen nicht auf etwas, was vielleicht ganz schön, aber nicht notwendig ist; sondern wir erhoffen etwas, was ein Leben in Freiheit und Verantwortung notwendigerweise verlangt.

Das will natürlich nicht eine Art Beweis der Auferstehung sein. Diese Überlegungen kennzeichnen nur die Lage, in der wir Menschen uns befinden und in der wir die
Osterbotschaft hören. Wir hören sie als solche, die die Wahrheit dieser Botschaft wünschen, wünschen müssen.

Eine grundlegende Skepsis, die sich in den Fragen ausdrückt: Ist eine solche Botschaft nicht unglaubwürdig? Ist … eine solche Botschaft nicht eine Zumutung? … Eine solche Skepsis hat viel weniger Berechtigung als der Wunsch: Es muss eine Auferstehung vom Tode geben. Sie entspricht der Grundhaltung jedes Menschen, der glaubt, dass das Leben etwas Sinnvolles ist.

 

2          Eine mögliche Gegenfrage ist die: Ja, es ist wahr, dass es eine menschliche Unsterblichkeit geben muss, weil es nicht gleichgültig sein soll, was einer getan und nicht getan hat. Aber darf man das, was man von der Unsterblichkeit sagen muss, so ohne weiteres auf die Auferstehung übertragen?

Die Antwort darauf gibt und die moderne Theologie.

a)     Im alten Verständnis – das bestimmt auch heute noch das Denken vieler Menschen – im alten Verständnis sah man den Menschen als ein Wesen, das aus Leib und Seele besteht.

Im Tod trennt sich die Seele vom Leib; sie ist unsterblich, der Leib vergeht. Am Ende der Zeit wird der verklärte Leib wieder hinzugefügt. Das ist die Vorstellung, in der sich der Auferstehungsglaube mit einem zeitgebundenen, aber sehr alten Menschenverständnis verbindet, mit dem Menschenverständnis, dass der Mensch aus zwei Teilen besteht, einem vergänglichen und einem unvergänglichen. Hier besteht die Gefahr, dass man die Auferstehung versteht als etwas Zusätzliches, was an sich nicht notwendig ist, worauf man folglich verzichten kann; und weil man Schwierigkeiten hat, sich dies vorzustellen, deshalb verzichten  auch viele darauf.

Nach unserem heutigen Verständnis gibt es nicht eine Unsterblichkeit der Seele und, von dieser verschieden, eine Auferstehung; sondern für unser Verständnis ist beides eines.

Kardinal Ratzinger hat es einmal so ausgedrückt: Das christliche Verständnis von Unsterblichkeit heißt Auferstehung.

 

b)     Wie ist das zu verstehen? Nach unserem modernen Verständnis besteht der Mensch nicht aus zwei selbständigen Teilen, sondern der Mensch ist eine Einheit. Die Seele ist nicht im Leib wie etwa ein Schmuckstück, ein Ring in einem Etui, das man herausnehmen kann, sondern Seele und Leib sind die zwei Seiten einer Wirklichkeit; sie sind das Innen und das Außen des Menschen. Eines ist vom anderen nicht zu trennen.

Für das Verständnis des Todes bedeutet das, dass nicht nur der Leib stirbt, nicht nur ein Teil, sondern dass der Mensch stirbt. „Ich“ werde einmal sterben, nicht nur ein Teil von mir, mein Leib. Aber aufgrund der Verheißung Christi und seiner Auferstehung hoffe ich, dass „ich“ von Gott erweckt werde und nicht nur ein Teil von mir.

Das ist ein Menschenverständnis, das ganz dem der Hl. Schrift entspricht. Dort wird sehr häufig von der Seele gesprochen, aber gemeint ist immer der Mensch als ganzer.

Wenn der Psalmist ruft: „Herr, rette meine Seele“, dann heißt das: „Herr, rette mich“. Wenn Maria betet: „Meine Seele preist die Größe des Herrn“, dann heißt das: „Ich preise die Größe des Herrn“.

 

c)     Hier stellen sich wahrscheinlich bei manchen noch einige Fragen. Aber es ist nicht der Sinn dieser Osterbetrachtung, auf sie alle einzugehen. Wir wollen das Eigentliche bedenken, das Ostern uns verkündet: dass Gott den Menschen vom Tod errettet hat, dass er uns vom Tod errettet und uns wie Christus auferwecken wird zu einem neuen Leben.

Was wir wünschen dürfen, wünschen müssen, das wird uns verkündet, nicht als Ausdruck eines Wunschdenkens, sondern als Zusage Gottes, die er uns mit der Auferstehung seines Sohnes gegeben hat.

 

C          Wir sehen oben auf dem Altar, auf dem Tabernakel-Aufbau die Figur des Auferstandenen. Wie hier, so ist er auch in zahllosen anderen Figuren und Bildern dargestellt mit der Fahne.

Wer im Kampf die Fahne aufrecht hielt, der galt als Sieger. Sein Sieg ist der Sieg über den Tod und über das Böse. Wenn wir im Kampf für das Gute an seine Seite treten, werden wir auch an seinem Sieg über den Tod teilhaben.

Ostersonntagstag 1984 - "Wer mein Fleisch isst..."

Ex 12, 1-8.11-14
1 Kor 11,23-26
Joh 13,1-15; (Lk 22,15)

1 a)     Die drei Lesungen, die wir gehört haben – die Abschnitte aus dem Buch Exodus, aus dem 1. Kor-Brief und aus dem Joh-Evangelium – diese drei Lesungen umkreisen das Geheimnis der Eucharistie.

Die erste handelte von der Paschafeier des atl. Gottesvolkes, in der wir ein Vorbild der Eucharistie sehen; die zweite war das Zeugnis des hl. Paulus von der Einsetzung der Eucharistie, die dritte, das Evangelium, handelte von der Fußwaschung. Auch sie steht im Zusammenhang damit; sie deckt die Bedeutung dieses Geheimnisses auf und vor allem die Gesinnung, aus der heraus Jesus dieses uns vermacht hat. Im Evangelium nach LK wird das gleiche etwas anders ausgedrückt. Jesus sagt zu Beginn des Abendmahles: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

Dieses Wort möchte ich unserer abendlichen Betrachtung, heute am Gründonnerstag, zugrunde legen: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

 1 b)     In der Sprache des NT heißt diese unsere Stelle ganz wörtlich: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt …“ oder „Mit Verlangen habe ich danach verlangt …, dieses Mahl mit euch zu halten. Es wird zweimal das gleiche Wort verwendet „Mit Sehnsucht – gesehnt“, um die Stärke des Wunsches auszudrücken.

