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Predigten und Gedanken zu Sonn - und Festtagen (meist von Dr. Fuchs)

Die Sonntagspredigten von Herrn Dr. Fuchs wurden mehrere Jahre hindurch von unseren Schwestern niedergeschrieben. Wir fanden sie in seinem Nachlass und bewahrten sie im Archiv auf.  Von jetzt ab werden wir die zum jeweiligen Sonn - oder Festtag eine passende Predigt auf unserer Homepage veröffentlichen. Die Worte von Herrn Dr. Fuchs sollen Ihnen eine religiöse Bereicherung und zugleich eine liebe Erinnerung an unseren langjährigen Pastoral sein.

2. Advent - Sonntag im Jahreskreis C

Papst Benedikt XVI. Aus der Ansprache beim Angelus vom 9.12.2012

 

In der Adventszeit betont die Liturgie in besonderer Weise zwei Gestalten, die das Kommen des Messias vorbereiten: die Jungfrau Maria und Johannes den Täufer. Heute stellt uns der hl. Lukas letzteren vor, und er tut dies in einer Weise, die sich von den anderen Evangelien unterscheidet. Alle vier Evangelien stellen an den Anfang von Jesu Wirken die Gestalt Johannes des Täufers und zeigen ihn als Wegbereiter für Jesus. Der heilige Lukas hat die Verknüpfung der beiden Gestalten und ihrer Sendung in beider Kindheitsgeschichte zurückverlegt.

Schon in Empfängnis und Geburt sind Jesus und Johannes einander zugeordnet“ (Ratzinger, Jesus von Nazareth, S. 27). Dieser Ansatz hilft uns zu verstehen, dass Johannes als Sohn des Zacharias und der Elisabeth, die beide Priesterfamilien entstammen, nicht nur der letzte der Propheten ist, sondern auch für das gesamte Priestertum des Alten Bundes steht und daher die Menschen für den geistigen Gottesdienst des Neuen Bundes vorbereitet, der von Jesus eröffnet wird (vgl. Ratzinger, Jesus von Nazareth, S. 30-31). Darüber hinaus räumt Lukas jede oft gegebene mythische Leseart der Evangelien beiseite und ordnet das Leben des Täufers historisch ein, wenn er schreibt:“ Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa … Hohepriester waren Hannas und Kajaphas“ (Lk 3,1-2). Innerhalb dieses historischen Zusammenhangs steht auch das wahrhaft große Ereignis, die Geburt Christi, die von den Zeitgenossen nicht einmal bemerkt werden wird. Für Gott bilden die Großen der Geschichte den Rahmen für die Kleinen!

Johannes der Täufer wird wie folgt definiert:“ Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Lk 3,4). Die Stimme verkündet das Wort, doch in diesem Fall geht das Wort Gottes voraus, insofern es selbst an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste ergeht (vgl. Lk 3,2). Er hat also eine große und wichtige Rolle, doch immer hingeordnet auf Christus. Der hl. Augustinus kommentiert: „Johannes ist die Stimme, die vergeht. Christus ist das ewige Wort, das am Anfang war. Nimmt man dem Wort die Stimme – was bleibt? Ein undeutlicher Klang. Die Stimme ohne Wort tritt zwar auf das Gehör, doch sie erbaut nicht das Herz“ (Sermones, 293,3: PL 38,1328). Unsere Aufgabe ist es, heute jener Stimme Gehör zu schenken, um Jesus, dem rettenden Wort, im Herzen Raum und Aufnahme zu geben. In dieser Adventszeit wollen wir uns vorbereiten, mit den Augen des Glaubens in der einfachen Grotte von Betlehem das Heil zu sehen, das von Gott kommt (vgl. Lk 3,6).In der Konsumgesellschaft, in der man der Versuchung ausgesetzt ist, die Freude in den Dingen zu suchen, lehrt uns der Täufer, auf wesentliche Weise zu leben, damit Weihnachten nicht nur als äußerliches Fest gelebt wird, sondern als Fest des Sohnes Gottes, der gekommen ist, um den Menschen den Frieden das Leben und die wahre Freude zu bringen.

Ansprache beim Angelus vom 2.12.2o12

 

1. Advent - Sonntag im Jahreskreis C

Papst Benedikt XVI. aus der Ansprache beim Angelus vom 2.12.2o12

 

Das Wort „Advent“ bedeutet „Ankunft“ oder „Gegenwart“. In der Welt der Antike bezeichnete es den Besuch des Königs oder des Kaisers in einer Provinz; in der christlichen Sprache bezieht es sich auf das Kommen Gottes, auf seine Gegenwart in der Welt; ein Geheimnis, das den Kosmos und die Geschichte ganz umfasst, das jedoch zwei Momente als Höhepunkt kennt: das erste und das zweite Kommen Jesu Christi. Das erste ist die Menschwerdung; das zweite ist eine glorreiche Wiederkunft am Ende der Zeiten. Diese beiden Momente, die zeitlich voneinander entfernt sind – und uns ist es nicht gegeben, zu wissen, wie weit entfernt-, berühren sich in der Tiefe, da Jesus mit seinem Tod und mit seiner Auferstehung bereits jene Verwandlung des Menschen und des Kosmos verwirklicht hat, die das Endziel der Schöpfung ist. Vor dem Ende aber ist es notwendig, dass das Evangelium allen Völkern verkündet wird sagt Jesus im Evangelium des hl. Markus (vgl. Mk 13,10). Das Kommen des Herrn hält an, die Welt muss von seiner Gegenwart durchdrungen werden. Und dieses beständige Kommen des Herrn in der Verkündigung des Evangeliums erfordert unsere fortwährende Mitarbeit; und die Kirche, die wie die Verlobte, die verheißene Braut des gekreuzigten und auferstandenen Lammes Gottes ist (vgl. Offb. 21,9), wirkt in Gemeinschaft mit ihrem Herrn an diesem Kommen des Herrn mit, in dem bereits seine glorreiche Wiederkunft ihren Anfang nimmt.

Dies ruft uns heute das Wort Gottes in Erinnerung und zeichnet dabei eine Verhaltensweise ab, der es zu folgen gilt, um für das Kommen des Herrn bereit zu sein. Im Lukasevangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern:“ Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren … Wacht und betet allezeit“ (Lk 21,34.36). Also: Nüchternheit und Gebet. Und der Apostel Paulus fügt die Aufforderung hinzu, zu „wachsen und reich (zu) werden in der Liebe „zueinander und zu allen, damit unser Herz gefestigt wird und wir ohne Tadel in der Heiligkeit sind (vgl. 1Thess 3,12-13).

33. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                           Dan 12,1-3, Mk 13, 24-32

 

A Sowohl in der Lesung als auch im Evangelium ist heute vom Ende die Rede, oder sagen wir besser von der endgültigen Zukunft: im Evangelium vom Ende, von der Zukunft des großen Weltgeschehens, in der Lesung vom Ende, von der Zukunft des persönlichen Lebens. Die beiden hängen natürlich unlösbar zusammen: das große Geschehen umschließt das persönliche.

Wir beschränken uns heute auf das letztgenannte: die persönliche endgültige Zukunft, von der, die wie gesagt, in der Lesung gesprochen wird. Es heißt dort: „Von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden viele erwachen, die einen zum ewigen Leben und die anderen zur Schmach, zu ewigem Abscheu.“ „Viele werden erwachen“: das „viele“ ist nach dem semitischen Sprachgebrauch nicht eine Einschränkung von alle, sondern es hat auch den Sinn von „alle“. Wir können das Wort aus dem Buch Daniel auch so wiedergeben: Alle werden auferweckt, die einen zum ewigen Leben, die anderen. . . zur ewigen Schmach“, oder: Die einen zum Himmel, die anderen zur Hölle.

1a Das erste, was man bedenken muss, wenn man von Himmel und Hölle spricht, ist dies, dass Gott ohne Einschränkung das Heil aller Menschen will, dass er keinen zum ewigen Tod bestimmt hat. Was Gott geschaffen hat, das liebt er auch, und was er liebt, das stößt er nicht von sich, das lässt er nicht fallen. Anders gesagt: Kein Mensch kommt ohne seine Schuld in die Hölle, und zwar ohne seine persönliche Schuld. Unsere eigene Schuld hängt immer auch ab von der Schuld anderer, aber das heißt nicht, dass damit die persönliche Schuld ganz aufgehoben ist. Nur ist niemand von uns in der Lage, hier zu richten; das kann allein Gott.

1b Weiter ist noch zu bedenken, dass man von Himmel und Hölle nicht sprechen kann wie etwa von einem Ort, der sich beschreiben lässt. Denn sie gehören nicht zu dieser Welt unserer Erfahrung, auf die unsere Vorstellung beschränkt ist. Das heißt aber nicht, dass wir deshalb ganz schweigen müssten, dass wir gar nichts davon sagen könnten.

2a Der Himmel, den uns Gott verheißen hat und den wir erhoffen, ist die Erfüllung der Sehnsucht, die Gott uns ins Herz gegeben hat, die Erfüllung unseres Verlangens nach Glück, das in jedem Menschen ohne Ausnahme wirksam ist.

Eine teilweise Erfüllung dieses Verlangens erfahren wir auch schon jetzt immer wieder, aber jede dieser Glückserfahrungen bleibt offen, jede schließt ein „noch nicht“ ein; sie ist noch nicht das volle Glück, sie ist vor allem ein vorübergehendes Glück. Der Himmel ist die volle, dauernde Erfüllung unserer Sehnsucht. In ihm kommt das Verlangen zur Ruhe, in ihm sind wir heil. Der Himmel ist das Heil.

2b Der Grund für diese volle Erfüllung kann nicht in uns selbst liegen, denn ein Verlangen, eine Sehnsucht ist immer auf etwas anderes, auf jemand anderen gerichtet, und die volle Erfüllung kann nur in Gott selbst liegen, in der Beziehung zu ihm. Diese Beziehung ist zum einen bestimmt von der Zuwendung Gottes zu uns Menschen, zu jedem Menschen, und zum andern – als Antwort – von unserer Zuordnung zu ihm, die in einem gelebten Glauben besteht. In dieser Beziehung liegt unser Heil, sie macht den Himmel aus.

Es entzieht sich der Himmel zwar – wie gesagt – unserer Vorstellung; aber Sehnsucht und Glück, unser ganzes Fühlen entziehen sich auch der Vorstellung, der Anschauung. Wir kennen sie nur aus dem Erleben. Und dieses, das Erleben, bietet uns auch den Schlüssel zum Verständnis des Himmels: nicht durch die Anschauung, sondern durch das, was wir innerlich erleben, erschließt er sich uns.

3a In der ganz gleichen Weise eröffnet sich uns auch das Verständnis der Hölle. Das Angebot von Seiten Gottes, seine Zuwendung zu uns, wird erst dann zur Beziehung, wenn ich darauf eingehe. Es hat der Mensch in seiner Freiheit auch die Möglichkeit, es abzuschlagen. Das geschieht in der Sünde. Sünde ist Absage an Gott. Der sündige Mensch nimmt die Beziehung zu Gott nicht auf, oder er bricht sie wieder ab, geht seinen Weg und sucht die letzte Erfüllung seiner Sehnsucht nicht in ihm, sondern anderswo, auf andere Weise. Damit bringt er sich um die volle Erfüllung, die nur Gott selbst sein kann; damit bringt er sich um das Heil.

Der Sünder – der bewusste Sünder – ist mit einem Drogensüchtigen zu vergleichen, der sein Glück in der Dosis Gift suchte, sich dabei selbst zerstört. Auch er jagt einem kurzlebigen Glück nach und verfehlt so das Wahre, das ganze Glück, das nur in Gott zu finden ist.

3b Im Zusammenhang mit der Hölle wird oft von einem harten, unbarmherzigen Gott gesprochen. Wer aber so denkt, also von der Tatsache der Hölle auf einen nicht liebenswerten Gott schließt, der hat nicht nur ein falsches Gottesbild, sondern auch ein falsches Menschenbild, denn er nimmt den Menschen in seiner Freiheit nicht ernst. Das Heil ist nicht etwas, was uns von Gott einfach übergestülpt wird, sondern es hängt zusammen mit der Beziehung zwischen Gott und Mensch, und eine solche Beziehung kommt nur zustande, wenn beide es wollen: er und wir. Man kann einen nicht zur Freundschaft, zur Liebe zwingen. Man kann anderen nur entgegengehen, hochherzig, selbstlos, so dass er vielleicht darauf eingeht. Aber ob er es tut: das liegt bei ihm. Ohne ihn kommt es nicht zu einer echten, persönlichen Beziehung. Wer an Himmel und Hölle glaubt, nimmt den Menschen ernster als jeder andere, denn er nimmt seine Freiheit ernst, und sie ist es doch, die uns Menschen auszeichnet. Ist sie auch in vielfacher Hinsicht eingeschränkt: aber dieses bisschen Freiheit ist für uns Menschen wesentlich, und mit ihr entscheiden wir über Himmel und Hölle.

C Man hat manchmal leider von der Hölle gesprochen mit der Absicht, um den Menschen Angst zu machen. Aber das entspricht nicht dem Geiste Jesu. Er weist zwar mit aller Deutlichkeit auf die Hölle hin, weil es etwas sehr Ernstes ist. Aber in einem ungleich größeren Maß, in einem Einsatz bis zum Äußersten, bis zum Tod, will er uns die unendliche Liebe Gottes näherbringen, die uns bewegen soll, das Angebot des Heiles anzunehmen. Denn das will er: das Heil aller Menschen.

 

32. Sonntag im Jahreskreis

Papst Benedikt XVI. ,aus der Ansprache beim Angelus vom 11.11.2012

Diesen beiden Episoden aus der Bibel (Erste Lesung und Evangelium), die weise nebeneinander gestellt werden, kann man eine kostbare Lehre über den Glauben entnehmen. Er tritt als eine innere Haltung dessen hervor, der sein Leben auf Gott, auf dessen Wort gründet und sein ganzes Vertrauen in ihn legt. Der Witwenstand bildete in der alten Zeit eine Situation schwerer Not. Aus diesem Grund sind in der Bibel die Witwen und Waisen Menschen, derer sich Gott in besonderer Weise annimmt: sie haben den irdischen Beistand verloren, doch Gott bleibt ihr Bräutigam, ihr Vater. Dennoch sagt die Schrift, dass der objektive Zustand der Bedürftigkeit, in diesem Fall die Tatsache des Verwitwetseins, nicht ausreicht: Gott fordert immer unsere freie Entscheidung für den Glauben, der in der Liebe zu ihm und zum Nächsten zum Ausdruck kommt. Keiner ist derart arm, dass er nicht etwas geben könnte. Und in der Tat beweisen die beiden Witwen, über die wir heute nachdenken, ihren Glauben, indem sie eine Geste der Nächstenliebe tun: die eine gegenüber dem Propheten, die andere, indem sie ein Almosen gibt. So bezeugen sie die untrennbare Einheit von Glauben und Liebe wie auch von Gottesliebe und Nächstenliebe - wie uns das Evangelium vom vergangenen Sonntag in Erinnerung rief. Der heilige Papst Leo der Große, dessen Gedenktag wir gestern begangen haben, spricht so:" Auf der Waage der göttlichen Gerechtigkeit werden die Gaben nicht nach ihrer Menge, sondern nach dem Maße der dabei gezeigten Gesinnung gewogen. Die Witwe im Evangelium warf zwei Hellerstücke in den Opferkasten und übertraf damit die Spenden aller Reichen. Kein Werk der Liebe ist vor Gott ohne Bedeutung, kein Werk des Erbarmens ohne Frucht" (Predigt über das Fasten im Dezember, Sermo XX, 9,3).

Allerheiligen 1985

 A Wir haben alle auf Bildern schon sogenannte Eisberge gesehen. Es sind große Eiskolosse, die im Meer schwimmen und wie kleine Berge aussehen. Was man von ihnen sieht, ist aber nur der kleinere Teil, der weitaus größere Teil liegt unter der Wasseroberfläche und ist nicht sichtbar. Diese Erscheinung, dass man von „etwas“ nur die Spitze sieht, gibt es auch in anderen Lebensbereichen. Es gilt auch für die Heiligen. Die, deren Namen wir kennen, deren Feste gefeiert werden, sind nur die Spitze des Eisberges. Das Gros der Heiligen der Kirche ist und bleibt unbekannt. Auf diese, die vielen, weist uns das Fest Allerheiligen hin. Es sind die 144000, von denen in der Lesung die Rede war. Dies ist eine Zahl, die nach der Zahlensymbolik die Fülle ausdrückt: zwölf mal zwölf mal tausend.

Ich möchte heute zum Allerheiligenfest der Predigt das Wort zugrunde legen: „Wandelt mit den Heiligen, denn die mit ihnen wandeln, werden geheiligt werden.“

B Dieses Wort „Wandelt mit den Heiligen, denn die mit ihnen wandeln, werden geheiligt werden“ ist ein Wort Jesu, das sich aber nicht in den Evangelien findet, das uns außerhalb der Evangelien überliefert worden ist. Es zählt zu den sogenannten verborgenen Worten Jesu und ist uns durch den heiligen Klemens, der um das Jahr 100 Bischof von Rom war, vermittelt worden.

1 In der Zeit Jesu und der Urkirche hatte das Wort „Heiliger“ noch eine weitere Bedeutung als heute. Man bezeichnete damals mit Heiliger nicht nur die wenigen, die den Glauben in einer heroischen Weise gelebt haben, sondern kurzum jeden Gläubigen, jeden, der durch die Taufgnade geheiligt war und entsprechend lebte. Wir kennen das aus den Briefen des heiligen Paulus, in denen er wiederholt Grüße an alle Heiligen bestellt. Das heißt aber eben: Grüße an alle Gläubigen.

Wir müssen also, wenn wir diesen Aufruf hören, „Wandelt mit den Heiligen. . .“ an diese Bedeutung denken und sie verstehen als Aufruf zur Gemeinschaft mit den Gläubigen. Durch den Umgang mit ihnen werden wir geprägt und zu einem heiligen Leben mit ihnen bewegt. Der Einfluss, der von einem schlechten Beispiel ausgeht, ist uns zwar vertrauter, aber was vom Schlechten gilt, gilt genauso vom Guten.

2 Der Kreis der Heiligen beschränkt sich aber nicht auf die, die wir mehr oder weniger zufällig in unserer Nähe antreffen, sondern zu ihm gehören auch die Fernen, die Verstorbenen, die mir persönlich Bekannten und besonders die großen Heiligen, die, die wir in der Regel meinen, wenn wir von den Heiligen sprechen. In Bezug auf sie gilt vor allem, was das Wort Jesu besagt: „Wandelt mit den Heiligen, denn die mit ihnen wandeln, werden geheiligt werden.“ Das Wort wandeln bekommt dann natürlich einen etwas anderen Sinn, wie ja auch das Wort Nachfolge für uns heute einen etwas anderen Sinn hat als für die Apostel. Mit ihnen wandeln: das bedeutet: sich mit ihnen befassen, ihr Leben betrachten, ihre Gedanken nachdenken und bedenken, sich beeindrucken lassen von ihrem Eifer für Gott, ihre Vorbildlichkeit sehen.

3 Man könnte fragen: Brauchen wir eigentlich diese Vorbilder? Wir haben doch das eine große und verbindliche Vorbild des Lebens Jesu, das nicht überbietbar ist, das uns den rechten Weg weist! Es ist keine Frage: Das Bild Jesu, das Leben Jesu ist letztlich maßgebend, es ist das Vollbild. Aber die Heiligen stellen sich nicht zwischen ihn und uns, so dass sie den Blick auf ihn verdecken wie bei einer Sonnenfinsternis sich der Mond zwischen Sonne und Erde schiebt und uns den Blick auf die Sonne verstellt. Sondern in den Heiligen zeigt sich die Fülle der Heiligkeit Jesu Christi. Wir haben dafür einen wunderbaren Vergleich, den man sich immer wieder vor Augen führen soll: Die vielen Farben, die wir mit dem Auge wahrnehmen: das Braun, das Grün, das Gold, das Rot werden bewirkt durch die Sonne. Das Sonnenlicht enthält gleichsam alle diese Farben, wir erkennen sie aber nur, wenn sie sich brachen in den Dingen oder auch in den Regentropfen und dann als Regenbogen erscheinen. Unser Auge ist zu schwach, um die ganze Fülle auf einmal zu erfassen, wir können es immer nur in der Zerlegung. So können wir auch die göttliche Heiligkeit nicht erfassen. Wie stammelt etwa der Prophet Jesaia, wenn er von der Erscheinung Gottes erzählt, die ihm zuteil wurde.

Anders ist es mit der Heiligkeit der Heiligen, und in dieser leuchtet in menschlichem Maß und in menschlicher Form die Heiligkeit Gottes auf.

Wenn Jesus sagt: „Seid willkommen, wie euer himmlischer Vater willkommen ist“, macht er deutlich, dass die Vollkommenheit, die Heiligkeit Gottes das Maß ist. Durch das Leben der Heiligen aber wird jenes Übermaß umgesetzt, übersetzt in ein menschliches Maß. Das geschieht zwar auch schon durch das menschliche Leben Jesu; durch die Heiligen wird das weiter konkretisiert und in eingeschränkter Weise verdeutlicht. Wenn sie (die Heiligen) in unseren Kirchen und andernorts auch auf Podesten stehen, so nicht, damit sie uns entrückt werden, sondern genauso umgekehrt, so dass sie gesehen werden können und dass sie uns den Heiligen näherbringen bzw. er uns zu ihnen hinführt.

4 Im Unterschied zu einer Predigt oder einer Unterrichtsstunde, in der man mit Worten, mit Mahnungen, mit Aufrufen zu Gott hinführen will, stellen die Heiligen eine Einladung dar zum Wandel mit ihnen, zum Leben mit ihnen. Durch sie wird uns das Gute, das Göttliche so vor Augen gestellt, dass es uns bewegt und einlädt, es ihnen „gleichzutun“, jedenfalls, was das Eigentliche betrifft, den heiligen Willen Gottes zu tun.

Auch sie kann man nicht einfach nachahmen, denn jedes Leben ist ein einmaliges. Ein Pater Rupert Meyer, der heute vor vierzig Jahren gestorben ist, ist nicht herauszulösen aus seiner Zeit und aus der Großstadt, die seine Lebenswelt war. Aber die Bestimmtheit, mit der er Christus verkündet hat, die Liebe, mit der er sich den Menschen zugewendet hat, die Tapferkeit, mit der er dem Bösen widerstanden hat: das sind Werte, die uns alle leiten sollen.

C „Wandelt mit den Heiligen, denn die mit ihnen wandeln, werden geheiligt werden.“ Die alten Kirchen mit den vielen Heiligen in Bildern und Heiligenfiguren boten eine Möglichkeit für den Wandel mit den Heiligen.

Die modernen Räume sind schmuckloser, einfacher. Aber wir haben heute die vielen guten Heiligenbiographien, die uns eine Begegnung mit den Heiligen, mit den Großen im Glauben ermöglichen. Nützen wir diese Möglichkeiten! Jeder, der es tut, wird die Wahrheit dieses Wortes erfahren: „Wandelt mit den Heiligen, denn die mit ihnen wandeln, werden geheiligt werden.“

 

31. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                                                       Dtn 6,2-6 / Mk 12, 28b-34

 

A Das alte Volk Israel kannte eine Fülle von Geboten, es waren mehrere Hundert. Diese vielen Gebote lassen sich vor allem in zwei große Gruppen einteilen: die einen betrafen die Ordnung des Zusammenlebens, die anderen betrafen den Kult, die Gottesverehrung. Das macht verständlich, dass der Schriftgelehrte Jesus fragt, welches Gebot das wichtigste sei. Jesus gibt ihm darauf eine eindeutige Antwort: in Kurzform: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, und du sollst deinen Nächsten lieben. Diese Auskunft ist auch für uns ein wichtiger Hinweis auf das, was wir als das Wesentliche unseres Glaubens zu verstehen haben und was unser Leben bestimmen soll. Das müssen wir immer wieder bedenken.

B1 Es ist nicht nur interessant, sondern auch bedeutsam, wie dieses christliche Grundgebot hier dargestellt wird. Am Anfang steht die Frage des Schriftgelehrten, was das erste Gebot sei. Darauf folgt die Antwort Jesu: Du sollst Gott lieben, du sollst den Nächsten lieben. Diese Antwort quittiert der Schriftgelehrte mit Zustimmung und Lob: „Sehr gut Meister!“ Ganz richtig hast du das gesagt, und bekräftigend wiederholt er die Antwort Jesu – jedenfalls zum Teil. Und das wiederum bestätigt Jesus mit der Bemerkung: „Du bist nicht mehr ferne vom Reich Gottes.“ Durch eine doppelte Überbietung wird also das Gesagte bekräftigt und damit in seiner Bedeutung unterstrichen. Wenn das hier Gesagte das Erste und Wichtigste ist, dann muss das natürlich auch in einer besonders eindringlichen Weise gesagt werden.

2 Beschränken wir uns im folgenden auf den ersten Teil der Antwort: das Gebot der Gottesliebe. Hier stoßen wir wieder auf eine vergleichbar eindringliche Sprechweise. Mit den Worten: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen“ wäre eigentlich alles gesagt. Aber diese eine Aussage wird durch drei weitere verstärkt: mit ganzer Seele, mit all deinen Gedanken, mit all deiner Kraft.

Inhaltlich fügen sie der ersten Aussage nichts hinzu, sie unterstreichen sie nur. Das ist eine Art und Weise des Sprechens, die wir auch sonst anwenden, wenn wir etwas sehr nachdrücklich sagen wollen.

3 Da steht also der Aufruf: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen“ – dreimal unterstrichen. Aber wie setzen wir ihn um; wie können, wie sollen wir ihn erfüllen. Es ist für viele eine echte Frage: Wie kann ich denn Gott eigentlich lieben?

a Die wichtigste Form der Gottesliebe ist sicher die Nächstenliebe. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten schließt Jesus hier zu einer Einheit zusammen. Sie stehen nicht nebeneinander, sondern sie gehören zusammen. Diese Einheit ist verständlich, wenn wir bedenken, dass jedes Geschöpf, dass jeder von uns in der Liebe Gottes steht. Wenn wir jemandem gut sind, dann stimmen wir gleichsam in diese Liebe Gottes ein, dann ziehen wir mit ihm mit, dann heißen wir sein Handeln gut, dann lieben wir auch ihn. Die Verbindung der Nächstenliebe mit der Gottesliebe ist so eng, dass es sie ohne jene nicht gibt.

b Eine andere Form der Gottesliebe ist, dass wir das, was Gott uns anbietet, auch annehmen. Denken wir an das Gleichnis vom Gastmahl, zu dem der Herr durch seine Diener einladen lässt. Keiner der Eingeladenen nimmt die Einladung an. Jeder hat natürlich eine Entschuldigung – an solchen fehlt es uns ja nie! Aber eigentlich wollen sie nicht, und das ist letztlich eine Lieblosigkeit. Die Einladung im Gleichnis steht für die vielen Angebote seiner Heilsbotschaft, es ist das Angebot der Sakramente, in denen er selbst wirkt, durch die er uns heilt und heiligt und stärkt. Sie anzunehmen ist Ausdruck der Liebe zu ihm. Umgekehrt ist es eine Lieblosigkeit, wenn man diese Angebote „dankend ablehnt“ oder sie geringachtet, wenn vieles andere wichtiger ist als diese.

c Eine andere Form der Gottesliebe ist das Gebet, jedenfalls dann, wenn es nicht bloß ein Anbetteln Gottes ist, denn dann ginge es mir eigentlich nicht um ihn, sondern um mich. Aber das Gebet als Anbetung, als Dank und auch das einfache Verweilen in seiner Gegenwart sind Ausdruck der Gottesliebe. Die Liebe schließt die Bitte nicht aus. Gerade dann, wenn man Gott liebt, wird man auch mit Bitten an ihn herangetragen, aber ein solches Bitten verbindet sich mit Lob und Dank und unterscheidet sich eben von einem bloßen Anbetteln.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Vaterunser, das mit der Anbetung beginnt und erst dann in Bitten übergeht: Auch in diese selbst fließt zum Teil die Liebe zu ihm ein, vor allem dann, wenn wir beten: „Dein Reich komme“, „Dein Wille geschehe“.

d Ob man bei all dem etwas spürt oder nicht, ist völlig unerheblich. Am Gefühl kann man es nicht ablesen, ob jemand Liebe zu Gott hat oder nicht und wie groß die Liebe ist. Nur an der Ernsthaftigkeit des Willens ist sie erkennbar. Wer ehrlich Gott lieben will, der liebt ihn auch schon.

4 Freilich, gemessen an dem, wie sie sein soll – du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und aus all deiner Kraft – gemessen an diesen Worten, müssen wir sicher alle gestehen, dass unsere Liebe zu Gott arm und schwach ist. Es bleibt unsere Aufgabe das ganze Leben lang, darum bemüht zu sein, dass unsere Liebe wächst, dass die Hindernisse beseitigt werden, die ein Wachsen verhindern, dass die Voraussetzungen geschaffen werden, die ein Wachsen fördern.

Was schon für jede zwischenmenschliche Liebe gilt, gilt erst recht für die Liebe zu Gott: dass sie unvollkommen ist und bleibt. Auch das Unvollkommene hat seinen Wert. Das Wissen darum soll uns nicht zu einem resignierenden Nichtstun verführen, sondern zu einem immer neuen Anfangen bewegen.

C Wenn die Liebe zu Gott das erste Gebot ist, dann muss die Bitte um die Liebe das erste Gebet sein. Denn geben kann sie uns nur der, der sie von uns verlangt. Wenn ich darum bitte, brauche ich nicht anzufügen, „aber nicht mein Wille geschehe, sondern der deine“, denn hier weiß ich, dass mein Wille auch der seine ist. Von dieser Bitte gilt uneingeschränkt: „Bittet, dann wird euch gegeben werden.“

So sei unsere Bitte: „Herr, sei du die Mitte unserer Herzen, reinige sie, damit wir dich lieben.“ Amen.

30. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                                                                              Mk 10,46 – 52

 

A Ich habe schon am vergangenen Sonntag in der Predigt über das Anliegen und die Bedeutung der Missionsaufgabe gesprochen. Ich habe dabei hingewiesen auf Formen, wie sich Mission heute darstellt im Unterschied zu früher, und ich habe auch von der Mitverantwortung gesprochen, die wir alle für die Missionsaufgabe haben.

Heute möchte ich noch einmal die Bitte wiederholen, die Evangelisation – ein neues Wort für Mission – die Evangelisation durch ein angemessenes finanzielles Opfer zu unterstützen. Die heutige Sammlung ist dafür bestimmt.

In unserer Besinnung halten wir uns an das Evangelium, das wir eben gehört haben: die Heilung des blinden Bartimäus in Jericho.

B1a Wenn wir von jemandem sagen, er ist blind, meinen wir jemanden, der aufgrund einer Augenkrankheit oder Augenverletzung sehend das nicht wahrnehmen kann, was um ihn herum ist, um ihn herum geschieht. Früher war das vor allem in den sonnenintensiven Ländern keine Seltenheit. Es kam zum Kranksein meist noch die Armut. Der Blinde musste sich sein Brot erbetteln, so wie auch unser Bettler hier im Evangelium.

1b Wir verwenden das Wort „blind“ aber auch in einem übertragenen Sinn: Wir nennen jemanden blind, der bestimmte Bereiche der Wirklichkeit nicht wahrnimmt, der blind ist für die Schönheit der Natur, der blind ist für die Not der Welt, der blind ist für den Heiligen, für Gott. Diese Form der Blindheit ist oft noch schlimmer als die physische Blindheit, auch deshalb, weil der Betreffende sich ihrer in der Regel gar nicht bewusst ist, während der andere an seiner Krankheit leidet.

2 Durch die Begegnung mit Jesus hat der blinde Bartimäus das Augenlicht wieder erlangt, und er hat zugleich zu vollen Glauben an Jesus Christus gefunden. Er stand zwar nicht ganz am Anfang seines Glaubens, denn die Bitte, mit der er sich an Jesus wendet, „Sohn Davids, hab erbarmen mit mir“, ist schon ansatzweise Ausdruck des Glaubens. Jesus bestätigt das, wenn er ihm sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen“. Zum Schluss heißt es dann: „Und er folgte Jesus auf seinem Weg.“ Diese Nachfolge ist das volle Ja zu Jesus, zu Gott.

Die Heilung von der physischen Blindheit wird zum Bild für die Heilung von der geistigen, die ebenfalls in diesem Augenblick erscheint. Seinem eigenen Handeln entspricht auf Seiten Jesu, dass er sich ihm zuwendet, dass er ihn zu sich ruft, dass er ihm das Augenlicht schenkt, dass er ihn in die Gemeinschaft seiner Jünger aufnimmt.

3 Nicht nur hier, sondern immer und überall wird der Glaube von „beiden Seiten“ her begründet, von Seiten des Menschen und von Seiten Gottes her, aber kann einmal dieses und einmal jenes überwiegen.

Die meisten von uns kommen aus einer christlichen Familie. Hier ist der Glaube eingeübt worden. Wir sind im Glauben unterrichtet worden. Wir kommen eben da durch die Feier der Eucharistie ständig mit ihm in Berührung. Wir werden immer wieder aufgerufen, den Glauben auch zu leben. Hier scheint es, als sei Glaube weithin ein menschliches Werk.

Es gibt andere Beispiele, bei denen der einzelne scheinbar nur wenig oder fast nichts beigetragen hat. Sie haben vielleicht den Namen Tatjana Geritschewa gehört. Vor kurzem erschien ihr zweites Buch, in den sie von ihrem Glauben und dem Glauben vieler junger Russen schreibt.

Anfang Mai spricht sie in der Katholischen Akademie in München unter dem Thema: „Meine Glaubenserfahrungen im Osten als Anfrage und die Kirche im Westen“. Dort sprach die ehemalige Philosophiedozentin von einer Bekehrung Russlands, vom Wunder der Bekehrung Russlands. Sie gebrauchte dieses Wort „Wunder“ und sagt, dass ihr eigenes Leben ein Wunder sei, und zwar deshalb, wie – sie sie sagte – wir das Christentum gar nicht gesucht haben. Ja wir haben es irgendwie verachtet und verlacht, wir haben über die ungebildeten alten Frauen gelacht, die die Kirche besuchten. Sie sagt von sich: Ich habe niemals die Heilige Schrift gelesen (woher hätte ich sie bekommen!) Ich habe niemals die Kirche besucht. Das Gebet war für mich eine Absurdität. Der erste Funke ist in ihre Seele gefallen mit dem Vaterunser, das sie irgendwo fand. Sie las es – mehrmals, kalt, ausdruckslos. Aber dann brach auf einmal etwas auf. Sie war ergriffen, es war „Offenbarung, die Offenbarung der Liebe, die Offenbarung, dass er existiert, als eine Persönlichkeit, als der Vater“. – „Ich habe die Gotteskindschaft erfahren, ich musste sagen, ich bin Christ geworden, und ich bin es bis heute in Überzeugung“. Wie ihr, so sei es vielen anderen gegangen: sie haben zum Christentum gefunden, ohne es zu suchen.

Das sind zwei extreme Wege, und zwischen diesen liegen unendlich viele andere Möglichkeiten. Auch unser Weg liegt wohl irgendwie dazwischen. Niemand sucht sich seinen Weg aus, sondern muss den seinen gehen. Aus dem, der ich geworden bin, der ich heute bin, soll der werden, der ich nach Gottes Willen sein soll. Ich bin es noch nicht, und ich werde es nicht sein, solange ich lebe, denn solange wir leben, sind wir unterwegs und noch nicht am Ziel.

Ich finde meinen Weg, wenn ich auf den Ruf Gottes an mich achte, der natürlich nicht in Form eines irgendwie gearteten außergwöhnlichen Erlebnisses an mich ergeht, sondern den ich erkennen kann in den vielen kleinen Situationen meines Lebens, vorausgesetzt, dass ich nicht blind oder taub dafür bin.

C Ich komme zum Schluss nochmals auf die Mission zu sprechen. Ich redete vorhin vom Wunder der Bekehrung. Auch das gibt es. Der Geist Gottes weht, wo und wie er will. Aber diese Möglichkeit darf uns nicht träge machen, weder in Bezug auf meinen eigenen Glauben noch in der Sorge für den Glauben der vielen anderen. In Bezug auf sie gilt der Auftrag Christi: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Dieser bleibt für immer bestehen, und wir müssen alle diese Aufgabe der Kirche mittragen.

 

29. Sonntag im Jahreskreis 1985 Kirchweihfest

Kirchweih – Mission 1985

 

A Am kommenden Sonntag ist der Weltmissionssonntag. Aus diesem Anlass wenden sich unsere deutschen Bischöfe mit einem Aufruf an uns.

B1 Ich möchte das Anliegen der Mission auch in der Predigt schon heute aufgreifen und so den Weltmissionssonntag vorbereiten. Das passt auch sehr gut zum Kirchweihfest. Der Kirchenbau dient ja dem Volk Gottes: er ist ein Symbol der lebendigen Kirche, und diese wiederum ist ihrem Wesen nach eine missionarische Kirche. Das heißt: Die Missionsaufgabe gehört unlösbar zu ihr. Aber wie sich das Leben wandelt – das Leben ganz allgemein und das Leben der Kirche – so wandelt sich auch die Mission.

Zweierlei ist dafür kennzeichnend. Das eine ist, dass es heute keine Missionsländer mehr gibt im Unterschied zu Nicht-Missionsländern. Von welchem Land dürfte man sagen, dass es nicht auch Missionsland ist, oder anders gesagt: Wo sind heute die Christen nicht eine Minderheit? Aus diesem Grund spricht man heute auch statt von Mission – das Wort heißt Sendung, Aussendung – von Evangelisation. Aber auf das Wort kommt es nicht an. Wichtig ist, dass wir die „Dinge“ sehen, wie sie sind.

Das zweite Kennzeichen der Mission, der Evangelisierung heute ist, dass die ehemaligen Missionskirchen nicht mehr in den Händen der Europäer sind, sondern dass sie selbständige Kirchen sind, dass sie über sich selbst verfügen. Aber das heißt nicht, dass sie aus unserer Verantwortung entlassen sind. Das Verantwortungsverhältnis hat sich damit gewandelt, und zwar so ähnlich, wie sich die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder wandelt, wenn diese nicht mehr Unmündige, sondern Erwachsene sind. Dann wird daraus eine partnerschaftliche Verantwortung: jeder trägt für sich und zugleich für den anderen Verantwortung.

2 Wenn man Mission in diesem Sinn sieht, sieht man auch sofort, dass es hier um mehr geht als darum, eine Spende zu geben. Es geht um eine grundsätzliche Einstellung den Nahen und Fernen gegenüber. Ist es mir völlig gleichgültig, ob diese an Christus glauben oder nicht, oder ist es mir ein echtes Anliegen, dass sie zu ihm finden. Am Schluss unseres heutigen Evangeliums hieß es: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Hierzu bedarf es auch heute unserer Hilfe.

Die Frage, die Gott an Kain richtet: „Wo ist dein Bruder Abel?“ ist auch eine Frage an uns. Und wir können ihr genauso wenig wie er mit der Gegenfrage ausweichen: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Ein Hüter werde ich wohl nicht, aber ich habe auch für ihn Verantwortung. Wenn mir das bewusst ist, dann ergibt es sich ganz von selbst, dass ich durch mein persönliches Zeugnis, durch das Gebet, durch meinen finanziellen Beitrag das mir Mögliche tue.

3 Das Anliegen des Weltmissionssonntags ist die Hilfe für die Seminarien, für die anderen Kirchen, die auf diese unsere Hilfe angewiesen sind. In diesem Jahr sind es, wie Sie im Aufruf unserer Bischöfe hörten, Kirchen des Fernen Ostens. An erster Stelle ist genannt die Kirche der Philippinen, eine Kirche, von der der EB in Manila kurz und einfach sagte: Es ist eine Kirche, reich an Problemen und Nöten. Das liegt nicht primär daran, dass sie sich auf über 7000 Inseln verteilt, sondern daran, dass sich in ihrer Hauptstadt Manila an die 8 Millionen Menschen zusammendrängen, was natürlich unglaubliche Schwierigkeiten mit sich bringt, soziale Probleme, aber auch Schwierigkeiten für die Evangelisation.

Das Hauptproblem ist, dass die Kirche zwischen zwei Blöcken steht. Auf der einen Seite steht der totalitäre Staat, der die Interessen der Reichen vertritt und diese unnachsichtig durchzusetzen versucht. Auf der anderen Seite steht die kommunistische Untergrundbewegung, die mit terroristischen Mitteln dagegen ankämpft und ihre Ideen zu verwirklichen versucht.

Die Kirche kann weder für die einen noch für die anderen Partei ergreifen und gerät damit in eine äußerst schwierige Lage. Sie wird, weil sie Unrecht - Unrecht nennt und weil sie nicht den Kampf, sondern die Versöhnung im Geiste Christi predigt, von den einen und den anderen beschuldigt. Eine solche Zerreißprobe hält man auf Dauer nur aus, wenn man einen Rückhalt hat, wenn man sich nicht allein weiß. Der philippinische Kardinal hat erst kürzlich, Ende September, den deutschen Katholiken und ihrem Missionswerk ganz ausdrücklich für die Unterstützung, für diesen Rückhalt gedankt. So sehr sie unsere Unterstützung brauchen: sie nehmen sie nicht als Selbstverständlichkeit hin.

4 In den anderen fernöstlichen Ländern ist die Lage der Christen, der Katholiken eine ganz andere. Sie sind meist eine kleine Minderheit, aber voll Kraft, voll Leben. In vielen Ländern sind diese Kirchen heute in der Lage, die Menschen, die sie brauchen: Bischöfe, Priester, Ordensleute, Katechisten, selbst zu stellen, das ist das Wichtigste. Was sie brauchen, sind die Mittel, die zur Ausbildung und zum Unterhalt notwendig sind, und hier können wir ihnen helfen. Das ist eine Form echter Partnerschaft, die der missionarischen Vorstellung unserer Zeit entspricht.

C Ein Journalist, der in der Zeitschrift „Die katholischen Missionen“ die Eindrücke und Erlebnisse in fünf Kirchen Asiens dargelegt hat, beschließt seinen Aufsatz mit einem Bild, mit dem auch ich schließen möchte.

Im Westen von Hyderabad, so erzählt er, befindet sich eine der größten Festungen der Welt. In diesem Fort, das mehrere Quadratkilometer groß ist, gibt es beim Eingang einen Punkt. Wenn man dort stehend in die Hände klatscht, kommt das Echo vierundzwanzigmal zurück – ein Phänomen, das bis jetzt niemand erklären konnte.

Genauso ist es mit jedem Handschlag, den wir für die Kirchen dort tun: Jeder ist ein unvorstellbares Echo.