Das ist noch eindringlicher als die Wendung „Ich habe mich sehr danach gesehnt“. Steigerungen mit dem Wörtchen „sehr“ sind uns so geläufig, dass wir sie kaum beachten. Die Wortwiederholung dagegen betont die Stärke, die Tiefe des Verlangens viel mehr: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt…, dieses Mahl mit euch zu essen.“

Dieses Mahl sollte nicht ein einziges, ein einmaliges bleiben, sondern als fortwährendes Gedächtnis gefeiert werden. So dürfen wir dieses einleitende Wort Jesu verstehen in Bezug auf die eucharistische Feier ganz allgemein. Jedesmal, wenn wir seinen Auftrag erfüllen, tritt er in unsere Mitte und bereitet uns das hl. Mahl, und es verlangt ihn danach voll Verlangen, dieses mit uns zu halten, mit uns zu feiern.

 2 a)      Es wäre töricht, wenn wir verstehen wollten, warum Jesus mit solcher Sehnsucht danach verlangt. Das ist nicht zu verstehen. Das ist verankert in seiner Freiheit, in seiner göttlichen Freiheit, und diese lässt sich nicht von Gründen her ableiten. Es kann uns nur darum gehen, dass wir dieses Verlangen, diese Liebe bedenken und dass wir davon ergriffen werden.

 2 b)      Welche Erfahrungen haben wir, auf denen wir aufbauen können, um dieses große Verlangen zu erfassen, mit dem Jesus uns entgegenkommt. Wo und wie waren wir von einem großen Verlangen beherrscht? Vielleicht haben es manche als Kinder erlebt mit einem starken Heimweh, dem Verlangen nach Zuhause. Andere vielleicht bei einem Aufenthalt im Krankenhaus, wo die Sehnsucht da war, gesund das Krankenhaus wieder verlassen zu können und heimzukommen.

Man könnte denken an einen Arbeitslosen, der keine Arbeit hat und sich nach Arbeit sehnt, oder umgekehrt an jemanden, der mit Arbeit überlastet ist und sich sehnt nach Entspannung und Erholung. Noch tiefer könnte das Verlangen gehen, verstanden zu werden , angenommen zu werden. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, in denen wir solche Erfahrungen gemacht haben oder machen und die uns als Stufe dienen können, Jesus zu verstehen, bzw. um unsere Lage zu verstehen, in der wir uns dank seiner Sehnsucht nach der Mahlgemeinschaft mit uns befinden.

Ohne solche Stufen, die wir in unserer Erfahrung haben, bleibt das, was Jesus sagt, abstrakt und blass. Wenn wir es aber mit der eigenen Erfahrung füllen, dann wird das zu einer ganz großen, beglückenden Aussage: „Mit Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt, dieses Mahl mit euch zu feiern“, „mit euch“, die ihr hier seid. So wie ihr euch als Kinder, als Kranke heimgesehnt habt, so habe ich mich gesehnt, dieses Mahl – heute Abend – mit euch zu feiern.

 2 c)      Was müssen wir ihm wert sein, wenn es ihn so sehr nach uns – und jeder soll das sagen – auch nach mir verlangt. Oder sagen wir besser: Welchen Wert gewinnen wir dadurch, dass er dies tut? Es ist ja kennzeichnend für die Liebe Gottes, dass er uns nicht liebt, weil wir dessen wert sind, sondern dass wir liebenswert sind, weil er uns liebt. Er entdeckt nicht einen Wert in uns, der uns an sich eigen ist, sondern wir erhalten diesen durch seine Liebe.


 3 ) 
       Das große Verlangen Jesu beschränkt sich nicht auf eine Zuwendung, sondern sie zielt hin auf das Mahl, bei dem er sich selbst zur Speise gibt, so wie er es in der Synagoge von Kapharnaum verheißen hat. „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.“

Wenn man schon einen Grund sucht, warum es Jesus verlangt – mit großem Verlangen -, dieses Mahl mit seinen Jüngern zu halten, dann ist es die Sorge für das Heil der Menschen. Dieses finden sie, finden wir in der Gemeinschaft mit ihm, und diese Gemeinschaft mit ihm wird konkrete Wirklichkeit im eucharistischen Mahl.

 
4)         Es bleibt noch der Blick auf uns, die Frage, wie es mit unserem Verlangen nach ihm und der Gemeinschaft mit ihm bestellt ist.

Wir leben in Verhältnissen, in denen dieses Mahl, dieses Angebot eine Selbstverständlichkeit ist. Wir können Woche für Woche, ja Tag für Tag an dieser Mahlgemeinschaft teilnehmen. Aber die Sehnsucht danach ist doch oft klein oder schwankend; manchen fehlt sie gelegentlich ganz, oder es tritt an ihre Stelle Überdruss und Gleichgültigkeit. Es ist wichtig, dass wir uns von solchen Empfindungen und Gefühlen nicht bestimmen lassen, dass wir den Versuchungen, die von ihnen ausgehen, nicht nachgehen. Wir können die Gefühle nicht ändern, aber wir können verhindern, dass sie Herr über uns sind. Bestimmend muss sein, was wir glauben, was wir glaubend erkennen. Der Glaube muss das Verlangen nach der eucharistischen Gemeinschaft wecken und tragen. Er muss uns zu der Antwort bewegen, die dem Verlangen Jesu nach dieser Gemeinschaft angemessen ist.

 

5)          Gott wendet sich in verschiedener Weise an uns Menschen. Viele sehen nur die Gebote, sie kennen Gott nur als den fordernden Gott, und deshalb hat ihr Glaube den Charakter der Pflicht.

Viel wichtiger aber sind die anderen Formen: seine Verheißungen, sein Handeln, und hier ist es vor allem das, was er als Jesus Christus für uns getan hat und tut.

Nur wenn wir dafür offen sind, begreifen wir ihn als den großen gnädigen Gott, der uns reich machen will, der uns seine Gemeinschaft schenken will.

Gründonnerstag 1984 - "Wer mein Fleisch isst..."

Ex 12, 1-8.11-14
1 Kor 11,23-26
Joh 13,1-15; (Lk 22,15)

1 a)     Die drei Lesungen, die wir gehört haben – die Abschnitte aus dem Buch Exodus, aus dem 1. Kor-Brief und aus dem Joh-Evangelium – diese drei Lesungen umkreisen das Geheimnis der Eucharistie.

Die erste handelte von der Paschafeier des atl. Gottesvolkes, in der wir ein Vorbild der Eucharistie sehen; die zweite war das Zeugnis des hl. Paulus von der Einsetzung der Eucharistie, die dritte, das Evangelium, handelte von der Fußwaschung. Auch sie steht im Zusammenhang damit; sie deckt die Bedeutung dieses Geheimnisses auf und vor allem die Gesinnung, aus der heraus Jesus dieses uns vermacht hat. Im Evangelium nach LK wird das gleiche etwas anders ausgedrückt. Jesus sagt zu Beginn des Abendmahles: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

Dieses Wort möchte ich unserer abendlichen Betrachtung, heute am Gründonnerstag, zugrunde legen: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

 1 b)     In der Sprache des NT heißt diese unsere Stelle ganz wörtlich: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt …“ oder „Mit Verlangen habe ich danach verlangt …, dieses Mahl mit euch zu halten. Es wird zweimal das gleiche Wort verwendet „Mit Sehnsucht – gesehnt“, um die Stärke des Wunsches auszudrücken.

Das ist noch eindringlicher als die Wendung „Ich habe mich sehr danach gesehnt“. Steigerungen mit dem Wörtchen „sehr“ sind uns so geläufig, dass wir sie kaum beachten. Die Wortwiederholung dagegen betont die Stärke, die Tiefe des Verlangens viel mehr: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt…, dieses Mahl mit euch zu essen.“

Dieses Mahl sollte nicht ein einziges, ein einmaliges bleiben, sondern als fortwährendes Gedächtnis gefeiert werden. So dürfen wir dieses einleitende Wort Jesu verstehen in Bezug auf die eucharistische Feier ganz allgemein. Jedesmal, wenn wir seinen Auftrag erfüllen, tritt er in unsere Mitte und bereitet uns das hl. Mahl, und es verlangt ihn danach voll Verlangen, dieses mit uns zu halten, mit uns zu feiern.

 2 a)      Es wäre töricht, wenn wir verstehen wollten, warum Jesus mit solcher Sehnsucht danach verlangt. Das ist nicht zu verstehen. Das ist verankert in seiner Freiheit, in seiner göttlichen Freiheit, und diese lässt sich nicht von Gründen her ableiten. Es kann uns nur darum gehen, dass wir dieses Verlangen, diese Liebe bedenken und dass wir davon ergriffen werden.

 2 b)      Welche Erfahrungen haben wir, auf denen wir aufbauen können, um dieses große Verlangen zu erfassen, mit dem Jesus uns entgegenkommt. Wo und wie waren wir von einem großen Verlangen beherrscht? Vielleicht haben es manche als Kinder erlebt mit einem starken Heimweh, dem Verlangen nach Zuhause. Andere vielleicht bei einem Aufenthalt im Krankenhaus, wo die Sehnsucht da war, gesund das Krankenhaus wieder verlassen zu können und heimzukommen.

Man könnte denken an einen Arbeitslosen, der keine Arbeit hat und sich nach Arbeit sehnt, oder umgekehrt an jemanden, der mit Arbeit überlastet ist und sich sehnt nach Entspannung und Erholung. Noch tiefer könnte das Verlangen gehen, verstanden zu werden , angenommen zu werden. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, in denen wir solche Erfahrungen gemacht haben oder machen und die uns als Stufe dienen können, Jesus zu verstehen, bzw. um unsere Lage zu verstehen, in der wir uns dank seiner Sehnsucht nach der Mahlgemeinschaft mit uns befinden.

Ohne solche Stufen, die wir in unserer Erfahrung haben, bleibt das, was Jesus sagt, abstrakt und blass. Wenn wir es aber mit der eigenen Erfahrung füllen, dann wird das zu einer ganz großen, beglückenden Aussage: „Mit Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt, dieses Mahl mit euch zu feiern“, „mit euch“, die ihr hier seid. So wie ihr euch als Kinder, als Kranke heimgesehnt habt, so habe ich mich gesehnt, dieses Mahl – heute Abend – mit euch zu feiern.

 2 c)      Was müssen wir ihm wert sein, wenn es ihn so sehr nach uns – und jeder soll das sagen – auch nach mir verlangt. Oder sagen wir besser: Welchen Wert gewinnen wir dadurch, dass er dies tut? Es ist ja kennzeichnend für die Liebe Gottes, dass er uns nicht liebt, weil wir dessen wert sind, sondern dass wir liebenswert sind, weil er uns liebt. Er entdeckt nicht einen Wert in uns, der uns an sich eigen ist, sondern wir erhalten diesen durch seine Liebe.


 3 ) 
       Das große Verlangen Jesu beschränkt sich nicht auf eine Zuwendung, sondern sie zielt hin auf das Mahl, bei dem er sich selbst zur Speise gibt, so wie er es in der Synagoge von Kapharnaum verheißen hat. „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.“

Wenn man schon einen Grund sucht, warum es Jesus verlangt – mit großem Verlangen -, dieses Mahl mit seinen Jüngern zu halten, dann ist es die Sorge für das Heil der Menschen. Dieses finden sie, finden wir in der Gemeinschaft mit ihm, und diese Gemeinschaft mit ihm wird konkrete Wirklichkeit im eucharistischen Mahl.

 
4)         Es bleibt noch der Blick auf uns, die Frage, wie es mit unserem Verlangen nach ihm und der Gemeinschaft mit ihm bestellt ist.