 

28. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                                                                         Mk 10,17 – 3-0

 

A Was unser Leben am stärksten prägt: das sind Begegnungen mit anderen. Es kann sich dabei um einmalige Begegnungen handeln, stärker sind solche, die sich wiederholen, und am stärksten sind natürlich die, die in einer Dauerbeziehung bestehen, auch dies ist letztlich nichts anderes als ein fortwährendes Sich-Begegnen. Diese Begegnungen können zufällig sein oder gesucht, sie können ganz oberflächlich sein, und sie können sehr tief gehen. Eine Wirkung geht immer von ihnen aus.

Wenn wir uns das Evangelium als Ganzes anschauen, müssen wir von ihm sagen, dass es vor allem von Begegnungen Jesu mit Menschen erzählt, von der Begegnung mit Einzelnen und mit kleinen und größeren Gruppen. Ein Beispiel dafür ist der Abschnitt, den wir eben gehört haben.

B1 Die Erzählung – unser Evangelium – beginnt mit den Worten: „In jener Zeit lief ein Mann auf Jesus zu und fiel vor ihm auf die Knie. . .“ Dieser Mann, so müssen wir annehmen, hat schon Verschiedenes von Jesus gehört, und er wünscht ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen. Jetzt bietet sich ihm die Gelegenheit dazu, diese möchte er nicht versäumen, und deshalb läuft er zu ihn hin.

Es könnte bloße Neugierde sein, die ihn treibt, aber das allein ist es nicht. Er möchte von ihm eine Antwort auf die Frage, die ihn wohl bedrängt, was er tun muss, „um das ewige Leben zu gewinnen“. Jesus verweist ihn auf die Gebote und nennt einige Beispiele. Wenn der Mann darauf antwortet, „alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt“, dann ist das wohl nicht Ausdruck einer pharisäischen Selbstgerechtigkeit. Hielte er sich für gerecht, dann würde er nicht die Frage an Jesus stellen, was er tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen. Wir haben es anscheinend mit einem strebenden, hochherzigen Menschen zu tun. Er begnügt sich nicht damit, zu tun, was man eben tut, was andere tun. Einen Menschen, der so gesinnt ist, muss man ganz einfach gern haben. Von Jesus wird es ausdrücklich gesagt: „Und weil er ihn liebte, sagte er eines fehlt dir noch. . . verkaufe was du hast . . . dann komm und folge mir.“

2 Man erwartet, dass dieser Mann es auch hochherzig tut. Wir wissen von anderen Begegnungen Jesu: mit den Fischern am See von Genezareth, mit dem Zöllner an der Zollstätte, an die Jesus den gleichen Aufruf gerichtet hat. Sie sind nicht zu ihm hingelaufen wie dieser, sondern Jesus ist zu ihnen gegangen: sie haben ihn nicht gefragt, „Herr, was muss ich tun“, sie traf dieser Aufruf wohl ganz überraschend, aber sie sind sogleich darauf eingegangen. Hier erwartet man das erst recht. Aber dieser Mann verweigert sich dem Anruf Jesu, alles zu verlassen und ihm zu folgen, sein Leben mit ihm zu teilen. Er „war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg.“ Der Grund dafür ist, dass er vieles besaß und dass er sich davon nicht frei machen konnte, um das Leben mit Jesus zu teilen.

3 Was den Anruf Jesu betrifft: es wird gerade hier deutlich, dass er ihm damit nichts Unnötiges aufbürden wollte. „Weil er ihn liebte . . .“, deshalb lädt er ihn ein, mit ihm zu gehen, bei ihm zu sein und sich dafür freizumachen. Auf dem „Komm und folge mir“ liegt der Akzent, das andere („verkaufe, was du hast“) ist nur eine Vorbedingung dazu. Jesus ruft den Mann in seine Nähe, zur Gemeinschaft mit ihm, dass er sein Leben mit ihm teile: das ist nicht in erster Linie eine Forderung, sondern ein Angebot, Ausdruck seiner Liebe, Höheres als dieses kann man einen Menschen gar nicht bieten.

Was hier ausdrücklich gesagt wird, „. . . weil er ihn liebte, sagte er. . .“, gilt für jede Berufung, für die besondere und allgemeine Berufung, die besondere ist die Berufung zu einer engeren Nachfolge vor allem im Priester- und Ordensstand. Aus Liebe zu uns Menschen sandte der Vater seinen Sohn in die Welt, aus Liebe zu den Menschen wendet sich der Sohn an sie, um sie zu Gott zu führen.

4 Bei dem Mann, von dem hier erzählt wird, hat man zunächst den Eindruck, dass er zu allen bereit ist, was Gott von ihm erwartet. Er ist sich wohl selbst nicht der Schranke bewusst, die er in seinem Inneren aufgerichtet hat und die erst durch den Aufruf Jesu sichtbar wird. Es ist sein Besitz, von dem er sich nicht trennen will. Bis zu dieser Schranke ist er bereit zu gehen, aber nicht weiter, auch dann nicht, als der, vor dem er sich niedergeworfen hat, ihn dazu aufruft. Tiefer als vor Jesus neigt er sich vor dem, was er sein Eigentum nennt.

Er geht traurig weg. Die größere Trauer liegt bei Jesus, der bemerkt: „Wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Dieser Redensart bedient man sich wie auch anderer Redensarten als Mittel der Übertreibung. Aber dieses nimmt ihm nichts von seinem Ernst.

5 Der Reichtum ist eine mögliche Schranke, die eine Grenze setzt, es gibt auch andere Schranken. Sie könnte darin bestehen, dass man grundsätzlich nicht bereit ist, sich unterzuordnen, zu gehorchen – auch Gott nicht. Sie könnte in der Angst liegen, eine Bindung einzugehen und sich auf Dauer festzulegen, sie könnte in starrem Ehrgefühl liegen, das sich so auswirkt, dass man grundsätzlich nicht bereit ist, eine wirkliche oder vermeintliche Verletzung dieses Ehrgefühls zu verzeihen und in Gottes Barmherzigkeit einzustimmen. Immer sind hier Unsicherheit und Angst im Spiel. Aber Gott ruft uns nicht, ohne uns nicht zugleich die Kraft zu geben, seinem Ruf zu folgen. Und ihm ist, wie es am Schluss unseres Evangeliums hieß, alles möglich.

C Der Grund dafür, dass man sich dem Anruf Gottes verweigert, ist, wie gesagt, oft die Angst. Wer Angst hat, schließt fest zu, verbarrikadiert sich, versteckt sich. Um dieser Angst nicht zu erliegen, sollen wir die Worte der Heiligen Theresia beherzigen, ihr Fest feiern wir übermorgen – die sie auf einen Zettel geschrieben hatte, den man bei ihrem Tod in ihrem Gewand gefunden hat:

„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber, Gott allein bleibt derselbe. Geduld erreicht alles. Wer Gott besitzt, dem kann nichts fehlen. Gott allein genügt.“

27. Sonntag im Jahreskreis 1985 (Erntedank)

Erntedank                                                                                                                              Lk 17,11 – 19

 

A Wir haben im vergangenen Mai den vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes begangen. Wie jeder Krieg, so brachte auch dieser für Millionen von Menschen Not und Hunger mit sich. Und sie sind auch noch geblieben, als die Waffen geschwiegen haben. Damals, in den Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit, hatte der Erntedank einen anderen Stellenwert als heute. Er wird zwar auch heute an manchen Orten, in manchen Gegenden eindrucksvoll gefeiert mit groß angelegten Früchtedekorationen. Aber diese machen natürlich den eigentlichen Erntedank nicht aus. Dieser ist eine Sache der Besinnung, der inneren Haltung.

In einer religiösen Zeitschrift stand vor kurzem ein Artikel mit der Überschrift: „Wird der Segen der Erde ein Fluch?“ Der Schreiber weist in diesem Aufsatz darauf hin, dass sich heute nicht nur die Städter schwer tun, das Erntedankfest zu feiern, weil sie zum Erntevorgang kaum eine Beziehung haben, sondern dass heute selbst die Bauern Schwierigkeiten haben und vor allem die, die bei uns hier die Interessen der Bauern politisch zu vertreten haben.

Die „Not“ kommt von dem Übermaß an Produkten her. Der Milchsee wird immer größer, der Butterberg wird immer höher, die Kühlhäuser mit den Fleischvorräten immer voller. Wohin mit alle dem? Wer kauft das?

Es lässt sich natürlich leicht sagen: Es gibt so viel Hungernde in der Welt. Man kann es doch diesen geben. Sie brauchen es, sie brauchen es notwendig. Im Prinzip ist das völlig richtig. Aber so einfach ist das auch wieder nicht. Es muss nicht nur bezahlt werden. Es erhebt sich auch die Frage: wenn wir unseren Überschuss in diese Länder leiten, verhindern wir dann nicht den Aufbau einer eigenen Wirtschaft, und das ist, längerfristig gesehen, das Wichtigste. Andererseits ist es verständlich, dass unsere Bauern so viel wie möglich erzeugen wollen, sie möchten ihren Anteil an den ständig steigenden Einkommen haben. Unsere Frage hier ist aber nicht die der Wirtschaft, sondern des Denkens.

2 Trotz der genannten und anderer Probleme bleibt es eben unsere innere Verpflichtung, Gott zu danken für die Früchte von Feldern und Gärten, für die Früchte der menschlichen Arbeit, durch die wir haben, was wir zum täglichen Leben brauchen. Auch wenn wir es in Fülle haben, verliert das Danken nicht seinen Sinn, obwohl gerade dann die Gefahr besteht, darauf zu vergessen.

A Das Danken gehört ganz einfach zu einem bewussten Leben, bewusst in dem Sinn, dass wir uns nicht einfach treiben lassen von unseren Bedürfnissen, von den Reizen, die auf uns einwirken. Bewusst Leben heißt, dass ich bedenke, was ich habe, was ich rede, was ich tue, was mir zu Teil wird. Pflanzen und Tiere leben auch. Aber bewusst leben: das ist typisch für den Menschen. Wir müssten uns vor uns selbst schämen, wenn wir Erwachsene, wenn wir das, was andere für uns tun, einfach hinnehmen, ohne zu danken. Und wenn das schon für dieses oder jenes, für die Kleinigkeiten des Lebens gilt, gilt es dann nicht erst recht für das, was wir Tag für Tag empfangen. Und wenn es viel ist, sehr viel, dann soll das Grund zu mehr Dank sein und nicht weniger.

B Dankbarkeit ist die Haltung eines denkenden Menschen, aber das nicht allein. Manchen von Ihnen wird die Erzählung vom König und dem armen Hirten bekannt sein. Ein unglücklicher König sendet seine Diener aus, um einen Menschen zu suchen, der glücklich ist. Ihn sollten sie um sein Hemd bitten, damit es der König anziehe und glücklich werde. Die Diener des Königs fragen viele, bis sie endlich einen finden, der ganz glücklich ist. Sie bitten ihn, dass er ihnen sein Hemd gebe: sie werden es reich entgelten. Der arme Hirte aber musste gestehen, dass er kein Hemd habe.

Wer reich ist wie ein König, ist deshalb noch nicht glücklich. Und wer arm ist und nur wenig hat, der schätzt wohl viel mehr, was er hat, natürlich nicht nur an Dingen, Sachen, sondern auch an Zuwendung anderer, an Aufmerksamkeiten, die ihm zu Teil werden, und er wird dafür dankbar sein. Man kann das auch umkehren: wer dankt, der erkennt, was er hat, er schätzt, was er hat, sieht, wie reich sein Leben ist, und mag es im Vergleich zu anderen wenig sein. Nicht die Menge macht es aus, sondern das Wissen um den Wert, die Wertschätzung, und aus ihr ergibt sich auch das Danken.

Das Erntedankfest will uns hinweisen auf den Reichtum unseres Lebens: dass wir täglich zu essen und zu trinken haben. Wenn wir bewusst dafür danken, dann geht uns dadurch auch der Wert dieser Alltäglichkeiten auf. Dann wird uns der Reichtum unseres Lebens bewusst, und das wiederum fördert die Lebensfreude.

C Und noch ein Gedanke! Wenn wir das Brot, das Fleisch, das Gemüse – eben all das, was auf unseren Tischen steht – nicht nur als Dinge ansehen, die einfach da sind, sondern als Gaben im ganz wörtlichen Sinn: als etwas, was uns gegeben ist, dann weisen sie auch auf den Geber hin, auf den letzten Geber, in dem alles seinen Grund hat. Wenn wir sie als Gaben sehen, dann werden uns Speise und Trank zu Zeichen, die auf Gott hinzeigen. So gesehen, könnte man die Redensart, dass die Liebe über den Magen geht, auch auf Gott beziehen. Aber das geschieht nicht von selbst, sondern nur, wenn wir bewusst leben oder, man kann geradeso gut sagen, dann, wenn wir mit Dank antworten auf das, was uns Tag für Tag zu Teil wird.

C Wir feiern einmal im Jahr Erntedank. In einfacher Form kommt das nämliche, der Dank, zum Ausdruck im Tischgebet. Dieses Beten vor und nach Tisch war früher eine Selbstverständlichkeit, vielleicht in einem solchen Grad, das es oft nur gedankenlose Gewohnheit wurde. Aber heute ist es bei vielen in Vergessenheit geraten.

Es gibt keine Verpflichtung zum Tischgebet: wann und wo immer ich bete, das liegt bei mir. Nur dass ich bete: das ist bestimmend. Aber es ist sicher etwas Gutes. Das Bitten und Danken im Zusammenhang mit dem Essen schenkt uns auch etwas, was für unser Leben von Bedeutung ist.

26. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                                              Mk 9,38 – 43. 45. 47 – 48

 

A Hirtenwort zur Caritassammlung

B Wenden wir uns unserem Evangelium zu. Es besteht aus einer Folge von Einzelteilen, die verschiedene Anliegen betreffen.

1 Der erste kleine Abschnitt handelt von einem fremden Wundertäter. Der Apostel Johannes erzählt von ihm. Er berichtet, dass er in seinem (Jesu) Namen Dämonen austreibt, dass er sich aber ihnen, dem Jüngerkreis, nicht anschließt. Deshalb versuchten sie ihn daran zu hindern. Jesus hat für diesen Eifer seiner Jünger irgendwie Verständnis. Seine Antwort „Hindert ihn nicht“ ist zwar eine Korrektur, aber doch in einer sehr sanften Form. Und er gibt ihnen zu bedenken, dass man doch auch den guten Willen dieses Fremden anerkennen muss, er fügt an: „Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“

Vielleicht fällt Ihnen ein, dass es im Evangelium auch ein Wort gibt, das genau das Gegenteil besagt. Aber dieses steht in einem anderen Zusammenhang und ist deshalb nicht als Widerspruch zu dem hier Gesagten zu verstehen. Hier geht es Jesus um die Toleranz. Außenstehenden gegenüber im Unterschied zur Engherzigkeit der Jünger, die eine strenge Abgrenzung vornehmen.

Sicher, man kann nicht auf Abgrenzungen völlig verzichten, auch in dieser Hinsicht muss es eine gewisse Ordnung geben, aber eine sektiererische Abschließung entspricht nicht dem Geist Christi. Anders gesagt: Wir müssen das Gute auch bei denen sehen und anerkennen, die nicht offiziell zur Kirche gehören, die uns aber doch dadurch, dass sie guten Willen haben, verbunden sind, ja näher stehen als die, die nur in einem äußeren Sinn zur Kirche gehören. Augustinus sagte einmal: „Viele, die draußen zu sein scheinen, sind drinnen, und viele, die drinnen zu sein scheinen, sind draußen.“

2 Gegen andere sollen wir großzügig sein. Gegen uns selbst aber sollen wir streng sein. Davon ist am Schluss des Evangeliums die Rede. Es sind die Worte, mit denen sich viele schwer tun: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt . . . oder dein Fuß, dann hau sie ab. Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus.“

Es ist klar, dass dies in einem Übertragenen Sinn zu verstehen ist, aber das nimmt diesen Worten nichts an ihrem Ernst. Niemand soll sich eine Hand abschlagen oder ein Auge ausreißen. Aber wir sollen alle mit großer Entschiedenheit dem Bösen in jeder Form wiederstehen. Der Verlust einer Hand, der Verlust eines Auges wäre nicht so schlimm, als bewusst Böses zu tun. Was tun wir heute nicht, um bei einer Verletzung ein Bein, ein Auge zu retten. Für jeden wäre der Verlust eines Gliedes etwas ganz Schlimmes.

Sehen wir im Bösen etwas genauso Schlimmes? Oder ist das viel harmloser? Neigen wir nicht mehr oder weniger alle zu einem solchen Urteil? Es mag daran liegen, dass wir uns sagen: Gott wird uns in seiner Barmherzigkeit schon verzeihen. Aber Jesus nimmt das Böse sehr ernst. Denn das Böse ist das Gottwidrige. Deshalb diese starken Worte: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab.“ Und er bekräftigt sie noch dadurch, dass er auf die Hölle hinweist. „Es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen“, in die Gottferne zu kommen.

3 Fassen wir Anfang und Schluss unseres Evangeliums zusammen: sie sagen uns, dass wir großzügig, hochherzig, tolerant gegen andere, auch gegen Außenstehende, sein sollen, dass wir aber uns selbst gegenüber von kompromissloser Entschiedenheit sein sollten. Das natürliche Streben tendiert auf die umgekehrte Ausrichtung hin: hart gegen andere, nachgiebig und weich gegen uns selbst. Für uns haben wir tausend Entschuldigungen, bei den anderen wollen wir sie nicht anerkennen. Diesem natürlichen Trend gilt es bewusst und ausdrücklich entgegenzuwirken und an seine Stelle die Haltung setzen, die Jesus von uns erwartet: dass wir hochherzig und tolerant gegen andere sind, gegen uns selbst aber von kompromissloser Entschiedenheit.

C Wir feiern heute auch das Fest des Heiligen Michael – in der Liturgie tritt es zwar heute, am Sonntag, nicht in Erscheinung. In ihm verehren wir einen Streiter für Recht und Gerechtigkeit, einen Streiter für das Gute, für das Gottgewollte. Treten wir an seine Seite, verstärken wir die Front des Guten, in der Weise, wie es uns dieses Evangelium zeigt.

25. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                                                               Mk 9,30 – 37

 

A Am Anfang des Evangeliums des letzten Sonntags stand das Bekenntnis des Petrus auf die Frage Jesu „Für wen haltet ihr mich“, das Bekenntnis: Du bist der Messias. Es ist dies das Grundbekenntnis aller, die an Jesus glauben. Nur gebrauchen wir nicht das betreffende Wort Messias, sondern die griechische Übersetzung dieses Wortes „Christos“ oder Christus. Und wir sagen auch meist nicht „Jesus ist der Christus“, sondern wir sprechen einfach von „Jesus Christus“ und bekennen eben damit, dass Jesus der Christus, der Messias ist. Ich habe das schon am vergangenen Sonntag gesagt und dann zu erklären versucht, was es denn eigentlich heißt, was wir ausdrücken, wenn wir von Jesus als dem Christus sprechen – wenn wir Jesus diesen Titel geben.

Im heutigen Evangelium stoßen wir auf einen anderen Titel. Es heißt hier: „Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, sie werden ihn töten, doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen“. Das mit diesem Namen „Menschensohn“ Jesus gemeint ist, ist klar. Wir wollen uns nun fragen – ähnlich wie vor acht Tagen – was denn dieser Name, dieser Titel, ausdrückt.

B1 Jesus hat bis zu seiner Verurteilung von sich nicht als dem Messias gesprochen, und denen, die ihn so bezeichneten, hat er schweigen auferlegt. Der Grund dafür war, dass dieser Name mit verschiedenen Vorstellungen befrachtet war, die die Gefahr in sich bargen, dass er und seine Sendung missverstanden wird. Anders ist es mit dem Namen „Menschensohn“, auf den wir im Evangelium sehr oft stoßen, ca. achtzigmal. An fast allen Stellen ist es Jesus selbst, der so von sich spricht.

2 Im Unterschied zu dem Messiasnamen war diese Bezeichnung nicht vorbelastet, jedenfalls nicht so, dass er zu Missverständnissen Anlass geben konnte. Er findet sich zwar schon im AT, aber er ging nicht in das allgemeine Denken ein wie die Messiasvorstellung, die Messiaserwartung, die ja im Denken der Zeit eine große Rolle spielte. Im AT stoßen wir auf die Gestalt des Menschensohnes – so wird er genannt in der Zukunftsvision des Buches Daniel. Es heißt an der betreffenden Stelle: „Da kam in den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Ihm wurde Herrschaft, Würde und Königtum übergeben, alle Völker müssen ihm dienen, seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft, sein Reich geht niemals unter.“

Auf diese Vision, diese Stelle weist der Titel Menschensohn zurück, in dem Jesus von sich redet. Das lässt sich auch daran erkennen, dass er ihn immer dann verwendet, wenn er von seiner Vollmacht spricht. Auf die Anschuldigung, dass seine Jünger den Sabbat gebrochen haben, weil sie Ähren pflückten, erklärt er: „Der Menschensohn ist Herr auch über den Sabbat.“ Und denen, die sich verwundert fragen, wie er Sünden vergeben kann, erklärt er: „Der Menschensohn hat die Vollmacht, hier auf der Erde Sünden zu vergeben.“

Für den, der schon glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist, eins mit dem Vater, für den ist das selbstverständlich. Natürlich hat er solche Macht über das Gesetz und die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Aber dieser Glaube an die göttliche Würde Jesu steht ja nicht am Anfang, sondern am Ende. Erst nach mehreren Zwischenstufen sind die Menschen zu diesem Glauben gelangt. Der Weg der Glaubenserkenntnis ging nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben. Am Anfang steht das Staunen, dem folgte die Einsicht, dass Jesus Macht hat über die Menschen und über die Natur, dass er göttliche Vollmacht hat, und erst dann baut sich die Glaubenserkenntnis auf, dass der, „der ihn sieht, den Vater sieht“, „dass er und der Vater eins sind.“

Der Titel Menschensohn hört sich recht anspruchslos an, so könnte man eigentlich jeden Menschen bezeichnen, aber er ist es nicht. Er bringt den Macht-, den Herrschaftsanspruch Jesu zum Ausdruck. Das zeigt sich auch dort, wo er von der Zukunft spricht: Wer sich zu ihm bekennt, zu dem wird sich der Menschensohn auch beim Gericht bekennen und ihn retten. Und am Ende „wird der Menschensohn kommen mit großer Macht und Herrlichkeit“ und das Begonnene vollenden.

3 Es kommt noch etwas hinzu. Es gibt noch eine andere Gruppe von Stellen, an denen Jesus von sich als dem Menschensohn spricht. Es sind die, in denen auf sein Leiden hingewiesen wird. Dazu gehört auch unser Evangelium. Es heißt hier: „Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten, doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.“

Die Größe Jesu zeigt sich nicht nur in seinen Machttaten, sondern auch in seiner Niedrigkeit. Diese ist ja nicht Zeichen seiner Schwäche, sondern sie ergibt sich aus seinem Heilswillen, aus seiner sorgenden Liebe zu uns Menschen. Wenn Pilatus nach der Geißelung Jesus der Menge vorstellt und sagt: „Seht da der Mensch“, dann dürfen wir das verstehen in dem Sinn: „Seht da den Menschensohn“.

4 Dieser Titel Menschensohn umschließt also beides: seine Niedrigkeit und seine Herrlichkeit. Der Menschensohn ist der, der sich zum Sklaven aller machte und der, der kommen wird zum Gericht, der Geschundene und der Verherrlichte. Und diese Spannweite muss auch unser Glaube haben: Er ist der, den das Kreuz uns zeigt, der für uns und um unseres Heiles Willen das Äußerste für uns getan hat, der durch eine schier törichte Liebe um uns wirbt und uns herausholen will aus Selbstgenügsamkeit und Selbstsucht, der uns gleichsam zum Glück nötigen will, aber ohne Gewalt. Das ist das eine.

Das andere ist der, den Michelangelo auf seinen berühmten Fresko in der Sixtinischen Kapelle dargestellt hat: der machtvolle Herrscher, der aus dem Licht hereintritt und über jeden das Urteil spricht. Wir müssen das eine so ernst nehmen wie das andere. Nur so geben wir dem die angemessene Antwort, der von sich aus als dem Menschensohn spricht.

C Wir verwenden heute den Titel Menschensohn nicht mehr, wenn wir von Jesus sprechen, es sei denn, wir zitieren die Heilige Schrift. Aber was er ausdrückt, das ist heute genauso gültig und genauso wichtig wie damals. Wir bekennen es in jeder Messfeier, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen oder singen, in dem es heißt, dass er gekreuzigt wurde, gelitten hat und begraben wurde, zugleich, dass er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten. Und wir bekennen es, wenn wir nach der Heiligen Wandlung sprechen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wird, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Sprechen wir dieses heute wieder ganz bewusst.


24. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                                                  Mk 8,27 – 35

 

A Das zweite Vatikanische Konzil weist darauf hin, dass wir die Hierarchie der Glaubenswahrheiten, d. h. die Rangordnung der Glaubenswahrheiten beachten müssen. Es gibt ganz wichtige zentrale Wahrheiten. Die wichtigen muss man entsprechend wichtig nehmen, und die weniger wichtig sind, soll man nicht überbetonen. Die Frage, die Jesus heute aufwirft, „Wofür halten mich die Leute“ gehört zweifellos zu den ganz wichtigen Fragen des Glaubens. Ja sie ist die Kernfrage: denn von ihr hängt ja mein Verhältnis zu Jesus und zu Gott ab. Dieses ist ja ein anderes, ob ich Jesus nur als guten Menschen sehe, als einen der Propheten oder als den Gottessohn. Wir haben es heute mit einem erstrangigen Thema zu tun.

B11 Jesus eröffnet das Gespräch mit der Frage: Für wen halten mich die Menschen? Diese Frage ist verhältnismäßig leicht zu beantworten. Hier brauche ich nur mitzuteilen, was ich aus Erfahrung weiß oder durch die Mitteilung anderer. Die Antwort ist, wie wir hören, nicht einheitlich. Und wenn wir uns heute bei den Menschen umsehen, dann erkennen wir, dass sie noch vielfältiger ist als damals.

Wesentlich ernster ist die Frage, wenn sie an uns selbst gerichtet ist, wenn sie heißt: wofür haltet ihr mich, wofür hältst du mich? Jetzt ist ein Bekenntnis, eine Entscheidung verlangt. Hier im Evangelium ist es Petrus, der im Namen der Jünger die Antwort gibt. Er bekennt: Du bist der Messias. Er legt damit zum ersten mal ein Bekenntnis ab, das dann immer wieder gegeben wurde und gegeben wird, auch von uns. Wir sagen zwar nicht Jesus ist der Messias, sondern wir gebrauchen statt des betreffenden Wortes Messias das altgriechische Wort: Christos, Christus. Und wir geben dieses Bekenntnis auch meist nicht in der Form eines Satzes. Jesus ist der Christus, sondern wir sagen einfach Jesus Christus, und oft lassen wir den Personennamen weg und sprechen, wenn wir Jesus meinen, einfach von Christus, ja der Titel Christus, d. h. Messias, wird verwendet wie ein Personenname. Und in Ableitung davon nennen wir Gläubige uns Christen, und die Gemeinschaft der Christen nennen wir die Christenheit, und was dem Geist Jesu entspricht, bezeichnen wir als christlich.

2 Was drückt denn dieser Titel, dieser Name „Messias“ = Christus eigentlich aus? Was sagt er über Jesus? Es fällt auf, dass sich nach dem Zeugnis der Evangelien Jesus niemals diesen Namen selbst gegeben hat, und die, die ihn so bezeichneten, hat er zur Zurückhaltung gemahnt. In unserem Evangelium heißt es: „Er verbot ihnen, mit jemanden über ihn zu sprechen“, darüber, dass er der Messias ist. Der Grund dafür liegt darin, dass mit der Messiaserwartung recht unterschiedliche Vorstellungen verbunden waren, auch politische Erwartungen waren zum Teil damit verknüpft. Der Titel barg also die Gefahr von Verzeichnungen, von Missverständnissen in sich. Dies wollte Jesus natürlich verhindern. Aber es besteht kein Zweifel, dass sich Jesus als der verheißene Messias verstanden hat.

Aber damit ist noch nicht klar, was dieser Name, dieser Titel in seinem Sinne meint.

3a Ganz wörtlich heißt Messias, heißt Christus der Gesalbte: Es ist gesalbt mit dem Heiligen Geist, er ist erfüllt mit dem Heiligen Geist. In der Synagoge von Nazareth hat Jesus ein Wort des Propheten Jesaia auf sich bezogen und gesagt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt.“ Als solcher ist er der Heilsbringer der Menschen und damit die Erfüllung der Erwartungen des Volkes Gottes, aber auch der Sehnsüchte der Menschen. Durch die Sendung, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes will er die Heiligung und Vollendung der Menschen bewirken. Die Salbung bei der Taufe und bei der Firmung weisen darauf hin.

Das ist das eine: der Messias, Christus, erfüllt vom Heiligen Geist und gesandt zum Heil der Menschen. Das andere ist, dass der Christus der von Gott gesandte Herrscher über die Menschen ist. In der Anklage Jesu vor dem römischen Stadthalter wird – nach dem Zeugnis des Johannes-Evangeliums – der Ausdruck Messias ersetzt durch den Titel König. So fragt Pilatus auf die Anklage der Führer des Volkes hin Jesus: Bist du der König der Juden? Jesus bestätigt das: Ja, ich bin es.

Diese Bezeichnung König kommt der zweiten Bedeutung des Messiastitels am nächsten. Er drückt seine Vollmacht aus, seine herrscherliche Stellung: ein Herrschen freilich in einem ganz anderen Sinn, als es gewöhnlich gemeint ist. Es ist ein Herrschen, das ganz auf das Wohl der Menschen ausgerichtet ist.

Wenn wir Jesus Christus nennen, dann drücken wir damit zum einen den Glauben und die Hoffnung aus, dass er uns zum Heile führen wird, und zum anderen die Anerkennung als Herr, als Herrscher der Menschen, auch als Herr meines Lebens.

4 Entspricht dieses Bekenntnis aus unserem Leben, kann ich sagen: auf ihn hoffe ich letztlich, er ist der Herr meines Lebens in dem Sinn, dass sein Wort und sein Beispiel für mich auch bestimmend ist.

Ich nehme an, dass wir alle etwas zögern, auf diese Frage frank und frei ja zu sagen. Grundsätzlich wollen das sicher die meisten, aber dieses grundsätzliche Ja zu Jesus, dem Messias, stößt im täglichen Leben doch immer wieder auf Schwierigkeiten, die uns verleiten, dem als recht Erkannten auszuweichen. Wenn mein ja zu Jesus, dem Christus, nur soweit geht, als sein Anspruch mit meinen Interessen übereinstimmt, dann ist das kein echtes Bekenntnis, dann wären es nur Worte. Aber Jesus erwartet von uns – genauso wie von den Aposteln damals – nicht bloß ein Lippenbekenntnis, sondern eine Antwort, hinter der eine echte persönliche Entscheidung steht, die durch das Handeln abgedeckt ist, zumindest durch das Wollen. Die Frage hat sich im Vergleich zu damals insofern gewendet, als sie nicht mehr darauf zielt, wer der ist – das haben sein Tod und seine Auferstehung geklärt, sondern ob wir bereit sind, ihn auch als Messias, als Christus, anzuerkennen, ob wir ihn als unseren Herrn und Heiland anerkennen.

C Wir leben in einer Zeit, die gekennzeichnet ist durch das Verlangen nach Freiheit, nach Freisein. Urlaub als Freisein von jeder Verpflichtung, nicht nur von der Arbeit, sondern auch von jeder Verpflichtung: das ist für viele das Höchste. Diese Vorstellung hat aber etwas Verlockendes, aber wir sollen dieser Verlockung nicht erliegen. Es gibt Verpflichtungen gegenüber Menschen, die wir nicht ablegen dürfen, und es sind die Verpflichtungen gegenüber Gott, die sich aus dem Bekenntnis zu ihm ergeben. Und diese Verpflichtungen sind nicht nur etwas Forderndes, sondern durch sie gewinnt unser Leben Inhalt und Sinn.

23. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                       Mt 1,1 – 16, 18 – 23

 

A Sie haben es sicher bemerkt, dass zwischen der Lesung aus dem Propheten Jesaia und dem Evangelium eine Entsprechung besteht. Was der Prophet verheißen hat, dass erfüllt sich im vollen Sinn im Handeln Jesu. Die die Heilung des Taubstummen miterleben, sind beeindruckt davon. Staunend bekennen sie: Er hat alles gut gemacht.

Wir wollen in unserer Betrachtung von der Heilung selbst absehen und allein bei diesen Worten bleiben. „Er hat alles gut gemacht,“ und dies noch etwas verallgemeinern: „Gott hat alles gut gemacht.“

B1 Wir können es wohl unschwer nachvollziehen, dass die Zeugen des Wunders, überwältigt von dem Erlebten, so sprechen: Er hat alles gut gemacht.

Gibt es auch in unserem Leben Situationen, die uns so sprechen lassen? Ich glaube schon. Am ehesten kommt es etwa vor bei Naturerlebnissen. Wir schauen etwa von einem etwas erhöhten Punkt aus über die abendliche Landschaft, Felder und Wiesen, wir schauen über einen See, in einen Garten oder auf die Berge: und es kommen uns oft ganz spontan die Worte über die Lippen: Wie wunderbar, wie herrlich, wie schön! Nicht immer denken wir dabei auch an den Schöpfer, aber der Gedanke liegt nahe, und nahe liegt es dann auch zu sagen: wie schön hat Gott alles gemacht, wie gut hat er es gemacht. Solche Erfahrungen können uns die Augen öffnen für die Größe und Herrlichkeit Gottes.

Eine andere Erfahrung, die in die gleiche Richtung weist, ist die, dass jemand ernstlich krank war und gesund geworden ist, dass er in das Krankenhaus gebracht werden musste und dies wieder geheilt verlassen konnte. Die Dankbarkeit darüber könnte sich in den Worten ausdrücken: Gott hat alles zu einem guten Ende geführt: Gott hat alles gut gemacht.

Wahrscheinlich liegt hier eher der Gedanke an Gott näher als im ersten Fall. Und wie der Kranke, der wieder gesund geworden ist, so empfinden auch alle, die die Heilung teilnahmsvoll miterlebt haben: die Angehörigen, die Freunde: „Gott hat alles gut gemacht.“

2 Aber es ist nicht nur dieses Staunen, es sind nicht nur die Glückserfahrungen, die uns auf Gott hinweisen. Bei vielen Menschen sind es vorwiegend die Leiderfahrungen, die sie an Gott denken lassen, und dann natürlich nicht als Lob und Dank, sondern als Frage und Vorwurf. Warum muss mir das geschehen? Warum lässt Gott mich das erleiden? Warum legt er mir diese Last auf?

Im Leid denkt man noch eher an den allmächtigen Gott als in der Freude; denn das Leid macht überhaupt nachdenklicher und besinnlicher als die Freude, es lenkt den Blick in die Tiefe, auf uns selbst und auf den, dem wir in Abhängigkeit und Verantwortlichkeit gegenüberstehen.

3 Fragen wie diese: warum muss mir oder uns das geschehen? Warum lässt Gott mich das erleiden? Sind schwierig, weil es darauf keine Antwort gibt in dem Sinn, dass es Auskunft, eine Erklärung gibt. Wer könnte diese geben? „So hoch der Himmel über der Erde, so erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“, spricht Gott durch den Propheten Jesaia. Wir müssten selbst Gott sein, um ihn zu verstehen. Auf die bohrende Frage des Warum in Not und Leid gibt es als Antwort nur das Dennoch, des Vertrauens auf Gott, des Glaubens, dass er auch in der Krankheit, im Verlust eines geliebten Menschen bei uns ist und uns liebend zugetan ist. An diesem Vertrauen festzuhalten, in solchen Leiderfahrungen sich vertrauend an Gott anzuklammern: das ist wahrlich nicht leicht. Es redet sich verhältnismäßig leicht ja sagen zu solchen Worten. Das Ja in leidvollen Situationen zu leben ist wesentlich schwerer. Es ist natürlich besonders schwer, dann, wenn der Glaube kümmerlich ist. Wenn jemand lebt fast so, als gäbe es Gott nicht, und sein Glaube nicht mehr ist als die Überzeugung, dass es wohl etwas Höheres geben müsse – wenn man so lebt – Jahre, Jahrzehnte, dann ist er natürlich überfordert, wenn er plötzlich eine ganz schwere persönliche Belastung aus dem Vertrauen auf Gott bewältigen soll. In dieser Stunde, in der ein lebendiger Glaube gefordert ist, ist nicht zu erwarten, dass er sich plötzlich „aus dem Nichts bildet“. Es muss „etwas“ da sein. Er kann durch solche Herausforderungen wachsen, aber wo nichts ist, wächst auch nichts. Man kann ihn nicht einfach vermitteln mit einigen Anweisungen, sondern er muss gelebt werden. Nur so trägt er.

4 Eine Möglichkeit, eine Form, den Glauben zu leben, ist das wachsame Achten auf all das Gute und auf ihn Tag für Tag, das uns immer wieder sprechen lässt: „Gott, hat alles gut gemacht“, das uns dankbar macht für all das, was uns zuteil wird.

Ich habe zu Beginn Situationen genannt, die uns ganz spontan so sprechen lassen. Aber wir müssen nicht nur warten, bis es uns dazu drängt. Wenn wir in der Absicht auf unser Leben schauen, wofür wir eigentlich Grund haben, dankbar zu sein, dann werden wir nicht nur dieses oder jenes entdecken, wir werden erkennen, dass es unübersehbar viele Gründe dafür gibt. Ja, wir brauchen nicht auf unser ganzes bisheriges Leben, sondern bloß auf die letzte Woche schauen, bloß auf den heutigen Tag, und wir werden erkennen, dass wir Grund zur Dankbarkeit haben. Dass wir gesund aufstehen konnten, dass wir uns in gepflegten Räumen bewegen und aufhalten können, dass wir frühstücken konnten: ist das nichts! Machen nicht gerade diese Kleinigkeiten den Reichtum des Lebens aus! Sie sollen wir sehen und in ihnen begreifen, dass Gott alles gut gemacht hat; für sie sollen wir danken jeden Tag: so wächst der Glaube.

C Es ist eine alte Volksweisheit, dass der, der das Kleine nicht achtet, auch das Große nicht gewinnen wird. Und eine andere Wahrheit ist, dass man im Kleinen oft auch das Große finden kann.

Es gilt auch in Bezug auf Gott. Ihn suchen heißt auch: ihn entdecken hinter all dem Guten und Schönen, das wir erleben, Tag für Tag.

 

22. Sonntag im Jahreskreis 1985

                                                                                                    Mk 7,1 – 8. 14 – 15. 21 – 23

 

A Ich nehme die Lesung zur Grundlage der Predigt; ich schließe sie deshalb gleich an das Hören an.

Es ist ein atl. Text, ein Abschnitt aus einem der Bücher des Mose. – Wenn wiederholt hier von Israel als einer großen Nation gesprochen wird, dann ist das natürlich eine Übertreibung. Israel war eines der kleinen Völker des Vorderen Orients, und es konnte sich mit den großen Nationen, wie den Ägyptern, den Babyloniern, den Assyrern, den Persern, natürlich in keiner Weise messen. Es ist ja gerade eines der Rätsel, dass dieses kleine Volk von Gott zum Bundesvolk erwählt wurde und dass von diesem kleinen Volk eine so große Wirkung ausgegangen ist. Aber das nur nebenbei.

Das Anliegen dieses Redeabschnittes ist es, dem Volk bewusst zu machen, was es in seinem Gesetz, in seinen Geboten hat und dass es in der besonderen Gunst Gottes steht, dass er ihm nahe ist wie keinem sonst.

„Welche Nation hatte Götter, die ihr so nahe sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nahe ist… und welche Nation besaß Gesetze und Vorschriften, die so gerecht sind.“ Die anderen Völker müssen sagen wenn sie diese Gesetze kennenlernen: „In der Tat, diese Nation ist ein weises und gebildetes Volk.“ Das Volk soll sich der Bedeutung und des Wertes des Gesetzes bewusst sein, das ihm gegeben wurde, und es soll in der Folge davon natürlich auch bereit sein, nach dem Gesetz zu handeln.

Was dem alten Israel gesagt wurde, das muss noch mehr vom neuen gelten, denn Christus, auf den wir bauen, hat das Gesetz vollendet.

B1 Welche Antworten bekämen wir wohl, wenn wir unsere Mitmenschen befragten, welchen Wert die Gebote Gottes für uns haben. Und würden wir selbst sagen, wenn wir entsprechend gefragt würden.

Verbreitet ist die Tendenz, sich einfach von dem leiten zu lassen, was Spaß macht, was Lust bringt oder was in irgendeiner Weise nützlich ist. Für den, der so denkt, sind Gebote, auch die Gebote Gottes, eine Einschränkung, eine Behinderung, und er wird klug genug sein, einen Vorwand zu finden, sie abzutun. Wenn man es freilich in den Folgen zu Ende denkt, wohin wir kommen, wenn jeder nur das tut, was ihm Spaß macht, dann wird man schnell erkennen, dass diese Lösung nicht die richtige sein kann.

2 Die Gebote, die uns Gott gegeben hat, zielen nicht hin auf eine Einschränkung oder gar Behinderung des Lebens, sondern auf eine Forderung, auf das Wohl der Gemeinschaft und des Einzelnen, der in der Gemeinschaft lebt. Das wird deutlich auch durch die Tatsache, dass Christus erklärt hat, dass alle Gebote in dem einen Gebot der Liebe zusammengefasst sind, dass sie alle eine Form der Liebe sind: der Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. Man kann ja leicht begreifen: Alles, was dem entspricht: das ist gut für den Menschen, für die Gemeinschaft. Es gibt keine andere Erkenntnis, die für das Leben wichtiger wäre als diese Erkenntnis, und es gibt auch keinen wichtigeren Entschluss als den, das eigene Leben an dieser Weisung auszurichten, sich im Tun von ihr leiten zu lassen.

3 Der bekannte Zoologe Adolf Fortmann, der vor nicht allzu langer Zeit verstorben ist, hat einmal erwähnt, dass in der Zeit, in der er studiert hat, in den Laboratorium, in dem er tätig war eine Schrift angebracht war, die sagte, dass Wissenschaft mit Ethik und Politik nichts zu tun habe. Nach dieser Auffassung, die wohl heute niemand mehr im Ernst vertritt, waren Weisheit und Bildung bloßes Tatsachen-Wissen. So wichtig Wissen auch ist, es allein reicht nicht aus. Bei der Anwendung des Wissens ist es eine Grundfrage, ob ich das, was ich kann, auch tun darf. Würde man unbekümmert tun, was man kann, dann wären die letzten Tage der Menschheit gekommen.