Wir leben in Verhältnissen, in denen dieses Mahl, dieses Angebot eine Selbstverständlichkeit ist. Wir können Woche für Woche, ja Tag für Tag an dieser Mahlgemeinschaft teilnehmen. Aber die Sehnsucht danach ist doch oft klein oder schwankend; manchen fehlt sie gelegentlich ganz, oder es tritt an ihre Stelle Überdruss und Gleichgültigkeit. Es ist wichtig, dass wir uns von solchen Empfindungen und Gefühlen nicht bestimmen lassen, dass wir den Versuchungen, die von ihnen ausgehen, nicht nachgehen. Wir können die Gefühle nicht ändern, aber wir können verhindern, dass sie Herr über uns sind. Bestimmend muss sein, was wir glauben, was wir glaubend erkennen. Der Glaube muss das Verlangen nach der eucharistischen Gemeinschaft wecken und tragen. Er muss uns zu der Antwort bewegen, die dem Verlangen Jesu nach dieser Gemeinschaft angemessen ist.

 

5)          Gott wendet sich in verschiedener Weise an uns Menschen. Viele sehen nur die Gebote, sie kennen Gott nur als den fordernden Gott, und deshalb hat ihr Glaube den Charakter der Pflicht.

Viel wichtiger aber sind die anderen Formen: seine Verheißungen, sein Handeln, und hier ist es vor allem das, was er als Jesus Christus für uns getan hat und tut.

Nur wenn wir dafür offen sind, begreifen wir ihn als den großen gnädigen Gott, der uns reich machen will, der uns seine Gemeinschaft schenken will.

4. Fastensonntag 1977 - "Jesu - der gute Hirte"

1977 traf am vierten Fastensonntag ein Ausschnitt aus den Reden Jesu, in denen er sich als der „Gute Hirte“ bezeichnet. Darauf bezog sich Dr. Fuchs und seine Gedanken haben heute noch Gültigkeit

Ganze vier Sätze umfasst das heutige Evangelium, aber es sind Sätze, die Gewicht haben.

In den ersten spricht Jesus von seinem Verhältnis zu den Seinen und ihr Verhältnis zu ihm; im letzten spricht Jesus in knappster Form sein Verhältnis zum Vater aus: “Ich und der Vater sind eins.“ Und weil er und der Vater eins sind, deshalb gilt das, was vorausgehend über sein Verhältnis zu uns und umgekehrt gesagt wird, ganz allgemein für die Beziehung zwischen Gott und uns.

Dies wird so beschrieben:“ Sie hören meine Stimme, meine Worte“ – „Ich kenne sie“ – „Sie folgen mir“ – „Ich gebe ihnen das Leben“ – „und niemand wird sie meiner Hand entreißen“.

Wir beschränken uns in unserer Betrachtung au die eine Aussage „Ich kenne sie“.

In einer Zeit, in der man sich die Erde als eine Scheibe vorstellte, die auf dem Urmeer schwimmt – über ihr der gestirnte Himmel und wiederum darüber der Himmel, die Wohnung Gottes, von der er wie von einer hohen Warte auf die Erde niederschaut: In einer solchen Zeit war es leicht verständlich, wenn man sagt: Gott sieht uns, sogar kennt uns.

Nun wissen wir aber heute, dass die Erde nicht der zentrale Ort der Welt ist und dass sie zudem nur ein Pünktchen in dem großen Kosmos ist.

Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand sind es etwa 10 Milliarden Milchstraßen, d.h. 10 Milliarden große Sternensysteme. – Unser eigenes System hat etwa 100 Milliarden Sonnen, und zu jedem Sonnensystem gehören wieder zahlreiche große und kleine Planeten. Einer dieser Planeten ist unsere Erde, und auf ihr bewegen uns wir Menschen in großer Zahl, z.Zt. etwa 3 Milliarden.

Meine Lage als Mensch ist also die: Ich bin einer von 3 Mrd. Menschen auf der Erde; diese ist einer der Himmelskörper, die um die Sonne kreisen. Die Sonne ist eine von 100 Mrd. unserer Milchstraße, und diese ist wiederum eine von 10 Mrd. Milchstraßen, die wir bisher kennen.

Der Vergleich: Wir sind nicht mehr als ein Sandkorn in der Wüste, ist keine Übertreibung.

Schon der atl. Beter spricht im PS. 8: „Wenn ich auf den Himmel schaue, das Werk deiner Hände (o Herr), auf den Mond und die Sterne: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“

Wenn dieser schon von seinem ganz bescheidenen Wissen über die Welt her schon so spricht und fragt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst“: um wieviel mehr müssen wir so fragen.

Die Unwahrscheinlichkeit ist durch das Wissen um das Ausmaß der Welt so angewachsen, dass man vielleicht statt zu fragen, gleich geneigt ist zu sagen: Es ist doch unmöglich, dass Gott an mir, dem Sandkorn, Interesse haben kann, auf mich schauen, mich kennen kann.

Gut, dass wir uns diese Zahlen (100 Mrd., 10 Mrd.) nicht mehr vorstellen können und damit die Entfernungen und die Größe der Welt, sonst wären wir noch mehr bedrängt von der Erkenntnis unserer Winzigkeit und Bedeutungslosigkeit.

Wenn wir dennoch glauben, dass Gott jeden einzelnen kennt, dass er jedem einzelnen zugewandt ist, so tun wir dies ja nicht aus dem Gefühl unserer eigenen Gewichtigkeit heraus, aus einer Selbsteinschätzung heraus. Diese und die Folgerung wären ja wirklich maßlos überzogen. Wir tun es, weil uns Gott selbst diese Zusage gegeben hat. Aber wird nicht auch eine solche Zusage angenagt von unserem Wissen um die eigene Erde angesichts der Größe der Welt? Ist es überhaupt denkbar, dass Gott sich um uns winzigen Dinger auf einer winzigen Welt irgendwo im Riesenweltall kümmert?

 

Der Fehler bei solchen Bedenken liegt vor allem darin, dass wir Gott zu menschlich sehen, dass wir unser eigenes Denken auf ihn übertragen. Wir können unsere Aufmerksamkeit immer nur auf einen Punkt richten: auf ein Ding, auf einen Menschen oder eine überschaubare Gruppe. Deshalb überschauen wir immer nur einen kleinen Abschnitt, bzw. einen kleinen Ausschnitt aus der großen Wirklichkeit. Zudem ist uns durch die Bindung an einen bestimmten Ort, an dem wir uns befinden, das eine immer näher als das andere, und etwas Weitentferntes entrückt ganz der Möglichkeit der Zuwendung.