Es stellen sich hier heute zum Teil sehr schwierige Fragen, die nicht auf Anhieb zu beantworten sind; aber letztlich ist es immer die Frage, ob etwas dem Gebot der Liebe entspricht, oder ob es ihm widerspricht. In diesem einen Gebot sind zwar alle Gebote zusammengefasst; aber es muss dieses eine Gebot auch entfaltet werden und auf die vielen Möglichkeiten des Lebens angewendet werden, es muss daraus ein bestimmtes, ein konkretes Gebot, eine Norm, werden, damit sie auch die Aufgabe einer Weisung erfüllt. So schwierig das im einzelnen auch ist, denken wir an die modernen Probleme der Biologie oder der Medizin, es gibt eine Orientierungsmöglichkeit, einen Orientierungspunkt, und das ist das göttliche Gebot der Liebe und was es miteinschließt.

4 Für uns liegen natürliche Fälle näher, wo es nicht so schwierig ist, zu erkennen, was das Gebot der Liebe verlangt, sondern wo es um den Willen geht, das Erkannte auch zu tun, das Gebot Gottes auch ernst nehmen. Wenn ich es als solches verstehe, als Gebot Gottes, dann hat es für mich eine ganz andere Verbindlichkeit, als wenn ich sagte: Es wäre gut und schön, so zu handeln, sondern Gott verpflichtet uns dazu. Das „Du sollst“ ist nicht nur eine Empfehlung, sondern es ist eine Verpflichtung, für den, der an Gott glaubt. Aber mit der Annahme dieser Verpflichtung wird unser Leben nicht nur unguter Weise eingeschränkt, sondern es wird in die Ordnung eingebunden, in der allein ein menschenwürdiges Leben in Gemeinschaft mit anderen gelebt wird. Das Ja zu Gottes Willen degradiert uns nicht, sondern es macht, wie es hier heißt, unsere Bildung, unsere Weisheit aus.

C In einem gewissen Sinn führt das Evangelium, das wir im Anschluss hören, diese Gedanken weiter. Es sagt uns, dass Gott von uns nicht die Erfüllung außer Gebote, äußerer Verpflichtungen erwartet. Er erwartet, dass wir ihm unser Herz schenken, dass wir ihm und den Menschen mit dem Herzen zugetan sind. Das allein zählt.

Das zeigt sich wohl auch in äußeren Taten, aber für sich sind diese nichts. Ihren Wert erhalten sie allein aus der Gesinnung, aus der Liebe.

21. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                      Eph 5, 21 – 32 / Jo 6, 60 – 89

 

A Mit dem heutigen Evangelien-Abschnitt geht das umfangreiche Kapitel des Johannes-Evangeliums zu Ende, in dem Jesus von sich als dem Brot des Lebens spricht. An seinem Anfang steht die Erzählung von der Brotvermehrung, das große Zeichen der Speisung des Volkes. Es erreicht seinen Höhepunkt in der Verheißung der Eucharistie, und es endet mit dem Bericht über die Reaktion der Hörer. Wir erfahren, dass sich viele daraufhin von Jesus wieder abgewandt haben; wir hören aber auch die positive Antwort, die Petrus im Namen der Apostel gibt; und zwischen beiden steht das Wort Jesu: „Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht von meinem Vater gegeben ist.“

Über diese Bemerkung und die Reaktion wollen wir uns einige Gedanken machen.

B11 Mit den Worten „Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist“ wiederholt Jesus einen Gedanken, den er schon kurz vorher ausgesprochen hat. Dort heißt es: „Niemand kann zu mir kommen, wenn ihn der Vater, der mich gesandt hat, nicht zieht.“ Ob „geben“ oder „ziehen“: gemeint ist das nämliche.

B12 Wenn man das hört „Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist“ könnte man daraus folgern: also nicht. Und wenn es nicht bei ihm liegt, dann ist es auch nicht seine Schuld, wenn er nicht glaubt, und wenn es nicht seine Schuld ist, dann wäre es ungerecht, ihn in irgendeiner Weise dafür zu bestrafen.

B13 Wir dürfen aber nicht einfach einzelne Sätze herauslösen und für sich betrachten; sondern wir müssen jede einzelne Aussage im Rahmen des Ganzen sehen. Das gilt nicht nur für die Auslegung der Heiligen Schrift, sondern ganz allgemein. Im Rahmen des Ganzen der Heiligen Schrift ist es aber ganz eindeutig, dass Gott das Heil aller Menschen will, dass deshalb aber alle, jeden einzelnen befähigt zum Glauben. Aber es liegt eben nicht allein an dieser Befähigung, sondern auch bei jedem Einzelnen selbst. Gnade und Freiheit gehören zusammen, wirken zusammen. Die Freiheit allein genügt nicht, denn wir können nicht von uns allein aus zur Gemeinschaft mit Gott gelangen. Sie kommt ja nur durch gegenseitige Zuwendung zustande. Nur weil Gott sich uns zuwendet, kommt es durch unsere Hinwendung zur Gemeinschaft mit ihm. Die Zuwendung Gottes wird am konkretesten in Jesus Christus, in der Eucharistie. Durch ihn will Gott uns an sich ziehen. Er will es, er nötigt uns nicht. Wie ernst Jesus unsere Freiheit nimmt, zeigt sich in der Frage Jesu an die Jünger: „Wollt auch ihr gehen?“ Er zwingt sie nicht in seine Nachfolge, sondern er will, dass sie sich frei dafür entscheiden.

2 Jesus – er als Person und seine Worte – war die große, entscheidende Herausforderung für seine Zuhörer damals, und er ist es für uns heute. Er verlangt die Entscheidung für ihn oder gegen ihn.

In einem Unterrichtsgespräch meinte einmal eine Schülerin, als es um dieses Thema ging, eigentlich haben wir doch gar keine Entscheidung! Sicher, es zwingt uns niemand zum Glauben. Aber es gibt ja doch keine Alternative zum Glauben. Wenn ich essen gehe, gibt es eine Alternative zwischen Fleisch und Fisch; bei der Wahl eines Arbeitsplatzes gibt es Alternativen. Aber zwischen Glauben gibt es diese Alternative nicht. Der Unglaube ist keine Alternative, sondern ein Ausfall – und deshalb, so meine ich, sind wir eigentlich gar nicht frei in unserer Entscheidung. Es ist ähnlich wie beim Leben. Ich kann eigentlich nur dazu sagen; die Selbsttötung ist keine Alternative. Das ist völlig zutreffend: es gibt weder zwischen Leben noch zwischen Glauben eine echte Alternative. Aber das heißt nicht, das man deshalb nicht frei ist. Die Annahme, das Ja-sagen ist ein freier Entschluss. Das Wissen, dass uns Jesus das Brot des Lebens gibt, dass er selber das Brot des Lebens ist, reicht nicht; ich muss es, ich muss ihn als solchen auch annehmen: das ist meine Entscheidung.

3 Diese Entscheidung ist es, die uns zu Christen macht: eine Entscheidung, die man immer wieder fallen und bestärken muss. Im Evangelium sahen wir, dass auch die Jünger im Vollzug dieser Entscheidung, im Durchhalten dieser Entscheidung Schwierigkeiten hatten. Erwarten auch wir nicht, dass der gelebte Glaube ein schöner glatter Weg ist, auf dem es sich ruhig dahinspazieren lässt. Der Weg kann auch eng und steil werden. Das ist bei dem einzelnen verschieden; es ist vor allem auch dem Alter nach verschieden. Sehen wir darin nicht etwas dem Glauben Widersprechendes. Wenn man das weiß und bedenkt, wird man nicht enttäuscht sein, wenn man es zu spüren bekommt. Das müssen nicht immer große Probleme sein, die sich dem Verstand stellen; sie können sich ergeben bei der Umsetzung des Glaubens in das Leben. Und sie können auch im Bereich des Gefühls, des Emotionalen liegen. Man kann auf kürzere oder längere Zeit keine Lust am Religiösen haben, es kann einem die Kirche, es können einem die Kirchenlieder zuwider sein, und nicht zuletzt: man kann sich an den Vertretern der Kirche stoßen, über sie enttäuscht sein. Solche emotionalen Schwierigkeiten sind belastender und bedrängender als verstandesmäßige. Diese lassen sich leichter fassen, man kann sich mit ihnen besser auseinandersetzen.

Die Gründe für solche Schwierigkeiten können viele sein: sie können bei uns selbst liegen oder bei den anderen, meistens liegen sie hier und dort. Die Gründe können uns bewusst sein oder nicht. Sie hängen im letzten einfach mit dem Leben in seinen Abgründen zusammen. Solche Schwierigkeiten und Belastungen zu ertragen, durchhalten: auch das gehört mit zu der Antwort, die wir Jesus geben sollen: ihm, der das Brot des Lebens ist, durch das wir das ewige Leben gewinnen.

C Im Laufe dieser Woche – am Mittwoch – begehen wir das Gedächtnis des Heiligen Augustinus, des großen Heiligen der Kirche. Trotz der christlichen Erziehung, die er von seiner Mutter erhielt, war sein Leben in Beziehung zu Gott ein unruhiges Auf und Ab, bis er endlich zu dem erfüllenden Glauben gelangte, der ihn sprechen ließ: „Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, so alt und neu.“

Jedes Leben ist ein einmaliges. Jeder Weg ist ein einmaliger. Gehen wir den unsrigen immer im Blick auf das Ziel, zu dem wir berufen sind.

20. Sonntag im Jahreskreis, Maria Himmelfahrt

Aus der Ansprache beim Angelus vom 15.8.2011

Papst Benedikt XVI.

Die Bibelstelle aus der Offenbarung des Johannes, die wir in der Liturgie dieses Hochfestes lesen, spricht von einem Kampf zwischen der Frau und dem Drachen zwischen dem Guten und dem Bösen. Der hl. Johannes scheint uns erneut die ersten Seiten des Buches Genesis zu unterbreiten, welche das finstere und dramatische Ereignis der Sünde Adams und Evas erzählen.

Unsere Stammeltern erlangen dem Bösen; in der Fülle der Zeit besiegen Jesus, der neue Adem und Maria, die neue Eva, endgültig das Böse, und das ist die Freude dieses Tages! Mit dem Sieg Jesu über das Böse, und das ist die Freude dieses Tages! Mit dem Sieg Jesu über das Böse sind auch der innere und der leibliche Tod besiegt. Maria war die erste, die den zum Kind gewordenen Sohn Gotts, Jesus in ihre Arme geschlossen hat, jetzt ist sie die erste, die an seiner Seite in der Herrlichkeit des Himmels ist. Was wir heute feiern, ist ein große Geheimnis, und vor allem ist es ein Geheimnis der Hoffnung und der Freude für uns alle: In Maria sehen wir das Ziel, zu dem all jene unterwegs sind, die es verstehen, ihm nachzufolgen, wie Maria es getan hat. So spricht dieses Fest von unserer Zukunft, es sagt uns, dass auch wir an der Seite Jesu in der Freude Gottes sein werden, und es lädt uns ein, Mut zu haben, zu glauben, dass die Kraft der Auferstehung Christi auch in uns wirken und uns zu Männern und Frauen machen kann, die jeden Tag danach trachten, als Auferstandene zu leben und in die Finsternis des Bösen, das in der Welt ist, das Licht des Guten zu tragen.

19. Sonntag im Jahreskreis

Aus der Ansprache beim Angelus vom 12.8.2012

Papst Benedikt XVI.

 Die Lesung des sechsten Kapitels des Johannesevangeliums, die uns an diesen Sonntagen in der Liturgie begleitet, hat uns dazu geführt, über die Vermehrung des Brotes nachzudenken, mit dem der Herr einer Menge von fünftausend Menschen zu essen gegeben hat, sowie über die Einladung, die Jesus an alle von ihm Gesättigten richtete, sich um eine Speise zu bemühen, die für das ewige Leben bleibt. Jeus will ihnen helfen, die tiefe Bedeutung des von ihm gewirkten Wunders zu erfassen: Indem er auf wunderbare Weise ihren leiblichen Hunger stillt, bereitet er sie darauf vor, die Verkündigung anzunehmen, dass er das vom Himmel herabgekommene Brot ist (vgl. Joh. 6.41), das für immer sättigt. Auch das jüdische Volk hatte während seines langen Wegs durch die Wüste die Erfahrung eines vom Himmel herabgekommenen Brotes gemacht, das Manna, das es bis zur Ankunft im Gelobten Land am Leben erhalten hat. Jetzt spricht Jesus von sich als dem wahren Brot, das vom Himmel herabkommt und nicht nur für einen Augenblick oder für eine Wegstrecke am Leben zu erhalten vermag, sondern für immer. Er ist die Speise, die das ewige Leben schenkt, da er der eingeborene Sohn Gottes ist, der im Schoß des Vaters ist und kam, um dem Menschen das Leben in Fülle zu schenken, um den Menschen in das Leben Gottes selbst eintreten zu lassen. … Der hl. Augustinus erklärt in seinen Vorträgen zum Johannesevangelium: „Diese waren dem Brote vom Himmel ferne und kannten den Hunger danach nicht. Der Schlund ihres Herzens war matt … Dieses Brot des inneren Menschen setzt nämlich Hunger voraus“ (26.1). Und wir müssen uns fragen, ob wir wirklich diesen Hunger verspüren, den Hunger nach dem Wort Gottes, den Hunger danach, den wahren Sinn des Lebens zu erkennen. Nur wer von Gott, dem Vater, angezogen ist, wer auf ihn hört und sich von ihm unterweisen lässt, kann an Jesus glauben, ihm begegnen und sich von ihm nähren und so das wahre Leben finden, den Weg des Lebens, die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Liebe. Der hl. Augustinus fügt hinzu: „Der Herr … nannte sich das Brot, welches vom Himmel herabgekommen ist, und fordert uns auf, an ihn zu glauben. Denn an ihn glauben heißt, das lebendige Brot essen. Wer glaubt, der isst; er wird unsichtbar genährt, weil er unsichtbar wiedergeboren wird (zu einem tieferen, wahreren Leben). Ein Kind ist er im Innern, ein Neuling ist er im Innern; wo er erneuert wird, da wir er gesättigt“ (ebd.).

18. Sonntag im Jahreskreis

Papst Benedikt XVI. Aus der Ansprache beim Angelus vom 5.8.2012

Jesus wollte den Menschen helfen, über die unmittelbare Befriedigung ihrer – wenn auch wichtigen – materiellen Bedürfnisse hinauszugehen. Er will ihnen einen Daseinshorizont eröffnen, bei dem es nicht nur um die tägliche Sorge um das Essen, die Kleidung, die Karriere geht. Jesus spricht von einer Speise, die nicht verdirbt, die zu suchen und anzunehmen wichtig ist. Im heutigen Evangelium (Joh 6,24-35) sagt er: „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird“ (V. 27). Die Menschenmenge begreift das nicht, sie glaubt, dass Jesus die Befolgung von Vorschriften fordere, um eine Fortsetzung jenes Wunders erlangen zu können, und fragt: „Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?“ (V 28). Die Antwort Jesu ist klar: „Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat“ (V 29). Der Mittelpunkt des Daseins, das, was dem oft schweren Weg des Lebens Sinn und feste Hoffnung gibt, ist der Glaube an Jesus, die Begegnung mit Christus. Auch wir fragen: „Was müssen wir tun, um das ewige Leben zu haben?“ Und Jesus sagt: „Glaubt an mich.“ Der Glaube ist grundlegend. Es handelt sich hier nicht darum, einer Idee, einem Plan zu folgen, sondern Jesus als einer lebendigen Person zu begegnen, sich völlig von ihm und seinem Evangelium ergreifen zu lassen. Jesus lädt dazu ein, nicht bei einem rein menschlichen Horizont stehen zu bleiben und sich dem Horizont Gottes, dem Horizont des Glaubens zu öffnen. Er fordert ein einziges Werk: den Plan Gottes anzunehmen, das heißt „dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat“ (V. 29). … „Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?“ (V. 28), fragt die Menge, die bereit ist, zu handeln, damit sich das Brotwunder fortsetze. Doch Jesus, das wahre Brot des Lebens, das unseren Hunger nach Sinn, nach Wahrheit sättigt, kann nicht durch menschliche Arbeit „verdient“ werden; er kommt zu uns allein als Geschenk der Liebe Gottes, als Gottes Werk, das es zu erbitten und anzunehmen gilt.

17. Sonntag im Jahreskreis

                                                              (Einkleidung)                                      Eph 4, 1 – 6 / Jo 6, 1 – 15

 

A Wer von ihnen in der Heiligen Schrift etwas bewandert ist, weiß, dass das 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, dem der gehörte Abschnitt entnommen ist, eine große Einheit darstellt. Jesus offenbart sich hier als das Brot des Lebens.

In der Eröffnung, der wunderbaren Speisung, ist eigentlich schon alles andeutungsweise enthalten. Der zeichenhafte Charakter dieses Geschehens ist ja nicht zu verkennen. In den Evangelien der kommenden vier Sonntage wird das abschnittsweise dargestellt. Ich möchte deshalb heute nicht weiter darauf eingehen und das Augenmerk auf die Lesung aus dem Epheserbrief richten, auf den ersten Satz dieses Ausschnitts. „Ich, der ich um des Herrn Willen im Gefängnis bin, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.“

B1 Der Epheserbrief hat einen eigenen Charakter. Die theologischen Leute meinen, er sei nicht nur an die Gemeinde von Ephesus gerichtet, sondern eine Art Rundbrief an alle Gemeinden in Kleinasien. Gleichgültig, ob dieses zutrifft oder nicht: es ist jedenfalls ein Brief nicht an einen einzelnen oder an einzelne, sondern an die Gemeinde oder an Gemeinden. Angesprochen sind also nicht Bestimmte, sondern alle. Für sie alle gilt also das Wort: „Führt ein Leben, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.“ Für alle gilt also, dass sie Berufene sind.

2 Berufung ist freilich nichts Einförmiges. Es gibt verschiedene Formen der Berufung.

2a So kann man von einer allgemeinen Berufung sprechen, die in gleicher Weise für alle Gläubigen, ja für alle Menschen gilt. Mit den Worten „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“, mit denen Jesus sein öffentliches Wirken begann, sind alle Menschen angerufen, die Umkehr zu vollziehen und seine Botschaft aufzunehmen. Er will das Heil aller Menschen, und deshalb ruft er auch alle auf, den Weg des Heiles zu gehen, der mit diesen Worten ganz kurz umschrieben ist.

Damals tat er es selbst, heute tut es in seinem Auftrag die Kirche. Von dieser allgemeinen Form der Berufung ist immer dann die Rede, wenn vom Glauben gesprochen wird. Er ist ja letztlich nichts anderes als die positive Antwort auf diesen Anruf.

2b Mit dieser allgemeinen Form hängt ganz eng die einmalige Berufung zusammen, die an den Einzelnen insofern ergeht, als er ein Einmaliger ist und damit auch das Verhältnis Gottes zu ihm ein einmaliges ist. Wir Menschen sind vor Gott nicht nur Nummern, nicht auswechselbare Größen, nicht Mengenware, sondern je Eigene, die natürlich zusammengehören und mit den vielen anderen eine Gemeinschaft bilden.

Diese Form der Berufung hängt zusammen mit unserer Individualität und auch mit den Lebensumständen, in die wir gestellt sind. Als dieser Einmalige, der ich bin, und in dieser einmaligen Situation, in die ich gestellt bin, muss ich Gott Antwort geben und meinen Beitrag leisten zur Heiligung der Welt, zum Aufbau des Reiches Gottes. Das sind ja keine bloßen Zufälligkeiten. Vor Gott gibt es keinen Zufall.

Dieses Verständnis meines Lebens, diese Berufung ist für einen gelebten Glauben sehr wichtig. Keiner ist eine Niete, keiner kann von sich sagen: Auf mich kommt es nicht an. Als der Einmalige, der er ist, ist er unersetzbar. Wenn er sich entzieht, dann bleibt der Platz unbesetzt, der allein für ihn bestimmt war. Dann fehlt etwas im Ganzen.

2c Die dritte Form der Berufung – neben der allgemeinen und der individuellen – ist die außergewöhnliche Berufung. An sie denken wohl die meisten zuerst, wenn von Berufung die Rede ist.

Große Beispiele für diese außergewöhnliche Berufung ist etwa die Berufung des Mose am brennenden Dornbusch, die Berufung des Propheten Jesaia, dem sie in einer großartigen Vision zuteil wurde – und dann vor allem die Berufung der Jünger durch Jesus, vom Fischerboot weg, von der Zollstätte weg. Die so Berufenen hat Gott in außergewöhnlicher Weise in Dienst genommen, und zwar nicht deshalb, weil sie besonders geeignet dafür waren, sondern einfach aus freiem Entschluss.

Auch die, die sich berufen wissen, die evangelischen Räte zu leben, die nicht für alle gedacht sind, sondern nur für die, die es erfassen können – wie es im Evangelium heißt – d. h. eben, die dazu berufen sind: auch sie will Gott in seinen Dienst nehmen. Das sucht man sich nicht aus, sondern dazu wird man berufen.

Schon das Leben ganz allgemein ist ein Wagnis. Wer nichts wagt, verkümmert. Aber in einem besonders hohen Maß ist es dort verlangt, wo man einer solchen Berufung folgt, der nicht nur eine Abwägung meiner Tätigkeiten zugrunde liegt, sondern ein oft leiser Anruf. Die Sicherheit bzw. den Mut gewinnt man hier nicht dadurch, dass man auf sich selbst schaut, sondern auf den Rufenden.

Wenn ein kleines Kind, auf den Tisch gestellt, sich allein gelassen sieht, hat es Angst. Wenn es aber den Vater sieht und wenn dieser sagt: Spring, dann springt es. . . mit Vergnügen und nochmals und noch einmal.

Der Entschluss, einem solchen Anruf zu folgen, entspringt nicht einem Elitedenken, sondern allein dem Vertrauen auf den Rufenden.

4 Es gibt ein modernes großartiges Jesusbild, ein Plakat: es zeigt Jesus mit ausgestreckten Armen und Zeigefinger. Dieser deutet direkt auf den Betrachter. Der Finger, die Hand, der Arm sind perspektivisch stark vergrößert. Dadurch bekommt diese Geste fast etwas Bedrohendes, ja Unheimliches. Ein solches Bild mag geeignet sein, einen Dickhäuter aufzurütteln, der gedankenlos dahinlebt, aber es ist sicher nicht ein zutreffendes Bild für die Berufung in dem besonderen Sinn. Es verzerrt den Rufenden.

Viel besser zeigt uns diesen die Begegnung Jesu mit dem reichen jungen Mann. Es heißt dort: Jesus sah ihn an, und weil er ihn liebte, sagte er: Verkaufe, was du hast, dann komm und folge mir. Etwas frei übersetzt, könnte man sagen: Jesus schaute ihn liebevoll an und sagte: Folge mir. Ein Liebender ist es, der uns ruft; und ihm können wir uns anvertrauen ohne Angst zu Sorge; ihm können wir folgen.

C In dieser Woche feiern wir u. a. das Fest des Heiligen Ignatius v. Loyola, des Gründers des Jesuitenordens. Er hat in einer eindrucksvollen Weise auf den Ruf, der an ihn ergangen ist, geantwortet. In einem bekannten Gebet setzte er diese Antwort in eine Bitte um. Es heißt darin:

Herr, lehre mich wahre Großmut. . . Lehre mich dir zu dienen, wie du es verdienst: Geben ohne zu zählen, kämpfen, ohne der Wunden zu achten, arbeiten, ohne Ruhe zu suchen, mich hingeben, ohne Lohn zu erwarten.

So konnte er sprechen, weil er an die Liebe Gottes glaubte; und jeder, der an diese glaubt, kann so sprechen.

16. Sonntag im Jahreskreis

Papst Benedikt XVI. aus der Ansprache beim Angelus 22.7.2012

Das Wort Gottes des heutigen Sonntags legt uns ein grundlegendes und stets faszinierendes Thema der Bibel vor: Es ruft uns in Erinnerung, dass Gott Hirt der Menschen ist. Dies bedeutet, dass Gott für uns das Leben will, er will uns auf gute Weiden führen, auf denen wir Nahrung und Ruhe finden können; er will nicht, dass wir uns verlieren und sterben, sondern dass wir zum Ziel unseres Weges gelangen, das eben die Fülle des Lebens ist. Das ist es, was jeder Vater und jede Mutter für ihre Kinder ersehnen: das Wohl, das Glück, die Erfüllung. 

Im heutigen Evangelium stellt sich Jesus als der Hirt der verlorenen Schafe des Hauses Israels vor. Sein Blick auf die Menschen ist ein sozusagen "pastoraler" Blick. Zum Beispiel heißt es im Evangelium dieses Sonntags:" Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange" (Mk 6,34). Jesus verkörpert Gott, den Hirten, mit seiner Lehre und mit seinen Werken, indem er sich der Kranken und der Sünder annimmt, derer, die "verloren" sind (vgl. Lk 19,10), um sie wieder in Sicherheit zu bringen, in die Barmherzigkeit des Vaters.

Unter den "verlorenen Schafen", die Jesus gerettet hat, ist auch eine Frau namens Maria aus dem Dorf Magdala am See von Galiläa, die deshalb auch Magdalene genannt wird. Heute wird nach dem Kalender der Kirche ihr liturgisches Gedenken begangen. Der Evangelist Lukas berichtet, dass Jesus aus ihr sieben Dämonen ausfahren ließ (vgl. Lk 8,2), das heißt: er rettete sie vor der völligen Unterjochung durch den Widersacher. Worin besteht diese tiefe Heilung, die Gott durch Jesus wirkt? Sie besteht in einem wahren, vollständigen Frieden, der Frucht der Aussöhnung des Menschen mit sich selbst und in all seinen Beziehungen ist: mit Gott, mit den anderen, mit der Welt. Tatsächlich versucht der Widersacher unaufhörlich, das Werk Gottes zu zerstören und Zwietracht im Herzen des Menschen zu säen, zwischen Leib und Seele, zwischen dem Menschen und Gott, in den zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und internationalen Beziehungen und auch zwischen dem Menschen und der Schöpfung. Der Widersacher sät Krieg; Gott schafft Friede. Er vereinigte die beiden Teile ... und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder"! (Eph 2,14). Um dieses Werk der radikalen Aussöhnung zu vollbringen, musste Jesus, der Gute Hirt, zum Lamm werden, "Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1,29). Allein auf diese Weise konnte er die wunderbare Verheißung des Psalms erfüllen: "Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang, und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit." (23,6).

15. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                 Am 7, 12 – 15 / Mk 6, 7 – 13

 

A Schauen wir zurück auf die Lesung, die wir heute gehört haben. Es war ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Amos. Es ist das ein scheinbar recht anspruchsloser Text. Es ist möglich, dass sich jemand beim Hören sogar gedacht hat: Wozu eigentlich eine solche Lesung? Was hat die Erzählung von der Begegnung des Propheten Amos mit dem Priester Amazja im Heiligtum von Bethel für uns heute für eine Bedeutung. Eine solche Reaktion wäre gar nicht so schlecht. Sie ist jedenfalls besser, als wenn man einfach alles geschehen lässt, ohne sich Gedanken zu machen. – Gehen wir dennoch etwas näher darauf ein!

B1 Der Prophet Amos gehört zu den wenig bekannten Propheten des AB. Wir kennen die großen, Jesaia, Jeremia, deren Texte wir jährlich im Rahmen der Liturgie der Adventszeit und der Karwoche hören. Amos ist von allen Propheten, von denen wir eine Schrift haben, der älteste. Wir wissen von ihm persönlich nicht viel: die Zeit, in der er gelebt und gewirkt hat – das 8. Jahrhundert vor Christus – und das, was uns hier gesagt wird: dass er Viehzüchter war und auch Maulbeerfeigen gezogen hat. Es gibt wohl auch nichts weiter zu berichten. Er war nichts Besonderes, einer von vielen, einer unter anderen. Und diesen „einen unter anderen“ holte Gott von zu Hause weg und bestellte ihn zum Propheten in Israel, beruft ihn zu der Aufgabe, in seinem Namen zum Volk zu sprechen.

Das ist typisch für jede Berufung. Sie kommt nicht zustande durch ein Abwägen von Vorteilen und Nachteilen, sondern sie ist Antwort auf einen Anruf, den man wahrnimmt, ob gerne oder nicht: das ist nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist die Bereitwilligkeit.

2 Die Zeit, in der Amos gelebt hat, war eine Zeit wirtschaftlicher Blüte, eine Zeit des Wohlstandes, aber gleichzeitig krasser sozialer Ungerechtigkeit. Wir hören von Luxus und Verschwendung auf der einen Seite, von Missachtung des Rechts und Unterdrückung der Armen auf der anderen Seite. Und das Ganze wird durch einen feierlichen Kult überdeckt. Beides prangert der Prophet Amos an: den Gottesdienst, dem die Seele fehlt, der nur ein schönes Zeremoniell ist, aber nicht Ausdruck der Anbetung und der Hingabe. Und noch stärker prangert er die Missachtung und die Unterdrückung der Armen an. Positiv gewendet: Er kämpft für die gottverbürgten Menschenrechte und für eine gerechte Gesellschaftsordnung und damit für den Bestand des Volkes und Staates, der nur gesichert ist, wenn er auf einer gerechten Ordnung ruht. Der Unrechts-Prozess ist zwar schon so weit fortgeschritten, dass eine Umkehr nicht mehr möglich erscheint, so dass die Warnung zur Ankündigung der Katastrophe wird, die dann ja auch eine Generation später mit der Eroberung durch die Assyrer eintritt.

3 Die konkreten Umstände können wir ruhig übergehen. Das alles liegt ja über zweieinhalb Jahrtausende zurück. Das ist etwas für geschichtlich Interessierte, aber nicht für uns hier beim Gottesdienst. Uns kann es nur um das gehen, was für alle Zeit gilt und was hier aufscheint. Das ist eine enge Verflechtung von Religion und Politik: ein höchst aktuelles Problem. Es gibt, was dieses Verhältnis betrifft, zwei extreme Haltungen: die eine ist: Religion hat mit Politik nichts zu tun, die andere: Religion ist letztlich Politik.

3a Eine Religion, die mit Politik nichts zu tun haben wollte, wäre eine nur innerliche Religion, ein elfenbeinerner Turm frommer Gefühle und Empfindungen. Es fehlte ihr also das Ganzheitliche. Wenn uns Jesus sagt, dass wir Gott lieben sollen aus allen unseren Kräften und ebenso unseren Nächsten, dann unterstreicht er damit, dass die Religion nicht nur einen Teilbereich des Lebens ausmacht, sondern, dass sie das Leben in seiner Ganzheit betrifft.

 Ein Hobby, das jemand pflegt, füllt nur eine Nische seines Lebens aus; Glaube aber ist dort lebendig, wo das Leben ganz der Gnade Gottes und dem Wort Gottes unterstellt ist. Er berührt mein Verhältnis zu mir selbst und zu allen anderen, den einzelnen und den Gruppen, und damit berührt er den Bereich, den wir mit Politik bezeichnen. Eine – so verstanden – nur politische Religion entspräche nicht dem Anliegen der Propheten und dem Anliegen Jesu.

3b Von da her gesehen, ist die Umkehrung genauso falsch, eine Religion, die nur noch politische Aktionen kennt: Demonstrationen für Umweltschutz, für Abrüstung, gegen Atomkraftwerke, gegen § 218 in der jetzigen Form. Eine solche Religion wäre keine Religion. Damit säge man den Ast ab, auf dem man sitzt.

3c Die Mitte unseres Glaubens ist der Vollzug dessen, was Jesus heute im Evangelium den Jüngern aufträgt: Umkehr, Hinwendung zu Gott, unser Heil, das Heil aller Menschen will.

Dieses Heil ist nicht nur etwas Jenseitiges, sondern auch Heil der Welt, in der wir jetzt leben, das Heil des Menschen ganz allgemein. Durch nichts wird dies deutlicher als dadurch, dass Gott selbst in diese Welt gekommen ist – und auch dadurch, dass die Kirche, die er begründet hat, nicht nur etwas Geistiges ist, dieser sichtbaren Welt enthoben, sondern eine konkrete Gemeinschaft.

4 Die Religion, die Kirche hat auch eine Weltaufgabe, eine politische Aufgabe im weitesten Sinn des Wortes, eine Aufgabe, die auf das Wohl der Gemeinschaft hingeordnet ist. Dazu gehört vieles – das Wichtigste sind nicht die Demonstrationen. Das ist die rechte Erziehung der Kinder, die Aufgabe der Bildung der Jugend, die Gewissensbildung. – Was die Politik im engeren Sinn betrifft: auch für dies setzt die Liebe Gottes zu uns Menschen, die der Glaube verkündet, Maßstäbe.

Das 2. Vatikanische Konzil hat diese prophetische Aufgabe der Kirche sehr nachdrücklich betont und auch das: dass dies nicht nur Bischöfen, den Leitern der Kirche, zukommt, sondern auch den Laien, die in solchen Fragen die größere Sachkenntnis haben. Jedes Glied der Kirche hat teil an diesem prophetischen Amt.

C Der Prophet Amos vergleicht die Stimme des Herrn, die ihn berufen hat, mit der Stimme eines Löwen, und er fragt: Wer fürchtet sich da nicht, wer wird da nicht zum Propheten?

So vernehmen wir die Stimme Gottes in der Regel wohl nicht, sondern mehr als leise Stimme des Gewissens. Achten wir nicht minder auf diese leise Stimme, und verschließen wir uns ihr – ihm nicht.

14. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                               Ez 2, 2 – 5 / Mk 6, 1 – 6a

 

A Die Lesung aus dem Buch Ezechiel, die wir vorhin gehört haben, endet mit dem Auftrag Gottes an den Propheten: „So spricht der Herr. Ob sie dann hören oder nicht. . . Sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“ „. . . dass mitten unter ihnen ein Prophet war“: das ist Vergangenheit, nicht Gegenwart. Das Volk erkennt es erst im Nachhinein, aber nicht in der Zeit selbst, in der er bei ihm ist.

Im Nachhinein ist etwas immer leichter zu erkennen als in der Gegenwart. Im Nachhinein wissen es immer viele ganz genau. Im Nachhinein war es ihnen von Anfang an klar, dass es so und so war, dass es so und so kommen musste. Aber im Nachhinein ist es meistens zu spät. Auf die Gegenwart kommt es an. Allein auf sie können wir einwirken. Sie ist die Zeit des Lebens, des Handelns.

Ein negatives Beispiel dafür ist auch die Begebenheit, von der das Evangelium berichtet: das öffentliche Auftreten Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth. Dieses wollen wir etwas näher betrachten.

B1 Die erste Begegnung Jesu mit seinen Landsleuten beginnt eigentlich sehr verheißungsvoll, Jesus lehrt in ihrer Synagoge. Viele hören ihn; sie sind beeindruckt. Voll Staunen fragen sie: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen? In diesen Fragen drückt sich Verwunderung und Staunen aus. Und das Staunen ist nach der Auffassung der alten Weisen der Anfang der Erkenntnis, der Anfang der Weisheit.

Wie richtig das ist, konnten wir vor vierzehn Tagen sehen im Zusammenhang mit dem Evangelium von der Stillung des Seesturms. Dort hieß es zum Schluss von den Jüngern: „Sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und die See gehorchen.“ Was sie erlebten, bringt sie zum Staunen. Das wirft Fragen auf, und diese führen schließlich zu einer tieferen Erkenntnis der Person Jesu, schließlich zum Glauben an seine Messiaswürde, an seine göttliche Würde.

Anders ist es hier. Auf die ersten Fragen, die Ausdruck des Staunens sind, folgt der Umschwung, ebenfalls in Fragen formuliert: Ist das nicht der Zimmermann? Ist er nicht der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Josefa usw.? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Diese Bedenken erwürgen das Staunen. Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab – wie es wörtlich heißt.

2 Woran liegt es eigentlich, dass es zu diesem Umschwung kommt, dass sie an ihm Anstoß nehmen? Sicher ist es nicht das, dass aus ihm große Weisheit spricht, dass er Wunder wirkt. Das Anstößige ist, dass er, der so spricht und handelt, auch bloß einer von ihnen ist, dass er aus ihrem Kreis kommt, dass er einer ist, den sie doch kennen, dass er nur ein Zimmermann ist.

Wie anders war das, was damals am Sinai geschah, als Mose das Volk aus Ägypten führte und Gott sich dem Volk offenbarte. Das war etwas Gewaltiges, Unheimliches, Geheimnisvolles. Dem konnte sich niemand entziehen. Aber dass ein Mensch mit einem solchen Anspruch auftritt, ein Mensch, der zudem nicht aus geheimnisvoller Ferne kommt, den nicht der Nimbus des Unbekannten umgibt: das akzeptieren sie nicht, meinen sie nicht annehmen zu können. Deshalb nehmen sie Anstoß. Deshalb lehnen sie ihn ab.

Ja wir können noch einen Schritt weiter gehen: Letztlich liegt es an der Tatsache der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, daran, wie es im Philipperbrief heißt, dass er sich entäußerte, wie ein Sklave wurde und den Menschen gleich. Das ist der eigentliche Grund des Anstoßes.

3 Die Menschwerdung Gottes ist nicht nur ein Ereignis der Vergangenheit: es setzt sich fort in unsere Zeit hinein. Denn der Menschgewordene und Auferstandene wirkt weiter in seiner Kirche. In ihr und durch sie begegnen wir Gott, aber es kommt durch sie auch das Menschliche ins Spiel. Und darin liegt heute genauso wie damals für viele etwas Anstößiges, scheinbar Unzumutbares. Ihr gegenüber ist die Versuchung, Anstoß zu nehmen und sie abzulehnen, viel größer. Das zeigt sich etwa an den Sakramenten, besonders am Sakrament der Vergebung, dem Sakrament der Buße.

Viele erkennen zwar, dass es etwas Wunderbares ist, dass uns Gott Vergebung und Versöhnung schenkt. Aber, so wenden Sie ein, brauche ich dazu das Sakrament, die Kirche, den Priester? Wozu auch der Gottesdienst mit den vielen Leuten, die mich mehr stören als anregen. Und die Lieder und Gebete! Es ist doch viel besser, wenn ich zu Hause bei mir selbst einkehre und zu Gott spreche. Muss das alles so konkret, so fassbar, so menschlich sein? Letztlich führt es heute dazu, dass man sagt: Jesus ist mir natürlich recht, aber auf die Kirche verzichte ich. Mit Jesus tun wir uns alle leicht, nicht nur, weil wir an ihm nicht die Mängel entdecken, die wir sonst an den Menschen finden, sondern auch deswegen, weil er uns heute – geschichtlich gesehen – ein Ferner ist. Im Unterschied zu den Menschen von Nazareth sehen wir ihn in einem Abstand von fast 2000 Jahren. Er ja! Aber die Kirche! Sie erfahren wir unmittelbar, und unmittelbar erfahren wir auch ihre Mangelhaftigkeit und Mittelmäßigkeit. Wer wollte sie leugnen oder rundweg entschuldigen! So richtig es ist: wo Menschen sind, sind auch die Menschlichkeiten. Aber das darf nicht eine Generalentschuldigung sein. Und dennoch gilt, dass uns Gott durch die Kirche nahekommt, dass er durch sie wirkt, dass wir durch die Gemeinschaft mit ihr Gemeinschaft mit ihm haben. So wollte er es. Ihre Menschlichkeiten sind ganz zweifellos eine Belastung. Aber viel gewichtiger ist doch das, was wir durch sie gewinnen. An ihren Mängeln dürfen wir nicht nur Anstoß nehmen, sondern sollen es. Aber wir sollen sie deshalb nicht ablehnen: sie nicht und Gott nicht, der uns durch sie nahekommen will.

C Schauen wir zum Schluss nochmals auf den Anfang zurück, auf den Satz aus dem Propheten Ezechiel: „. . . sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“

Das „war“ zeigt an, dass ihre Erkenntnis zu spät kommt. Die Gegenwart, die gegenwärtige Stunde ist unsere Zeit. Erkennen wir Jesus in seiner Kirche hier und heute: die Kirche, die uns nicht als fremde gegenübersteht, zu der wir selbst gehören, und tun wir deshalb auch das unsrige, dass ihr Bild hell erscheint, dass niemand durch unser Versagen an ihr und an Gott irre wird.

13. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                              Mk 5, 21 – 43

 

A Sie haben sicher gemerkt, dass ich das Evangelium abgebrochen habe. Zu Beginn war die Rede von einem Synagogenvorsteher, der Jesus. . . bittet, dass er seine sterbende Tochter heile. Jesus entspricht seiner Bitte und folgt ihm. Unterwegs tritt eine Frau an ihn heran, die Heilung für sich sucht. Die Begegnung wird in die andere Erzählung eingeschoben. Im zweiten Teil dieser rahmenden Erzählung hören wir davon, wie Jesus in das Haus des Jairus kommt, in dem Klagefrauen das tote Mädchen beweinen, wie er es bei der Hand nimmt, aufrichtet und den Eltern lebend und gesund zurückgibt.

Diesen zweiten Teil habe ich weggelassen, weil ich die Aufmerksamkeit auf den Bericht von der Heilung der kranken Frau richten möchte.

B1 Von der Frau, der wir hier begegnen, wird uns gesagt, dass sie seit vielen Jahren krank ist und dass ihr kein Arzt helfen kann. Sie hat von Jesus und seinen Taten gehört: nun richtet sie ihre ganze Hoffnung auf ihn; vielleicht kann er ihr helfen. Sie tritt von hinten an Jesus heran, um wenigstens sein Gewand zu berühren und so in Verbindung zu ihm zu gelangen. Auf diese Weise hofft sie gesund zu werden, und sie wird es in der Tat. Jesus wendet sich ihr zu und sagt zum Schluss des kurzen Gespräches: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.“

2 Lobt Jesus diese Frau auch wegen ihres Glaubens? Man muss doch sagen: Der Glaube dieser Frau war noch kein vollendeter Glaube, sondern ein sehr anfanghafter. Er stützt sich auf das, was andere ihr zugetragen haben: dass dieser Jesus Kraft habe, Kranke zu heilen. Das Vertrauen zu Jesus ist bei ihr wohl von der Art, wie wir es immer wieder bei Menschen finden, die krank sind, denen ihr Arzt nicht mehr helfen kann und die sich nun an einen fernen Arzt oder Naturheilkundigen wenden, von dem sie hören, dass er große Erfolge habe. Sie wird gedacht haben: vielleicht kann er mich gesund machen. Vielleicht kann er, was andere nicht können.

Das ist ein Glaube, der vor allem bestimmt ist von ihrer Erwartung, nicht von ihrer Hoffnung. Sie sieht in Jesus nur den, der sie möglicherweise von ihrer Krankheit heilen kann, von einem Übel, das ihr Leben behindert. Der Glaube im vollen Sinn zielt aber nicht in erster Linie auf solche „Teil-Güter“, sondern auf das, was das Leben insgesamt betrifft: das ist die Wahrheit, das ist das ewige Leben; das ist, mit einem Wort gesagt, das Heil des Menschen. Dieses Vollziel hat die Frau in unserem Evangelium noch nicht im Blick. Sie sieht nur einen Teil des Lebens. Insofern ist ihr Glaube noch ein anfanghafter.

3 Auch was die Haltung des Vertrauens betrifft, kann man noch nicht von einem vollen Glauben sprechen. Was sie tut, kommt mehr aus einer verzweifelten Hoffnung als aus echtem Vertrauen. Helfe, was helfen kann. Vielleicht hilft er.

In einem reifen Glauben steckt nicht mehr das „Vielleicht“ oder „Hoffentlich“, sondern er ist Vertrauen ohne jede Einschränkung. Wenn der Psalmist betet, „Gott, ich vertraue auf dich. Ich spreche, du bist mein Gott. In deiner Hand steht mein Geschick“, dann gibt er sich damit ganz an Gott hin und schenkt ihm uneingeschränktes Vertrauen.

Oder: In einem Gebet des großen englischen Kardinals J. H. Newman heißt es: „O Gott, ich gebe mich ganz in deine Hände. Mache mit mir, was du willst. . .  Ich will nicht mehr an mich selbst denken. Ich will dir folgen. . . Ich gebe mich dir, dass du mich führst, gleich wohin. Ich will dir im Dunkeln folgen und bitte nur um Kraft für meinen Tag.“

Wir spüren, das ist etwas ganz anderes als die Gedanken der Frau: das ist ganzes, unbedingtes Vertrauen. Ein solches Vertrauen gewinnt man nicht im ersten Ansatz. Das ist die Frucht des Ringens mit sich und mit Gott. Das liegt am Ende des innerlichen Weges und nicht am Anfang.

Schauen wir auf uns und bedenken wir, wo wir, jeder von uns auf diesem Weg steht: Ob noch am Anfang, wo das Vertrauen kümmerlich und wankelhaft ist, oder ob ich in dem Vertrauen schon so weit bin, dass es mir Halt bietet und Sinn gibt für die verschiedenen Situationen meines gewöhnlichen, nicht sehr aufregenden Alltagslebens, oder ob ich darin schon gereift bin und mit J. H. Newman sprechen kann: „Herr, ich gebe mich dir, dass du mich führst, wohin du willst.“

Zwischen den genannten Positionen gibt es natürlich unendlich viele Abstufungen. Aber bleiben wir in diesem Vertrauen der Selbstbeurteilung bei dem ganz einfachen Schema: stehe ich noch am Anfang, stehe ich schon in der Mitte dieses Weges, oder darf ich Gott danken, dass ich schon zu einem Vertrauen gefunden habe, wie es in dem genannten Gebeten und vielen, vielen anderen seinen Ausdruck findet. Und bleiben wir nicht dort stehen, wo wir sind. In dem Vertrauen auf Gott zu wachsen: das soll uns das wichtigste Anliegen sein.

4 Noch etwas fällt auf an dem Glauben der Frau. Er ist sehr „handgreiflich“. Sie drängt sich an Jesus hin, sucht wenigstens sein Gewand zu fassen, um dadurch seine heilende Kraft zu gewinnen. Dahinter steht ein fast magisches Denken. Aber es nicht Magie, denn die Kraft liegt nicht dem Gewand, in dem Ding, sondern Jesus ist es, der sie heilt.

So verschieden Glaube von Magie ist: auch der Glaube soll „handgreiflich“ sein. Das Be-rühren, Be-greifen, Be-fassen ist ein ganz ursprüngliches, menschliches Verlangen. Man sieht es auch immer wieder hier in der Kirche: Manche meinen, etwas nur dann gesehen zu haben, wenn sie es auch berührt haben. – Von unserem Papst sagt man, er sei ein „Papst zum Anfassen“. Das gleiche könnte man auch von Jesus sagen. Er ließ alle an sich heran. Er war ein Mensch zum Anfassen.

Sichtbar, greifbar begegnet er uns auch in der Kirche, in den Sakramenten, die alle auch sichtbare Zeichen sind, besonders im Sakrament der Eucharistie, in dem uns die Hostie auf die Hand gelegt wird zum Anfassen oder auch auf die Zunge. Auch die Symbole, die Gesten und Zeichen des Gottesdienstes sind keine bloßen Äußerlichkeiten. Durch sie gewinnen wir sinnenfälligen Kontakt mit Jesus, und durch diese immer neuen Begegnungen sollen wir den Glauben bekunden, und es wächst dadurch auch das Vertrauen zu ihm.

C Setzen wir das eben Gesagte in der folgenden Eucharistie und Feier, in der Feier des Todes und der Auferstehung Christi, gleich in die Wirklichkeit um, vor allem beim Empfang der Heiligen Kommunion. Verstehen wir sie als echte Begegnung mit Jesus! In ihr kommt er zu uns, schenkt er sich uns. Geben auch wir uns ihm hin. Vertrauen wir uns ihm an. Dann wird unser Vertrauen auch wachsen, dass wir zu noch größerem Vertrauen fähig werden.

12. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                             Mk 4, 35 – 41

 A Aufgrund der geographischen Lage sind wir hier in Bayern mehr auf die Berge hin orientiert als auf das Wasser. Wir kennen besser die Gefahren in den Bergen als die Gefahren auf dem Wasser. Aber die beiden sind sich ähnlich. Sie kommen hauptsächlich von einem Wetterumschwung, mit dem man nicht gerechnet hat, von dem man überrascht worden ist. In den Bergen ist plötzlich die Sicht weg, der Nebel bricht herein, es fängt zu regnen an, es wird kalt und gefährlich. Auf dem Wasser sind es die plötzlich aufkommenden Winde, die das Wasser aufwühlen und zur Gefahr werden.

Unser Evangelium erzählt von einem solchen Ereignis. Gerade auf dem See Genezareth mit seinem steilen Ostufer sind die gefährlichen Fallwinde keine Seltenheit.

Es war früher sicher genauso, wie es heute ist: Man erzählt gerne solche Erlebnisse, Gefahren, die man überstanden hat. Aber in der Heiligen Schrift haben solche Erlebnisse eigentlich keinen Platz, es sei denn, es kommt in ihnen eine tiefere Bedeutung zum Ausdruck, die auch für andere wichtig ist. Ein Ereignis ist hier nur dann des Erzählens wert, wenn es eine Erfahrung vermittelt, die für die Glaubenden aller Zeit wertvoll ist.

Der Heilige Augustinus sagt einmal im Anschluss an ein ähnliches Evangelium: Das Geschehen haben wir gehört, jetzt lasst uns das Geheimnis bedenken. Das wollen auch wir tun.

B1 Das hier Erzählte unterscheidet sich von einer gewöhnlichen Notsituation dadurch, dass sich die Jünger nicht sagen konnten: dank unserer Geschicklichkeit sind wir ihrer Herr geworden, oder: da haben wir aber Glück gehabt, das hätte böse ausgehen können. Es ist ihnen bewusst, dass sie die Rettung Jesus verdanken, dass er bei ihnen war. Und dies führt sie auf dem Weg der Erkenntnis des Geheimnisses Christi einen Schritt weiter. „Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar Wind und See gehorchen“, so fragen sie sich am Schluss der kleinen Erzählung.

Den Jüngern hat sich das Geheimnis Christi nicht sogleich mit der Begegnung Jesu erschlossen. Es war ein langer geistiger Weg, bis sie zur klaren bewussten Überzeugung gekommen sind, dass er der verheißene Messias ist, dass er der Sohn Gottes ist. Den letzten Schritt tun sie erst an Ostern.

Es liest sich so leicht in theologischen Lehrbüchern, Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Aber das Gesagte ist doch so eine Ungeheuerlichkeit, wenn man bei Gott an den Gott Israels denkt, in Bezug auf den der Prophet Jesaia in seiner Berufungsvision sagt: „Weh mir ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen. . . und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen“. Oder der zu Mose gesprochen hat aus dem brennenden Dornbusch: „Komm nicht näher heran, leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. . . Und Mose verhüllte sein Gesicht. Denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Diesen meint Jesus, wenn er von seinem Vater spricht. Und dessen Autorität, dessen Würde und Macht nimmt er für sich in Anspruch. Verständlich, dass die Erkenntnisse dieses Geheimnisses, dass der Glaube erst allmählich, Schritt für Schritt in ihnen reift. Erlebnisse mit ihm, wie das Erzählte, waren wichtige Schritte auf diesem Weg zum vollen Glauben, der über das Erkennen hinaus ein vertrauendes Verhältnis zu Jesus darstellt.

2 Die Erfahrungen der Jünger haben auch für uns insofern Bedeutung, als sie das, was ihnen selbst auf diese Weise aufgegangen ist, an uns weitergeben konnten. Wir nehmen es hörend auf, und so wird es auch zur Grundlage unseres Glaubens. Aber wir können dann noch etwas verstehen lernen. In diesem Ereignis, von dem wir sprechen, kommen zwei Dinge zusammen: das ist das Erlebnis des Sturms auf dem Meer, das Naturereignis, etwas nicht ganz Außergewöhnliches. Und das andere ist das Beisammensein mit Jesus, seine Worte, die sie hören, und seine Taten, die sie sehen. Der Glaube entsteht und wächst dadurch, dass das eine zum anderen kommt, eines das andere deutet, bzw. verstärkt.

In ganz ähnlicher Weise muss jeder von uns, um zu einem lebendigen, erfüllten Glauben zu gelangen, die Botschaft Jesu mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen. Das Wort muss zum Leben kommen, und das Leben muss zum Wort kommen. Nur so wird das geistige Wort zu einer Lebenswirklichkeit; nur so kommt es – bildhaft gesprochen – zu einem „Glauben mit Fleisch und Knochen“.

Wie ist dann der Heilige Petrus von einem feigen Versager zu einem mutigen Bekenner geworden. Sicher, es war der Pfingstgeist, der ihn erfüllte und der ihn dazu befähigte; aber menschlich gesehen, war es dies, dass er über seinen Schatten sprang, dass er im Vertrauen auf den Herrn vor den Hohen Rat hingetreten ist und Zeugnis gegeben hat. Sein Vertrauen hat sich verleiblicht in diesem Auftreten vor dem Hohen Rat, und dieses hat umgekehrt seinen Glauben, sein Vertrauen verstärkt.

Ähnliches gibt es in jedem Leben und fast Tag für Tag. Denken wir an die Begegnung mit einem Menschen, der zu denen gehört, die Jesus als die Geringsten bezeichnet. Ich kenne sein Wort: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan. Ich weiß: Das ist ein gutes Wort. Ich bejahe es, ich heiße es gut, und ich möchte ihm begegnen. Und in der Annahme dieses Wortes weiß ich mich mit Jesus verbunden. Ich vertraue ihm. Wenn ich aus dieser Überzeugung heraus diesem gebe, was er braucht, wenn ich ihm ein anerkennendes Wort sage, wenn ich ihm verzeihe, Rücksicht übe – was immer ich ihm Gutes tun kann: dann wirkt das auch zurück und verstärkt meinen Glauben.

Das gleiche trifft zu, wenn ich mich in der Angst vertrauend ganz Gott überlasse, wenn ich zu einer Schwierigkeit ja sage, um dadurch das Kreuz Christi mitzutragen. So stärken wir unseren Glauben. Durch das Zusammentreffen einer bestimmten Lebenssituation mit dem Glauben verändert sich diese Situation und vertieft und verinnerlicht auch meinen Glauben.

C Am nächsten liegt die Verleiblichung des Glaubens natürlich bei den ausgesprochen religiösen Handlungen, bei der Feier der Sakramente, bei der Feier des Gottesdienstes. Aber sie darf nicht beschränkt bleiben. Das führte zu einer Aufteilung des Lebens. Es gibt keine Lebenssituation, die sich nicht mit dem Glauben verbinden ließe. Schließen wir keine bewusst aus! Verbinden wir die beiden, soweit und so stark wie es uns möglich ist.

11. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                        2 Kor 5, 6 – 10

                                                                                                                         Mk 4, 26 – 34

 

A Die beiden Gleichnisse vom Wachsen der Saat und vom Senfkorn handeln vom Reich Gottes. Beide beginnen mit der Einleitung: „Mit dem Himmelreich ist es wie. . .“.

Das Reich Gottes darf man nicht gleichsetzen mit der Kirche. Die Kirche steht im Dienst des Reiches Gottes, sie ist ein Mittel zum Aufbau des Reiches Gottes, aber sie ist nicht dieses selbst. Die Unterscheidung ist notwendig, um das im Gleichnis Gesagte zu verstehen.

Aber ich möchte nicht näher darauf eingehen, sondern ein Wort aus der Lesung aufgreifen und zur Grundlage unserer Betrachtung machen.

Der Apostel schreibt den Korinthern: „Wir sind zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben. . ., denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende.“ „Als Glaubende gehen wir unseren Weg“, das heißt als Glaubende leben wir: das ist der Kern dieses Wortes.

B1 In einem weiteren Sinn verstanden, kann man von jedem Menschen sagen, dass er ein Glaubender ist. Auch der, der sich als Ungläubiger bezeichnet, ist es, ob er will oder nicht.

Jeder glaubt, dass es sich lohnt, zu leben oder wenigstens, dass es uns aufgegeben ist, dieses Leben anzunehmen. Ohne diese Überzeugung könnte man gar nicht leben. Und diese Überzeugung hat den Charakter des Glaubens, sie ist nicht theoretisch zu begründen: sie ruht auf einer Entscheidung. Ebenso sind wir in dem Verhältnis zu den anderen Menschen auf Treue und Glauben angewiesen. Ohne sie gäbe es keine Gemeinschaft und ohne Gemeinschaft kein menschliches Leben.

Und das gilt auch in Bezug auf Gott. Wer sagt, dass es über die sichtbare Welt hinaus nichts gibt, dass Gott nicht ist, spricht damit eine Überzeugung, einen Glauben aus. Er glaubt, dass das, was wir mit den Augen sehen, alles ist. In diesem weiteren Sinn ist jeder Mensch ein Glaubender.

Paulus meint hier in seinen Brief nicht diese allgemeine Glaubenshaltung, sondern er meint den christlichen Glauben, und dieser unterscheidet sich von dem allgemeinen Glauben wesentlich.

Zu Beginn der vergangenen Woche ist der Katechismus für Erwachsene erschienen, herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz, ein Buch, das ich Ihnen allen empfehlen möchte, das zu dem auch sehr preiswert ist. In diesem Katechismus für Erwachsene findet sich natürlich ein Abschnitt, der sich mit dem Glaubensverständnis befasst und in dem das aufgezeigt wird, was das Eigentliche des christlichen Glaubens ausmacht.

Unseren germanischen Vorfahren, die an Wotan und Donar, Freya und andere Götter glaubten, haben auch etwas erkannt von dem Geheimnis Gottes; sie haben es erfasst im Erleben der Natur, in der Erfahrung der inneren Stimme. Das waren keine falschen Wege; diese sind auch für uns heute wichtig. Aber unser Glaube führt darüber hinaus.

Das besondere des christlichen Glaubens besteht darin, dass er – so ist es in dem genannten Erwachsenen-Katechismus ausgedrückt – eine Antwort des Menschen auf die Selbstoffenbarung Gottes ist: die Selbstoffenbarung, die geschehen ist vor allem in Jesus Christus. In Jesus ist Gott selbst erschienen, und durch ihn erfassen wir, wer Gott ist, oder besser: er macht uns offenbar, er sagt uns, was Gott, unser Schöpfer, mit uns vorhat, auf welches Ziel hin er uns erschaffen und was er von uns erwartet. Das Besondere unseres Glaubens besteht also darin, dass ihm ein Anruf Gottes vorausgeht, ein Angebot, eine Verheißung. Der Glaube ist die Antwort darauf.

3 Als Jesus einmal an eine Zollstätte kam, sagte er zu dem Zöllner, Levi mit Namen: Komm und folge mir. Und dieser stand auf und folgte ihm: Das ist Glaube. Er folgte dem Anruf. Das war ein Anruf an einen Einzelnen, sehr konkret und sehr bestimmt. Aber angesprochen werden nicht nur Einzelne, sondern alle: „Wandelt euren Sinn und glaubt an das Evangelium.“ Das ist an jeden gerichtet. Auch das ist sehr konkret und sehr bestimmt: Die Worte des Evangeliums haben einen Sinn, den wir verstehen können, und über das Wort erschließt sich der, der zu uns spricht. Glauben heißt demnach, sich auf diese Botschaft einlassen, die das Evangelium enthält, heißt sich auf Gott einlassen, ihm Vertrauen schenken.

Jesus tritt heute nicht mehr selbst an uns heran; diese Aufgabe hat er der Kirche übertragen. Durch sie erreicht uns sein Anruf, seine Botschaft, auf die wir glaubend antworten sollen.

4 Dieses „Sollen“ dürfen wir nicht falsch verstehen, als etwas Belastendes, als Bürde. Der Erwachsenen-Katechismus sagt, dass der Anruf Gottes letztlich besteht in der Einladung zur Begegnung, zur Gemeinschaft, zur Freundschaft mit Gott. Auch Gott kann uns seine Freundschaft, die Gemeinschaft mit ihm nur anbieten. Es liegt an uns, sie anzunehmen: das geschieht im Glauben, das ist letztlich Glaube. Was wir dadurch gewinnen, ist die Sinnerfüllung des Lebens, das Heil werden, das Heil.

5 Damit ist auch klar, dass der Glaube nicht etwas ist, was man so nebenbei mitnehmen kann, sondern dass er das ganze Leben betrifft. Wer sich für einen Mann, für eine Frau entscheidet, wer in einer Familie lebt, in einer klösterlichen Lebensgemeinschaft lebt, der bringt sich in diese Gemeinschaft ganz ein. Diese Beziehung prägt sein ganzes Leben; sie ist nicht nur ein Anhängsel an das private persönliche Leben.

Ähnlich ist der Glaube eine ganzheitliche Haltung. Wenn ich Gottes Angebot zur Freundschaft mit ihm, zur Gemeinschaft mit ihm annehme, dann hat das Auswirkungen auf alle Beziehungen, in denen ich stehe: zu den Mitmenschen, zur Welt, zu mir selbst. Glauben ist nicht ein vages, inhaltsloses Gefühl, sondern eine Haltung, die eine Entscheidung verlangt, eine Antwort auf ein bestimmtes Angebot.

C „Als Glaubende gehen wir unseren Weg“, so schreibt der Heilige Paulus an die Korinther. Er sagt dann weiter: „Deshalb suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen.“

Natürlich gibt es auch andere Motive, die unseren Lebensweg bestimmen, aber das letzte Motiv muss dieses sein, dass wir ihm gefallen, und an ihm müssen sich auch alle anderen orientieren. Dieser Konsequenz dürfen wir uns nicht entziehen. Als Glaubende sollen wir unseren Weg gehen, den Weg, der auch dann im Schauen sein Ziel findet.

 

Heiligstes Herz Jesu - Freitag der 3. Woche nach Pfingsten

Hochfest

Papst Benedikt XVI. aus der Predigt am 19.6.2009 im Petersdom

 „Der Herr schloss uns in sein Herz – Suscepit nos Dominus in sinum et cor suum.“ Im Alten Testament ist 26 Mal vom Herzen Gottes die Rede, das als der Sitz seines Willens angesehen wird: nach dem Herzen Gottes wird der Mensch beurteilt. Aufgrund des Schmerzens, den sein Herz wegen der Sünden des Menschen leidet, beschließt Gott die Sintflut, dann aber rührt ihn die menschliche Schwäche, und er vergibt. Dann gibt es einen alttestamentlichen Abschnitt, in dem das Thema des Herzens Gottes ganz klar Ausdruck findet: im 11. Kapitel des Buches des Propheten Hosea, wo die ersten Verse die Größe der Liebe beschreiben, mit der sich der Herr an Israel zu Beginn seiner Geschichte gewandt hat: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, ich rief meinen Sohn aus Ägypten“ (V.1). Tatsächlich antwortet Israel auf die unermüdliche göttliche Liebe mit Gleichgültigkeit und sogar Undankbarkeit. „Je mehr ich sie rief“, muss der Herr feststellen, „desto mehr liefen sie von mir weg“ (V. 2). Dennoch gibt er Israel nie den Händen der Feinde preis, denn „mein Herz“, so sagt der Schöpfer des Alls, „wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf“ (V.8).

Das Herz Gottes lodert vor Mitleid auf! Am heutigen Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu stellt die Kirche unserer Betrachtung dieses Geheimnis anheim, das Geheimnis des Herzens eines Gottes, der Rührung empfindet und der die Menschheit mit all seiner Liebe überflutet. Eine geheimnisvolle Liebe, die in den Texten des Neuen Testaments als unermessliche Leidenschaft Gottes für den Menschen geoffenbart wird. Er gibt nicht auf angesichts der Undankbarkeit und nicht einmal der Ablehnung des Volkes, das er erwählt hat; im Gegenteil, mit unendlicher Barmherzigkeit sendet er seinen eingeborenen Sohn in die Welt, damit er das Verhängnis der zerstörten Liebe auf sich nehme; damit er die Macht des Bösen und des Todes besiegen und so den Menschen, die von der Sünde zu Knechten gemacht worden sind, die Würde von Kindern zurückerstatten kann. All dies zu einem hohen Preis: Der eingeborene Sohn des Vaters opfert sich am Kreuz: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ (Joh 13,1). Symbol einer derartigen Liebe, die über den Tod hinausgeht, ist seine von einer Lanze geöffnete Seite. Dazu sagt der Apostel Johannes, der Augenzeuge des Geschehens war: „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus“ (Joh 19,34).

10. Sonntag im Jahreskreis

(Diaspora-Sonntag)                                                                              Mk 3, 20 – 35

A Wir haben in der vergangenen Woche, am 5. Juni, das Fest des Heiligen Bonifatius begangen. Wir verehren den großen Missionar des 8. Jahrhunderts, der von England in unser Land kam und hier die Kirchenorganisation begründet hat, als „Apostel der Deutschen“. Seinen Namen trägt heute das sogenannte Bonifatiuswerk, das sich die Förderung der Kirche in der deutschen Diaspora zur Aufgabe gestellt hat. Auf diese Aufgabe werden wir heute, am Diaspora-Sonntag, hingewiesen. Es ist dies ja nicht eine Aufgabe, die das Bonifatiuswerk uns abnimmt, sondern die es für uns und mit uns wahrnimmt. Das Leitwort, das ihm in diesem Jahr gegeben wurde, lautet: „Weil Gott uns zusammenruft“; es ist ein Wort, das uns an unsere Verbundenheit miteinander und Verantwortung füreinander erinnert.

B1 Wenn wir von Diaspora sprechen, denken wir – das entspricht der Tradition – an die Gebiete, die mehrheitlich evangelisch sind, in denen es prozentuell nur wenige katholische Familien, nur wenige Katholiken gibt.

Neben diese herkömmliche Vorstellung von Diaspora tritt heute eine andere. Wir denken an die Christen, die unter vorwiegend Kirchenfernen oder Nichtchristen leben. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass im zweiten Fall – bei uns jedenfalls – ein ausgebautes Netz kirchlicher Einrichtungen besteht, dass es für alle in nicht unzumutbarer Entfernung Kirchen gibt mit einem entsprechenden Angebot an Gottesdiensten, dass es Stätten der Sammlung und Begegnung gibt und die Möglichkeit des Kontakts und der Gemeinschaft mit anderen. Im anderen Fall fehlt es zum Großteil an diesen Voraussetzungen. Aber dort prägt die christliche Grundüberzeugung der evangelischen oder reformierten Gläubigen den Glauben mit. Am nachteiligsten ist die Lage dort, wo das eine zum andern kommt.

2 Mit dem Leitwort „Weil Gott uns zusammenruft“ weist das Bonifatiuswerk auf die Notwendigkeit und Bedeutung, die die Gemeinschaft für den Glauben hat, hin: auf das gemeinsame Beten und Feiern und jede andere Form des Beisammenseins.

Ich habe erst vor einigen Wochen, am Gebetstag für die verfolgte Kirche, auf die Bedeutung der Gemeinschaft für den Glauben hingewiesen, und zwar im Zusammenhang damit, dass die Staaten mit einer erklärt atheistischen Staatsführung jede Gelegenheit wahrnehmen, um Kirchen zu schließen, um den Gemeinden die möglichen Voraussetzungen für das gemeindliche Leben zu nehmen. Natürlich, es muss nicht eine Kirche im strengen Sinn des Wortes sein; man kann überall den Gottesdienst feiern. Aber ein solcher ist eben nötig. Noch wichtiger freilich ist der geistige Raum, der brüderliche Raum: die Verbindung, die Gemeinschaft mit Menschen, in der der Glaube wachsen und lebendig bleiben kann.

3 Es ist eine oftmals gemachte Erfahrung, dass Katholiken, wenn sie aus einem Nichtdiasporagebiet in die Diaspora kommen, nach kurzer Zeit ihre Beziehung zur kirchlichen Gemeinschaft verlieren oder sie überhaupt nicht finden und sich mit einer äußerlichen Kirchenzugehörigkeit zufriedengeben. Ein Glaube, der den Namen verdient, braucht beides: die persönliche Entscheidung und die Verbundenheit mit der Gemeinschaft.

In kleinen dörflichen Gemeinden kann jemand sich so in die Gemeinschaft eingebunden fühlen, dass er an ihrem kirchlichen Leben teilnimmt, ohne dass er sich wirklich für den Glauben entschieden hat. Die Folge ist, dass er dann, wenn er diese Welt verlässt, auch den geistig-seelischen Raum verlässt und sich von der Kirche entfernt. Und wenn umgekehrt jemand zwar bewusst ja zu Christus sagt, nicht aber auch ja zur Kirche und sich von der konkreten Gemeinschaft fernhält, dass dann dieser Glaube eine bloße Weltanschauung bleibt, die das Leben nicht durchdringt und prägt.

4a Leben ist ganz allgemein immer Leben mit anderen. Und ebenso ist gläubiges Leben, Leben mit anderen, ein Geben und Nehmen: im Kleinen und im Großen, in sich übergreifenden Kreisen bis hin zur Weltkirche. Und dies sollen wir nicht verstehen als eine Verpflichtung, die uns aufgebürdet ist, sondern zunächst einmal einfach als etwas ganz Selbstverständliches. Das sagt uns nicht der Papst, das sagen uns nicht die Bischöfe, sondern das ist einfach so, weil wir Menschen so sind. Wir brauchen das gegenseitige Glaubenszeugnis, wir wissen aus Erfahrung um den Wert eines gemeinsamen Betens; die Sakramente als Handlungen der Kirche haben den Charakter von gemeinschaftlichen Feiern.

Dazu kommt die Tatsache, dass die Menschen verschieden sind, dass die Situationen, in denen sie leben, verschieden sind, dass es Hilfsbedürftige und zur Hilfe Befähigte gibt, Schwache und Starke. Und das verlangt Solidarität und Stärke, die Bereitschaft zu helfen und sich helfen zu lassen.

4b Es geht hier, bei der Verantwortung für die Christen in der Diaspora, auch nicht um kirchliche Selbsterhaltung, sondern es geht um Gott, der das Heil der Menschen will, und es geht um den Menschen, der zur Gemeinschaft mit Gott berufen ist. Die Kirche existiert nicht um ihrer selbst willen, sondern um Gott und Menschen zu dienen und für Christus heute und allezeit Mund und Hand zu sein. Und Kirche meint in diesem Kontext nicht: Institution, sondern die gläubigen Menschen. Anders gesagt, um unsere Sorge für die Diaspora wahrzunehmen, sind wir alle persönlich angesprochen.

5 Wir haben vorhin im Evangelium von der Begegnung Jesu mit seinen Angehörigen gehört. In diesem Zusammenhang fragt er: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Er gibt selbst die Antwort: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter, dann sind wir es auch füreinander. Und Bruder und Schwester und Mutter können, dürfen uns nicht gleichgültig sein.

C Der Berliner Kardinal, Joachim Meisner, hat bei einem feierlichen Gottesdienst zu Beginn des Jahres unter anderem gesagt: „Wer heute Christ ist, lebt immer exponiert im Außen; er hat teil an der Gottlosigkeit seiner Menschenbrüder, die bei ihm allerdings den Namen Gottverlassenheit trägt.“

Von Gott geliebt sind nicht nur die, die sich an sein Wort halten, sondern auch die, die sich ihm entziehen. Er entzieht sich keinem.

Wir wollen heute nicht nur an die heutige Minderheit denken, die den Namen Diaspora trägt, sondern auch an die anderen Nicht-Gläubigen; auch für sie hat sich unser Herr am Kreuz hingegeben, auch sie möchte er in seinem Reiche sehen.

Fronleichnam

Aus der Predigt am 26.5.2005 zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi, Fronleichnam

Papst Benedikt XVI.

Die Fronleichnamsprozession antwortet symbolisch auf den Auftrag des Auferstandenen: Ich gehe euch voraus nach Galiläa. Geht bis an die Grenzen der Erde, bringt der Welt das Evangelium. … Im Sakrament ist der Herr immer unterwegs zur Welt. Dieser universelle Aspekt der eucharistischen Präsenz zeigt sich in der Prozession unseres heutigen Festes.

Wir tragen Christus, der in der Gestalt des Brotes gegenwärtig ist, durch die Straßen unserer Stadt. Wir vertrauen diese Straßen, Häuser – unser tägliches Leben – seiner Güte an. Mögen unsere Straßen Jesu Wege sein! Mögen unsere Häuser Häuser für ihn und mit ihm sein! Möge unser tägliches Leben durchdrungen sein von seiner Gegenwart. Mit dieser Geste tragen wir vor seine Augen die Leiden der Kranken, die Einsamkeit der Jungen und Alten, die Versuchungen, die Ängste – unser ganzes Leben. Die Prozession will ein großer, öffentlicher Segen für diese unsere Stadt sein: Christus selbst ist der göttliche Segen für die Welt – der Strahl seine Segens breit sich über uns alle aus!

Dreifaltigkeitssonntag

                                                                                                                                        Mt 28, 16 – 20

 

A Es hat eine Zeit gegeben, in der viele glaubten, man könnte mit dem Verstand die ganze Wirklichkeit erklären und sie auch nach den erkannten Gesetzen ordnen. Notwendig sei nur, dass man sich von allen Vorstellungen frei macht, die sich einer verstandesmäßigen Durchdringung entziehen. Von diesem Optimismus, von diesem Machtgefühl ist nicht sehr viel übriggeblieben; wir leiden heute mehr an der Ohnmacht, und an die Stelle des Optimismus ist die Angst getreten. Wenn schon von der Welt gilt, dass sie über unser Begreifen hinausgeht, dann gilt das erst recht von dem Schöpfer und Herrn der Welt, von Gott, oder anders gesehen: In dem Geheimnis der Welt kündet sich uns das Geheimnis Gottes an.

Ein großer Physiker unseres Jahrhunderts hat es so ausgesprochen: Am Ende unseres Denkens steht Gott. Er meint damit nicht, dass man schließlich auch Gott erkennen könne wie andere Wirklichkeiten in der Welt, sondern dass die großartige Naturordnung und die unergründbare Tiefe der Weltwirklichkeit auf ihn, das letzte Geheimnis, hinweisen. Gott ist das letzte große Geheimnis: das gilt nicht nur für die Wissenschaft, das gilt auch für den Glauben. Er ist und bleibt es auch nach all dem, was wir von Gott sagen können. Ja gerade das, was wir sagen können, macht uns bewusst, dass Gott das Gesagte weithin überschreitet. Für keine Aussage gilt das mehr als für die Wahrheit von der Dreifaltigkeit Gottes, die wir heute feiern.

B1 Es gibt „Dinge“, von denen kann man nur zu Menschen sprechen, die diesen gegenüber Ehrfurcht haben und auch die nötige Verstehensbereitschaft mitbringen. Ist das nicht der Fall, dann muss man davon schweigen. Es tun heißt – um es mit einem Bildwort des Evangeliums zu sagen – Perlen vor die Schweine werfen. Das gilt nicht nur dort, wo es um das Heilige geht, sondern auch schon, wo es um das Schöne, um die Kunst geht. Wer dafür kein Gespür hat, wem nur gefällt, was laut und deftig ist, mit dem kann man darüber nicht sinnvoll sprechen. Erst recht gilt das aber für das Heilige. Denn hier geht es nicht nur um eine Sache, sondern um eine Person, um den Heiligen, um den, dem Lob und Anbetung gebühren. Eigentlich ist ihm nur dieses angemessen; alles Reden von ihm kann nur ein behutsames Tasten sein.

2 Manche Aussagen, die wir von Gott machen können, sind uns verhältnismäßig leicht zugänglich, wie etwa die, dass Gott der Schöpfer der Welt ist, dass er allwissend und allmächtig ist, auch dass er uns liebt. Aber auch sie übersteigen weit unser Verstehen. Erst recht gilt das für die Dreifaltigkeit Gottes.

„Dreifaltigkeit“: in einem kurzen Satz ausgedrückt, heißt das: Gott ist einer in drei Personen. Etwas breit ist es schon im Apostolischen Glaubensbekenntnis ausgeführt. Es heißt dort: „Ich glaube an Gott, den Vater . . . an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn . . . und an den Heiligen Geist.“ Noch breiter ist es im sogenannten langen Glaubensbekenntnis ausgeführt, wo vom Sohn noch gesagt wird: „Gott von Gott“, „wahrer Gott vom wahren Gott“, „eines Wesens mit dem Vater“. Und vom Heiligen Geist heißt es: „Er, der aus dem Vater und dem Sohne hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohne angebetet und verherrlicht wird“.

Für viele Menschen ist heute schon der Glaube an Gott ganz allgemein ein echtes persönliches Problem. Muss man, soll man diesen Glauben noch zusätzlich „belasten“ durch die Aussage, dass er der dreifaltige oder dreieinige Gott ist?

Ja, wenn man diese Glaubenswahrheit nur in dieser verdichteten Form hört, dass Gott einer in drei Personen ist, dann wird er sehr leicht als Belastung empfunden. Kann man ihn nicht auch anders verstehen?

3 Bedenken wir, dass all das, was wir von Gott sagen, nicht nur unsere Mutmaßungen sind, nicht nur das Ergebnis von Überlegungen. Gott selbst hat sich uns offenbart, sich uns zu erkennen gegeben, schon im AT und dann vor allem in Jesus Christus. Jesus ist es, der uns sagt, wer Gott ist, wie Gott zu uns steht, und zwar nicht nur, um unser Wissensbedürfnis zu erfüllen, sondern damit wir ihm die rechte Antwort darauf geben.

Was uns etwa die Wissenschaft sagt über die kleinsten Bausteine der Natur: das ist sehr interessant, aber es berührt mich nicht persönlich. Wenn es nicht so wäre, wie es eben ist, gut, dann wäre es eben anders; und ich würde das genauso zur Kenntnis nehmen. Für mich änderte sich damit nichts. Ob mir aber Gott als ein Strenger, Fordernder gegenübersteht, der auf die Leistung schaut, oder als ein barmherziger Gott: das ist für mich wichtig. Für die Ausrichtung meines Lebens ist letztlich nichts wichtiger als die Frage, wie er zur mir, zu uns steht.

Und Jesus spricht nicht nur davon, sondern in ihm ist Gott Mensch geworden. Und in diesem Menschen Jesus können wir erkennen, wer Gott ist, wie Gott ist. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt er zu. Er weiß nicht nur mehr als alle anderen von Gott, sondern er ist „eines Wesens“ mit ihm, so dass wir, wenn wir ihn erkennen, auch Gott, den Vater, erkennen. Der Glaube an Jesus als den Sohn des himmlischen Vaters ist keine unnötige Belastung unseres Glaubens, sondern umgekehrt: durch ihn erkennen wir Gott; er ist der Zugang zu ihm, die „Tür“, wie Jesus sich selbst nenne.

4 Die Sendung Jesu geht aber nicht darin auf, dass er uns offenbar macht, wer Gott ist; das letzte Ziel seiner Sendung ist, dass wir Gemeinschaft mit Gott, mit dem Vater, haben. Das einigende Band, die innere Kraft, die uns zur Gemeinschaft mit dem Vater und auch dem Sohn zusammenschließt, ist die Liebe Gottes, und ein anderer Name für dies ist: der Heilige Geist. Er ist die Liebe des Vaters zum Sohn und des Sohnes zum Vater. Wenn wir an den Sohn glauben, ihm vertrauen, dann haben wir auch teil an dieser Gemeinschaft, dann haben wir Gemeinschaft mit Gott.

5 Nur zu glauben, dass es einen Gott gibt, dass er existiert: das bedeutet nicht viel. Wichtig ist, dass wir ihn erkennen, wie er zu uns steht, und das erschließt sich uns durch den Sohn Gottes. Und diese Erkenntnis gipfelt in der Tatsache, dass er weiß, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben. Und diese wird uns zuteil durch den Heiligen Geist. Auch dieser Glaube an den Heiligen Geist belastet nicht unnötig unseren Glauben, sondern durch ihn wird der Sinn des Glaubens erst vollends verständlich. – So skizzenhaft das alles bleiben muss, es lässt uns doch die Bedeutung, die das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit für uns hat, erahnen.

C Das Dreifaltigkeitsfest wird am Sonntag nach Pfingsten begangen. Das hat seinen Grund. Mit dem Pfingstfest ist die jährliche Feier der Heilsereignisse abgeschlossen. Sie reicht vom Advent über das Fest der Geburt Jesu und der Taufe Jesu, über die Feier seines Leidens, des Sterbens und der Auferstehung bis zur Sendungen des Heiligen Geistes.

All das war und ist hingerichtet auf unser Heil, das darin besteht, dass wir zu Gott gelangen, dass wir bei ihm sind, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben. Die kürzeste Glaubensformel dafür, die all das zusammenfasst, ist das Bekenntnis: Ich glaube an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.

 

Pfingstmontag

                                                                                                        Jo 15,26 – 27; 16,1 – 3; 12 – 15

 1 Gestern hörten wir in der Lesung unter anderem das Wort: „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet.“ Das heißt niemand kommt zum Glauben, niemand glaubt, es sei denn durch die Erleuchtung und Führung durch den Heiligen Geist.

Die Heilige Schrift zeigt uns sehr deutlich, dass sich die Jünger Jesu zum vollen und bekenntnisbereiten Glauben erst durch die Sendung bzw. durch den Empfang des Heiligen Geistes gelangt sind. Sicher war das nicht das einzige große innere Durchbrucherlebnis. Es gingen diese andere voraus. Zu denken wäre an das Messias-Bekenntnis, das Petrus im Namen aller Jünger abgibt: zu denken ist an die Erscheinungen des Auferstandenen. Das waren für sie notwendige Vorstufen; aber ganz fällt die Hülle erst mit dem Pfingstfest, durch den Empfang des Heiligen Geistes.

2 Von uns aus, allein auf unsere menschlichen Fähigkeiten gestützt, sind wir nicht in der Lage, das Christus-Geheimnis, die göttliche Wahrheit zu erkennen. Darauf weisen uns die Worte des Evangeliums hin, die wir eben vernommen haben: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.“ Das ist nicht ein Lob der Dummen und eine Schelte der Gescheiten; sondern hier wird etwas über die rechte Grundhaltung gesagt. Wer sich weise und klug dünkt und meint, allein durch seine eigenen Gedanken alles erfassen zu können: dem wird die göttliche Wahrheit verborgen bleiben, wer sich aber von Jesus belehren und vom Heiligen Geist führen lässt, dem wird sie sich erschließen.

3 Wenn wir uns unter den großen Gestalten der Kirchengeschichte umsehen, dann finden wir unter ihnen ganz große Geister, bedeutende Gelehrte, aber auch sehr einfache, ungebildete Menschen. Für den Glauben ist nicht eine gewisse Bildung Voraussetzung, sondern eine von ihr unabhängige Grundhaltung, die vergleichbar ist einer Schale, die offen ist, in die etwas hineingegeben werden kann, mit der man etwas empfangen kann. Dem Glauben, dem, was wir selbst erbringen, geht das Empfangen voraus.

4 So sehr Jesus Jude war und als solcher dachte: in dieser Hinsicht urteilte er ganz anders als die Schriftgelehrten. Sie waren überzeugt, dass nur ein im Gesetz Gebildeter ein wirklich Frommer sein kann. Sie urteilten oft hart über das dumme Volk, das dazu nicht fähig ist.

Jesus preist den Vater, dass er sich den Unmündigen offenbart hat, er preist die, die arm sind vor Gott.

Das soll für uns heißen, dass wir uns von ihm beschenken lassen müssen; das ist es, was uns reicher macht: beschenken mit seinem Wort, beschenken vor allem mit den Gaben des Heiligen Geistes.

Pfingsten

Papst Benedikt XVI., aus der Ansprache beim Angelus vom 12.6.2011

 Mit dem Hochfest Pfingsten, das wir heute feiern, schließt die liturgische Osterzeit. Tatsächlich findet das Paschageheimnis - Leiden, Tod und Auferstehung Christi sowie seine Himmelfahrt – seine Erfüllung in der mächtigen Ausgießung des Heiligen Geistes über die Apostel, die gemeinsam mit Maria, der Mutter des Herrn, und den anderen Jüngern versammelt sind. Es war dies die „Taufe“ der Kirche, Taufe im Heiligen Geist (vgl. Apg 1,5). Wie die Apostelgeschichte berichtet, erfüllte am Morgen des Pfingsttages ein Brausen, wie wenn ein heftiger Wind daherfährt, den Abendmahlssaal, und auf jedem der Jünger ließen sich Zungen wie von Feuer nieder (vgl. Apg. 2,2-3). …

Liebe Freunde, der Heilige Geist, der im Augenblick unserer Taufe in uns den Glauben schafft, gestattet es uns, als Kinder Gottes zu leben, bewusst und zustimmend, nach dem Bild des eingeborenen Sohnes. Auch die Vollmacht zur Vergebung der Sünden ist Geschenk des Heiligen Geistes. In der Tat: Als Jesus den Aposteln am Abend von Ostern erschien, hauchte er sie an und sagte: „Empfangt den Heiligen Geist! „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“ (Joh 20,22.23). Der Jungfrau Maria, Tempel des Heiligen Geistes, empfehlen wir die Kirche, dass sie stets von Jesus Christus, von seinem Wort, von seinen Geboten lebe und unter dem ewigen Wirken des Geistes und Beistandes verkünde: „Jesus ist der Herr!“ (1 Kor 12,3).

Christi Himmelfahrt

                                                                                                                         Apg 1, 1 - 11

                                                                                                                         Mk 16, 15 – 20

 

A Jedes christliche Fest hat sein Festgeheimnis, das sich in einem Glaubenssatz ausdrücken lässt. Und jede Glaubenswahrheit ist eine Antwort auf eine menschliche Frage.

Man kann den Zusammenhang auch so beschreiben: Wenn uns ein Fest nicht etwas sagt, was für unser Leben von Bedeutung ist, dann wäre ein solches Fest leer und eigentlich kein Festtag, sondern nur ein arbeitsfreier Tag.

Das Fest, das wir heute feiern, hat seinen Ursprung in dem, wovon die Apostelgeschichte und das Mk-Evangelium berichten. Wir haben die entsprechenden Abschnitte als Lesung und als Evangelium gehört. Es kommt darauf an, dass wir erkennen, welche Bedeutung dieses Geschehen für uns hat. – Das ist das Anliegen unserer Besinnung.