Aber für den allgegenwärtigen Gott trifft weder das eine noch das andere zu. Er ist uns hier auf unserem Planeten so nahe wie einem anderen Punkt des Weltalls, und damit ist auch seine Aufmerksamkeit nicht punktuell auf das eine oder auf das andere gerichtet. Vor ihm liegt alles gleichzeitig offen.

Das Wissen um die Größe des Alls ist kein Hinderungsgrund, daran zu glauben, dass Gott in einer unmittelbaren Beziehung zu uns, zu mir steht, dass er uns kennt, wie der Hirt seine Schafe kennt, und in gleicher Weise auf uns bedacht ist.

Es kann uns dies vielmehr eine Hilfe sein, Gott wirklich göttlich zu sehen und nicht in menschlichen Maßen, eine Hilfe, um noch besser zu erahnen, wer Gott ist, besser als die Menschen je vor uns konnten. Dann werden wir die Größe seines Werkes erfassen, erfassen auch etwas von seiner Größe.

Aber noch wichtiger als das ist, worum es uns eigentlich geht, ist, dass er uns kennt, dass er um uns weiß und um all das, was uns in der Tiefe bewegt. Und zwar im Sinn eines teilnehmenden, verstehenden Wissens, eines Wissens, das mit der Liebe verbunden ist.

Das zeigt schon der Vergleich mit dem Hirten und erst recht die Verheißung: „Ich werde ihnen ewiges Leben geben; niemand wird sie meiner Hand entreißen.“

Was ist es schon, wenn man einen Menschen findet, bei dem man spürt, dass er einen versteht. Was kommt uns aber dann an echter Lebenshilfe zu in dem Glauben an Gott, der uns kennt bis in die letzten Verästelungen hinein, dem zu begegnen nicht ein glücklicher Zufall ist, dessen Zeit nicht durch andere Verpflichtungen belegt ist. Am hellen Tag und in der dunklen Nacht, im Alleinsein und in der Menge, in der Stunde freudigen Erhobenseins oder trauriger Niedergeschlagenheit: Ich kann sicher sein, dass er um mich weiß in dieser meiner Verfasstheit, und dass ich mich an ihn wenden kann und in ihm geborgen bin.

Das ist kein „als ob“ („ich kann es tun, als ob es so wäre“); sondern das ist durch Gott selbst verbürgte Wirklichkeit.

Aus dem Zeugnis glaubender Menschen, die man verfolgt, inhaftiert und zum Teil auch hingerichtet hat, wissen wir, dass viele gerade in den Stunden äußerster Verlassenheit und Not diese Nähe Gottes ganz tief erfahren haben und dass sie dies tief beglückt hat.

Aber Gott ist nicht nur dort, wo geschlagen wird, wie Ernst Wiechert eine seiner Romanfiguren sprechen lässt, sondern überall dort, wo ein Herz schlägt, auch im Einerlei des Alltags.

Er ist immer bei uns, und er kennt uns.

5. Fastensonntag 1984 - "Unser Verzicht - Leben für Viele"

In dieser Predigt geht Dr. Fuchs nicht näher auf das Evangelium ein, sondern greift das Leitwort der damaligen Misereor-Aktion auf, welches lautet: „Unser Verzicht – Leben für viele“. Unserer Meinung nach gilt dieses Motto gerade für diese Zeit.

Joh. 11,1-45

a) Es gibt einige wenige Überzeugungen, in denen sich alle Menschen einig sind. Eine von ihnen ist, dass die Welt, in der wir leben, anders werden muss. Das wissen wir nicht erst heute, das verbindet uns mit den Menschen früherer Generationen. Es war ihnen wohl nicht so bewusst wie uns heute, weil sie nicht soviel von der Welt wussten.
Die Welt muss anders werden: das war auch das Anliegen Jesu; sie muss besser werden; es muss die Liebe in ihr wachsen; das allein kann sie wirklich verbessern. Seine Forderung einer radikalen Nächstenliebe sollte nicht bloß eine Gehorsamsprüfung der Menschen sein, sondern der Weg zu einem menschenwürdigen Leben in Gemeinschaft mit anderen.
Auch das, was uns unser Evangelium heute sagt, kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die Hoffnung auf die Auferstehung und das ewige Leben, in der dieses uns bestärken will, gibt unserem Leben einen bleibenden Wert. Sie hilft uns, dieses Leben zu bejahen und auch jedes menschliche Leben, jeden Menschen zu bejahen.
Der Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben wertet dieses Leben nicht ab, sondern zeigt umgekehrt den Wert dieses Lebens; er ist so groß, dass Gott es nicht untergehen lässt.
Ich möchte heute aber nicht näher auf das Evangelium eingehen, sondern das Leitwort der diesjährigen Misereor-Aktion aufgreifen; es lautet: „Unser Verzicht – Leben für viele“.

 

b 1) Ich sagte eingangs, dass sich alle Menschen darin einig sind, dass die Welt anders werden muss. Es sind sich alle auch darüber im Klaren, dass dies nicht von selbst geschieht, sondern dass das unsere Aufgabe ist, dass wir Menschen das leisten müssen, dass wir dies von irgendjemand erwarten dürfen. Das gilt für jeden Überstand in der Welt, auch für den größten: das riesige Gefälle zwischen arm und reich. Wir alle wissen darum, aber wir alle sind auch in gleicher Weise gefährdet, uns daran zu gewöhnen, so sehr, dass wir uns über eine kleine Ungerechtigkeit, die in der Behandlung zweier Menschen durch einen Vorgesetzten mächtig aufregen können, von der riesen Ungerechtigkeit in der Welt aber überhaupt nicht berührt werden.

b 2) Ich höre den Einwand: Was heißt hier Ungerechtigkeit in der Welt? Haben wir jemand etwas weggenommen? Ist der Zustand ungerecht, den wir mit unserem Fleiß und Verstand geschaffen haben? Haben wir kein Recht auf unser Eigentum?
Die Kirche hat immer das Recht auf Eigentum des Einzelnen verteidigt, nicht aus Selbstinteresse, sondern weil dies dem Menschen entspricht. Sie sagt aber genauso bestimmt, dass das Recht auf Privateigentum dem gemeinsamen Recht aller auf die Güter der Erde, auf ihre Nutznießung untergeordnet ist.
Von daher gesehen, müssen wir sagen, dass der Zustand der Welt ungerecht ist. Niemand von uns hört das gerne, und es auszusprechen ist noch unangenehmer als es anzuhören. Aber wir dürfen die Wahrheit eben nicht verschweigen.

b 3) In unserem Leitwort „Unser Verzicht – Leben für viele“ wird aber nicht eigentlich das Gerechtigkeitsgefühl angesprochen, sondern mehr das Mitgefühl: das Mitgefühl mit denen, deren Leben ständig an einem dünnen Faden hängt oder doch einfach als menschenunwürdig zu bezeichnen ist.
Versuchen wir es: tun wir, was uns möglich ist: denken wir uns in die Lage der vielen anderen hinein und fragen wir uns, was wir von den anderen, den Reichen erwarten würden. Wir würden nicht nur ein Almosen erwarten, sondern dass sie bereit sind, auf etwas zu verzichten, dass sie nicht einfach gedankenlos für sich hinleben, sondern an „uns“ denken. Das würden wir erwarten, wenn wir die anderen wären; wir sind es nicht, sondern wir sind die, an die sich die Erwartungen richten.
Wir wissen, dass uns Jesus ein solches Denken nahelegt in seiner berühmten „Goldenen Regel“: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihr ihnen.“ Das soll sich nicht beschränken auf die Beziehung zu einzelnen, sondern das gilt erst recht im Großen.
Hier greift keine Entschuldigung! Wir kennen solche Entschuldigungsversuche: dass jede Hilfe nur ein Schlag ins Wasser sei; dass zuerst einmal die Großen etwas tun sollen usw. Das sind nur Selbstbeschwichtigungen, aber keine Entschuldigungen. Solche gibt es nicht. Ja, wo es für viele um das Leben geht, wäre ein solcher Entschuldigungsversuch geradezu ein Hohn. Ein ganz direktes „ich mag nicht“ oder „die anderen interessieren mich nicht“ wäre zwar nicht besser, aber ehrlicher.

b 4) Es ist in unserem Leitwort von „Verzicht“ die Rede. Die, denen wir helfen wollen, müssen auf vieles verzichten; wir sollen auf manches verzichten. Wir haben es selbst in der Hand, können überlegen und fragen, wie wir dieser Verpflichtung nachkommen können, einer Verpflichtung, die nicht die Kirche stellt, sondern die in den ungerechten Verhältnissen begründet ist und von der Kirche nur ausgesprochen wird.
Und es geht nicht nur um einen Verzicht im Zusammenhang mit der Misereor-Kollekte, sondern ganz allgemein um eine sinnvolle Verzichthaltung, die unser Leben überhaupt prägen soll, und zwar das Leben eines jeden; hier ist niemand ausgenommen.
Wir sollen uns also nicht nur leiten lassen von dem Gedanken: „Was ist schön“, „Was ist gut“, „Was ist besser“, sondern dabei auch von dem Gedanken an die Not und die Ungerechtigkeit in der Welt. Sie sollten wir immer, wie man sagt, im Hinterkopf haben, und zwar nicht nur im ganz persönlichen Bereich, sondern in allen, auf die sich unser Tun und unser Entscheiden erstreckt, für die wir verantwortlich oder mitverantwortlich sind.
Im Einzelfall ist das sehr schwer, zu sehen: Was ist hier recht und was nicht; was ist sinnvoller, gerecht und was nicht. Das lässt sich nie eindeutig entscheiden. Aber wer sich überhaupt die Frage stellt, ist bewahrt vor einem gedankenlosen, bloß auf den eigenen Vorteil, den eigenen Nutzen gerichteten Handeln. Eine sinnvolle Verzichthaltung darf nicht kleinlich, nicht ängstlich sein; aber sie soll sich auch auf das Kleine und scheinbar Nebensächliche erstrecken. Sie machen ja das Leben aus.

 

c) Im LK-Evangelium findet sich eine kleine Szene; Jesus wendet sich an einen und sagt: Wenn du ein Gastmahl hältst und andere einlädst: dann lade nicht die ein, die es dir vergelten, die auch dich wieder einladen, sondern lade die dazu ein, die es dir nicht vergelten können.
Man kann, bzw. muss das natürlich verallgemeinern. Es geht nicht nur um die Einladung. Wir sollen nicht nur denen Gutes tun, die es uns wieder vergelten.
In unseren Verhältnissen ist das gar nicht so einfach. Wer möchte eine Wohltat auf sich sitzen lassen, ohne sie zu erwidern! Aber in Bezug auf die vielen Notleidenden in der Welt ist das möglich. Hier können wir dieses reine Schenken verwirklichen.

3. Fastensonntag - "Lebendiges Wasser"

Noch heute wird den Pilgern und Reisenden ins Heilige Land der Jakobsbrunnen gezeigt, an dem sich das abspielte, was uns im Evangelium erzählt wird.

Die Archäologen können nachweisen, dass der Brunnen sehr alt ist, so dass alles dafür spricht, dass es der Brunnen ist, den nach dem Zeugnis des AT Jakob bei Sichem gegraben hat. Mit seinen 32 m ist er sehr tief. Umso kostbarer ist das frische Quellwasser, auf das man in der Tiefe stößt. Alle diese Umstände gehen in das Gespräch mit ein, das Jesus mit der Samariterin dort führt, jedenfalls in den ersten Teil, der um das Kernwort Wasser kreist.
Vom zweiten Teil, in dem es um die rechte Gottesverehrung geht, wollen wir absehen.