B1 Vor allem Lk erzählt sehr anschaulich, was die Jünger vierzig Tage nach Ostern erleben. Aber das Eigentliche, um das es geht, ist ganz unanschaulich. Jesus, der hier mit seinen Jüngern spricht und sich vor ihren Augen erhebt, ist der Auferstandene, nicht Jesus in seiner menschlichen Leiblichkeit. Und der Auferstandene ist nicht so zu sehen, wie ein Mensch zu sehen ist, sondern der Auferstandene zeigt sich ihnen in einer Weise, wie es ihnen, den Menschen, angepasst ist, wie sie ihn erkennen können. Letztlich ist die Himmelfahrt genauso wie die Auferstehung etwas, was sich der Vorstellung entzieht, was natürlich nicht heißt, dass sie nicht genauso wirklich ist wie das, was man direkt sehen kann.

Am Abend des Ostertags hat Jesus den Jüngern dadurch, dass er ihnen erschien und ihnen die Hände mit den Wundmalen darbot, gezeigt, dass er lebt, dass er nicht im Tod ist; jetzt macht er ihnen klar, dass er beim Vater ist. Er ist auferstanden vom Tod zur ewigen Gemeinschaft mit dem Vater. Dieses „Von“ und „Zu“, die Auferstehung und die Himmelfahrt, gehören zusammen wie der Ausgang und das Ziel eines Weges.

2 Die bildhafte Darstellung dieses Geschehens, das Auffahren zum Himmel, war für die Menschen früher sicher eine Hilfe, um das Gemeinte zu erfassen. Heute ist es für viele eher eine Erschwernis als eine Hilfe. Aber wir brauchen dieses Bild nicht unbedingt. Und schon in der Heiligen Schrift finden wir dafür auch andere Aussagen. Am Anfang der Erzählung von der Fußwaschung etwa heißt es: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen.“ Und im Anschluss daran sagt Jesus: „Ich gehe zum Vater.“ Wir kennen auch sein Wort: „Ich gehe hin, um euch eine Wohnung zu bereiten.“ Auch hier haben wir es mit Bildern zu tun, um mit dem Bild das Gehens in leichten Abwandlungen. Aber diese Bilder sind weniger missverständlich; sie verleiten uns nicht zu dem Unmöglichen, dass wir uns das Geschehen vorzustellen versuchen. Wir können zwar auf dieses oder jenes Bild verzichten, aber wir können darauf nicht völlig verzichten. Ohne es können wir von diesem Geheimnis und überhaupt von Gott nicht sprechen.

Ein ganz anderes Bild finden wir im heutigen Evangelium und vorher schon beim heiligen Paulus. Er spricht davon, dass Christus zur Rechten des Vaters sitzt. Er benennt nicht die Bewegung zum Vater hin, sondern nennt gleich das Ziel. Im Glaubensbekenntnis wurden diese Worte mit der Erwähnung der Himmelfahrt verbunden. Es heißt: „Er ist aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten des Vaters.“ Was mit der Menschwerdung Christi begann, das erfüllt sich in der Erhöhung zur Rechten des Vaters.

3 Im Blick auf Jesus sagt uns das heutige Fest also, dass sich mit dem Tod die Spuren nicht einfach verloren haben, sondern dass Jesus durch die Auferstehung und die Himmelfahrt an das Ziel gekommen ist, das nicht mehr überboten werden kann, in dem es auch kein früher oder später gibt, sondern nur erfüllende Gegenwart. Sein Leben ist kein Torso. Das wäre es aber, wenn es nicht zu diesem Ziel gelangt wäre. In dem Gehen zum Vater erfüllt sich sein Leben. Das ist etwas so Wesentliches, dass es festlich gefeiert wird.

4 Es soll dadurch aber zugleich erfahrbar werden, dass diese Tatsache auch für uns von Bedeutung ist. Er, der Menschgewordene, ist der erste unter den Brüdern; an seinem Leben haben wir ein Beispiel für unser Leben. An ihm können wir demnach erkennen, wozu wir bestimmt sind. Auch unser Leben soll sich nicht einmal verlieren, so wie eine Spur im Sand, die der Regen und der Wind löschen, oder wie die Flamme einer Kerze, die immer kleiner wird, bis sie schließlich ganz zusammensackt und erlischt. Auch unser Leben soll an ein Ziel kommen, in dem es sich erfüllt, zur Gemeinschaft mit dem Vater. Wo Jesus ist, dort sollen auch wir sein. Er ist hingegangen, um uns einen Platz beim Vater zu bereiten. Er will, dass wir sind, wo er ist.

5 Man kann wohl sagen, dass dies den Hauptunterschied ausmacht zwischen einem christlichen und einem nicht-christlichen Leben. In einer nicht-christlichen Sicht ist in der Regel der Tod das absolute Ende. Das Leben geht auf in den Tagen und Jahren, die wir jetzt verbringen und in dem, was wir jetzt erleben. In christlicher Sicht hat dieses Leben natürlich auch Gesicht: jeder Tag, jedes Jahr. Aber es ist eben nicht das ganze Leben, sondern es ist der Weg zu einer möglichen Erfüllung, die jedes hier erreichbare Ziel überbietet.

Diese Glaubensaussage ist uns allen natürlich vertraut. Damit sagt man keinem Gläubigen etwas Neues. – Aber wir müssen uns doch immer wieder fragen und prüfen, ob und in welchem Maß dieser Glaube für mich auch praktische Bedeutung hat. Denke ich, handle ich nicht wie jemand, für den das Leben in diesem Leben aufgeht, sei es, dass man an den Dingen hängt, als garantierten sie das ewige Glück, sei es, dass man sich der Angst überlässt und sich in sie hineinsteigert, als fielen wir ins Nichts und nicht in die Hände Gottes, sei es, dass wir hinter allem her sind, was jetzt schon etwas bringt, weil wir glauben, es könnte uns etwas entgehen, usw.

Nehmen wir das heutige Fest zum Anlass, um uns in dieser Beziehung ehrlich zu prüfen: wie weit bestimmt das Ziel dieses Lebens auch den Lebensweg.

C In einer chassidischen Erzählung sagt einer zum anderen: Ich gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott wohnt. Darauf der andere: Ich gebe dir zwei Gulden, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt.

Gott ist uns nicht fern, und auch Christus, der zur Rechten des Vaters sitzt, ist uns nicht fern; er ist nur unseren Blicken entzogen. Er steht nicht erst am Ziel unseres Lebens, sondern er ist bei uns auch auf dem Weg zu diesem Ziel.

7. Sonntag der Osterzeit

                                                                                                                                                Jo 4, 11 – 16

                                                                                                                                                Jo 17, 11b – 19

 

A Im Johannes Evangelium finden sich im Anschluss an die Erzählung vom Abschiedsmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gehalten hat, die sogenannten Abschiedsreden und das Abschiedsgebet Jesu. In ihnen richtet er seinen Blick in die Zukunft, auf die Zeit, in der er nicht mehr sichtbar bei den Seinen ist, auf die Zeit, der Kirche, auf die Zeit, in der wir stehen.

Solche Worte haben den Charakter eines Testaments und verdienen besondere Beachtung. Das gilt sowohl für die Reden an die Jünger als auch für die Fürbitten für die Jünger.

Aus diesen, den Fürbitten, ist unser Evangelienabschnitt genommen. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf die Stellen richten, in denen von dem Verhältnis der Jünger zur Welt die Rede ist.

B1 Mit dem Wort „Welt“ benennen wir Verschiedenes. Wir bezeichnen damit zum einen die ganze Wirklichkeit: die Erde und alles, was auf ihr ist, die Atmosphäre, die sie umgibt, die Sonne, die Sterne – einfach den ganzen Kosmos. Zum anderen aber meinen wir, wenn wir von Welt sprechen, die Umwelt, in der wir leben, die Mitmenschen, die Gesellschaft, die Menschen als Denkende, Urteilende, Handelnde.

Verstehen wir die Welt als Kosmos, dann ist es klar: wir gehören zu ihr; wir sind ein Teil von ihr; das ist einfach so; darüber haben wir nicht zu entscheiden. Verstehen wir sie als Menschenwelt, als menschliche Umwelt, dann ist über das Verhältnis zu ihr noch nichts gesagt. Dann hängt alles von uns ab, ob wir uns ihr angleichen können, bzw. wollen oder nicht, und das wiederum liegt daran, wie diese Welt ist, ob sie dem entspricht, was wir gutheißen, ob sie am Willen Gottes ausgerichtet ist oder nicht.

Oft schließt das Wort Welt in der Schrift das Gottes-Widrige schon ein; es bezeichnet die Menschen, die den Sohn Gottes nicht anerkennen. Auch in unserem Evangelium hat es zum Teil diese Bedeutung.

2 Zunächst heißt es einfach: „Sie sind in der Welt“ (V.11a): „sie“ die Jünger, wir, jeder Mensch. Keiner lebt für sich allein. Die, die mit uns zusammenleben, üben Einfluss auf uns aus und natürlich auch umgekehrt. Sie wirken auf uns in verschiedener Weise ein: durch ihr Reden, durch Zeitungen, durch Radio und Fernsehen, sowohl durch das, was sie bringen und was sie nicht bringen, was sie loben und was sie kritisieren, was sie affektiv darstellen und was abstoßend. Die Welt übt Einfluss aus durch das, was sie uns in Schaufenstern und Reklame anbietet, was sie uns suggeriert, was man haben müsse usw. Wir leben in der Welt, in dieser unserer Welt, wir können uns aus ihr nicht herausnehmen, wir können uns nur verschieden weit ihr öffnen und uns auf sie einlassen.

3 Verständlich deshalb die Bitte Jesu an den Vater: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.“

Die Welt an sich ist nichts Böses, aber sie ist der Schauplatz, auf dem auch das Böse wirksam ist. Mit diesem: „. . . dass du sie vor dem Bösen bewahrst“ meint Jesus nicht nur dieses oder jenes böse Wort, diese oder jene böse Tat, sondern die personhafte Macht des Bösen, die sich im Großen und im Kleinen verderblich ins Spiel bringt.

Ich war vorgestern Abend bei einer Gedenkstunde im ehemaligen KZ in Dachau, einem Ort, wo sich jahrelang die Mächte des Bösen in einem Maß und einer Weise ausgetobt haben, die alle Vorstellung übersteigt. Wenn man durch die Räume geht und die Anlagen, in denen das stattfand, was die Bilder darstellen, überfällt einen heute noch Grauen und Entsetzen.

Aber das ist nur ein Gesicht des Bösen, ein ganz anderes zeigt es, wenn man dann in der Nacht durch die Straßen der Großstadt geht, und wieder ein anderes in den vielen Alltagssituationen, in der Rücksichtslosigkeit, der Rechthaberei, der Unversöhnlichkeit, der egoistischen Gleichgültigkeit.

Wo das Böse in so brutaler Form auftritt, wie das etwa in den KZ geschehen ist, fragt man sich: Wie ist es möglich, dass sich doch so viele Helfer gefunden haben, dass sich Menschen, Männer wie Frauen, die sich vorher als biedere Bürger zeigten, dafür hergaben, dazu verführen ließen.

So unverständlich es in diesen Fällen sein mag, in all den vielen anderen Formen des Bösen sind wir alle anfällig, und Jesus bittet den Vater für uns, dass er uns vor dem Bösen bewahre, dass er uns den Geist der Wachsamkeit schenke, dass wir nicht in Versuchung fallen, dass er uns nicht aus seiner Nähe entlasse, aus dem Bannkreis der Liebe, der er, Gott, selber ist.

4 Nicht nur das Böse wirkt in der Welt, sondern auch die Macht der Liebe. Und es ist uns nicht nur aufgegeben, dass wir dem Bösen widerstehen, sondern auch, dass wir die Macht des Guten, die Macht der Liebe verstärken. Das drücken die Worte Jesu an den Vater aus: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesendet.“ Wir sind der Einwirkung unserer Umwelt ausgeliefert, und wir müssen auf der Hut sein, dass die bösen Elemente nicht in uns Eingang finden. Wir müssen gleichzeitig auf die Welt einwirken, dass das Gute, dass die Liebe, dass Gott an Einfluss gewinne. Wir müssen Sauerteig des Guten in der Welt sein. Wir leben nicht nur in der Welt, als an einem Ort, an dem wir uns zu bewähren haben, sondern die Welt ist uns auch zur Aufgabe gegeben.

Am Schluss unseres Evangeliums sagt Jesus: „Ich heilige mich für sie, damit auch sie in Wahrheit geheiligt sind.“ Der Aufruf zum Einsatz für eine bessere Welt ist nicht bloß ein moralischer Aufruf, nicht bloß ein Appell an unseren guten Willen. Das natürlich auch. Die Befähigung und den Auftrag dazu haben wir in der Gemeinschaft mit Christus. Durch uns soll sich nicht nur seine Gesinnung auf die Welt auswirken, es soll die Kraft, die von seiner Hingabe ausgeht, auf sie ausströmen, es soll sein Geist durch uns auf die Welt einwirken und sie so verwandeln, dass sie immer mehr zu einer Welt Gottes wird. Und je mehr sie das wird, umso mehr wird sie auch eine gute, eine menschliche Welt.

C Als Christen dürfen wir uns der Welt nicht einfach anpassen; das wäre die Aufgabe des Christen, das wäre letztlich verrat an dem Auftrag Christi.

Wir dürfen als Christen aber auch nicht einer Weltfeindlichkeit verfallen. Auch das wäre ein Verrat am Auftrag Christi, der sich für die Welt geheiligt hat. Der Glaube schließt einen Weltauftrag mit ein, der durch die Sendung Christi vorgezeichnet ist und auch durch die Sehnsucht der Menschen nach Frieden und Gerechtigkeit. Der Weg dazu ist, dass das Gute in allen Formen gefördert und gemehrt wird, dass der Geist Gottes in ihr wirksam wird.

 

6. Sonntag der Osterzeit

                                                                                                                                                       1 Jo 4,7 – 10

Gebetstag für die verfolgte Kirche                                                                                               Jo 15,9 – 17

 

A Was wäre das für ein Leben, wenn sich alle, die sich Christen nennen, auch an diesen Worten, die wir eben gehört haben, orientierten!

Diese Worte Christi beschreiben den Kern des christlichen Glaubens und des christlichen Lebens: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt; und so wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Mit ihnen wird uns zum einen gesagt, wie diese Liebe sein soll, zum andern, warum wir den anderen lieben sollen; und sie weisen auch auf die Folgen hin: So wie ich in der Liebe des Vaters bleibe, weil ich die Gebote meines Vaters halte, so bleibt auch ihr in meiner Liebe, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.

Es ist letztlich unverständlich, wie man in einem solchen Glauben eine Gefahr sehen kann, so dass man Grund hat, ihn zu unterdrücken, wie es leider in verschiedenen Teilen der Welt geschieht; nur dort, wo Hass gepredigt wird, gleich gegen wen, stellt sich dieser Glaube als Sperre in den Weg. Wer immer die Religion der Liebe verfolgt, verfolgt damit die eigene Menschlichkeit.

Lenken wir heute unseren Blick auf die Länder im Nordosten Europas, wo das leider geschieht; auf Litauen, Lettland und Estland.

B1 Ich sagte schon zu Beginn des Gottesdienstes, dass wir Deutsche uns diesen Ländern früher besonders verbunden wussten, weil in ihnen, vor allem in Lettland und Estland, eine große und einflussreiche deutsche Volksgruppe lebte. Es ist das Gebiet, das einmal unter der Herrschaft des Deutschen Ordens stand. Es ist ein Gebiet, das dann immer wieder fremde Herren hatte: die Schweden, die Russen. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen waren es selbstständige Staaten. Aber während des 3. Weltkrieges haben sie ihre Selbstständigkeit wieder verloren; es sind heute drei Sowjetische Republiken und Teile der Sowjet-Union. Der Verlust der Selbstständigkeit und das Aufgeben in dem großen russischen Reich sind auch ein Grund, dass das besondere Schicksal dieser Völker wenig ins Bewusstsein tritt, dass sie eben nur als Anhängsel des großen russischen Reiches gesehen werden.

2a) Die Geschichte der Kirche dieser Länder, dieser Völker ist nicht einheitlich. Als letztes von ihnen nahmen die Litauer das Christentum an. Es geschah vor genau 600 Jahren, als sich der litauische Großfürst mit der polnischen Königin vermählte und die beiden Reiche sich verbanden. In diesen litauisch-polnischen Reich zeigte die Reformation nur eine geringe und vorübergehende Auswirkung. Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung ist aus diesem Grund auch heute groß; er macht etwa 80 Prozent der Bevölkerung aus.

b) In Lettland und Estland fand das Christentum schon 200 Jahre früher Eingang, und hier setzte sich später in hohem Maß die lutherische Reformation durch. Mit der Eingliederung in das russische Reich begann schon im letzten Jahrhundert die Russifizierung; man siedelte Russen, also orthodoxe Christen an. Die Folge ist, dass diese Völker, diese Gebiete religiös weniger einheitlich sind: die Katholiken in Lettland machen etwa 20 Prozent aus, 25000, in Estland leben heute etwa noch 1200 Katholiken.

3a) Die Haltung des Staates ist in den drei Ländern allen christlichen Kirchen gegenüber die gleiche. In der Zeit Stalins ist man gegen sie mit den Mitteln der Schreckensherrschaft vorgegangen; Zehntausende wurden als „Klassenfeinde“ nach Sibirien verschleppt. Heute sind es die verfeinerten Methoden der Diskriminierung der Gläubigen, der Bespitzelung der Geistlichen, der Schikane und der Behinderung durch die Verwaltung. Das hat sich seit dem Ende der Herrschaft Breschnews wieder verschärft. Wie in der ganzen SU ist jede Art von Religionsunterricht, also von Gruppenunterricht verboten. Eltern, die ihre Kinder zur Sakramentenvorbereitung schicken, werden unter Druck gesetzt. Ein Lehrer, ein Arzt, ein Abteilungsleiter setzt seinen Posten aufs Spiel, wenn er aktiv am kirchlichen Leben teilnimmt. Es gibt keine religiösen Bücher und Zeitschriften, nur die liturgischen Bücher und in geringer Zahl Volks-Gebetbücher. Verständlich, dass der Druck auf die Kirche in den Ländern größer ist, also in Lettland und Estland. In Litauen werden auch heute 90 Prozent der Kinder getauft, und der regelmäßige Gottesdienstbesuch liegt bei 30 Prozent. In dem lettischen Wallfahrtsort Aglona sind zum Fest Mariä Himmelfahrt vor zwei Jahren 40000 Pilger gekommen, das ist nahezu ein Sechstel aller Katholiken des Landes.

b) Die kommunistischen Machthaber behindern auch in den baltischen Ländern nicht nur die „Tätigkeit der Kirche, vor allem die Verkündigung; es wird gleichzeitig vom Staat eine starke religionsfeindliche Propaganda betrieben. Unterricht in Atheismus ist ein Pflichtfach in allen Schulen. Für unterrichtliche Zwecke wurde in Wilna in einer profanierten Kirche ein aufwendig und geschickt aufgemachtes atheistisches Museum eingerichtet.

4 Gemeinsam ist auch allen Ländern, dass fast alle Bischofsstühle unbesetzt sind, dass die Bistümer nur eine provisorische Leitung haben. Ein Würgegriff des atheistischen Staates ist besonders bedrohlich: es ist die Behinderung der Ausbildung von Priestern. Es gibt in Litauen noch 680 Priester, aber sie sind überaltet. Es gäbe auch genügend Berufungen, aber die Zulassung zu dem einen Priesterseminar in Kauna ist durch den Staat beschränkt. 1984 zählte das Seminar 105 Studenten.

In Lettland haben sich für das eine Seminar in Riga 1983 vierzig Kandidaten gemeldet. Nur 11 von ihnen wurden zugelassen. Es hieß, dass die Entscheidung darüber direkt aus Moskau kam.

Das Fehlen von Geistlichen, an dem in Lettland noch mehr die evangelische Kirche zu leiden hat, weil es für sie keine eigene Ausbildungsstätte gibt, nur die Form des Fernstudiums. . .

Dieses Fehlen erleichtert es den Behörden, Kirchen zu schließen, damit das kirchliche Leben weiter zu erschweren und die kirchlichen Gemeinden zu schwächen. Sie wissen, dass die Gemeinschaft dem einzelnen Halt gibt, dass er stark ist nur zusammen mit den anderen, dass der einzelne die Gemeinschaft braucht. Das gilt dort, und das gilt hier bei uns. Das sind einige Fakten, die das Leben unserer Mitbrüder und Mitschwestern in den baltischen Ländern kennzeichnen.

C Ich möchte schließen mit drei Sätzen aus dem Brief eines litauischen Katholiken aus der Lagerhaft, der an uns auch ein Aufruf ist, den Unterdrückten und Verfolgten durch unser Gebet beizustehen.

„. . . Es ist nun schon das zweite Jahr, dass ich die Ketten der Gefangenschaft trage, jedoch kann niemand den freien Flug des Geistes verhindern. Deswegen wollen wir uns freuen im Herrn. Lasst uns leben in der Hoffnung, welche uns, den Gläubigen, leuchtet und welche nicht einmal die Schatten des Todes zu beeinträchtigen vermögen. Gott hat mir erlaubt, den Weg des Opfers zu gehen, deswegen bedanke ich mich für Eure Unterstützung und Mitarbeit, Eure Opfer und Gebete. Ich bin bereit, alles zu erleiden, alles zu ertragen, um Christus zu bewahren. Ich bedanke mich bei Euch für die Unterstützung, ich lebe in der vom Herrn geschenkten Ruhe.“ Juli 1983

5. Sonntag der Osterzeit

                                                                                                                                                     Jo 15, 1 – 8

zum 8. Mai 1945

 

A         In diesen Tagen versammeln sich in den verschiedensten Orten Menschen, um des 40. Jahrestags des Kriegsendes zu gedenken. Wir sind nicht zu diesem Zwecke hier zusammengekommen, sondern, dazu, um Gottesdienst zu feiern. Aber es ist sinnvoll, wenn auch wir hier dieser Tatsache gedenken.

Unsere Bischöfe haben zum 8. Mai ein geistliches Wort veröffentlicht, aus dem ich einige Gedanken herausnehmen möchte.

Schon die Bezeichnung „Geistliches Wort“ deutet darauf hin, dass es sich hier nicht um eine offizielle Stellungnahme zu einem geschichtlichen Ereignis handelt, nicht um Anklage oder Selbstrechtfertigung, sondern um eine Besinnung: um eine Besinnung auf Grund der Erinnerung an das, was mit dem 8. Mai 1945 ein Ende gefunden hat. Wir dürfen die Erinnerung daran nicht auslöschen; das hieße das Geschehene verdrängen; wir dürfen aber auch nicht rückwärts gewandt bleiben, sondern müssen auf die Gegenwart und die Zukunft schauen, die uns aufgegeben sind.

B         In der Angst und Not des zu Ende gehenden Krieges ist auch viel gebetet worden, vor allem das Vaterunser und immer wieder das Vaterunser; es ist ja das Grundgebet der Christenheit. Dieses Gebet, seine einzelnen Anrufungen und Bitten, haben unsere Bischöfe ihrem geistlichen Wort zugrunde gelegt. An diesen Bitten, an denen damals die Hoffnung hing, wollen wir uns auch heute orientieren.

1          Wer „Vater unser“ betet, wer Gott so anspricht, der muss daran denken, dass das „unser“ alle Menschen umschließt, dass Gott, der Vater, in allen seinen Ebenbildern, in den Menschen, auch seine Kinder sieht, dass kein Volk, dass keine Gruppe davon ausgeschlossen ist. Es ist mehr als traurig, dass es trotz dieser Wahrheit immer wieder zu einem feindseligen Gegeneinander gekommen ist, dass sich Menschen, die zum gleichen Vater beten, bekriegt haben. Der Jahrestag, den wir begehen, soll uns gleichsam den Kopf darauf stoßen, dass wir alles Trennende, jede Feindschaft überwinden, dass wir uns mit allen unseren Kräften für Eintracht und Frieden im Kleinen und im Großen einsetzen, dass wir uns wirklich als Kinder des einen Vaters betrachten und behandeln.

2          Wenn wir weiter sprechen „geheiligt werde dein Name“, dann ist das Ausdruck eines Willens, dass ihm, Gott, höchste und letzte Ehre gilt, dass es keinem Geschöpf zukommt, dies für sich in Anspruch zu nehmen. Immer wenn das geschieht, führt es dazu, dass die Würde und die Ehre der anderen Menschen missachtet wird.

Die Geschichte der Jahre vor 1945 zeigt das mit erschreckender Eindringlichkeit. Was ein Einzelner sich anmaßte, ging auf Kosten vieler im eigenen Volk und erst recht auf Kosten der Menschen anderer Völker, vor allem der Angehörigen des jüdischen Volkes. Allein wenn Gott die Ehre gegeben wird, ist der Name des Menschen, die Ehre des Menschen wirklich gestützt.

Mit dem 8. Mai 1945 ist die Gefahr der Selbstüberhebung des Menschen nicht behoben, diese besteht immer fort. Es ist genauso gegen die Würde des Menschen gerichtet, wenn man ihm das Recht auf Leben verweigert, ehe er zum Bewusstsein seiner selbst gekommen ist, ehe er den Mutterschoß verlassen hat. Das geschieht heute tausendfach, und die Kirche, der es um die Ehre Gottes und damit die Ehre des Menschen geht, kann das nicht einfach hinnehmen.

Es gibt oft empörte Reaktionen, wenn man das, was damals geschah und was heute geschieht, in Beziehung bringt. Dahinter stehe doch eine ganz andere Motivation. Das ist richtig. Aber mit dem Anspruch auf seine Selbstbestimmung oder Selbstverwirklichung anderen das Lebensrecht abzusprechen, ist genauso ein Verstoß gegen die Würde des Menschen und damit auch gegen die Ehre Gottes.

Doch sehen wir nicht nur dies. In abgeschwächter Form ist jede bewusste Herabsetzung des anderen im Umgang mit ihm, im Sprechen über ihn, der Ausdruck einer Selbstherrlichkeit, die ebenfalls gegen die Ehre Gottes gerichtet ist.

3          Die vierte Bitte im Vaterunser ist: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Wer die Jahre des Krieges und der Nachkriegszeit erlebt hat, weiß, was es heißt, Hunger zu haben. Niemand hat damals daran gedacht, dass es uns so bald wieder gut gehen wird, wie es dann geschehen ist. Dass dies geschah, war nicht allein die Folge unserer eigenen Tüchtigkeit. Es haben uns andere geholfen, und dank dieser Hilfe ist der Weg aus der materiellen Not möglich geworden. An sie wollen wir in Dankbarkeit denken.

Die Vaterunserbitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ darf aber auch heute nicht verstummen. Es soll uns das, was wir haben, nicht zur Selbstverständlichkeit werden, weil wir sonst blind und taub und verantwortungslos für die Not derer werden, die heute Hunger haben. So wie es uns damals ging, so geht es heute, wie wir wissen, sehr vielen; zum Teil geht es ihnen noch schlechter. Welche Erwartungen hatten wir damals an die Menschen, die im Überfluss lebten? Das sind auch die Erwartungen derer, die heute Hunger leiden, an uns. Denken wir, wenn wir beten „Unser tägliches Brot gib uns heute“ an sie, und lassen wir uns diese Bitte eine ständige Mahnung sein, denen, die das Notwendige nicht haben, zu helfen – nicht bloß mit einem Almosen, sondern in einer angemessenen Weise. Gerade in dieser Hinsicht dürfen wir nicht vergesslich sein.

4          Von besonderer Bedeutung ist bei dieser Besinnung die Vaterunserbitte: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Die Bischöfe sagen in ihrem geistlichen Wort: Wir können nicht vom Krieg und vom Nationalsozialismus sprechen, ohne von Schuld zu sprechen, von Schuld vor Gott und ungezählten anderen. Wir müssen deshalb erneut die Bitte um Vergebung an Gott und an die vielen anderen richten. Es gibt zwar keine Kollektivschuld, aber die allermeisten von uns müssen gestehen, dass sie irgendwie versagt haben und schuldig geworden sind, sei es, dass wir zu gleichgültig und zu wenig wach waren; sei es, dass wir zu wenig mutig waren oder dass wir uns haben verführen lassen und dass so das Grausame möglich wurde, das sich dann ereignet hat. Man soll nicht anfangen, dagegen aufzurechnen, was durch die Vertreibung geschehen ist; wir müssen verstehend aufeinander zugehen: denen danken, die zur Versöhnung bereit sind, und auch selbst erlittenes Unrecht vergeben. Nur so wird der Friede gewonnen.

C         Die Medien berichten in diesen Tagen sehr breit von den Ereignissen um den 8. Mai 1945 und der vorausgehenden Zeit. Bleiben wir aber nicht bei den Fakten; sondern schreiten wir von der Erinnerung weiter zu einer persönlichen Erneuerung durch die ehrliche Bindung an den, der uns allein von dem Bösen erlösen kann, zu einem Leben mit anderen, das mit den Bitten des Vaterunsers übereinstimmt.

4. Sonntag der Osterzeit

Aus der Predigt von Papst Benedikt XVI. vom 7.5. 2006 im Petersdom anlässlich der Priesterweihe.

 Das Evangelium dieses Sonntags, das wir gehört haben, ist nur ein Ausschnitt aus der großen Hirtenrede Jesu; darin sagt uns der Herr dreierlei über den wahren Hirten: Er gibt sein Leben für die Schafe. Er kennt die Seinen und sie ihn. Er steht im Dienst der Einheit. Hier sollen nicht diese drei Kernbestimmungen des Hirtenseins beleuchtet werden, sondern das vorhergehende Stück der Hirtenrede, in dem Jesus – bevor er sich Hirte nennt – zu unserer Überraschung sagt:“ Ich bin die Tür“ (Joh 10,7). Durch ihn muss man in den Hirtendienst eintreten. Diese Grundbedingung verdeutlicht er sehr nachdrücklich, indem er erklärt: „Wer … anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber“ (Joh 10,1). Dieses Wort „einsteigt“ – griechisch „anabainei“ – schließt die Vorstellung ein von jemandem, der den Zaun hochklettert, um so – den Zaum übersteigend – dorthin zu gelangen, wo er rechtmäßig nicht hinkommen kann. Aufsteigen – das ist aber auch das Bild des Karrierismus, für den Versuch, nach oben zu kommen, sich durch die Kirche eine Stellung zu verschaffen – sich zu bedienen und nicht zu dienen. Es ist das Bild des Menschen, der durch das Priestertum etwas werden und jemand sein möchte, dem es um die eigene Erhöhung geht und nicht um den demütigen Dienst Jesu Christi. Aber der einzig rechtmäßige Aufstieg zum Hirtenamt in der Kirche ist das Kreuz. Das ist der wahre Aufstieg, das ist die wahre Tür. Nicht selber jemand werden wollen, sondern für den anderen da sein – für Christus und so, durch ihn und mit ihm für die Menschen, die der Herr sucht, die er auf den Weg des Lebens führen will. Man tritt zum Priestertum ein durch das Sakrament – das bedeutet eben: durch die Freigabe seiner selbst an Christus, dass er über mich verfüge; dass ich ihm zu Diensten sei und seinem Ruf folge, auch wenn er meinen Wünschen nach Selbstverwirklichung und Ansehen entgegenläuft. Durch Christus, die Tür, eintreten, heißt: ihn immer mehr kennen und lieben, damit unser Wille eins werde mit dem Seinen und unser Handeln eins mit dem Seinen. Liebe Freunde, darum wollen wir immer von neuem beten, darum uns mühen, dass Christus in uns wächst; dass unsere Einheit mit ihm immer tiefer werde, so dass durch uns wirklich Christus weidet.

 

3. Sonntag der Osterzeit

Aus der Ansprache beim Angelus vom 22.4.2012, Papst Benedikt XVI.

Am heutigen dritten Ostersonntag begegnen wir – im Evangelium nach Lukas - dem auferstandenen Jesus, wie er in die Mitte der Jünger tritt (vgl. Lk 24,36), die bestürzt und verängstigt meinen, einen Geist zu sehen (vgl. Lk 24,37). Romano Guardini schreibt: “Der Herr ist verwandelt. Er lebt anders als früher. Sein Dasein ist unbegreiflich (…) Dennoch ist es leibhaftig, enthält (…) sein ganzes gelebtes Leben, sein erfahrenes Schicksal, sein Leiden und Sterben. Nichts ist abgetan (…) Alles greifbare, wenn auch verwandelte Wirklichkeit“ (Der Herr. Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi (1937), Alsatia Colmar 1947, Band 2, S. 127). Da die Auferstehung die Zeichen der Kreuzigung nicht auslöscht, zeigt Jesus den Aposteln seine Hände und Füße. Und um sie zu überzeugen, bittet er sogar um etwas zu essen. So „gaben ihm (die Jünger) ein Stück gebratenen Fisch; er nahm es und aß es vor ihren Augen“ (Lk 24,42-43). … Dank dieser sehr realistischen Zeichen überwinden die Jünger ihren anfänglichen Zweifel und öffnen sich dem Geschenk des Glaubens; und dieser Glaube gestattet es ihnen, zu verstehen, „was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen“ (Lk 24,44) über Christus geschrieben ist. Denn wir lesen, dass Jesus „ihnen die Augen für das Verständnis der Schrift (öffnete). Er sagte zu ihnen: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen, und in seinem Namen wird man allen Völkern (…) verkünden, sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden. Ihr seid Zeigen dafür“ (Lk 24,45-48).

Der Heiland sichert seine wirkliche Gegenwart unter uns zu, durch das Wort und die Eucharistie. Wie daher die Emmausjünger Jesus im Brechen des Brotes erkannten (vgl. Lk 24,35), so begegnen auch wir dem Herrn in der Feier der Eucharistie.

Weißer Sonntag, Barmherzigkeitssonntag 1985

                                                                                                                                                                  Joh 5, 1-6; 20, 19-31

      

A          In unserem Evangelium sind zwei Erscheinungsberichte zusammengefasst. Die beiden Erscheinungen werden zeitlich genau datiert: die erste wird eingeleitet mit den Worten: „Am Abend des ersten Wochentages“, die zweite mit der Bemerkung: „Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt“. Übertragen auf unsere Zeitvorstellung, heißt das im ersten Fall: „Am Abend des Ostertags“ und im zweiten: „Am Abend des Sonntags nach Ostern.“

Anwesend sind das erstemal die Jünger ohne Thomas; das zweitemal ist auch er dabei. Ja er ist nicht nur dabei; er tritt so stark hervor, dass sich die ganze Aufmerksamkeit auf ihn richtet. Er gewinnt das Interesse nicht nur deshalb, weil sich diese Erscheinung zu einem Zwiegespräch zwischen dem Auferstandenen und ihm entwickelt, sondern weil wir uns sehr gut in ihn hineindenken und ihn verstehen können. Die Folge davon ist auch, dass sich die Predigt am heutigen Sonntag fast immer auch auf ihn bezieht.

Ich möchte heute einmal ganz bewusst davon absehen und auf die erste Erscheinung eingehen.

 

B1a)    Diese erste Erscheinung wird – wie schon gesagt – auf den Abend des Oster-Sonntags datiert. Die Jünger sind bei verschlossener Türe versammelt; sie haben Furcht. Es wird nicht erwähnt, wo sie sind; das ist unwichtig. Erwähnt aber wird die innere Verfassung, in der sie sich befinden.

Unvermutet tritt Jesus in ihre Mitte. Er entbietet ihnen den Friedensgruß. Dieser ist zwar der gewöhnliche Gruß der Juden, aber in dieser Situation bekommt das „Schalom“, der Friedensgruß, der natürlich genauso abgenutzt ist wie unser „Grüß Gott“, eine ganz besondere Bedeutung. Die Jünger verlieren ihre Furcht, ihre Verwirrung.

In der Abschiedsrede hatte Jesus zu ihnen gesagt: „Amen, ich sage euch, ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln… ich werde euch wiedersehen, dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch euere Freude.“

Jetzt ist dieser Zeitpunkt gekommen. Obwohl die Jünger Jesus, den Auferstandenen, sofort erkennen, zeigt er ihnen seine Hände und seine Seite, d.h. seine Wunden, damit der letzte Zweifel von ihnen weicht und auch nicht ein Rest von Unsicherheit ihre Freude trübe. Jetzt haben sie den Tunnel durchschritten und sind aus der Dunkelheit wieder ans Licht gelangt, in das Licht, das heller ist als das, aus dem sie in da Dunkel eingetreten sind. Diese Freude ist eine Freude, die ihnen niemand mehr nehmen kann. Eine Freude ganz eigener Art.

b)         Wir können ähnliches auch von unserer Osterfreud sagen, von der in den Texten und Liedern dieser österlichen Zeit die Rede ist, Auch das ist eine Freude eigener Art, die man mit anderen frohen Erlebnissen nur schwer vergleichen kann. Sie ist innerlicher, verhaltener, besinnlicher; sie überkommt uns nicht einfach wie die Freude über eine gelungene Aufgabe. Sie ist aber deshalb auch weithin unabhängig von äußeren Umständen, und sie hat große Dauer.

 

2          Bei dieser Erscheinung des Auferstandenen am Abend des Oster-Sonntages bleibt es nicht dabei, dass sich Jesus den Jüngern zeigt, sich als Lebender erweist und dass er ihnen den tieferen Sinn der Schrift erschließt, die auf seinen Tod und seine Auferstehung hinweist. Hier tritt er zugleich handelnd auf: er überträgt seine Sendung auf seine Jünger: „Wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich euch.“

Wir wissen: wenn jemand in offizieller Weise gesandt wird, wenn er Gesandter ist, dann sagt da mehr als bloß das, dass er etwas auszurichten hat. Ein Gesandter vertritt den, der ihn gesandt hat, der ihn sendet, er handelt für ihn, er hat teil an seiner Vollmacht und auch an seiner Ehre.

Der Gesandt Gottes ist Jesus selbst. Er spricht immer wieder von dieser seiner Sendung, davon, dass er nicht gekommen ist, seinen Willen zu tun, sondern den Willen des Vaters.

Hier setzt Jesus seine Jünger in diese seine Aufgabe ein. Sie sollten sie in seinem Namen, in seinem Geist und gemäß seiner Botschaft weiterführen. Oder anders gesagt: Er nimmt sie in Dienst, um seine Aufgabe weiterzuführen. Er tritt nicht ab; er wirkt weiter, aber dazu bedient er sich nun der Gemeinschaft der Gläubigen.

Was Jesus hier zu den Jüngern sagt, gilt natürlich für die Glaubensgemeinschaft im Ganzen, für die Kirche. Durch diese Beauftragung wird aus der Gemeinschaft der Gläubigen  die Kirche, die eben nicht nur eine Gruppe von Gleichgesinnten ist; sie steht unter einer Sendung, die sie sich nicht selbst gegeben hat, sondern die ihr aufgegeben ist, die eine Verpflichtung ist, der sie sich nicht entziehen kann. Diese Sendung trägt jeder mit, muss jeder mittragen, der zu ihr gehört.

 

3a)       Mit dieser Sendung hängt zusammen, was hier weiter geschieht, nämlich die Mitteilung des Hl. Geistes. Es heißt: „Jesus hauchte sic an und sprach: empfanget den Hl. Geist.“ Bei diesem „er haucht sie an“ denken wir unwillkürlich an den Anfang der Hl. Schrift, wo von der Erschaffung des Menschen gesprochen wird. Wir hören dort, dass Gott den Menschen aus dem Staub  der Erde geschaffen hat und dass er ihm den Hauch des Lebens eingeblasen hat: eine bildhafte Ausdrucksweise, die wir auch an anderen Stellen des AT noch finden, mit der von der Übertragung von Leben gesprochen wird. Das gleiche ist hier gesagt: Durch die Mitteilung des Hl. Geistes wird den Jüngern das neue Leben gegeben. Und es wird ihnen nicht nur gegeben, damit sie es selbst haben, sondern damit sie es weiterschenken, natürlich verantwortlich weiterschenken. Das besagen die Worte: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ Man kann dafür genauso sagen: Wem ihr den Geist mitteilt, der hat Gemeinschaft mit ihm, oder: Wem ihr Anteil schenkt am Leben des Auferstandenen, der hat daran auch Anteil.

4          Die Bedeutung dieser Begebenheit liegt u.a. darin, dass sie uns zeigt, dass die Kirche nach dem Willen Christi eine nicht zu ersetzende Aufgabe hat, dass sie sein Wirken fortsetzt, dass man also nicht einfach auch ohne sie Christ sein kann.

Was in der Menschwerdung des Sohnes Gottes begonnen hat, dass der Heilswille Gottes konkret wurde in dem sichtbaren Menschen Jesus Christus: das setzt sich nach seiner Auferstehung in der sichtbaren Gestalt der Kirche fort. Dahinter steht nicht ein selbstgefälliger Anspruch der Kirche selbst, sondern der Sendungsauftrag, den Christus an sie übertragen hat.

 

C          Die Osterbotschaft lautet: Jesus lebt, er ist nicht tot; er ist auferstanden zu einem neuen Leben beim Vater. Aber er lebt nicht nur für sich, sondern auch für uns, d.h. er wirkt weiter durch seinen Hl Geist in der Kirche. Nur wenn wir auch dieses sehen und bekennen, ist Ostern für und das Fest des Lebens.

Ostermontag 1985

                                                                                                                                                         LK 24, 13-35

 

1                    Eine der bekanntesten biblischen Darstellungen des im Evangelium Erzählten, des Emmausganges, ist ein Holzschnitt von Schmidt-Rottloff aus dem Jahre 1918. In einer stark vereinfachenden Form stellt er eine bizarre Landschaft dar; es wirkt starr und tot. Die Sonne steht am Horizont und wirft ihre letzten Strahlen auf das Land. Auf dem Weg, der breit durch das Bild führt, sehen wir die drei Wanderer, die beiden Junger und in ihrer Mitte Jesus. Der eine der beiden Jünger schleppt sich mühsam voran. Er ist ein gebrochener Mann und stützt sich auf einen Stock. Der Blick ist auf den Boden gerichtet. Die Enttäuschung über das Ende seines Meisters lastet auf ihm. Er hatte mit den anderen gehofft, dass Jesus es sei, der Israel erlösen werde. Doch die Führer des Volkes haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Auch der andere Jünger wirkt traurig, aber nicht so niedergeschlagen. Aber er überlässt sich dieser Traurigkeit nicht, sondern er ist aufmerksam hörend Jesus zugewandt, der in ihrer Mitte geht.

Jesus lässt seine Jünger nicht allein in der Verzweiflung, sondern begleitet sie. Aufrecht und mit weit geöffneten Augen geht er zwischen den beiden. Seine Augen, seine erhobene Hand drücken aus, was von ihm im Evangelium gesagt wird: Seid ihr blind: begreift ihr nicht? Was fällt es euch so schwer, zu glauben, was die Propheten gesagt haben? Müsste nicht der Messias all das erleiden!