Das Gespräch, dessen Zeugen wir sind, wird von Jesus eröffnet mit der Bitte um einen Schluck Wasser. Es ist Mittagszeit und heiß. Nichts liegt näher als diese Bitte. Die Frau ist dennoch verwundert, dass ein Jude mit ihr, einer verachteten Samariterin, spricht. Dadurch, dass sie dies nicht nur denkt, sondern auch ausspricht, gibt sie dem Gespräch eine ungeahnte Wendung: Es wird von Jesus auf eine andere Ebene gehoben, und es vollzieht sich ein Rollentausch. Jesus antwortet ihr: „Wenn du wüsstest, wer dich um Wasser bittet, dann hättest du ihn gebeten, dass er dir das lebendige Wasser zu trinken gibt.“

Unter dem lebendigen Wasser versteht sie frisches Quellwasser im Unterschied zu angestandenem Zisternenwasser, also Wasser, wie es dieser Brunnen bietet. Sie versteht es als Aufforderung, ihn um das zu bitten, worum er sie gebeten hat. Deshalb ihr Bedenken: „du hast kein Gefäß.“

Erst der Hinweis, dass es Wasser sei, das allen Durst nimmt, so dass man nicht mehr durstig wird, und dass das Wasser eine Quelle ewigen Lebens sei, macht ihr klar, dass er ein anderes Wasser meint. Wenn sie dann freilich sagt: „Herr, gib mir dieses Wasser, dass ich nicht mehr hierher zu kommen brauche, um Wasser zu schöpfen“ muss man sagen, dass sie ihn auch da noch nicht begriffen hat. Sie denkt wohl an eine Art Zauberwasser.

Was meint Jesus selbst, wenn er vom lebendigen Wasser spricht?
Dass es ein Bild ist, ist klar, aber wofür?

Ganz allgemein kann man sagen: „Es ist ein Bild für das, was Gott den Menschen schenkt, was er, Jesus, ihnen vermittelt.“ Man kann es verstehen als Bild für den Heiligen Geist, den jene empfangen, die an ihn glauben, oder als Bild für das göttliche Leben, an dem sie teilhaben, oder auch für sein Wort, die Grundlage des Glaubens. Keines der drei schließt das andere aus; es sind drei Aspekte des einen. Sie sind die Gabe Gottes an die Menschen, sein großes Angebot.

Wenn Jesus dieses Angebot mit dem Wasser in der heißesten Mittagszeit in Beziehung bringt und betont, dass dieses allen Durst nimmt, dann geht er davon aus, dass seiner Gabe auch ein Verlangen entspricht, das dem Durst vergleichbar ist. Ja, wie herrlich ist ein kühler Trunk im warmen Sommer! Ein Königreich dafür! Und damit soll sich jenes andere Verlangen vergleichen lassen.

Entspricht dem auch die Wirklichkeit? Hat man nicht den Eindruck, dass die meisten nach allem anderen mehr verlangen als nach diesem, dass sie es fad und langweilig empfinden, dass man es ihnen aufdrängen muss, als dass es einem aus der Hand gerissen wird. Haben die Menschen wirklich ein Bedürfnis danach?

Ein bekannter Geistlicher sagte mir einmal: „Ich komme mir oft vor wie ein Händler, der etwas anbietet, was niemand haben will.“

Ich glaube nicht, dass es so stimmt.

Man muss hier unterscheiden, und zwar zwischen einem Oberflächenbedürfnis und einem Tiefenbedürfnis. Bei jedem Menschen treffen wir auf das eine und auf das andere, und beide müssen nicht zusammenstimmen, sie können sich auch entgegenstehen. Zudem sind sich viele nur ihrer Oberflächenbedürfnisse bewusst und sprechen nur von diesen.

Wenn z. B. jemand das Bedürfnis hat, dass sich immer etwas rührt, und dieses zu befriedigen trachtet, dann lässt er sich ganz von einem Oberflächenbedürfnis leiten. In der Tiefe aber sitzt ein persönliches Unerfülltsein und damit das Bedürfnis nach echter menschlicher Erfüllung. Das, was er tut, sein betriebsames Arbeiten und Genießen, überdeckt nur dieses tiefere Bedürfnis; es ist nur die Erfüllung des Oberflächenbedürfnisses, das nur dem Augenblick genügt und ihn deshalb immer wieder weiter treibt; es reicht nicht in die Tiefe, in der das eigentliche Bedürfnis sitzt, und kann ihn deshalb im letzten auch nicht befriedigen. Das ist nur möglich in der Hinwendung und im persönlichen Kontakt mit den Menschen und mit Gott.

Alle Glücksangebote, die heute lautstark angepriesen werden, bewegen sich auf der Ebene der Oberflächenbedürfnisse. Auf dieser Ebene und mit diesen Angeboten kann die Gabe Gottes, die uns Jesus bietet, nicht konkurrieren. Sie liegt auf einer anderen.

Und die Bedürfnisse auf dieser tieferen Ebene sind auch heute nicht abgestorben. Denken wir nur an die Sinnfrage, die in den letzten Jahren mit einer unbekannten Stärke aufgebrochen ist.

Gerade sie, die in den zivilisatorisch am höchsten entwickelten Ländern am akutesten ist, macht deutlich, dass „oben“ der Durst in der Tiefe nicht gestillt werden kann, dass es ein tiefes Bedürfnis des Menschen gibt, auch das Bedürfnis, das nur durch das lebendige Wasser gestillt werden kann, das uns Gott durch seinen Sohn Jesus Christus bietet.

Der Symbolik des Wassers und des Trinkens ist sehr ähnlich die des Brotes und des Essens. In der Bedeutung fallen sie völlig zusammen.

Die eine, das Wasser, ist eingegangen in das Grundsakrament der Taufe; die andere in das zentrale Sakrament der Eucharistie. Was im Evangelium vom lebendigen Wasser gesagt wird, hören wir in entsprechender Abwandlung wieder bei der Kommunion: „Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“

Was am Jakobsbrunnen Verheißung war, wird in unserer Eucharistiefeier Wirklichkeit.


Bildung

Bei der Wiedereröffnung des Klosters erhielt Seligenthal im Jahr 1835 von König Ludwig I. den Auftrag, sich der Mädchenbildung zu widmen. Bald trat eine große Schar von Schwestern ein, die Schülerzahl wuchs stetig und die Ausbildungsrichtungen differenzierten sich im Lauf von 170 Jahren immer mehr. Heute liegt das Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung, die im Jahr etwa 1.900 Kinder, Jugendliche und Studierende auf ihrem Bildungs- und Ausbildungsweg begleitet und betreut.