2                    Dieses Bild ist nicht nur eine Illustration einer Begebenheit, die sich einmal zugetragen hat; es sagt uns, dass Christus den Menschen begleitet, dass er mir uns ist auf unserem Weg und dass wir uns nicht der Resignation, der Traurigkeit überlassen sollen.

3                    Gründe dafür gibt es heute, allgemeine und ganz persönliche Gründe. Gerade, wenn man nicht nur an sich, an den eigenen Vorteil, an das eigene Wohlergehen denkt, wenn man am Wohl und Wehe der Kirche Anteil nimmt, wenn man die Verantwortung für andere ernst nimmt, dann ist die Gefahr besonders groß. Aber gerade dann soll ins auch bewusst weich: Wir stehen nicht für uns allein; er geht mit uns, er ist bei uns, und er sagt uns: begreift ihr denn noch nicht, dass der Jünger nicht über dem Meister steht. Od wie auf dem kurz beschriebenem Bild, so soll von Jesus, dem Auferstandenen, auch auf uns heute ein Optimismus, der sich sagt, es wird schon nicht alles so schlimm werden, sondern den Optimismus, der begründet ist in dem Glauben an den Sieg Christi über das Böse und über den Tod. Er kann und soll uns Mut geben in allen Phasen des Lebens, in jeder Bedrohung und jeder Gefahr. Hören wir auf ihn, schauen wir auf ihn!

4                    Jesus hat sich nach seiner Auferstehung mehrmals seinen Jüngern gezeigt. Ein einmaliges Erlebnis hätte wohl nicht ausgereicht, u m zu einem festen Glauben zu kommen. Auch uns wird in dieser Osterzeit die Botschaft von der Auferstehung immer wieder verkündet, damit unser Glaube wachse und unsere Gemeinschaft mit dem Auferstandenen vertieft wird.

5                    Wir begegnen ihm aber nicht nur im Wort, sondern auch im Sakrament, vergleichbar den Emmausjüngern, von denen wir heute im Evangelium hören. Wie ihnen dabei die Augen aufgegangen sind und das Herz entfacht wurde, so möge es auch uns zuteil werden. Darum sollen wir heute den Auferstandenen bitten.

 

 

Ostersonntag 1985

 

                                                                                                                                                             Joh 20, 1-9

A          Vor wenigen Jahren hat ein namhafter deutscher Theologe die Überzeugung ausgesprochen, dass Ostern, das Fest der Auferstehung, stärker als früher in das Bewusstsein des gläubigen Volkes getreten ist. Er spricht vom heutigen Volk, nicht von den Menschen allgemein, also von denen, die sich als Christen verstehen. Wir erleben besonders seit dem 2. Weltkrieg einen geistigen Umbruch, der sich ohne viel Aufhebens vollzieht, der aber nicht zu übersehen ist: Der Glaube, der einmal wenigstens als grundsätzliches Lebensverständnis in den sog. Christlichen Ländern fast wie eine Selbstverständlichkeit war, hört auf, dies zu sein. Aber die, die sich heute bewusst und nicht einfach aus Tradition zu Christus bekennen, wissen, dass der tragende Grund dieses Glaubens der Glaube an die Auferstehung Jesu ist; und sie wissen, dass Christsein zu allererst bedeutet: aus der Hoffnung auf die Auferstehung zu leben, als österliche Menschen zu leben.

Das Osterfest, das wir heut feiern, soll uns deshalb auch Anlass sein, dass wir uns auf diesen Glauben, auf diese Hoffnung besinnen, um sie zu stärken und zu festigen.

B1        Wenn wir nach den Gründen fragen, die uns veranlassen an die Auferstehung des Gekreuzigten und damit auch an unsere eigene Auferstehung zu glauben, dann müssen wir uns wohl sagen: wir glauben deshalb, weil uns dieser Glaube von unseren Eltern, von Menschen, die unser Leben bestimmt haben, weil er uns von der Gemeinschaft der Gläubigen- der Kirche – bezeugt wurde und bezeugt wird. Dieser Grund steht am Anfang unserer persönlichen Glaubensgeschichte, aber nicht nur am Anfang: er stützt die Glaubensgemeinschaft auch jetzt und immerfort unseren Glauben. Und jeder von uns braucht notwendigerweise diese Stütze.

Es ist keine Zufälligkeit, dass mit der Verweltlichung des Lebens auch die Privatisierung des Lebens mit dem Glaubensverlust einhergeht, der Gemeinschaftsverlust vor allem im städtischen und besonders großstädtischen Leben. Als Glaubende brauchen wir die Gemeinschaft: nicht nur in dem Sinn, dass wir wissen, dass es auch andere gibt, die wie wir glauben, sondern die Gemeinschaft, die Verbundenheit muss auch erfahrbar werden, wie das etwa beim Gottesdienst der Fall ist, mit dem wir anderen auch ein Zeugnis des Glaubens an den Auferstandenen geben.

Jedes Kreuzzeichen, verbunden mit den Worten „Im Namen des Vaters und dem Sohn und dem Hl. Geist …“ ist schon ein Bekenntnis zum Auferstandenen. Wie könnte ich ihm die Ehre bezeugen, wenn er nicht lebte, wenn er nicht vom Tod erstanden wäre!

In ausdrücklicher Weise bekennen wir diesen Glauben, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, das in den Worten gipfelt: „Er wurde für uns gekreuzigt … und ist am dritten Tage auferstanden von den Toten“; wir bekennen ihn mit den Worten nach der Wandlung: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit.“!

Ausgesprochene Glaubens-Individualisten enthalten nicht nur anderen Ihr Glaubenszeugnis vor, sie haben es ausgesprochen schwer, den Glauben zu leben. Meist führt deshalb ein solcher Versuch zu einem Glauben eigener Prägung, dem wesentliche Inhalte des christlichen Glaubens fehlen.

Wir glauben an den Auferstandenen, weil die Kirche, weil die Gemeinschaft der Gläubigen sie bezeugt.

2          Wo wichtig dieser Grund ist: als denkende, prüfende Menschen genügt uns dieser Grund allein nicht. Wir lassen uns ja auch sonst nicht leiten von dem, was andere gutheißen. Es muss tiefere Gründe geben, und es gibt sie.

Letztlich wird unser Glaube vom Zeugnis derer getragen, denen sich Christus als Auferstandener offenbart hat, die ihn als Lebenden erfahren haben. Von diesen Erlebnissen wiederum wir beim Gottesdienst hören. Diese Erfahrungen, die die Jünger machten, sind natürlich nicht so dargestellt, wie außergewöhnliche Ereignisse etwa heut dargestellt werden: genau beschreibend, protokollartig. Solcher Art sind sie nicht und können sie nicht sein, denn der Auferstandene ist ja nicht in dieses Leben zurückgekehrt, so dass man ihm begegnen konnte wie anderen Menschen auch, sondern er ist auferstanden in ein neues Leben. Die Jünger haben ihn nur erfahren, weil er sich ihnen erfahrbar gemacht hat.

Die verschiedenen Erscheinungen, von denen die Schrift erzählt, geben uns ohne Zweifel manche Fragen auf; sie alle haben drei Züge gemeinsam und darauf kommt es wesentlich an. Die Männer und die Frauen, die solche Erfahrungen machen durften, haben alle den Auferstandenen als Lebendigen, als Wirklichen, als Gegenwärtigen erlebt; sie waren sich alle sicher, dass der Auferstandene der Gekreuzigte isst, dass es Jesus von Nazaret ist; du sie haben alle erkannt, dass er in einer anderen Weise lebt: er ist ihnen nahe und er entzieht sich ihnen wieder.

Dieses einhellige Zeugnis vieler Zeugen ist die Basis unseres Glaubens, dass Christus lebt; es ist ein Zeugnis, das glaubwürdig ist.

3          Gehen wir noch einen Schritt weiter, und fragen wir uns, ob es nicht noch einen weiteren Grund für diesen Glauben gibt. Die Erfahrungen, die die Jünger gemacht haben, liegen weit zurück. Der zeitliche Abstand nimmt ihnen zwar nichts von ihrem Wert. Aber gibt es nicht auch jüngere Zeugnisse, ja haben wir nicht auch selbst Erfahrungen gemacht, die den Glauben an den Auferstandenen stützen? Es kann sich natürlich nicht um solche Erfahrungen handeln, die die Erlebnisse der Jünger überflüssig machen, sondern nur u m solche, die sie eventuell zusätzlich stützen.

Manche werden hier von vorneherein etwas skeptisch sein – nicht ganz ohne Recht. Wir dürfend das, was wir uns einbilden, nicht mit dem verwechseln, was wirklich ist. Aber dennoch sollten wir nicht gleich von vorneherein abwinken und jede Form der Erfahrung der Wirklichkeit Gottes ausschließen. Jesus hat es uns doch verheißen: „Seht, ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ Im Jo-Evangelium sagt Jesus den Jüngern: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten: mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ Die Wahrheit dieser und ähnlicher Worte ist in erster Linie eine Glaubenswahrheit, d.h. eine Wahrheit, die wir glaubend erfassen; sie hängt nicht von der Erfahrung ab. Aber sie schließen diese ganz sicher auch nicht grundsätzlich aus. Zu denken wäre hier an Erfahrungen, in denen wir uns der Nähe, der Gegenwart Christi so ganz sicher waren: es kann sein im Gebet, in Stunden besonderer Freude oder auch in schweren Stunden der Gefahr, der Krankheit, im Zusammenhang mit einem selbstlosen Einsatz für andere, in einem bewussten Zurückstehen nach dem Beispiel Jesu. Oder wir haben das Wirken seines Geistes gespürt, indem uns Kraft zu etwas zuteil wurde, was wir uns niemals zugetraut hätten, oder auch in einer fast wunderbaren Führung, die wir rückblickend erkennen können.

Das sind natürlich Erfahrungen anderer Art als die der Jünger, denen sich der Auferstandene gezeigt hat und die mit ihm gesprochen haben. Auch sie sollen wir in diesen Zusammenhang damit bringen. Sie vermögen unseren Glauben an ihn zu stärken und vor allem unser Vertrauen auf ihn zu bekräftigen. Erst in diesem, im Vertrauen, erfüllt sich der Osterglaube.

 

C          Jedes Jahr beschert uns eine Reihe von Jubiläen und Gedächtnisfeiern. In diesem Jahr 1985 begehen wir ein Bach- und Händeljubiläum; und es erinnert uns an das Kriegsende vor vierzig Jahren. Gerade im Vergleich ist solchen Jubiläums- und Gedächtnisfeiern zeigt sich das Besondere des Osterfestes. Es ist nicht nur ein Fest zur Erinnerung an etwas, was einmal geschehen ist, an ein Ereignis der Geschichte, das sich ausgewirkt hat, sondern das sich immer aufs Neue auswirkt auf die, die an den Auferstandenen glauben, die sich ihm anvertraue und auf ihn ihre Hoffnung setzen. Das können und sollen wir heute genauso wie die Jünger damals.

Gründonnerstag 1985

 

                                                                                                                                  Ex 12,1-8, 11-14

                                                                                                                                  1 Kor 11.23-26

                                                                                                                                  Joh 13,1-5

 

A          Ich habe schon zu Beginn des Gottesdienstes auf den Reichtum des Gründonnerstag-Gedächtnisses hingewiesen. Es umschließt das letzte Abendmahl, die Fußwaschung, die Einsetzung der Eucharistie und den Verrat des Judas, das Ölbergleiden Jesu und seine Gefangennahme. Es ist nicht Willkür, dass beim Gottesdienst durch die Wahl dieses Evangeliums der Akzent auf die Fußwaschung gesetzt wird.

Wir dürfen dieses Geschehen nicht nur verstehen als eines unter den anderen, unter den genannten; wir müssen sie auch als Symbolhandlung und als Beispielhandlung nehmen, und als solche kommt ihr eine besondere Bedeutung zu.

1                    Gehen wir vom Geschehenen selbst aus: Jesus erhebt sich vor dem Mahl, legt das Obergewand ab, bindet sich ein Leinentuch um, bück sich vor jedem seiner Jünger nieder und wäscht ihm die Füße.

Dieses Handeln hat als solches für den Orientalen nichts Besonderes an sich. Für ihn, der barfuß oder in Sandalen auf staubigen Wegen gehen muss, ist das etwas Notwendiges und damit auch etwas Selbstverständliches. Das Besondere liegt lediglich darin, dass Jesus es tut, dass er an seinen Jüngern tut, was der Dienst von Untergebenen war. Es ist verständlich, dass sich Petrus weigert, das an sich geschehen zu lassen. Wie an anderen Stellen, so ist es sichtlich auch hier, dass Petrus nicht nur für sich spricht, sondern im Namen aller. Jesus sagt ihm: „Was ich tue, verstehst du noch nicht… Doch wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.“

Das sagt uns, dass diese Handlung mehr ist als eine Demutsgeste. Diese hatten Petrus und die Jünger jedenfalls verstehen können. Sie weist auch hin auf das, was ihm und ihnen bevorsteht. Der Liebesdienst der Fußwaschung wird zum Zeichen für die Hingabe Jesu am Kreuz, für das reinigende und heiligende Geschehen am Kreuz, für den Tod Jesu als Quell des Heils.       

Nur wer in diesem Quell gewaschen wird, hat Anteil an ihm, hat Gemeinschaft mit ihm. Das gilt für Petrus, für alle Jünger und für jeden von uns.

2.         Das Bild des sich zur Fußwaschung niederbückenden Jesus und das Bild am Kreuz gehören zusammen, und jedes von ihnen hilft, das andere besser zu verstehen: das Kreuz macht deutlich, wie ernst es Jesus mit diesem Sich-niederbücken ist, wie tief das geht …, dass das nicht nur eine demutsvolle Geste ist. Umgekehrt zeigt uns die Fußwaschung, dass das, was am Kreuz geschieht, nicht nur etwas ganz Furchtbares ist, sondern dass es um unsertwillen geschehen ist, dass wir also nicht beim Mitleid stehenbleiben dürfen, sondern erkennen müssen, was er damit für uns tat und was er uns damit sagt.

Wir finden wahrscheinlich über die Fußwaschung leichter den Zugang zum Herzen Jesu als über das Kreuz: denn dieses, das Kreuz, ist zu gewaltig, zu groß, als dass wir es erfassen könnten. Wenn wir uns in den Gekreuzigten hineindenken, dann versinken wir im Schmerz. Aber in Jesus, der seinen Jüngern die Füße wäscht, könnten wir uns hineinversetzen; dieses Tun können wir nachvollziehen.

Wir können natürlich den Dienst der Fußwaschung auch ersetzen durch einen anderen Dienst, den wir aus unserer Erfahrung kennen und den wir noch leichter nachvollziehen können als jene. Für sich genommen, ist dieser Dienst natürlich wesentlich kleiner als das, was am Kreuz geschah, aber es hat einen hohen Symbolwert, einen hohen Zeichenwert.

3a)       Das ist der eine Gesichtspunkt: die Fußwaschung als Symbolhandlung: als Verweis auf den Tod Jesu am Kreuz. Der andere, die Fußwaschung als Beispielhandlung, wird im Evangelium selbst klar und deutlich ausgesprochen. Jesus sagt: „Begreift ihr, was ich euch getan habe. Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so … Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben …“

Ging es zunächst darum, dass wir uns den Dienst Jesu gefallen lassen müssen, weil wir nur dadurch Anteil an ihm gewinnen, so geht es jetzt darum, dass wir selbst handeln, und zwar so, wie er gehandelt hat. Die Bereitschaft, Jesus gewähren zu lassen, ist nicht eine Passivität, sondern hat zur Konsequenz, dass wir selbst handeln, wie er gehandelt hat.

b)         Das Verständnis der Fußwaschung als Beispielhandlung macht uns keine Schwierigkeit; diese liegt allein in der Nachahmung. Es ist für jeden von uns nicht einfach, sich vor dem anderen niederzubücken, wie es Jesus tat … niederbücken natürlich im übertragenen Sinn … in den vielen Formen, in denen dieses möglich und gefordert sein kann.

Leicht ist es dort, wo diesem Tun die gefühlshafte Zuneigung vorausgeht, und auch dem gegenüber, der mir Ähnliches schon erwiesen hat, wo es sich nur um ein Revanchieren handelt.

Aber Jesus will, dass wir niemanden davon ausschließen, auch den nicht, von dem wir meinen, dass er es nicht verdient. – Unter denen, denen Jesus die Füße wäscht, ist auch Judas Iskariot; er geht erst während des Mahles weg. Hier stehen wir am Beginn des Mahles. Und Jesus bückt sich auch vor ihm nieder und wäscht ihm die Füße. Eine größere innere Verletzung als einen Verrat wie diesen, begangen von einem, der in der Freundschaftsliebe stand, kann man sich kaum denken. Und er wird nicht ausgeschlossen.

Hier liegt wohl der kritische Punkt für ein bewusstes Leben aus dem Glauben. An ihm entscheidet sich, ob und wieweit wir dem entsprechen, was Jesus von uns erwartet. Er selbst ist in unserer Mitte der Dienende geworden bis zur Hingabe in den Tod am Kreuz, wirklich bis zum äußersten. An der Verflechtung, die in diesem Handeln liegt, können wir nicht vorbei. Wir wissen alle, dass diese Ausrichtung dem allgemeinen Denken und Handeln nicht entspricht. Am nächsten kommt es ihm noch in Bezug auf den Dienst in Form der Hilfe für die Fernen, aber nicht im täglichen Umgang miteinander. Hier gilt in hohem Maß das „wie du mir, so ich dir“, hier diktiert das Mehr-sein, Mehr-gelten-wollen das Verhalten viel mehr als das Dienen.

Was für uns gelten soll, ist keine Frage. Aber es bedarf einer großen, ständigen Wachsamkeit, dass wir dem, was wir letztlich wollen, auch folgen. Legen wir uns in dieser hl. Stunde wieder ausdrücklich auf sein Beispiel fest, darauf, dass wir als seine Jünger sein wollen, die wie ihr Meister handeln. Und bitten wir ihn auch heute und täglich, dass wir darin treu bleiben.

C          Über der Eucharistie-Feier am Gründonnerstag Abend liegt der Schein des letzten Abendmahles, bei dem es zum erstenmal geschehen ist, dass Jesus das Brot nahm und die Worte sprach: „Das ist mein Leib …“; dass er den Kelch nahm und sprach: „… das ist mein Blut …“

Christi Stelle vertretend, darf der Priester immer wieder die nämlichen Worte sprechen, und wir alle dürfen von diesen hl. Gaben nehmen und Anteil an ihm haben. Dieser sakralen Gemeinschaft entspricht die Sendungs-Gemeinschaft; auf beide weist uns die Fußwaschung hin.

Palmsonntag im Jahreskreis B

Palmsonntag

Aus der Predigt am 1.4.2012, Regensburger Sonntagsbibel

„Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt. Hosanna in der Höhe!“ (Mk 11,9-10). Diese von allen vier Evangelisten überlieferte freudige Akklamation ist ein Segensruf, ein jubelndes Loblied: Es drückt die einmütige Überzeugung aus, dass Gott in Jesus sein Volk besucht hat und dass endlich der ersehnte Messias gekommen ist. Und alle sind dort in zunehmender Erwartung des Werkes, das Jesus vollbringen wird, wenn er in die Stadt eingezogen ist.

Doch was ist der Inhalt, der tiefste Widerhall dieses Jubelrufs? Die Antwort erhalten wir aus der gesamten Heiligen Schrift, die uns daran erinnert, dass der Messias die Segens-Verheißung Gottes zur Erfüllung bringt, die ursprüngliche Verheißung, die Gott dem Abraham, dem Vater aller Glaubenden, gemacht hatte: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen und dich segnen … Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12,2-3). Es ist die Verheißung, die Israel im Gebet immer lebendig gehalten hatte, besonders im Psalmengebet. Darum ist derjenige, der von der Menge als der Gesegnete bejubelt wird, zugleich der, durch den die gesamte Menschheit Segen erlangen wird. So erkennt sich im Licht Christi die Menschheit zutiefst geeint und gleichsam in den Mantel des göttlichen Segens eingehüllt, eines Segens, der alles durchdringt, alles trägt, alles erlöst, alles heiligt.

Hier können wir eine erste große Botschaft entdecken, die das heutige Fest uns übermittelt: die Aufforderung, die gesamte Menschheit in der rechten Weise in den Blick zu nehmen, die Völker, aus denen sich die Welt zusammensetzt, ihre verschiedenen Kulturen und Zivilisationen. Der Blick, den der Glaubende von Christus empfängt, ist der Blick des Segens: ein weiser und liebevoller Blick, der fähig ist, die Schönheit der Welt zu erfassen und mit ihrer Gebrechlichkeit mitzuleiden. Durch diesen Blick scheint der Blick Gottes selbst hindurch, den er auf die Menschen richtet, die er liebt, und auf die Schöpfung, die das Werk seiner Hände ist.

5. Fasten-Sonntag im Jahreskreis B

 

                                                                                                                                  Joh. 12, 20-33

 

A          Sie haben sicher alle in den vergangenen Wochen das diesjährige Misereor-Plakat gesehen. Es hängen freilich so viele Plakate herum, dass man das einzelne oft nicht mehr mit der nötigen Aufmerksamkeit aufnimmt und genauer betrachtet.

Das Plakat zeigt uns eine junge Frau mit einem hungernden Kind. Typisch dafür ist der auffallend große Kopf. Eine andere Frau wendet sich dem Kind und der Mutter zu. Die Mutter ist unschwer als Inderin zu erkennen, als eine aus dem Volk, von dem ca. 350 Mill. im Land des Existenz-Minimums leben. Der schöne Schleier, das farbige Gewand sollen das Elend nicht verdecken.

Unter dem Bild ist eine Kurve zu sehen, die wohl als Hungerkurve zu deuten ist, d.h. das Ansteigen des Hungers in der Welt zeigt. Im unteren Feld steht groß der Name Misereor, der zu einem festen Begriff der Aktion gegen Hunger und Krankheit in der Welt geworden ist. Im oberen Feld steht das Leitwort der diesjährigen Aktion: „… damit ihr gesund werdet.“ – Über dieses Leitwort wollen wir uns einige Gedanken machen.

B1        Die Sorge für die Armen und Kranken hat die Kirche zu allen Zeiten als die ihre erkannt. Ja die öffentliche Fürsorge wurde bis in die neueste Zeit hinein fast ganz von ihr getragen, von christlichen Vereinigungen, von Bruderschaften, Orden und Kongregationen, die zu diesem Zweck gegründet wurden. Auch die Klöster, deren eigentliche Aufgabe eine andere war bzw. ist, haben immer auch für die Armen gesorgt und tun es auch heute. Und auch die Missionsarbeit war und ist immer auch verbunden mit dem Gesundheitsdienst. Unzählige Krankenstationen und Hospitäler wurden in den Ländern der Mission errichtet.

2          So eng die Verbundenheit von Glaubensverkündigung und Gesundheitsdienst auch war: im Denken haben wir das, was wir mit dem Wort Heil und mit dem Wort Heilung bezeichnen, ziemlich stark voneinander geschieden.

Das Heil wurde zu etwas rein Jenseitigem, zum „Seelenheil“, die Heilung zu etwas rein Diesseitigem. Die Sorge für diese, für Gesundheit und irdisches Wohlergehen, wurde von der Weisung der Nächstenliebe her gesehen und weniger im Zusammenhang mit der Sorge für das Heil. Die Unterscheidung zwischen beiden ist natürlich sinnvoll: Heil und Heilung sind nicht das nämliche. Heil ist auch dort möglich, wo es keine Heilung mehr gibt. Und wer von Gesundheit strotzt, ist sich deshalb seines Heils nicht sicher. Es sind zwei Dinge; körperliches und psychisches Heil auf der einen und religiös verstandenes Heil auf der anderen Seite. Dort geht es um das allgemeine Wohlbefinden, hier, beim Heil, religiös verstanden, um die endgültige Erfüllung des Menschen in der Gemeinschaft mit Gott.

3          Trotz dieses Unterschiedes besteht zwischen beiden eine enge Beziehung und eben nicht nur die, dass sich das eine als Verpflichtung aus dem anderen ergibt, sondern auch ein innerer Zusammenhang. Wir können das schon daran sehen, dass Jesus nicht nur vom Reich Gottes gesprochen hat – mit diesem Ausdruck bezeichnet er die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, dass er nicht nur zu Umkehr und Buße aufgerufen hat und Sünden vergeben hat, sondern dass er auch Kranke geheilt hat.

Sicher: das macht nicht die Mitte seines Handelns aus, aber es ist auch nicht etwas nur Beiläufiges. Immer wieder sprechen die Evangelisten davon: dass Jesus sich von sich aus den Kranken, Blinden, Lahmen heilend zugewendet hat und vor allem, dass sie zu ihm gekommen sind oder zu ihm gebracht wurden, damit er sie heile. Die Heilungen wollen nicht nur zeige, dass er Mach hat, dass er mehr kann als alle anderen. Sie sind Zeichen dafür, dass das Reich Gottes, die Zeit des Heils angebrochen ist. Sie bekräftigen seine Botschaft, und sie machen deutlich, dass das Heil nicht nur Heil der Seele ist, sondern Heil des Menschen Um diesen, um den Menschen, um den ganzen Menschen, auch in seiner Leiblichkeit geht es ihm.

Weil es Jesus nicht nur um die Seele, sondern um den Menschen geht, ist es auch uns, der Kirch, aufgegeben, nicht nur für die Seelen, sondern für die Menschen zu sorgen, vor allem für die Leidenden. In allen Nöten und dafür, dass alle menschwürdig leben können.

4          Der Zusammenhang zwischen Heil und Heilung, zwischen Glauben und Gesundheit besteht nicht nur darin, dass das eine zum anderen kommen muss, dass die eine Aufgabe die andere Aufgabe miteinschließt. Es besteht auch ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Glauben und Gesundheit in dem Sinn, dass der Glaube der Gesundheit förderlich ist. Er ist nicht ein einfaches Mittel, das sich anwenden lässt wie eine Therapie oder eine Kur; aber er birgt in sich Heilendes. Die Versöhnung mit Gott, die wir durch den Glauben gewinnen, bleibt nicht auf die Beziehung zu ihm beschränkt. Sie bewirkt auch die Versöhnung mit uns selbst, oder sagen wir vorsichtiger: sie kann es, sie vermag es. R. Guardini würde sagen: sie bewirkt die Versöhnung des inneren Menschen in uns, und meint damit: zwischen dem, der ich im Innersten bin, wo ich auch die Stimme es Gewissens vernehme, und dem, der Bestimmt wird von Gefühlen und Leidenschaften, von Ehrgeiz und Minderwertigkeitsgefühlen.

Die Liebe Gottes zu mir, sein Ja zu mir macht mich fähig, auch ganz ja zu mir zu sagen, zu dem, der ich bin mit seinen Grenzen und Schwächen, und auch ja zu sagen zu der Umwelt, in die ich eingebunden bin, zu den Menschen mit ihren Grenzen und Schwächen, die zu meinem Leben gehören. Dieses Ja Gottes zu mir wirkt sich also aus auf mich selbst und auf die Gemeinschaft. Und wenn ich in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten stehe, mit Menschen, die genauso wie ich an das Ja Gottes zu ihnen glauben, dann werden in einer solchen Gemeinschaft heilende Kräfte geweckt, die der Gesundheit des einzelnen förderlich sind, der Gesunderhaltung, der Gesundung im Sinn der Befreiung aus Abhängigkeiten von meinem äußerem Selbst, von Menschen und von Dingen.

In gleicher Weise wirken auch die Kräfte des Gebets und der Nachfolge, denn sie geben Orientierung und damit Sinn, denn sie stärken das Vertrauen. An diese heilende Kraft des Glaubens denkt der Apostel Jakobus vor allem, wenn er in seinem Brief schreibt, was zum Motto der Misereor-Aktion genommen ist: „… damit ihr gesund werdet.“ Aber dies Leitwort bezieht auch all das mit ein was wir für die Gesundheit, für das Wohl der Armen in der Welt tun können und tun werden.

C          Misereor ist eine Aktion gegen Hunger und Krankheit in den vielen Formen, in denen sie sich auf der Welt finden. Das Besondere dieser Aktion liegt darin, dass sie durchgeführt wird in enger Zusammenarbeit mit den einheimischen Kirchen dass sie in den Ländern die Not den Partner hat, den sie braucht um wirksam helfen zu können.

Geben wir Misereor durch unser Opfer heute die Möglichkeit, vieles tun zu können für das Heil und Heilung der Menschen.

4. Fasten-Sonntag im Jahreskreis B

                                                                                                                                                           Eph 2, 2-10

                                                                                                                                                           Joh 3, 14-21

A          Der Hirtenbrief unserer Bischöfe, der Aufruf zur Misereor-Aktion, ist Ausdruck der Sorge für die notleidenden Menschen. Die Kirche sieht diese Aufgabe sehr deutlich, und sie bemüht sich auf vielerlei Weise, die Not in der Welt zu lindern. Die Linderung kann zwar nicht das letzte Ziel sein; das muss die Überwindung des Hungers sein und ein menschenwürdiges Leben für alle. Aber zunächst geht es einfach darum, die Not zu mildern.

            Es finden sich im NT zahlreiche Stellen, die uns auf diese Aufgabe, die Not zu lindern, hinweisen, und die zeigen, dass sich unser Christsein in dieser Weise bewähren muss. Das gilt für die Christenheit, für die Kirchen insgesamt, es gilt aber auch für jeden einzelnen Gläubigen.

In dem Evangelium, das wir vorhin gehört haben, geht es nicht um diesen Aspekt unseres Christseins. Hier ist, die Rede vom ewigen Leben. Aber diese steht nicht im Gegensatz dazu. Beide gehören zusammen. Beide sind wichtig.

Nachdem wir von dem einen im Aufruf unserer Bischöfe gehört haben, wollen wir jetzt auch den anderen bedenken.

B1        Viermal setzt unser Evangelium an zu Aussagen über das ewige Leben.

Es heißt zunächst: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit, wer an ihn glaubt, das ewige Leben habe.“

Dann lesen wir: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn hingab, damit wir das ewige Leben haben.“

Auf das gleiche weist das Wort von der Rettung hin: „Der Sohn ist nicht gesandt, die Welt zu richten, sondern sie zu retten.“

Und schließlich heißt es: „Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht.“ Auch dieses Bild weist auf das ewige Leben hin. Hier wird deutlich worauf das Handeln Gottes, seine Offenbarung im AB und in Jesus letztlich hingerichtet ist: nicht nur darauf, dass wir ihn besser erkennen, nicht nur, dass wir klarer unsere Aufgaben in der Welt sehen. Es ist letztlich die Einladung und das Angebot des ewigen Lebens in der Gemeinschaft mit ihm; es ist das Heil des Menschen.

2          Diese Einladung, dieses Angebot richtet sich an jeden Menschen. „… damit jeder … das ewige Leben hat.“ Es ist nicht der einen oder anderen Gruppe vorbehalten, es ist keiner davon ausgeschlossen. Nur eine Bedingung ist gesetzt: „jeder, der an den Sohn glaubt.“ „Wer glaubt, wird nicht gerichtet“, er wird durch Jesus gerettet und erlangt durch ihn das ewige Leben.

3          Wir dürfen dies natürlich nicht zu eng verstehen und alle ausschließen, die Christus und seine Botschaft nicht erkennen. Das 2. Vatikanische Konzil hat zu dieser Frage ausdrücklich Stellung genommen und erklärt, dass Christus zwar der einzige Mittler und Retter ist, dass unbewusst auf ihn aber auch alle die hingerichtet sind, die ihn nicht kennen, die aber an Gott, den Schöpfer, glauben, die auch in den Schatten und Bildern den unbekannten Gott suchen, der allem Leben gibt, und auch die, die Gott nicht kennen und dem Anruf ihres Gewissens folgen. Sie alle sind, wenn sie darin die Wahrheit erkennen und sie tun, auf Christus hingeordnet und gelangen durch ihn zum Licht, zum Heil.

            Die Verpflichtung geht immer nur so weit, kann immer nur so weit gehen, als die Erkenntnis reicht. Gott liebt den Menschen heißt auch, dass er ihn ernst nimmt in seiner Verantwortlichkeit, und diese reicht eben nur so weit, wie sein Erkennen reicht. Sein Heil ist ein Angebot an alle Menschen.

4          Die Sorge für die Notleidenden in der Welt teilt auch die Kirche mit allen Menschen guten Willens; die Verkündigung des Heilsangebotes Gottes ist ihre besondere Aufgabe, die in der Weiterführung der Sendung Jesu ganz bei ihr liegt. Aber das steht nicht ganz neben der Sorge um Minderung der Not; sie kann auch durch die Botschaft von Heil den Menschen dienen und helfen, dieses Leben zu meistern. Der Glaube an das ewige Leben macht jedes Leben zu einem sinnvollen Leben.

Er kann dort noch eine Sinnantwort geben, wo jede andere ausfällt. Er kann die Angst mindern, wenn wir die Bedrohung dieses Lebens erfahren, er relativiert Erfolg und Misserfolg und kann uns zu echter Ermutigung und Gelassenheit verhelfen. Er gibt uns Hoffnung und Kraft, auf dem Weg des Lebens weiterzugehen. Und zuletzt gibt er uns Orientierung auf diesem Weg.

Das ewige Leben ist nicht nur etwas Zukünftiges, was für jetzt „nichts bringt“, wie man heute gern sagt In seiner Vollendung ist es etwas Zukünftiges; aber es wirkt in diese Zeit, in dieses Leben herein und macht aus den paar Jahren, Jahrzehnten etwas Ganzes und Unvergängliches.

C          Es wäre zu wenig, wenn der Glauben an das ewige Leben bloßes Wissen bliebe, bloßes Bekenntnis. Es muss daraus eine Haltung werden, die alles mitprägt, was wir tun.

Mathias Claudius hat in einem Brief an seinen Sohn einmal geschrieben: „Sorge für deinen Leib, doch nicht so, als ob er deine Seele wäre.“

Dieses Wort könnte man so abwandeln: „Sorge für dieses Leben, doch nicht so, als ob es das ewige Leben wäre.“

 

3. Fasten-Sonntag im Jahreskreis B

                                                                       Ex 20, 1 – 17

                                                                                                                                         Joh 2, 13 - 25

A          Wir schauen zurück auf die Lesung, die wir gehört haben. Sie ist vielleicht der bekannteste Abschnitt aus der ganzen Hl. Schrift. Selbst solche, die sich von der Kirche innerlich abgewandt haben, können wenigstens Teile dieses Textes aufsagen. Zumindest sind sie ihnen bekannt. Und wenn jemand irgendwo auf einem Bild oder in der Kirche zwei Tafeln sieht, auf denen die Ziffern 1-10 stehen, dann weiß er, dass diese auf die 10 Gebote hinweisen, mit denen wir es hier zu tun haben.

So alt diese Gebote auch sind: sie haben ihre Bedeutung nicht verloren. Es lohnt sich auch heute, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie als Weisung zur Ordnung des Lebens ernst zu nehmen.

B1        Manche der Lesungen, die für den Gebets-Gottesdienst vorgesehen sind, haben, wenn sie lang sind auch eine Kurzfassung. Für gewöhnlich nehme ich immer den ungekürzten Text, nur diesmal habe ich die Kurzfassung vorgezogen, und zwar deshalb, weil uns die Gebote in dieser Form bekannt sind, weil diese Worte gerade wegen ihrer kurzen, knappen Formulierung handlichere Grundweisungen für das Leben sind. Die Kürzungen sind freilich nicht erheblich. Sie betreffen vor allem das erste und das letzte Gebot. Aber sie wirken eben in der Kurzfassung noch bündiger, und gerade diese Bündigkeit hat diesen Worten ihre Wirkkraft gegeben.

Es ist nicht zufällig, dass man z. B. im 3. Reich 10 Gebote der studentischen Erziehung formuliert hat, oder dass man in der BDM 10 Gebote der sozialistischen Moral verkündete. 10 knappe Sätze: diese kann man leicht überschauen und mitteilen; sie sind ein praktables Grundgesetz für ein Volk, für eine Gemeinschaft; sie sind leicht zu behalten.

2a)       In der Form, wie die Gebote jedenfalls früher zum Lernen vorgelegt wurden, begannen sie in der Regel so: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine fremden Götter neben mir haben.“ Genau (wörtlich) heißt es: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir nicht andere Götter haben.“ Dieser Zusatz „der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus …“ ist nicht unwichtig. Denn er zeigt, wie Gott zu dem Volk steht, dem er diese Gesetze gibt. Er ist nicht einfach ein fordernder Gott, der seine Autorität dadurch unterstreicht, dass er mit dem Anspruch dieser Gebote an es herantritt, der einfach Unterordnung verlangt, sondern er ist der, der das Volk in die Freiheit geführt hat. Aber er hat sie nicht in die äußere Freiheit geführt, um sie durch diese Forderung in eine innere Unfreiheit zu bringen. Er will, dass sie als Freie leben, dass sie in Freiheit leben. Das geschieht nicht dadurch, dass man einfach tut, was man will – das wäre keine Freiheit, sondern Willkür – ein Leben in Freiheit verlangt eine Ordnung.

b)         Es ist sehr wichtig, dass wir diese Intention, diese Absicht sehen, aus der heraus diese Gebote gegeben wurden oder als göttliche Gebote erkannt wurden. Das sind nicht einfach Forderungen, die dastehen, die gelten, die man halten muss. Sie sind Ausdruck des Willens Gottes, der die Freiheit, das Wohl des Volkes will, ntl. gesprochen: der das Heil seines Volkes will. Dieses „sein Volk“ ist nicht mehr nur Israel, ein Volk, unterschieden von den anderen, sondern es ist das neue Gottesvolk, in das alle berufen sind.

Hinter diesen Geboten steht der, der uns befreit hat durch Jesus Christus zur Freiheit der Kinder Gottes und der will, dass wir als solche leben. Er gibt uns mit diesen Worten Weisungen zu einem Leben in Gemeinschaft mit anderen das gelingen soll.

3a)       Es fällt auf, dass die meisten Weisungen als Verbote formuliert sind. „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben …“, „Du sollst nicht morden“, „Du sollst nicht die Ehe brechen“ usw. Nur zwei sind positiv gehalten: „Gedenke des Sabbats“ – „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ – das 3. und 4. Gebot.

Der Grund, dass die meisten negativ formuliert sind, ist wohl der, dass sie in dieser Form griffiger sind als in der positiven Form. Sie benennen eindeutiger den Tatbestand: Mord, Ehebruch, Diebstahl. Das ist zwar immer nur der radikale Ernstfall. Aber das Gebot meint natürlich nicht nur diesen; jedes Verbot ist auch ein Gebot und hat das zum Ziel, was dem eigenen Leben und dem Leben des anderen förderlich ist. Dass das auch so empfunden wurde und empfunden wird, zeigt sich auch daran, dass wir nicht von den 10 Verboten sprechen, sondern von den 10 Geboten.

Heute gebrauchen wir gerne auch die Ausdrücke „Weisung“ oder „Wegzeichen“. Durch sie wird noch deutlicher, dass uns Gott durch sie nicht behindern will, sondern dass er uns fördern will, den rechten Weg zeigen will.

b)         Bei zwei Geboten wird auch gezeigt, dass es nicht nur auf die Taten selbst ankommt, sondern auch auf die innere Haltung: das ist im 9. und 10. Gebot, die inhaltlich dem 6. und 7. entsprechen, aber vom Verlangen handeln, das dem Tun vorausgeht: „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen…, Du sollst nicht nach irgendetwas verlangen, was deinem Nächsten gehört. „In ähnlicher Weise müssen wir die anderen Gebote ergänzen. Dem „Morden“ liegt all das voraus, was dem leiblichen Wohl und der leiblichen Unversehrtheit zuwider ist.

4          Ich sagte schon, dass auch für uns heute die 10 Gebote, der sog. Dekalog, seine Bedeutung bewahrt hat: er bietet eine fassliche Lebensordnung; er ist handlich. Aber wir Christen müssen ihn als ntl. Menschen sehen, d.h. als solche, die nicht stehenbleiben dürfen bei dem Wortlaut dieser Gebote. Das, was sich in den letzten beiden Geboten schon zeigt, dass auch dies innere Tun von sittlicher Bedeutung ist, ist von Christus weitergeführt und entfaltet worden. Er hat keine neuen Gebote erlassen, die an diese angefügt werden müssen, sondern seine ganze sittliche Botschaft lässt sich diesen Geboten zuordnen; sie sind eine Ausformung dieser Gebote.

So kennen wir das etwa von Beichtspiegeln her, die an die 10 Gebote anschließen, bei denen jeweils an den Gebotstext eine Reihe von Fragen angeführt werden, durch die das aufgeschlüsselt wird, was z.B. mit dem Gebot „Du sollst neben mir nicht andere Götter haben“ alles ausgedrückt wird.

Wenn wir das innerste Anliegen Jesu kennen, brauchen wir einen solchen Beichtspiegel gar nicht. Dann können wir selbst diese Aufschlüsselung vornehmen. Aber gelegentlich ist es doch gut, sich ihrer zu bedienen als Anregung und Erweiterung des eigenen Gesichtskreises. Aber die 10 Gebote, genauer die ersten 8 Gebote, geben uns die Hauptrichtung an, in die unser Streben gehen muss; sie zeigen uns die verschiedenen Bereiche des Lebens, die uns zur sittlichen Bewältigung aufgegeben sind.

C          Ich möchte schließen mit einem Wort des Papstes Leo d. Großen: Er sagte in einer Predigt: „Hat uns doch der barmherzige göttliche Schöpfer in seinen Geboten einen hellblinkenden Spiegel verliehen, damit der Mensch darin das Antlitz seiner Seele betrachten kann und darin erkennt, in welchem Grad sie dem Ebenbild Gottes ähnlich ist oder nicht.“

Es ist der Spiegel der 10 Gebote im Verständnis Jesu Christ, unseres Herrn.

2. Fasten-Sonntag im Jahreskreis B

Papst Benedikt XVI. Aus der Ansprache beim Angelus vom 4.3.2012

Das Mysterium der Verklärung darf nicht aus dem Gesamtzusammenhang des Wegs herausgenommen werden, den Jesus beschreitet. Entschlossen geht er nunmehr der Erfüllung seiner Sendung entgegen, wohl wissend, dass er durch das Leid und den Kreuzestod hindurch muss, um zur Auferstehung zu gelangen. Davon hat er offen zu den Jüngern gesprochen, die ihn jedoch nicht verstanden haben, im Gegenteil, sie haben diese Perspektive abgelehnt, da sie nicht das im Sinn hatten, was Gott will, sondern das, was die Menschen wollen (vgl. Mt 16,23). Daher nimmt Jesus drei von ihnen mit auf den Berg und offenbart seine göttliche Herrlichkeit, Glanz der Wahrheit und Liebe. Jesus möchte, dass dieses Licht ihre Herzen erhellen möge, wenn sie durch die tiefe Finsternis seines Leidens und Sterbens gehen, wenn das Ärgernis des Kreuzes für sie unerträglich wird. Gott ist Licht, und Jesus will seinen engsten Freunden die Erfahrung dieses Lichts schenken, das in ihm wohnt. So wird er nach diesem Ereignis in ihnen inneres Licht sein, das sie vor den Angriffen der Finsternis zu bewahren vermag. Auch in der finstersten Nacht ist Jesus das Licht, das nie erlischt. Der hl. Augustinus fasst dieses Geheimnis mit einem wunderschönen Wort zusammen: „Was für die Augen des Leibes die Sonne ist, die wir sehen, ist (Christus) für die Augen des Herzens“ (Sermo 78,2: PL 38,490). Liebe Brüder und Schwestern, wir alle bedürfen des inneren Lichts, um die Prüfungen des Lebens zu meistern. Dieses Licht kommt von Gott, und von Christus wird es uns geschenkt, von ihm, in dem die Fülle der Gottheit wohnt (vgl. Kol 2,9). Wir wollen gemeinsam mit Jesus auf den Berg des Gebets steigen und uns in der Betrachtung seines Antlitzes voll Liebe und Wahrheit innerlich von seinem Licht erfüllen lassen.