Ein Zentrum - viele Perspektiven

7 Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in einer Hand

 

Zum Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung Seligenthal gehören heute:

  • Der Kindergarten Seligenthal mit fünf Gruppen, in dem die Kinder nach anerkannten pädagogischen Konzepten auf verschiedenen Ebenen angesprochen und begleitet werden.
  • Der Kinderhort Seligenthal, in dem etwa 200 Buben und Mädchen in acht Gruppen betreut werden: Beim Mittagessen, bei der Erledigung der Hausaufgaben und der aktiven Freizeitgestaltung. Im Allgemeinen besuchen die Kinder des Horts unsere eigene Grundschule.
  • Die private Grundschule Seligenthal mit zwölf Klassen, in der die Kinder eine umfassende schulische Grundbildung und eine kindgerechte Glaubensgrundlage erhalten sollen. Als Konfessionsschule steht sie nur Kindern offen, die einem christlichen Bekenntnis angehören.
  • In der Ganztagsbetreuung Seligenthal werden an Schultagen Kinder der 5. bis 7. Jahrgangsstufe betreut werden. Die Betreuung beinhaltet Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung sowie Freizeitgestaltung.
  • Die Wirtschaftsschule Seligenthal, in der eine zwei-, vier- oder fünf-stufige Schulbildung mit dem Abschluss  "Mittlere Reife" angeboten wird. Sie öffnet Mädchen und Jungen die Tür zu allen Ausbildungsberufen und schafft ihnen auf dem Ausbildungsmarkt einen deutlichen Vorteil. Den Schülerinnen und Schülern der Wirtschaftsschule wird die Ganztagsbetreuung sowie der Zugang zum Mensa-System angeboten.
  • Das Gymnasium Seligenthal bietet den sprachlichen Zweig an und ist außerdem ein Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Gymnasium mit sozialwissenschaftlichem Profil. Es gibt desweiteren einen musischen Zweig sowie eine Fußball- und Chorklasse, um auf die unterschiedlichen Begabungen der Schülerinnen und Schüler einzugehen und deren Freude am Lernen zu fördern. Eine Schulmensa steht allen Schülerinnen und Schülern mit einem täglich wechselndes Angebot zur Verfügung. Das Gymnasium hat das Motto: "Aus der Tradition Zukunft gestalten."
  • Die Fachakademie für Sozialpädagogik ist zweizügig und bildet insgesamt rund 146 Studierende pro Schuljahr aus. Hinzu kommen die 102 Schülerinnen des sozialpädagogischen Seminars (SPS). In diesem Schuljahr hat die Schule die Selbstevaluation an Schulen, kurz SEIS genannt, erfolgreich abgeschlossen.


Einzelheiten über das Bildungszentrum und seinen Einrichtungen erfahren Sie hier direkt auf der Homepage der Schulstiftung Seligenthal.


Führungen

Führungen in der Abteikirche und der Afrakapelle sind nach dem Sonntagsgottesdienst ab ca. 10:30 Uhr möglich. Um rechtzeitige Anmeldung an der Klosterpforte unter Tel. 0871 / 8210  oder direkt per Mail an Schwester M. Fidelis Thurner  - m.fidelis@kloster.seligenthal.de wird gebeten.


Vorträge

Seligenthaler Gespräche und andere Workshops

In Zusammenarbeit mit der Landshuter Zeitung ("Bernlochner Gespräche") und dem christlichen Bildungswerk, findet bei uns jedes zweite Jahr eine Vortragsreihe mit christlichen Themen statt. Im Anschluss an den jeweiligen Vortrag laden wir bei einem Glas Wein zu einem Gesprächsaustausch ein.

Hier einige Beispiele über unsere Themen und Referenten: 

2010  - „Suche den Frieden und jage ihm nach“

  • Pater Walter Rupp SJ spricht über - "Pater Rupert Mayer, der Apostel der Armen und Prediger wider den Ungeist."
  • Dr. Georg Evers - "Kampf der Kulturen oder Gespräch unter den Religionen 
  • Dr. Hildegard Goss-Mayr - "Gewalt- Gewalt überwinden. Die Gewaltfreiheit Jesu in unserem Leben."

 

2014 - „Wege zum Selbst"

  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - "Scheitern und Gelingen - der Weg von mir zu mir“
  • Professor Dr. Dr. habil. Erwin Möde - „Beten als Weg zu mir selbst“
  • Professor Dr. Martin Thurner - "Gotteskindschaft. Eugen Biser über den Selbstwert der Menschen“

 

2016 

  • Professor dr. Michael Bordt SJ - „Sich selbst verstehen“
  • Professor Dr. Martin Thurner - „Mit Grenzen leben - sich selbst wiederfinden“
  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - „Halb sein und Ganz werden"

 

2018 „Göttliche Tugenden: Glaube – Hoffnung – Liebe"

  • Professor Dr. Martin Thurner - „Glaube: Philosophische Annäherungen in drei Gleichnisbildern“
  • Professor Dr. Georg Sans SJ - „Worauf hofft ein Christ?“
  • Professor Dr. Karl Woschitz - „Transfiguration der Liebe“

Jugendvigil

In regelmäßigen Abständen gestaltet Schwester M. Immaculata mit Jugendlichen zusammen eine Jugendvigil. Diese findet im zwei-monatlichen Rhythmus in unserer Afrakapelle statt.

Bei Interesse informiere Dich bei m.immaculata@kloster.seligenthal.de.

 

Einladung zur Jugendvigil

Wenn Du zu einer Jugendvigil kommen willst, dann musst Du Dich darauf einstellen, etwas ganz Spezielles zu erleben. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: bei der Jugendvigil kommen wir Gott näher. Die Jugendvigil reißt Dich heraus aus dem Alltäglichen, Langweiligen, manchmal Leerem; aus dem, was fast alle anderen tun.
Die Jugendvigil ist auch für alle, die im Herzen jung und jung geblieben sind.

Ich freue mich auf Dich!

Herzliche Grüße,
Schwester M. Immaculata OCist.

Hier kannst Du mehr erfahren


Jugendvigil-Termine 2019/2020

Unsere Jugendvigil, kurz Juvi genannt,  ist in der Regel jeden 2. Monat am 1. Freitag.

Ort:       Afrakapelle
              (durch den Torbogen in unseren Schmuckhof, gerade aus, rechts durch die Ecktüre
              über den Afragarten)

Beginn: 20.00 Uhr, Ende: ca. 21.30 Uhr,
danach: gemütliches Beisammensein in der Mensa

Nächste Termine

Fr.   7. Februar 2020 (Blasius-Segen)
Fr.   3. April 2020