 

1. Fasten-Sonntag im Jahreskreis B

                                                                                                                      Mk 1,12 – 15

A          Man kann leicht erkennen, dass unser Evangelium aus zwei kleinen selbstständigen Teilen besteht. Der eine ist die Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste, die hier im Vergleich zu anderen Evangelien nicht weiter ausgeführt wird. Der andere Teil handelt vom Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu unmittelbar nach der Verhaftung Johannes d. Täufers.

Hauptinhalt seiner Verkündigung – hier und überhaupt – ist die Botschaft vom Reich Gottes. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ Dann folgt der Aufruf: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium.“

B1a)    Dieser Aufruf „Kehrt um“ ist nicht neu. Wir hören ihn schon bei den atl. Propheten, und zwar mehrmals. „Kehrt doch alle um von eueren schlechten Wegen und von eueren bösen Taten; dann dürft ihr in dem Land bleiben, das euch Gott gegeben hat“, so ruft etwa der Prophet Jeremia dem Volk zu. „Kehrt um“ heißt für sie: Lasst ab von den nichtigen Götzen, die ihr euch selbst gemacht habt oder die andere Menschen gemacht haben; erkennt, dass es nur den einen Gott gibt, der unsere Vorstellungen übersteigt; haltet euch an ihn und an sein Wort.

b)         Bei Jesus kommt dieser Aufruf einen etwas anderen Sinn. Bei ihm heißt „Kehrt um“ „glaubt an das Evangelium“. Der zweite Teil kommt nicht zum ersten hinzu, sondern die Umkehr besteht im Glauben an das Evangelium.

Das ist etwas Neues. Das gab es vorher nicht. Und was ist es? Das ist schon im allerersten Satz des Mk-Evangeliums ausgesprochen Er lautet: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. „Das Evangelium ist die frohe Botschaft von Jesus Christus, von seinem Leben und von seiner Lehre. „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ heißt also soviel wie: Glaubt an Jesus Christus.

2          Mit dem Umkehrruf wird betont, dass man den Glauben an Jesus Christus nicht so nebenher mitnehmen kann, dass man nicht der alte bleiben kann und zugleich an Jesus Christus glauben kann. Man kann nicht denken und handeln, wie alle Welt denkt und handelt, und an Jesus glauben. Der Glaube ist ein Umdenken, eine Umkehr im Vergleich zu einem Leben ohne diesen Glauben. Den ersten Jüngern, die aufgrund ihrer ganz persönlichen Entscheidung an Christus geglaubt haben, war das natürlich viel stärker bewusst als uns, die wir in die christliche Gemeinschaft hineingeboren wurden.

Viel stärker ist es auch denen bewusst, die in Ländern leben, in denen der Glaube unterdrückt wird, in denen die Menschen sogar Verfolgung auf sich nehmen, wo die Konsequenzen, die sich aus dem Glauben ergeben, ganz offenkundig sind.

Anders ist es bei uns, wo man durch die äußeren Verhältnisse nicht zu einer klaren Entscheidung herausgefordert wird, wo man scheinbar das Christsein so nebenbei mitnehmen kann.

Der Aufruf „Bekehrt euch“ heißt also: Entscheidet euch klar für Christus, nehmt eueren Glauben ernst, und sagt bewusst ja zu dem, was sich aus ihm für das tägliche Leben ergibt.

3          Wie groß die Versuchung sein kann, dem auszuweichen und sich anders einzurichten: auch das zeigt uns das Evangelium. Es sagt uns nämlihc das Ungeheuerliche, dass auch Jesus selbst versucht worden ist, dass er berührt wurde von den Kräften, die uns in eine andere Richtung drängen. Es war die Versuchung, das Interesse ganz auf das Brot zu richten, auf die Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse. Es war die Versuchung, Macht auszuüben du darin Befriedigung zu finden. Es war die Versuchung, von anderen bewundert und bestaunt zu werden. Das sind die Versuchungen, von die er durch sein Menschsein versetzt war; es sind die Versuchungen des Menschen.

4a)       Die Antwort Jesu auf diese Versuchungen ist sein Gehorsam gegenüber dem Vater. Es ist nicht einfach das „Nein“, sondern das „Nein“ ergibt sich aus der Ausrichtung des Lebens auf den Vater hin, auf seine Sendung hin: Er ist nicht gesandt, um für sich zu leben, um das Leben auszukosten, nicht um Macht über andere auszuüben, nicht um bewundert und bestaunt zu werden. Seine Sendung ist es vielmehr, den Menschen die erbarmende Liebe zu verkünden und sie mit Gott zu versöhnen.

b)         Unsere Antwort muss die nämliche sein: der Gehorsam gegen Gott, dessen Willen wir durch die Worte und das Beispiel Jesu erkennen. Andes gesagt: Die Antwort soll sein ein Leben aus Jesus und mit Jesus. Um dazu zu kommen, ist es gut, wenn wir uns überlegen, wo unsere Schwachstelle ist (oder schwache Stellen sind), wo wir am stärksten gefährdet sind: ist es die Versuchung, einfach ein möglichst schönes, angenehmes, leichtes Leben zu führen, oder ist es die Versuchung zur Herrschsucht, zur Überhebung über andere; oder ist es mehr die Versuchung, immer nur bewundert zu werden, beliebt zu sein.

Versuchungen sind noch kein Versagen, keine Sünde. Die eigentliche Frag ist deshalb: Wie weit gab ich den Versuchungen nach? Welche Abstriche mache ich, indem ich ihnen nachgebe, von meinem Glauben. Wie weit hindert mich dieses Nachgeben daran, aus Jesus und mit Jesus zu leben.

Diese Einsicht muss der erste Schritt sein. Sie zeigt mir, was der Umkehrruf Jesu für mich bedeutet; der zweite Schritt ist die Tat, ist die Umkehr selbst, das bewusste, ausdrückliche Ja zu Jesus Christus, der bewusste Glaube an das Evangelium.

Wir sollten dabei aber nicht nur sehen, dass diese Antwort von uns etwas verlangt – Selbstbeherrschung, Selbst-Überwindung. Es ist eine Frohe Botschaft, die uns Jesus verkündet. Das heißt ja Evangelium ganz wörtlich „frohe Botschaft“; „gute Botschaft“. Sie ist in erster Linie nicht eine Forderung, sondern eine Verheißung, das Angebot der Versöhnung, des Friedens, des Heils oder wie es Jesus immer wieder nennt: das Reich Gottes oder auch das ewige Leben. Dieses zu erlangen: das ist das Höchste, was wir erstreben können. Es geschieht dadurch, dass wir an das Evangelium, dass wir an Jesus Christus glauben.

C          In der Vergangenheit hatten es die Menschen insofern etwas leichter, den Weg des Glaubens zu gehen, weil er von der Gemeinschaft getragen wurde. Heute sind wir im hohen Maß auf uns selbst gestellt. Wir haben mehr Freiheit, aber auch mehr Selbstverantwortung.

So liegt es auch ganz bei uns selbst, was wir aus dieser vor-österlichen Zeit machen. Es zwingt uns niemand, sie zu nutzen im Sinn der Umkehr, der Erneuerung, der Vertiefung unseres Glaubens. Wir selbst müssen uns dazu bringen aus der Einsicht in den Wert, den der Glaube für uns hat.

6. Sonntag im Jahreskreis B

Aus der Ansprache beim Angelus vom 12.2.2012 von Papst Benedikt XI.

 

Während Jesus predigend durch die Dörfer Galiläas wanderte, kam ihm ein Aussätziger entgegen und sagte: „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde!“ Jesus weicht nicht vor dem Kontakt mit jenem Menschen zurück, gedrängt von tiefer Anteilnahme an seinem Zustand streckt er ihm vielmehr die Hand entgegen, berührt ihn – womit er das gesetzliche Gebot übertritt – und sagt zu ihm: “Ich will es – werde rein!“ In jener Geste und in jenen Worten Christi ist die ganze Heilsgeschichte gegenwärtig, es ist der Wille Gottes verkörpert, uns zu helfen, uns vom Bösen zu reinigen, das uns entstellt und unsere Beziehungen zugrunde richtet. In dieser Berührung zwischen der Hand Jesu und dem Aussätzigen wird jede Schranke zwischen Gott und der menschlichen Unreinheit, zwischen dem Heiligen und seinem Gegenteil niedergerissen, gewiss nicht, um das Böse und seine negative Kraft zu leugnen, sondern um zu beweisen, dass die Liebe Gottes stärker ist als alles Böses, auch das ansteckendste und schrecklichste. Jesus hat unsere Gebrechen auf sich genommen, er ist zum „Aussätzigen“ geworden, damit wir gereinigt werden.

Ein wunderbarer, aus dem Leben kommender Kommentar zu diesem Evangelium ist die berühmte Erfahrung des hl. Franz von Assisi, die er zu Beginn seines Testamentes zusammenfasst: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt“ (FF, 110). In jenen Aussätzigen, auf die Franziskus traf, als er, wie er sagt, noch „in Sünden war“, war Jesus gegenwärtig; und als Franziskus sich einem von ihnen näherte und ihn unter Überwindung seiner Abscheu umarmte, heilte Jesus ihn von seinem Aussatz, das heißt, von seinem Stolz, und bekehrte ihn zur Liebe Gottes. Das ist der Sieg Christi, der unsere innere Heilung und unsere Auferstehung zu neuem Leben ist!

5. Sonntag 1985

                                                                                                                                       1 Kor 9,16 – 19, 22 – 23

                                                                                                                                        Mk 1,29 – 39

A          Wir haben vorhin – als Lesung- einen Abschnitt aus dem 1 Kor-Brief des hl. Paulus gehört. Es war ein Ausschnitt aus einem großen Kapitel, in dem sich der Apostel über die Freiheit des Christen und deren rechten Gebrauch äußert.

Was er darüber sagt, lässt sich kurz so umreißen: Die Freiheit ist ein großes Gut, aber nicht das höchste. Es gibt Gründe, die uns gebieten, die eigene Freiheit einzuschränken, also nicht zu tun, was ich eigentlich tun könnte, tun dürfte.

Es ist klar, dass die Freiheit ihre Grenzen hat in den Geboten, wo sie die Rücksicht auf andere gebietet. In diesem Zusammenhang steht das Wort des Paulus, das wir unserer Betrachtung zugrunde legen wollen: „Allen bin ich alles geworden.“

B1           Dieses Wort „Allen bin ich alles geworden“ verstehen wir am besten, wenn wir auf den Anlass dieser Äußerung achten. In den christlichen Gemeinden Griechenlands und Kleinasiens war damals die Frage aufgetaucht, wie man es mit dem Essen von Fleisch halten müsste, das von Götzenopfern stammt. Die einen meinten, das könne man bedenkenlos essen, denn es gibt ja keine Götzen außer dem einen Gott, unserem Vater. Und wenn es keine anderen Götter gibt, dann gibt es auch keine Gemeinschaft mit ihnen durch das Essen von Opferfleisch.

Aber nicht alle dachten so. Andere meinten, dass der Genuss von Götzenfleisch in jedem Fall eine Untreue gegenüber Christus sei, ein Verrat an ihm, und dass man ihn deshalb unter allen Umständen vermeiden müsse.

Paulus denkt wie die Erstgenannten. Aber er sieht und anerkennt auch, dass andere anders urteilen und als Sünde ansehen, was es für ihn nicht ist. Er schreibt: “Einige, die von ihren bisherigen Götzen nicht loskommen, essen das Fleisch noch als Götzenopferfleisch, und so wird ihr schwaches Gewissen befleckt.“ Und über dieses Bedenken der Schwachen (wie er sie nennt) sollen sich die Starken nicht einfach hinwegsetzen. Wir müssen aufeinander achten, aufeinander Rücksicht nehmen und bedenken, wie sich unser Verhalten auf die anderen auswirkt.

2          Paulus wagt es dann, dies durch sein eigenes Verhalten zu veranschaulichen. Er darf es wagen! Er bleibt aber nicht bei dem Thema Götzenopferfleisch, sondern er spricht von seiner Aposteltätigkeit. Er sagt, dass er bei seiner Tätigkeit auf die Versorgung durch die Gemeinde  verzichtet habe und sich den Unterhalt durch Handarbeit verdient habe, um die Glaubwürdigkeit seiner Verkündigung nicht zu mindern. Er sagt weiter, dass er, wenn er zu Juden gesprochen habe, ganz auf deren Denken und Vorstellen eingegangen ist. Und dass er, wenn er zu Heiden, zu Griechen, gesprochen habe, auf deren Denkungsart Rücksicht genommen habe. Er ist, wie er sagt „den Juden ein Jude geworden, den Heiden ein Heide, den Schwachen ein Schwacher: allen bin ich alles geworden.“ Seine Begründung ist: Ich tue es um des Evangeliums willen, d.h. um Gottes willen, und d.h. auch um der Menschen willen. Hinter diesem Wollen, hinter dieser Rücksicht tritt seine persönliche Freiheit zurück.

3a)       Es ist klar, dass die Rücksichtnahme auch ihre Grenzen hat. Man darf aus Rücksicht auf andere nicht Grundsätze aufgeben oder Grenzen verwischen, die klar bleiben müssen. Das hat Paulus auch nicht getan.

Als Petrus etwa in Antiochien aus Rücksicht auf die Judenchristen die Mahlgemeinschaft mit den Heidenchristen mied, ist Paulus ihm bestimmt entgegengetreten und hat ihn korrigiert. Hier ging es um Grundsätzliches, nicht zuletzt um die Einheit der Kirche. Dies darf man nicht durch Rücksichtnahme auf einzelne gefährden. Hier hat die Rücksicht auf das Ganze den Vorzug vor der Rücksicht auf einen Teil.

b)         Man darf auch Rücksicht verlangen, selbstverständlich! Das ist nur die Umkehrung. Aber man muss auch bei den Erwartungen die Grenzen sehen und anerkennen, vor allem den Vorrang, den das Ganze vor dem Einspruch eines einzelnen hat. Wer Rücksicht verlangt, muss auch selbst zu Rücksicht bereit sein. Niemand steht ja nur auf der einen oder der anderen Seite: jeder muss Rücksicht nehmen, und jeder hat den Anspruch, dass auf ihn Rücksicht genommen wird.

4          Diese Haltung der Rücksichtnahme, die von uns allen erwartet werden darf und muss, hat ihren Platz auf allen Beziehungsebenen, auf denen wir stehen. Sie gilt in Beziehung zur ganzen Menschheit, zur sog. Weltgesellschaft. Das bedeutet konkret, dass ich bei allem, was ich tue, was ich kaufe, auch Rücksicht nehmen muss auf die vielen Armen und Hungernden in der Welt. Ich kann nicht sagen, sie gehen mich nichts an, und es darf sich meine Sorge nicht allein beschränken auf den Sonntag der Misereor-Sammlung. Diese Rücksicht darf ich nie aus dem Auge verlieren.

Denken wir an eine andere Ebene, an die Rücksicht, die von jedem Verkehrsteilnehmer gefordert ist. Man kann das „Gegeneinander und Nebeneinander und Aneinander-vorbei“ zwar durch Gesetze regeln; aber es ist darüber hinaus wohlwollende Rücksicht aufeinander vonnöten, wenn das ganze gut gehen soll.

Rücksicht ist verlangt in hohem Maß am Arbeitsplatz, gegenüber den Mitarbeitern, da umso mehr, je mehr die Tätigkeiten der einzelnen miteinander verflochten sind, je mehr sie eine Arbeitsgemeinschaft bilden. Und am wichtigsten ist die Rücksichtnahme im Kreis derer, mit denen man zusammenlebt: in der Familie, in der Hausgemeinschaft, in der klösterlichen Gemeinschaft. Hier sind die Berührungsbereiche am größten, hier gehen die Konflikte und die Erwartungen am tiefsten. Hier verletzen deshalb Rücksichtslosigkeiten auch am stärksten.

Und solche Verstöße geschehen leider allzu leicht, weil sie meist nicht bewusste Lieblosigkeiten sind, sondern sehr häufig die Gedankenlosigkeit zum Grund haben oder auch die Trägheit, das mangelnde Einfühlungsvermögen, die Ichversponnenheit, das Gefangensein von den eigenen Interessen. Man kann vieles nennen. Aber nichts entschuldigt ganz.

Das Rücksichtnehmen, das Paulus mit den Worten „Allen alles sein“ umschreibt, verlangt vor allem Wachheit und Güte. Am wichtigsten ist wahrscheinlich die Wachheit, das bewusste Handeln.

C          Wir finden im NT zwar nicht den Ausdruck „Rücksicht“ oder „Rücksichtnahme“. Aber das, was damit gemeint ist, ist in ihm natürlich sehr deutlich ausgesprochen: in dem Wort des Paulus: Allen alles sein, aber noch nachdrücklicher in der sog. Goldenen Regel aus der Bergpredigt: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ So wie wir alle Rücksichtnahmen erwarten, so wollen wir auch selbst rücksichtsvoll sein.

4. Sonntag 1985

                                                                                                                                                     Dtn 18, 15-20

                                                                                                                                                      Mk 1, 21-28

A          Unser Evangelium wird eingeleitet mit der Bemerkung: „In Kapharnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge.“ Als Jude war es für Jesus eine Selbstverständlichkeit, den Sabbat-Gottesdienst zu besuchen.

Für den Juden ist freilich der Sabbat in erster Linie ein Tag der Ruhe, der nicht-Arbeit, aber das nicht nur zu dem Zweck, um sich zu erholen, sondern um diesen Tag zu heiligen und damit die Sabbatruhe. Beim Propheten Ezechiel heißt es: „Meine Sabbate sollt ihr heiligen, dass sie ein Zeichen seien zwischen mir und euch, damit ihr wisst, dass ich, Jahwe, euer Gott bin.“

Im Unterschied zu den Juden feiern wir nicht den Sabbat, sondern den Sonntag, aber der Sinn, den das Sabbatgebot im AT hatte, bleibt erhalten, er ging nur auf den Sonntag über.

Entspricht die Art und Weise, wie wir den Sonntag feiern – wir, die einzelnen – diesem Sinn?

Ich möchte den genannten Hinweis in unserem Evangelium zum Anlass nehmen, die Hauptgedanken vorzutragen, die der Vorsitzende der Dt. Bischofskonferenz, Kardinal Höffner, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Lohse, zu Beginn des letzten Advents in einer gemeinsamen Erklärung vorgelegt haben. Sie trägt die Überschrift „Den Sonntag feiern“.

B1        Es ist offenkundig, dass sich in den letzten Jahrzehnten in der Feier des Sonntags ein großer Wandel vollzogen hat. Ja, wir laufen Gefahr, den Sonntag zu verlieren.

a)      Ein Grund dafür ist, dass der Sonntag für die meisten nur noch Teil eines längeren Wochenendes ist, das am Freitagmittag oder Freitagnachmittag beginnt. Der Sonntag droht vom Wochenende aufgesogen zu werden. Man wünscht sich heute ein „schönes Wochenende“. Der Sonntag wird zum Abschluss des Wochenendes und ist bei manchen schon vergällt durch den Gedanken an die neue Arbeitswoche.

b)      Dieses früher nicht gekannte Maß an Freizeit muss bewältigt werden. Da es viele von sich aus nicht können, bietet eine ganze Industrie ihre Dienste an. Damit wird für einen nicht kleinen Kreis von Beschäftigten der Sonntag zum Arbeitstag, und für die, die sich deren Dienst zunutze machen, wird dieser Tag oft nicht zum Tag der Entspannung, der Ruhe, der Besinnung, sondern gerät wieder unter das Gesetz von Unruhe und Hektik. Damit geht der Rhythmus von Spannung und Entspannung, von Tätigkeit und Ruhe verloren; alles ist auf Leistung abgestimmt; die Seele bleibt dabei leer.

c)      Kardinal Höffner und Landesbischof Lohse weisen auch darauf hin, dass sich der Zusammenhang von Sonntag und Familie verändert hat. Jeder meint, der Sonntag gehöre zuerst ihm, und dieses Denken rüttle an dem Zusammengehörigkeitsbewußtsein der Familie und an der gemeinsamen Gestaltung dieses Tages.

Das sind allgemeine Trends, die man selbstverständlich nicht auf jeden einzelnen und jede einzelne Familie übertragen darf.

2a)       Gegen diese Entwicklung zur Einebnung, zur Verflachung des Lebens muss man klar und deutlich das setzen, was uns die Hl. Schrift sagt. Im 3. der 10 Gebote heißt es: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig. Sechs Tage sollst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.“

Unser Schöpfer will, dass wir nicht aufgehen in der Betriebsamkeit und in der Sorge für die Dinge und sachlichen Belange. Wir sollen uns im Rhythmus der Woche herausnehmen aus dem Eingespanntsein in dem Wissen, um unsere „Gottesebenbildlichkeit“ und unsere Einordnung auf ihn, unseren Herrn.

Für uns Christen kommt hinzu, dass der Sonntag der Tag ist, an dem Christus von den Toten auferweckt wurde; dass der ursprüngliche Sinn noch überformt wird, dass er zugleich zum Bekenntnis wird, dass Christus auferstanden ist. Und dass unser vergängliches Leben und diese vergehende Welt aufgenommen sind in Gottes unvergängliches Leben.

b)         Schon früh haben die Christen den Dank für die Schöpfung und das Gedächtnis der Auferstehung im Gottesdienst zum Ausdruck gebracht: im Hören auf Gottes Wort und in der Feier der Eucharistie. Ja, diese Feier wurde zum Kern des Gottesdienstes.

c)         Wo der Glaube an Gott schwindet, wo es in Vergessenheit gerät, dass wir uns ihm verdanken und dass wir durch die Auferstehung Grund zu einer unraubbaren Hoffnung haben und dass durch beides unserem Leben bleibender Sinn gegeben ist: wo das fehlt, ist die Voraussetzung für die Feier des Sonntags verloren. Man feiert ja immer etwas, man denkt an etwas, man freut sich über etwas. Wenn dieses etwas verlorengeht, verfällt auch das Feiern.

Man kann es auch umgekehrt sehen: Wo das Feiern unterbleibt, geht dieses „etwas“ verloren, das durch die Feier bewusst gemacht wird. Wo die hl. Feier unterbleibt, schwindet auch der Glaube.

d)      Der oft zu hörende Einwand, die fleißigen Kirchengänger seien nicht immer die besten Christen, mag im Einzelfall sicher zutreffend sein. Aber das persönliche Versagen einzelner hebt nicht die Tatsache auf, dass zwischen der Feier und dem, was gefeiert wird, ein ganz enger Zusammenhang besteht, und sie belegt natürlich überhaupt nicht das Gegenteil.

3a)       Aber sehen wir das ganze nicht zu eng. Den Sonntag feiern bedeutet nicht allein den                                        Gottesdienst besuchen. Dazu gehört auch die Muße, … dass man sich Zeit nimmt für die Entspannung, für andere, für die Gemeinschaft, … dass man sich Zeit nimmt für die Besinnung, für die dankbare Erinnerung, … für das Zwecklose, für das, was nicht auf einen Nutzen ausgerichtet ist, … dass man darin nicht aufgeht.

b)         Und wie für mich selbst und den anderen: so müssen wir auch für Gott frei und offen sein und damit fähig zur Begegnung mit ihm in der Feier des Gottesdienstes, im Gebet.

c)         Deshalb darf man den Gottesdienst auch nicht bloß auf die Befriedigung eines momentanen Bedürfnisses abstellen, ihn nicht beschränken auf die Tage, an denen ich gerade eine Lust dazu spüre. Dafür ist Gott zu groß, dass ich seine Verehrung abhängig mache von meiner Stimmung, und auch die Bedeutung, die der Gottesdienst für mich hat: als Feier des Todes und der Auferstehung Christi, die Unterpfand meiner Hoffnung und meines Heiles sind.

 

C          Das Gebot Gottes „Gedenke des Sabbats. Halte ihn heilig“ ist nicht veraltet. Es hat heute – unter den veränderten Umständen – neue Bedeutung erhalten. Wenn uns der Sonntag verloren geht, ist die Verweltlichung des Lebens perfekt.

Es gibt natürlich auch Zwänge zur Arbeit am Sonntag. Aber wir sollten uns ihnen nicht blindlings überlassen. Wir sollten dann wenigsten unterscheiden zwischen Arbeiten, die ihm mehr und die ihm weniger angemessen sind, und wir sollen vor allem bestimmte Zeiten des Sonntags heilig halten.

Und vergessen wir auch nicht: wie wir es halten, das wirkt auch auf andere, und jeder einzelne trägt mit bei, ob wir den Sonntag verlieren oder ob wir ihn retten.

Dtn 18, 15-20

                                                                                                                                  Mk 1, 21-28

A          Unser Evangelium wird eingeleitet mit der Bemerkung: „In Kapharnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge.“ Als Jude war es für Jesus eine Selbstverständlichkeit, den Sabbat-Gottesdienst zu besuchen.

Für den Juden ist freilich der Sabbat in erster Linie ein Tag der Ruhe, der nicht-Arbeit, aber das nicht nur zu dem Zweck, um sich zu erholen, sondern um diesen Tag zu heiligen und damit die Sabbatruhe. Beim Propheten Ezechiel heißt es: „Meine Sabbate sollt ihr heiligen, dass sie ein Zeichen seien zwischen mir und euch, damit ihr wisst, dass ich, Jahwe, euer Gott bin.“

Im Unterschied zu den Juden feiern wir nicht den Sabbat, sondern den Sonntag, aber der Sinn, den das Sabbatgebot im AT hatte, bleibt erhalten, er ging nur auf den Sonntag über.

Entspricht die Art und Weise, wie wir den Sonntag feiern – wir, die einzelnen – diesem Sinn?

Ich möchte den genannten Hinweis in unserem Evangelium zum Anlass nehmen, die Hauptgedanken vorzutragen, die der Vorsitzende der Dt. Bischofskonferenz, Kardinal Höffner, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Lohse, zu Beginn des letzten Advents in einer gemeinsamen Erklärung vorgelegt haben. Sie trägt die Überschrift „Den Sonntag feiern“.

B1        Es ist offenkundig, dass sich in den letzten Jahrzehnten in der Feier des Sonntags ein großer Wandel vollzogen hat. Ja, wir laufen Gefahr, den Sonntag zu verlieren.

a)      Ein Grund dafür ist, dass der Sonntag für die meisten nur noch Teil eines längeren Wochenendes ist, das am Freitagmittag oder Freitagnachmittag beginnt. Der Sonntag droht vom Wochenende aufgesogen zu werden. Man wünscht sich heute ein „schönes Wochenende“. Der Sonntag wird zum Abschluss des Wochenendes und ist bei manchen schon vergällt durch den Gedanken an die neue Arbeitswoche.

b)      Dieses früher nicht gekannte Maß an Freizeit muss bewältigt werden. Da es viele von sich aus nicht können, bietet eine ganze Industrie ihre Dienste an. Damit wird für einen nicht kleinen Kreis von Beschäftigten der Sonntag zum Arbeitstag, und für die, die sich deren Dienst zunutze machen, wird dieser Tag oft nicht zum Tag der Entspannung, der Ruhe, der Besinnung, sondern gerät wieder unter das Gesetz von Unruhe und Hektik. Damit geht der Rhythmus von Spannung und Entspannung, von Tätigkeit und Ruhe verloren; alles ist auf Leistung abgestimmt; die Seele bleibt dabei leer.

c)      Kardinal Höffner und Landesbischof Lohse weisen auch darauf hin, dass sich der Zusammenhang von Sonntag und Familie verändert hat. Jeder meint, der Sonntag gehöre zuerst ihm, und dieses Denken rüttle an dem Zusammengehörigkeitsbewußtsein der Familie und an der gemeinsamen Gestaltung dieses Tages.

Das sind allgemeine Trends, die man selbstverständlich nicht auf jeden einzelnen und jede einzelne Familie übertragen darf.

2a)       Gegen diese Entwicklung zur Einebnung, zur Verflachung des Lebens muss man klar und deutlich das setzen, was uns die Hl. Schrift sagt. Im 3. der 10 Gebote heißt es: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig. Sechs Tage sollst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht.“

Unser Schöpfer will, dass wir nicht aufgehen in der Betriebsamkeit und in der Sorge für die Dinge und sachlichen Belange. Wir sollen uns im Rhythmus der Woche herausnehmen aus dem Eingespanntsein in dem Wissen, um unsere „Gottesebenbildlichkeit“ und unsere Einordnung auf ihn, unseren Herrn.

Für uns Christen kommt hinzu, dass der Sonntag der Tag ist, an dem Christus von den Toten auferweckt wurde; dass der ursprüngliche Sinn noch überformt wird, dass er zugleich zum Bekenntnis wird, dass Christus auferstanden ist. Und dass unser vergängliches Leben und diese vergehende Welt aufgenommen sind in Gottes unvergängliches Leben.

b)         Schon früh haben die Christen den Dank für die Schöpfung und das Gedächtnis der Auferstehung im Gottesdienst zum Ausdruck gebracht: im Hören auf Gottes Wort und in der Feier der Eucharistie. Ja, diese Feier wurde zum Kern des Gottesdienstes.

c)         Wo der Glaube an Gott schwindet, wo es in Vergessenheit gerät, dass wir uns ihm verdanken und dass wir durch die Auferstehung Grund zu einer unraubbaren Hoffnung haben und dass durch beides unserem Leben bleibender Sinn gegeben ist: wo das fehlt, ist die Voraussetzung für die Feier des Sonntags verloren. Man feiert ja immer etwas, man denkt an etwas, man freut sich über etwas. Wenn dieses etwas verlorengeht, verfällt auch das Feiern.

Man kann es auch umgekehrt sehen: Wo das Feiern unterbleibt, geht dieses „etwas“ verloren, das durch die Feier bewusst gemacht wird. Wo die hl. Feier unterbleibt, schwindet auch der Glaube.

d)      Der oft zu hörende Einwand, die fleißigen Kirchengänger seien nicht immer die besten Christen, mag im Einzelfall sicher zutreffend sein. Aber das persönliche Versagen einzelner hebt nicht die Tatsache auf, dass zwischen der Feier und dem, was gefeiert wird, ein ganz enger Zusammenhang besteht, und sie belegt natürlich überhaupt nicht das Gegenteil.

3a)       Aber sehen wir das ganze nicht zu eng. Den Sonntag feiern bedeutet nicht allein den                                        Gottesdienst besuchen. Dazu gehört auch die Muße, … dass man sich Zeit nimmt für die Entspannung, für andere, für die Gemeinschaft, … dass man sich Zeit nimmt für die Besinnung, für die dankbare Erinnerung, … für das Zwecklose, für das, was nicht auf einen Nutzen ausgerichtet ist, … dass man darin nicht aufgeht.

b)         Und wie für mich selbst und den anderen: so müssen wir auch für Gott frei und offen sein und damit fähig zur Begegnung mit ihm in der Feier des Gottesdienstes, im Gebet.

c)         Deshalb darf man den Gottesdienst auch nicht bloß auf die Befriedigung eines momentanen Bedürfnisses abstellen, ihn nicht beschränken auf die Tage, an denen ich gerade eine Lust dazu spüre. Dafür ist Gott zu groß, dass ich seine Verehrung abhängig mache von meiner Stimmung, und auch die Bedeutung, die der Gottesdienst für mich hat: als Feier des Todes und der Auferstehung Christi, die Unterpfand meiner Hoffnung und meines Heiles sind.

 

C          Das Gebot Gottes „Gedenke des Sabbats. Halte ihn heilig“ ist nicht veraltet. Es hat heute – unter den veränderten Umständen – neue Bedeutung erhalten. Wenn uns der Sonntag verloren geht, ist die Verweltlichung des Lebens perfekt.

Es gibt natürlich auch Zwänge zur Arbeit am Sonntag. Aber wir sollten uns ihnen nicht blindlings überlassen. Wir sollten dann wenigsten unterscheiden zwischen Arbeiten, die ihm mehr und die ihm weniger angemessen sind, und wir sollen vor allem bestimmte Zeiten des Sonntags heilig halten.

Und vergessen wir auch nicht: wie wir es halten, das wirkt auch auf andere, und jeder einzelne trägt mit bei, ob wir den Sonntag verlieren oder ob wir ihn retten.

3. Sonntag 1985

                                                                                                                                        Mk 1,14 – 20

 

A          Ich möchte heute in der Predigt auf die eben gehörte Lesung eingehen und lasse sie deshalb gleich an dieser Stelle folgen. Was wir gehört haben, ist ein kurzer Abschnitt aus dem 1. Kor des hl. Paulus. Die Eigenart dieses Briefes ist, dass er zum Großteil aus Antworten auf Anfragen der Christen von Korinth besteht. Paulus hielt sich damals in Ephesus auf. Von dort aus schreibt er ihnen und beantwortet ihre Fragen.

Eine dieser Fragen, die man ihm vorgelegt hatte, bezog sich auf Ehe und Jungfräulichkeit. Was sollte den Vorrang haben? Sollten wir unsere Töchter verheiraten oder nicht?

In seiner Stellungnahme schreibt Paulus u.a. das, was wir eben gehört haben: Die Zeit ist kurz; deshalb soll, wer eine Frau hat, sich so verhalten, als habe er keine. Wer weint, als weine er nicht. Wer sich freut, als freue er sich nicht. Wer kauft, als würde er nicht Eigentümer. Wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.

Wir merken: Seine Antwort geht über die Frage hinaus. Seine Antwort betrifft nicht nur den einen Punkt: Ehe und Jungfräulichkeit. Sondern sie weist auf eine grundlegende Lebenshaltung hin.

B1        Ausgangspunkt dieser Stellungnahme ist die Bemerkung: Die Zeit ist kurz. Mit dieser Feststellung macht er uns bewusst, was wir alle wissen: Die Zeit eilt dahin; auch ein sog. langes Leben ist für den, der es erlebt, nur ein Flug.  F. Kafka hat diese Erfahrung in der kleinen Erzählung „Das nächste Dorf“ besonders eindringlich dargestellt. Er lässt dort den Großvater sprechen: „Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, dass ich z. B. kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann, ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, dass schon die Zeit des gewöhnlich, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.“

Die Zeit ist kurz, und sie wird umso kürzer, sie verläuft umso schneller, je älter man wird.

2          Aus dieser Tatsache, dass die Zeit kurz ist, kann man und werden unterschiedliche Folgerungen gezogen.

a)         Eine ist: weil die Zeit, das Leben kurz ist, deshalb muss man in vollen Zügen aus dem Becher des Lebens, aus dem Becher der Freuden trinken, deshalb muss man es ausschöpfen, so gut es geht.

Dass so nicht nur einige wenige denken und handeln, wissen wir alle. Ja manchen drängt sich dieser Gedanke für mich auf. Von einem jungen intelligenten und sehr religiösen angestellten Mann hörte ich von einiger Zeit, dass er jemandem gegenüber bemerkte: Ich habe immer die heimliche Angst, es könnte mir etwas auskommen, ich könnte etwas versäumen. Verständlich, dass dies eine eigenartige Unruhe in sein Leben bringt.

b)         Man kann natürlich auch eine ganz andere Folgerung ziehen, dann, wenn man bedenkt, dass das Ende der kurzen Zeit nicht das absolute Ende ist, dann, wenn man die Zeit sieht im Hinblick auf das Kommen Christi, auf die Begegnung mit Christus am Ende dieser unserer kurzen Lebenszeit.

So meint es Paulus. Die Zeit ist kurz, bis sich unser Leben erfüllen soll im Reiche Gottes. Das meint er, wenn er am Schluss unseres kleinen Abschnitts bemerkt: Denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Diese vergängliche Welt nimmt für uns im Tod und für das Ganze im Kommen Christi ein Ende. Wir stehen noch nicht im Endgültigen.

3a)       So verstanden, ergeben sich aus der Tatsache, dass die Zeit kurz ist, andere Folgerungen, eben die, die Paulus hier nennt: Wer eine Frau hat, soll sich so verhalten, als habe keine. Wer weint, als weine er nicht. Wer sich freut, als freue er sich nicht. Wer kauft, als würde er nicht Eigentümer. Man kann diese Liste beliebig fortsetzen: Wer Wissen hat, verhalte sich so, als wüsste er nicht. Wer vieles kann, als könnte er nichts. Und in der Umkehrung: Wer enttäuscht ist, als wäre er es nicht. Wer glaubt, benachteiligt zu sein, als wäre er es nicht.

Paulus folgert daraus eine Grundeinstellung dem Leben gegenüber in all seinen Bereichen und auf all seinen Ebenen.

b)         Die Worte sind nicht vor Missverständnissen sicher. Was er aber sagen will, das ist eindeutig. Er verneint nicht die Werte, die dieses Leben reicher machen. Aber ihre Bedeutung ist begrenzt, weil sie der Zeit unterliegen und die Zeit kurz ist. Von ihnen hängt nicht das Leben in seiner Gänze ab.

Und genauso ist es mit dem Unglück der Weinenden, der Benachteiligten. Auch dieses ist begrenzt, weil es der Zeit unterliegt und die Zeit kurz ist. Es entwertet das Leben nicht in seiner Gänze. Er sagt uns: Wir sollen an den Gütern dieses Lebens nicht so hängen, dass wir nicht auch ohne sie sein könnten, und wir sollen uns von den Beschwernissen nicht so bedrängen lassen, dass uns das Leben nicht mehr lebenswert erscheint. Wir müssen uns also in allem die innere Freiheit bewahren.

4          Es hat in der Zeit Jesu und auch in den Jahrhunderten darunter und danach eine geistige Richtung gegeben, die ähnliche Gedanken entwickelt hat. Es waren die sog. Stoiker. Wir sagen heute noch: Er hat eine stoische Ruhe, d.h., es rührt ihn nichts, nichts bringt ihn aus der Ruhe. Sie meinten, es wäre töricht, sich über etwas zu erregen, wogegen man eben nichts machen kann.  Der Weise ergibt sich dem einfach.

Paulus denkt anders. Für ihn ist der Grund der inneren Freiheit die Verheißung Christi und die Tatsache, dass die Zeit kurz ist, die uns von der Erfüllung der Verheißung Christi trennt. Im Blick auf dieses verliert jedes Wohl und Wehe seinen tödlichen Ernst.

5          So einsichtig das für einen Gläubigen auch ist – für den, der an die Verheißung Christi glaubt - … so einsichtig das auch ist, so schwierig ist es, nach dieser Weisung zu leben, diese innere Freiheit zu verwirklichen. Es gelingt nur dann, wenn ich mir es immer wieder sage: Was ich habe und was mir auch sehr viel wert ist: ich möchte nicht so daran hängen, dass ich nicht auch darauf verzichten kann.

            Oder: Was mich traurig macht: ich muss es hinnehmen; es belastet mich zwar, aber die Verheißung Christi ist das Gegengewicht, das sie aufwiegt. Und auch dieser und jener Mensch, den ich schätze, den ich liebe, dem ich mich verbunden weiß: er kann und darf mir nicht alles sein. Das kann allein Gott sein, der Unendliche, der Vollkommene. Nur er kann es sein und er will es auch sein.

C          Im folgenden Evangelium hören wir von zwei Brüderpaaren, die diese innere Freiheit hatten. Jesus tritt an sie heran und fordert sie auf, ihm zu folgen. D.h. zugleich, sich zu trennen von Menschen, die ihnen lieb waren, und natürlich von Sachen, die ihnen vertraut waren. Sie taten es und folgten ihm sogleich.

Das sind die großen Bewährungen. Daneben gibt es die vielen kleinen, die zu jedem Leben gehören. An sie denkt der Apostel vor allem.

2. Sonntag 1985 Gebetswoche f.d. Einheit der Christen

 

                                                                                                                    Joh. 1,35 - 42                                                                                                                                                           

A          Dieses Evangelium führt uns in den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu. Es beginnt damit, dass er eine Gemeinschaft von Jüngern um sich sammelt, deren Kern dann die Apostel werden. Aus dieser Jüngergemeinde wird dann nach seinem Tod die Kirche, die Gemeinschaft derer, die an ihm glaubten, die sein Wirken fortlebt und weiterwirkt, bis er wiederkommt.                  

Am Ende des öffentlichen Wirkens Jesu, vor seinem Tod steht nach dem Zeugnis des Johannes ein Gebet, in dem sich Jesus an den Vater wendet, dass sie, die an ihn glauben, eins seien, so wie er und der Vater eins sind, dass sie also nicht bloß äußerlich eins seien, sondern auch innerlich, in ihrem Glauben, in ihrer Gesinnung.                                                                                        Leider ist in den folgenden Jahrhunderten eingetreten, was nicht sein sollte, und die Spaltung, die Spaltungen bestehen fort bis in die Gegenwart. Wer dafür die Verantwortung trägt, lässt sich nicht sagen. Aber es ist auch nicht einfach ein Schicksal, das uns getroffen hat, die Spaltung ist die Folge von Schuld und Versagen.

Wenn wir heute an das Anliegen der Einheit der Kirche erinnert werden, so bedeutet das für uns zuallererst, dass wir alles tun, um kleine und große Spaltungen zu verhindern, und es heißt weiter, alles zu tun, um die bestehenden Spaltungen zu überwinden.

Dazu gehört das Gebet, zu dem wir in dieser Gebetswoche für die Einheit der Kirche besonders aufgerufen sind; dazu gehören Gespräche auf allen Ebenen, dazu gehört der verstehende, liebevolle Umgang miteinander. – Halten wir heute einmal eine kleine Umschau, wie es um die Ökumene bestellt ist.    

B1        Durch den Katholikentag im vergangenen Jahr kam ein Dokument in das ökumenische Gespräch, das sog. Lima-Papier oder die Lima-Erklärung. Worum geht es hier, und welche Bedeutung hat sie? Den Namen „Lima“-Erklärung bekam sie, weil sie von einer Kommission, die in Lima, der Hauptstadt von Peru, in Süd-Amerika, zusammengetreten ist, erarbeitet wurde. Es war eine Tagung von Theologen aus den Kirchen, die im sog. Ökumenischen Rat zusammengefasst sind, aus der katholischen Kirche und aus der orthodoxen Kirche. Es war nicht die erste Tagung dieser Art; ähnliche fanden auch vorher schon statt; aber die Tagung schloss mit einer wichtigen Erklärung.

Diese Erklärung will verstanden werden als eine Konvergenz-Erklärung. Das heißt: sie beschreibt die Annäherungen bzw. die Übereinstimmung der Kirchen in wichtigen Fragen des Glaubens. Sie befasst sich mit Taufe, Eucharistie und Amt in der Kirche. Zusätzlich wurde eine Liturgie gestaltet, der die Annäherung bzw. Übereinstimmung entspricht. Sie ist gedacht nur für bedeutende ökumenische Anlässe.

Es handelt sich also nicht um eine offizielle Erklärung, sondern um eine Arbeit von Wissenschaftlern, von Theologen. Was sie erarbeitet haben, das wurde den einzelnen Kirchen vorgelegt, und diese, dieser Vertreter sollen eine offizielle Stellungnahme abgeben, ob diese Erklärung ihrem Glaubensverständnis entspricht, ob sie dieser Erklärung zustimmen können.

Dass diese Stellungnahmen nicht von heute auf morgen kommen, kommen können, ist leicht

verständlich. Die Leiter der Kirche dürfen ja nicht nur für sich sprechen; sie müssen im Namen ihrer Gemeinschaft sprechen, sie müssen auf ihre Gemeinschaft schauen, auf sie Rücksicht nehmen.

Es gibt protestantische Kirchen, deren Gottesdienst sich weithin auf Gebet und Predigt beschränkt, die arm sind an einer liturgischen Tradition: sie tun sich nicht leicht, eine Liturgie, wie sie durch die Konferenz in Lima vorgelegt wurde, zu praktizieren. Auf katholischer Seite ist die Aufnahme durchweg positiv; aber hier wird betont, dass eine Reihe wichtiger Frage in dieser Erklärung überhaupt nicht zur Sprache kommen. Diese Erklärung ist also ein wertvoller Beitrag, den man anerkennen muss, dessen Grenzen man aber nicht übersehen darf. Die kritischen Stellungsnahmen dazu sind nicht unökumenisch. Was der Klarheit und der Wahrheit dient, ist der Ökumene niemals zuwider. Das ist besser, als Probleme aus Freundlichkeit zu vernebeln oder zu verschweigen, weil so nur eine Schein-Einheit erreicht wird, aber keine innerliche Einheit.

2          Wenn wir heut, am Sonntag in der Weltgebetswoche für die Einheit der Kirche Umschau halten, was sich in der ökumenischen Bewegung getan hat und tut, müssen wir uns nicht auf die Lima-Konferenz beschränken, deren Aufgabe deshalb so schwierig war, weil hier die theologischen Vertreter vieler Kirchen zusammen waren. Viele Standpunkte zu vereinen ist viel schwieriger, als nur mit einem Partner zu verhandeln. Es ging und geht natürlich die Arbeit und die Gespräche der Kommissionen weiter zwischen katholischer und evangelischer Kirche, zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, zwischen katholischer und anglikanischer Kirche, um die wichtigsten zu nennen. Von ihnen wird natürlich nicht in sensationeller Weise berichtet, denn hier geht es um Kleinarbeit, und diese ist für eine solche Berichterstattung weniger geeignet, und dafür fehlt vielen auch das Verständnis. Ich meine nicht allein das nötige Vorwissen, sondern ganz einfach das Interesse dafür. Es ist in allen Kirchen gleich: den Großteil bewegt dieses Anliegen nicht sehr stark. Das ist einfach eine Feststellung. Es sind hier und dort nur Gruppen, die sich interessieren und engagieren – und bei manchen besteht die Gefahr, dass es ihnen eigentlich nur um den Erfolg geht.

Ein dt. Schriftsteller hat einmal anlässlich der Entgegennahme eines Kunstpreises – also in einem ganz anderen Zusammenhang – an unserer Zeit kritisiert, dass sie alles bloß noch unter dem Gesichtspunkt des Nutzens beurteilt, dass nicht mehr die Sache zum Gespräch steht, sondern nur noch der Erfolg.

Natürlich ist ein Erfolg wünschenswert, aber man darf, um ihn zu erreichen, die Seele nicht übergehen und sie für gering achten. Das gilt ganz allgemein. Das gilt auch für die Sache, für das Anliegen der Ökumene.

Wenn es Christus nur um den Erfolg gegangen wäre, dann wäre es ihm ein Leichtes gewesen, diesen zu erreichen. Aber es ging ihm um das Reich Gottes, um Gott und die Menschen, und dieses Anliegen konnte er nicht dem Erfolg opfern.

Diesen Fehler begeht man, wenn man sagte: Die Glaubensfragen, die theologischen Fragen sind doch eigentlich alle nebensächlich, wichtig ist allein, dass wir wieder eine Einheit sind: eine Auffassung, die nicht selten anzutreffen ist. An erster Stelle steht die Sache, nicht der Erfolg.

 

C          Die Woche, in der wir stehen, heißt Gebetswoche für die Einheit der Christen. Wenn es „Gebetswoche“ heißt, und nicht einfach „Woche“: dann wird damit darauf hingewiesen, dass das Gebet den Vorrang hat. Aber wer eindringlich betet, der muss auch wissen, wofür der betet, er soll auch eine Ahnung haben von den Problemen und Schwierigkeiten, die mit dem Wort der Wiedervereinigung verbunden sind. Dann wird man auch Geduld und Ausdauer aufbringen, wenn sich der Erfolg nicht gleich einstellt, selbst dann, wenn man den Weg nicht klar überschauen kann, der zum Ziel führt, zu dem Zeil: dass wir wieder eins sind.

Taufe Jesu 1985

                                                                                                                                                        Mk 1,7 – 11

A          Diese Szene – die Taufe Jesu im Jordan – ist nicht eine unter anderen im Leben Jesu. Ihr kommt insofern eine besondere Bedeutung zu, als sie den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu darstellt. Deshalb findet sie sich in jedem der vier Evangelien – deshalb fordert Petrus bei der Bestellung eines Ersatzmannes für den ausgeschiedenen Judas Iskariot: Es muss einer sein, der von der Taufe Jesu an bis zu seiner Himmelfahrt bei uns war und die Worte und Taten Jesu bezeugen kann.

Die Taufe Jesu stellt die Brücke dar zwischen Johannes, dem Wegbereiter, und Jesus. Jesus ist der, von dem Johannes sagte: Nach mir kommt einer, der stärker ist und würdiger ist als ich. Dieser Unbekannte trat mit ihm in Erscheinung.

Und umgekehrt nimmt Jeus das auf, was Johannes angekündigt hat. Johannes hat verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Er bekannte damit, dass es nahe bevorstehe; er meinte damit noch etwas Zukünftiges. Ganz ähnlich lauten Jesu erste Worte: Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Das heißt hier, dass es schon gegenwärtig ist.

Die Verknüpfung des Alten mit dem Neuen geschieht in der Taufe am Jordan. Aber sie ist nicht nur Verbindungsglied, sondern sie sagt uns auch für sich etwas sehr Wichtiges.

B1        Für Johannes war die Taufe in Form des Untertauchens im Wasser des Jordan Zeichen und Bekräftigung einer innerlichen Umkehr. Er rief die Menschen auf, sich zu bekehren, die Sünden zu bekennen und sich taufen zu lassen.

Das ist ein Aufruf, der an jeden gerichtet war und von dem sich auch jeder betroffen fühlen musste. Wer müsste nicht zugeben, dass er der Umkehr und der Reue bedarf!

Von Jesus aber heißt es in der Schrift, dass er ohne Sünde war, dass er in allem uns gleich geworden, ausgenommen die Sünde.

Der Evangelist Mt, der die Taufe etwas breiter erzählt, als wir es eben hörten, verbindet mit dem Taufgeschehen ein kurzes Gespräch des Johannes mit Jesus. Johannes wollte nicht zulassen, dass sich Jeus von ihm taufen lasse und erklärt: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Jesus antwortet darauf ganz schlicht: „Lass es geschehen!“

„Lass es geschehen!“ Das hat natürlich auch seinen Grund, einen Sinn: Jesus wollte sich und hat sich damit in die Schar der Sünder eingereiht; er hat damit kundgetan, dass er in Gemeinschaft mit uns Sündern treten will, in Solidarität mit uns.

2          An Solidarität fehlt es heute nicht. Wir kennen Bekenntnisse wie diese: Wir erklären uns solidarisch mit den Hungernden; wir erklären unsere Solidarität mit den Verfolgten, mit den Arbeitslosen … Man kann solche Erklärungen sehr leicht abgeben. In vielen Fällen ist sicher auch nicht mehr möglich als solche Worterklärungen. Aber wann und wo echte Tathilfe gilt, dann darf es natürlich nicht bei Worten bleiben, dann entscheiden die konkreten Maßnahmen über den Ernst solcher Bekenntnisse.

Das gleiche können wir auch von Jesus sagen. Bliebe es nur bei Worten oder – wie hier – bei Zeichen, dann hätten sie wenig Bedeutung, jedenfalls eine wesentlich geringere Bedeutung für uns. Aber hier ist es nicht so. Jesus hat sich nicht nur gesinnungsmäßig mit uns schwachen, sündigen Menschen solidarisiert; sondern er hilft uns tatsächlich aus Schuld und Sünde heraus; er befreit uns davon. Er verkündet und bringt uns zugleich die Güte und das Erbarmen Gottes. P. Joh. Paul II. hat von der „Inkarnation des Erbarmens Gottes in Jesus Christus“ gesprochen, von der Menschwerdung, von der Verkörperung des Erbarmens Gottes. Nochmals: Jesus verkörpert es nicht nur, sondern er ist das Erbarmen Gottes. Es tritt mit ihm in unsere Mitte. Durch die Gemeinschaft mit ihm erlangen wir es, wird es uns zuteil.

In einem Bild ausgedrückt, das Jesus selbst verwendet hat: Er ist der Sauerteig, der unter das Mehl gemengt wird und der dieses in Sauerteig umformt. Der Sauerteig ist anders als das Mehl. Wäre es auch nur das, dann ginge keine verwandelnde Kraft von ihm aus. Und entsprechend: wäre Jesus Sünder unter Sündern, dann würde sich an unserer Lage nichts ändern. Aber er, der Heilige, kann uns, die Unheiligen, wandeln, heiligen. Er, der vom Hl. Geist Erfüllte, kann uns Anteil an diesem Hl. Geist geben. Und weiter: bliebe er uns innerlich fern, träte er nicht in Gemeinschaft mit uns, dann bliebe er der, der er ist, und wir blieben die, die wir sind. Beides ist wichtig: dass er der Heilige ist, dass er in Gemeinschaft mit uns getreten ist.

3          Das, was von ihm gilt in Beziehung zu uns, das gilt umgekehrt auch für uns in Beziehung zu ihm. Nicht nur er muss auf uns zugehen, sondern auch wir auf ihn. Wir müssen uns ihm öffnen, sein Angebot annehmen, ihn glaubend aufnehmen.

Der Vorgang im Mehltrog, die Durchsäuerung des Mehls, geschieht ganz von sich selbst. Aber die Heiligung durch Christus vollzieht sich nur, wenn es zu dieser lebendigen Gemeinschaft von ihm her und von uns her kommt.

4          Diese Wahrheit, dass sich Jesus, der Sündenlose, mit uns, den Sündern, solidarisiert hat, ist für uns alle von hoher Bedeutung. Sie sagt uns, dass wir im Innersten nicht allein sind, dass wir nicht allein für uns durchs Leben gehen und jeder für sich seine Haut auf den Markt tragen muss, sondern dass wir in Gemeinschaft mit Christus stehen, der uns in der Taufe und in den anderen Sakramenten seinen Hl. Geis geschenkt hat und schenkt. Er verbindet uns mit ihm und auch mit denen, die wie wir in Anteil an diesem Hl. Geist haben.

 Wenn wir leiden an unserer eigenen Schwäche: halten wir uns umso fester an ihn. Er stößt uns nicht von sich. Er ist in Gemeinschaft mit uns Sündern getreten, und er will, dass wir uns an ihn halten, dass wir uns von ihm heilen und heiligen lassen. Könnten wir das auch allein, von uns aus, dann bräuchten wir ihn eigentlich nicht. Ja es wäre fast unwürdig, sich von einem anderen das schenken zu lassen, was wir auch selbst leisten könnten. Aber das höchste und letzte Ziel, die Überwindung des Unvollkommenen und die Heiligung: diese erreichen wir nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus, in dem das Erbarmen Gottes Mensch geworden ist.

 

C          Ich darf von mir gestehen, dass ich diese Wahrheit, seit sie mir zum erstenmal so richtig aufgegangen ist, als befreiend und beglückend erlebe. Es geht ja mit uns – schattenhaft – immer die Angst, ob wir dem auch entsprechen, was Gott von uns, von mir erwartet. Wer getraute sich zu sagen: Ja ich bin voll und ganz gerecht.

Ich soll natürlich das Meinige tun. Aber im Letzten sollen wir auf Jesus Christus vertrauen, der in unsere Mitte getreten ist und der sich mit uns verbunden hat.

Dreikönigstag 1985

                                                                                                                                                      Mt 2,1 – 12

A          Im Volksmund heißt der heutige Tag: Drei-Königstag oder Drei-Königsfest. Dieser Name ist konkreter als die Bezeichnung „Erscheinung des Herrn“ oder gar „Epiphanie des Herrn“. Und das Volk liebt ebendas Konkrete, das Anschauliche.

Man muss sich, wenn man sich dieser Bezeichnung „Drei-Königfest“ bedient, nur im Klaren sein, dass dies nicht ein Fest zu Ehren der Drei Könige oder Drei Sterndeuter ist; es ist ein Fest, das das Kommen des Herrn in unsere Welt, das die Erscheinung des Herrn feiert. Aber dennoch dürfen wir unsere Aufmerksamkeit auf die drei Sterndeuter richten, die sich aufmachen, um den Mensch-gewordenen zu suchen.

Die Schriftgelehrten in Jerusalem können auf die Anfrage des Königs Auskunft geben, wo der Messias geboren werden solle. Sie kennen die Schrift; die sennen das Prophetenwort „Du Bethlehem…, aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirte meines Volkes ...“. Aber ihr Wissen bleib totes Kapital, sie nutzen es nicht.

Anders die drei Sterndeuter: sie machen sich auf den Weg, sie suchen ihn, finden ihn und finden damit das Höchste – finden den Höchsten. Als Gottsucher können sie uns Vorbilder sein.

B1a)    Was würden Sie sagen, wenn Sie gefragt würden: Gibt es heute wohl viele, die Gott suchen? Verstehen Sie sich selbst als jemand, der Gott sucht?

Meine Antwort auf die erste Frage ist: Es gibt auch heute sehr viele Gottsucher; aber die meisten wissen es gar nicht; die meisten sind es nicht ausdrücklich und wären wahrscheinlich sogar überrascht, wenn man ihnen sagt, dass auch sie Gottsucher sind. In einem gewissen Sinn kann man alle als solche bezeichnen, die sich nicht einfach zufrieden geben mit dem, was ist, die nach einem Lebensziel Ausschau halten, die nach einer letzten Erfüllung dieses Lebens verlangen.

Es ist dies ja die Suche nach einem Endgültigen, Absoluten; und dieses Suchen gelangt an kein Ende, bis es bei Gott angelangt ist. Es ist die Wahrheit, die Augustinus in die bekannten Worte gefasst hat: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“ Wer diese Unruhe in sich nicht erwürgt, der ist und bleibt, auch wenn er selbst nicht ausdrücklich darum weiß, ein Gottsucher.

b)         Ob es auch viele sind, die ausdrücklich nach Gott suchen, das wage ich nicht zu entscheiden. In dieser Hinsicht waren uns die Menschen früherer Zeit sicher überlegen bzw. sind uns die Menschen überlegen, die noch nicht in einer so hochentwickelten Welt leben, in der alles machbar zu sein scheint. Dies bringt die Gefahr mit sich, dass die menschlichen Beziehungen verkümmern und dass die Beziehung zu Gott verkümmert. Aber einer Gefahr kann und muss man widerstehen.

2          Was die Wege betrifft, auf denen man Gott suchen kann: es suchen heute wie früher viele.

a)         Es kann der Weg sein, der ausgeht von dem, was das Herz bewegt – Frohes und Leidvolles; es kann die Sorge um die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse sein; es kann die Stimme des Gewissens sein; es kann der gestirnte Himmel, die Unendlichkeit des Meeres oder auch das opalene Glitzern einer Winterlandschaft sein. Es können Überlegungen sein, die um die alten Fragen nach dem Woher und Wohin kreisen. Das sind die Wege der Gottsuche, die die Menschen, solange es sie gibt, gegangen sind und die sie gehen.

b)         Auf einen ganz anderen Weg weisen uns die drei Sterndeuter deutlich hin. Sie ziehen nach Bethlehem. Sie suchen Jesus, und indem sie ihn finden, finden sie Gott. Ohne dass man die genannten Wege als untauglich bezeichnen dürfte, muss man sagen: der Weg zu Gott ist der Weg über Jesus. In ihm ist Gott als Mensch in diese Welt eingetreten; in ihm hat er sich ausgesprochen. Und in keiner anderen Weise können wir auch nur annähernd Gott so erkennen wie durch die Worte und durch die Taten Jesu.

Natürlich führt uns auch dieser Weg nicht durch das Geheimnis hinaus, sondern in das Geheimnis hinein. Denn Gott ist nun einmal das große Geheimnis. Aber es bleibt nicht bei einem Erahnen, sondern wir kommen durch ihn zu einer wesentlich klareren Erkenntnis Gottes und zugleich zu einem viel innigeren Verhältnis zu ihm. Durch Jesus ist uns Gott nahe gekommen, und durch ihn kommen wir ihm nahe.

3a)       Das, was wir durch Jesus Christus gefunden haben, das dürfen wir aber nicht für uns behalten. Wir müssen es auch an andere weitergeben. Er will ja nicht nur Weg und Brot für die einen sein, sondern für alle.

Die alte Kunst brachte das damit zum Ausdruck, dass sie einen der Drei Könige als Schwarzen darstellte. Es gibt dafür in der Schrift natürlich keinen Hinweis, sondern nur die allgemeine Wahrheit, dass Gott Mensch wurde zum Heil aller Menschen, aller Völker. Dazu gehören auch die Schwarzen. Von den anderen Hautfarben hatte man, als man anfing, diese Szene auf Farbbildern darzustellen, also in Farbe zu malen, keine Kenntnis.

b)         Diese Tatsache, dass alle Völker, alle Menschen zur Krippe gerufen sind, dass sie alle durch Christus zu Gott finden sollen, bedeutet für uns, dass wir sorgen müssen, dass ihnen dieser Weg bekannt wird und dass er ihnen bereitet wird.

Seit einigen Jahren lenkt die Kirche an diesem Tag der Erscheinung des Herrn unseren Blick auf den Schwarzen Kontinent, auf die Menschen in Afrika, die genauso wie wir ein Anrecht haben, dass ihnen der christliche Heilsweg geebnet wird. Anders als in Europa befindet sich die Kirche dort in einem Aufbruch. Um die Jahrhundertwende gab es in Afrika ca. zwei Millionen Katholiken, heute sind es 60 Millionen. Aber sie ist nicht nur zahlenmäßig gewachsen, sie ist dabei, ihren eigenen Weg zu suchen, ein Christsein, wie es ihrer Art, ihrer Mentalität entspricht.

Ähnlich wie in Latein-Amerika ist auch dort die Zahl der Priester verhältnismäßig gering. Das führt notwendigerweise dazu, dass die Laien, dass die Gemeinden wesentlich größere Verantwortung übernehmen. Das ist etwas Gutes. Aber sie brauchen Führungskräfte, sie brauchen Katechisten, sie brauchen Schwestern. Diese auszubilden und um ihre caritativen Aufgaben zu leisten, dazu können und müssen wir ihnen helfen. Es ist eine Hilfe mit dem Ziel, dass möglichst vielen Menschen der Weg zu Gott über Jesus Christus gewiesen wird.

 

C          Selbst Gott suchen und anderen helfen, Gott zu suchen: das hängt eng zusammen. Je entschiedener wir das erste tun, umso größer wird auch die Aussicht, das zweite zu tun.

Macht haben wir nur über uns, aber den anderen können wir Hilfe bieten, wir können sie anregen, wir können für sie beten und opfern.

Schauen wir nicht auf den Erfolg, sondern tun wir schlicht und einfach, was uns möglich ist, aus Liebe zu dem, der uns in Jesus Christus erschienen ist.

Neujahr 1985

                       

                                                                                                                                  Gal 4, 4 – 7

                                                                                                                                  Lk 2, 16 – 21

 

A          Das neue Jahr, in das wir mit dem heutigen Tag eintreten, das Jahr 1985, wird Erinnerungen wecken an das, was vor 40 Jahren geschehen ist, die Beendigung des 2. Weltkrieges: an die letzten Kriegsmonate 1945, an die Kapitulation im Mai des Jahres und was dann folgte, an den Abwurf der ersten Atombombe auf Hieroschima, mit dem der Krieg auch in Ostasien sein Ende fand, aber auch an ein Signal, das für eine ganz neue Zeit gesetzt wurde.

Neben diesen großen, allgemeinen Ereignissen wird es uns an Menschen erinnern, die noch in diesen letzten Wochen des Völkermordens ihren Einsatz für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Einer von diesen war der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer. Der letzte Brief, den seine Eltern von ihm empfangen haben und den er zum neuen Jahr 1945 geschrieben hat, enthält auch ein Gedicht, in dem er seine Gedanken, seine innere Haltung im Blick auf das neue Jahr zum Ausdruck bringt. In diesem finden sich die bekannt gewordenen Zeilen:

            Von guten Mächten wunderbar geborgen,

            erwarten wir getrost, was kommen mag.

            Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Nehmen wir diese Worte des Glaubens auch als Geleitwort in das neue Jahr 1985.

B1        Dietrich Bonhoeffer schrieb die gehörten Worte im Gefängnis in Berlin. Der Prozess gegen ihn war noch nicht eröffnet. Aber er wusste, was die Beteiligung am Widerstand ihm bringen wird. Er konnte nur hoffen, dass der Krieg schneller zu Ende gehen wird als der Prozess gegen ihn. Aber es war ihm klar, dass ein Unrechtsstaat auch ohne langen Prozess die beseitigen kann, die gegen ihn aufgestanden sind.

a)      Seit fast zwei Jahren war Bonhoeffer schon in Haft. Er wusste, in wessen Händen er ist; im täglichen Leben musste er dies schmerzlich erfahren. Aber noch stärker ist seine Glaubenserfahrung, „Von guten Mächten“ wunderbar geborgen zu sein, wie er sich ausdrückt. Den bösen Mächten, die ihm die Freiheit rauben, die ihn entehren und demütigen, die ihm Angst machen, die ihm Leid zufügen: diesen bösen Mächten stellt er die guten Mächte gegenüber, die nicht weniger wirklich sind, ja mächtiger sind als die bösen Mächte. Mit diesem Ausdruck „gute Mächte“, der sich als Gegenbegriff zu bösen Mächten ergibt, meint er niemand anderen als den Herrn. So nennt er ihn in der zweiten Strophe, und in den folgenden spricht er ihn einfach mit „du“ an. Er überlässt sich also nicht einem unbestimmten Gefühls-Glauben an gute Mächte. Sondern er bekennt damit seinen Glauben an Jesus Christus. In ihm weiß er sich „wunderbar geborgen“. Geborgen sein: das ist das Gegenteil von Ausgeliefert sein. Nach außen hin ist er dem Bösen ausgeliefert; im Innern weiß er sich im Herrn geborgen.

b)      Die Erfahrung des Ausgeliefertseins ist nicht nur eigentümlich für die Situation, in der sich Bonhoeffer zu Neujahr 1945 befand. Es ist dies im gewissen Sinn eine allgemeine menschliche Situation. Es ist hier nicht nur an Menschen zu denken, denen man sich ausgeliefert weiß und denen es an Wohlwollen fehlt. Es können auch gewisse Umstände und Mächte sein, die einen Menschen bedrücken: es kann die Arbeitslosigkeit sein, es kann die Krankheit sein, die Unfähigkeit der anderen, mich mit meinen besonderen Schwierigkeiten und Nöten zu verstehen; es kann die eigene Überforderung sein, kurz: all das, was als Bedrohendes, Belastendes erfahren wird. So stark das auch sein mag: auf einem ganz anderen Fundament steht das Vertrauen auf Gott, das auch in solchen bedrängenden Situationen Geborgenheit geben kann. Die Garantie dafür, dass wir dies dürfen, gibt uns Gott selbst.

Wir kennen das Wort, das Gott durch den Propheten Jesaia gesprochen hat: „Und selbst wenn sich die Liebe einer Mutter in feindselige Gleichgültigkeit verkehren würde, Gott bleibt uns treu, in ihm dürfen wir uns geborgen wissen.

2a)       Aus dem Glauben an die Treue Gottes kann Bonhoeffer es und wir mit ihm sprechen: Wir erwarten getrost, was kommen mag. Da die Zukunft allemal ungewiss ist, ist die Haltung, mit der wir in die Zukunft schauen, recht unterschiedlich. Sie kann ängstlich sein, weil vieles Ungute möglich ist; sie kann gleichgültig sein, weil ich weiß, dass letztlich alles in Gottes Händen liegt und dass er uns auch hält und trägt, wenn Schweres auf uns zukommt. Es ist die Gewissheit: Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

b)      Einer dieser Tage, auf die Bonhoeffer in diesen Zeilen vorausblickt, war auch der 9. April

1945, an dem er im KZ Flossenbürg gehängt wurde, an dem das Licht seines Lebens in dieser Welt erlosch. Er konnte auch dazu seine innere Zustimmung geben, weil er glaubend überzeugt war, dass dieses Licht bei Gott neu erstrahlen wird.

c)      Ich sagte schon: Als er diese Worte schrieb, zu Neujahr 1945, war er sich noch nicht sicher, ob es dazu kommen werde. Aber mit der Möglichkeit, mit der Wahrscheinlichkeit musste er rechnen. Der Gedanke daran ist in den Worten mitenthalten: Gott ist mit uns … ganz gewiss an jedem neuen Tag.

d)      Auch für uns liegt das neue Jahr als zugeschlossenes Buch vor uns. Von manchem können wir annehmen, dass es so oder so kommen wird, wir ahnen und wir müssen planen und gestaltend die Zeit in unsere Hände nehmen. Aber sicher ist nichts, und möglich vieles, und deshalb muss über allem Planen und Vorausdenken der Gedanke stehen: Gott ist mit uns an jedem Tag, an jedem Abend, an jedem Morgen. Das ist der Grund, dass wir alles getrost erwarten können.

Und auch über allen Vorsätzen, die wir zum Jahresanfang gefasst haben oder fassen werden, muss dieses stehen, dass wir uns noch mehr, ja dass wir uns ganz Gott anvertrauen, dass wir unser Leben vertrauensvoll in seine bergenden Hände legen.

 

C          Wir dürfen in großen Menschen, in großen Christen und in Ausnahmesituationen, in denen sie sich bewährt haben, nicht nur etwas Imponierendes sehen, was uns selbst eigentlich nicht betrifft, sondern im Großen, im Außergewöhnlichen zeigt sich immer etwas mit besonderer Deutlichkeit, was für jeden wichtig ist. In diesem unserem Fall ist es das bewährte Vertrauen auf Gott, in dem Bonhoeffer gelebt hat und das er in den so ruhigen Versen ausgedrückt hat.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Fest der Heiligen Familie 1985

Kol 3,12 – 21

                                                                                                                      Lk, 2,41 – 52

A          Was gäben wir darum, wenn wir eine Lebensbeschreibung Jesu hätten in der Form, wie wir sie von großen Heiligen, Gelehrten oder Herrschern haben, eine Lebensbeschreibung, in der auch die Kinder – und Jugendjahre Jesu beschrieben sind. Ein solcher Wunsch, etwas über die Kinderzeit eines anderen zu erfahren, kommt nicht nur aus der Neugierde! Man versteht einen Menschen besser, wenn man auch um all das weiß, was seine Kindheit und seine Jugendzeit geprägt hat.

Von Jesus haben wir keine Biographie. Es findet sich zwar Biographisches in den Evangelien, aber man kann sie nicht als Biographien verstehen. Bei Jesus ist das auch nicht wichtig, ganz einfach deshalb, weil Jesus ja psychologisch nicht zu verstehen ist. Er spricht nicht von sich aus: er ist nicht nur der, der er geworden ist aufgrund seines Erbes, der Einflüsse und der Anregungen, die er aufgenommen hat, so dass wir ihn besser verstehen, wenn wir um diese wissen. Sondern er spricht zu uns als der Sohn des Vaters im Himmel, als Gottessohn. Als solcher kennt er den Vater, nicht aufgrund besonderer Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens gewonnen hat. In ihm ist das Wort Gottes Fleisch geworden, das von Anfang an bei Gott war, wie es im Weihnachtsevangelium hieß. Aus diesem Grund schweigen sich die Evangelisten fast ganz über die Jahre aus, die Jesu öffentlichem Wirken vorausgehen. Und bei den wenigen Erzählungen, die wir bei Mt und Lk aus dieser Zeit finden, geht es nicht um die Ereignisse an sich, sondern um die religiöse Wahrheit, die sich in diesem ausdrückt.

Welches Anliegen kommt in diesen Erzählungen vom zwölfjährigen Jesus im Tempel zum Ausdruck?

B1a)    Der Tempel in Jerusalem hatte für die Juden früher eine große religiöse Bedeutung. Er galt als Wohnung Gottes und war als solche Gegenstand höchster Verehrung. Wenn der Tempel als Wohnung Gottes verstanden wurde, dann natürlich nicht in der Weise, dass Gott nur in diesem Haus wohnt, dass er in ihm wohnt, so wie ein Mensch in seinem Haus wohnt. Es war allen klar, dass Gott allgegenwärtig ist, dass es keinen Ort gibt, wo er nicht wäre, weder in der Höhe noch in der Tiefe, weder in der Nähe noch in der Ferne. Gott war nicht nur in diesem Tempel gegenwärtig. Der Tempel war mehr ein Zeichen seiner Gegenwart, der Ort, wo sich der einzelne Gott besonders nahe wusste. Ihr Verständnis vom Tempel ist dem von einer Kirche durchaus vergleichbar. Weil es aber nur diesen einen Tempel in Jerusalem gab, deshalb wurde er entsprechend hoch geschätzt. Er war das Ziel der Sehnsucht des gläubigen Juden, wie sie etwa in den sog. Wallfahrtspsalmen sich ausdrückt. Der PS. 122 z.B. beginnt mit den Worten: „Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“ Vierzehn solcher Wallfahrtspsalmen, Wallfahrtslieder finden wir im Psalter. Wir dürfen annehmen, dass der zwölfjährige Jesus auf dem Weg nach Jerusalem zusammen mit den anderen Pilgern gesungen hat.

b)         In den Tempel zu kommen, das war für Jesus natürlich von besonderer Bedeutung; er ist das Haus seines Vaters. Mit dieser Begebenheit setzt die Ablösung Jesu vom Elternhaus ein. Auf die Vorhaltung der Mutter: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“ antwortete er: “Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört.“ Es wird zwar am Schluss der Erzählung nochmal betont, dass Jesus mit seinen Eltern nach Nazareth zurückkehrte und ihnen untertan war. Aber hier meldet sich das Ende dieses Gehorsamsverhältnisses gegenüber den Eltern an. Hier bricht es zum erstenmal durch, dass er ganz dem himmlischen Vater gehört, bei dem er von Anfang an war, und dass sein Wille allein für ihn bestimmend ist. Später wird er das immer wieder betonen. Die bekannteste Stelle ist die bei Johannes: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen.

Dieser Wille des Vaters ist kein Willkürwille, sondern er hängt zusammen mit der Sendung Jesu, die darauf abzielt, dass die Menschen, die Welt heil wird. Alles, was der Vater von ihm erwartet, dient der Erlösung der Menschen. Es scheint hier, als führe der Wille des Vaters Jesus in den Konflikt zwischen dem Willen seiner Eltern und dem des Vaters. Aber für ihn gibt es diesen Konflikt nicht. Denn hier stehen nicht zwei gleiche Ansprüche gegeneinander; so wie der Vater über allem steht, so auch sein Wille. Für ihn, der den Vater kennt, ergibt sich hier keine Spannung; sie stellt sich nur dort ein, wo Gott nicht groß genug gesehen wird.

Auch für Jesus hatte die Beziehung zu den Eltern eine ganz große Bedeutung, so wie für jedes Kind. In dieser Beziehung erkennen wir vor allem, was Vertrauen, was Liebe, was Gehorsam ist, (in dieser Beziehung) lernen wir, was für das Zusammenleben so wichtig ist, was für unser Verhältnis zu Gott so wichtig ist. Aber es ist nur eine Phase des Durchgangs. Der Gehorsam gegenüber den Eltern nimmt dann ein Ende, wenn ich selbst verantwortlich handeln kann. Der Gehorsam Gott gegenüber aber bleibt.

3          So wie Jesus uns ähnlich war, so müssen wir ihm ähnlich werden, was die Erfüllung des Willens des Vaters betrifft. In der Bergpredigt sagt er: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“ Deshalb lehrt er uns auch im Vaterunser zu beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden.“ Auch dürfen wir den Willen Gottes nicht als einen ständig schwankenden verstehen, so als verlangte er von uns heute dieses und morgen jenes. Sondern sein Wille ist allein auf unser Heil gerichtet. Der, den wir unseren Vater nennen dürfen und der es ist, kann gar nichts anderes wollen als dieses. Es ist sicher manchmal nicht ganz leicht, genau, konkret zu erkennen, was Gott von mir will, wie ich seinen Heilswillen in dieser oder jener Lage zu verstehen habe. Aber soweit ich ihn erkenne, hat er den Vorrang vor allem anderen. Er, Gott, steht über allem, und was er will, unser Heil, das ist wichtiger als alles andere.

C          Wir begehen heute den letzten Sonntag des Jahres 1985. Sie kennen das Sprichwort „Ende gut, alles gut.“

Vielleicht erkennen wir am Ende dieses Jahres, dass etwas gut zu machen ist: mit Gott, mit einem Menschen, dass etwas, was falsch gelaufen ist, korrigiert werden muss. Nehmen wir die Chance, die auch noch in den letzten Stunden liegt, wahr, und machen wir daraus noch das Beste und so das ablaufende Jahr zu einem Jahr des Heiles.

 

Stephanitag 1985

1          Der bestimmende Text des heutigen Gottesdienstes ist die Lesung aus der Apg. Dort, in der Apg., wird verhältnismäßig breit vom Wirken, der Verfolgung und der Tötung des hl. Stephanus berichtet.

Der Abschnitt, den wir gehört haben, ist nur ein Teil davon, und zwar der Anfang und der Schluss. Der große Mittelteil fehlt. Das ist die Rede des Stephanus vor dem Hohen Rat. Auf sie bezieht sich der Satz hier: „Als sie seine Rede hörten, waren sie aufs äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen.“

2a)       In dieser hier angesprochenen Rede geht Stephanus die ganze Heilsgeschichte durch, angefangen bei Abraham, und weist dabei auf den fortgesetzten Ungehorsam des Volkes gegen Gott hin. Mose hat ihnen das Gesetz gegeben, und sie sind stolz darauf, aber sie halten es nicht. Die Propheten haben ihnen das Kommen des Messias verkündet, und sie haben sie verfolgt und getötet.

Dann zieht er Parallelen zu dem, was jetzt geschieht: dass von den Führern des Volkes auch Christus abgelehnt wird.

b)         Was Stephanus hier sagt, ist nicht aus der Luft gegriffen, aber die Zuhörer wollen das nicht auf sich sitzen lassen. Die Schrift selbst ist es, die von dieser andauernden Halsstarrigkeit des Bundesvolkes spricht. Aber sie ertragen die Wahrheit nicht; sie greifen zum Mittel der Lynchjustiz und steinigen Stephanus.

3a)       Überblickt man das Ganze, so fällt die Ähnlichkeit zu dem Vorgehen gegen Jesus auf. Bei Jesus wird zwar ein offizielles Urteil gesprochen – im Unterschied zu hier -, aber auch dieses Urteil war durch eine erregte Menschenmenge erzwungen worden. Auch bei Jesus ist es so, dass man die Wahrheit einfach nicht annehmen will, weil sie den eigenen Vorstellungen, ihrem Bild von Gott nicht entspricht.

3b)       Die andere Ähnlichkeit ist, dass Stephanus ähnlich wie Christus stirbt. Er betet: Herr, nimm meinen Geist auf. Dann sank er in die Knie und schrie laut: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“

4          Stephanus ist ein beispielhafter Jünger Jesu. Er hat sich ganz an seinen Herrn hingegeben, und glaubend hat er sich von ihm ergreifen und verwandeln lassen nach seinem Vorbild. Er ist durch den Glauben Christus ähnlich geworden. In ihm erreichte die Menschwerdung Gottes, der uns gleich wurde, damit wir ihm ähnlich werden, ihr Ziel.

Lassen wir uns von diesem Beispiel ansprechen!

 

Weihnachten 1985

                                                                                                                                  Joh 1,1 -18

 

A          Dieser Evangelien-Abschnitt steht, wie Sie wissen, am Anfang des Johannes-Evangelium. Man nennt ihn deshalb auch den Johannes-Prolog. Er ist aber nicht das, was man gewöhnlich unter einem Prolog versteht: ein Vorwort, eine Einführung: sondern er ist die Zusammenfassung und die tiefgründige Ausdeutung des ganzen Evangeliums. Er hätte eigentlich seinen Platz besser am Ende des Evangeliums, nach all dem, was über das Leben, das Wirken, über die Predigt Jesu gesagt wird und auch nach dem Zeugnis der Auferstehung, die den Fels des Glaubens bildet.

Hier wird nicht einfach erzählt, was geschehen ist, wie das Evangelium der hl. Nacht geschieht, sondern hier wird in der Form eines Lobpreises das Geheimnis Christi dargestellt: seine Geburt aus dem Vater vor aller Zeit, sein schöpferisches Wirken und seine erlösende Tat. „Er kam in sein Eigentum“, „Er ist Fleisch geworden“ und „Er hat allen Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden.“ Fast am Schluss steht der Satz: “Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit.“ – Bei diesem Schlusswort „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ wollen wir betrachtend etwas verweilen.

 

B1        Wer sind diese „Wir“, die so sprechen: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“?

Man könnte am Weihnachtstag an die Hirten auf den Feldern von Betlehem denken, die etwas von dem Glanz der himmlischen Heerscharen vernahmen. – Man könnte auch an Maria und Joseph denken, die etwas von dieser göttlichen Herrlichkeit spüren durften. Aber nicht sie sind es, zumindest nicht sie allein, die hier sprechen, sondern es sind die Jünger Jesu, die hier Zeugnis geben. Es sind die, die mit Jesus beisammen waren, die mit ihm gezogen sind, die ihn gehört haben, denen er sich als der Auferstandene gezeigt hat, die an ihn glauben. Wenn sie sagen „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, dann meinen sie damit all das, was sie in den Begegnungen mit ihm und im Zusammensein mit ihm erfahren haben.

Das Wort „Herrlichkeit“ meint schon im AT nicht nur etwas, was schön und wunderbar anzuschauen ist, sondern es ist eine Umschreibung für Gott. Man spricht von der Herrlichkeit Gottes oder einfach auch von der Herrlichkeit und meint damit Gott.

Wer Gott in irgendeiner Weise erkannt hat, der kann sagen, dass er seine Herrlichkeit geschaut hat. So ist es hier gemeint. Oder man kann auch sagen: wer an Jesus glaubt, wer bekennt, dass er der Sohn des Vaters ist, dass er sein allmächtiges Wort ist und dass in ihm sein Erbarmen Fleisch angenommen hat: der hat seine Herrlichkeit geschaut.

In diesem Sinn können nicht nur die Jünger, die Jesus während seines Erdenlebens begleitet haben, sagen „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, sondern jeder, der glaubt, kann das von sich sagen „Ich habe seine Herrlichkeit geschaut“. Ja er wäre kein gläubiger Mensch, wenn er dies nicht sagen könnte.

2          Von hier lässt sich auch sehr gut erfassen, was Weihnachten uns bedeuten soll, was es uns sagen soll. Dass ein äußerliches Feiern Weihnachten nicht gerecht wird, braucht man nicht weiter zu erläutern. Es wäre aber auch noch zu wenig, wenn wir nur an das dächten, was einmal geschehen ist, damals unter Augustus in Bethlehem. Das dürfen wir nicht übersehen, denn es macht klar, dass das Weihnachtsgeschehnis ein gewichtiges Ereignis ist und dass es genauso wirklich ist wie das, was die Nachrichten und die Tagesschau heute berichten. -  Es ist nicht bloß eine schöne Geschichte, die uns erzählt wird, auch nicht bloß ein Mythos, in dem sich eine religiöse Idee veranschaulicht hat. Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist ein geschichtliches Ereignis, aber sie ist auch nicht nur ein solches, ein einmaliges Ereignis. Mit ihr ist Gott ein für allemal in diese seine Welt, in sein Eigentum eingetreten, damit alle, die an ihn glauben, die Macht haben, Kinder Gottes zu werden. Oder sagen wir es mit den anderen Worten: damit alle seine Herrlichkeit schauen und seine Kinder werden können.

Weihnachten will uns also ein Anruf sein, die Herrlichkeit Gottes zu entdecken und zu sehen. Aber dies eben nicht in dem Sinn, den man damit zunächst verbindet, wenn man das Wort Herrlichkeit hört. Die Herrlichkeit ist das, was wir erkennen, wenn wir es mit den Augen des Glaubens betrachten. Wir erkennen seine Herrlichkeit, wenn wir seine Botschaft verstehen. Diese wird uns zwar vermittelt durch Worte, die durch den täglichen Gebrauch abgegriffen und verhaucht sind, die man für alles Mögliche verwendet, die aber als Worte aus seinem Mund Worte des Lebens für uns sind.

Wir erkennen seine Herrlichkeit, wenn wir hier beim Gottesdienst nicht bei dem stehen bleiben, was wir mit den Augen und den Ohren erfassen, sondern glaubend wahrnehmen, dass er bei uns ist, dass er sich uns schenkt in dem so unscheinbaren Zeichen des Brotes.

Wir erkennen seine Herrlichkeit, wenn wir in unseren Mitmenschen nicht nur fühlende und denkende Wesen sehen, die sich ihr Glück suchen, sondern wenn wir in ihnen seine Brüder und seine Schwestern erkennen und anerkennen, wenn wir in ihnen auch ihn sehen.

3          So wie ein Licht, das man anzündet, seinen Schein auf alles wirft, was um es herum ist, so liegt auf allem die Herrlichkeit des Herrn, wenn wir es im Licht des Glaubens sehen. So wie sich mit den Lichtverhältnissen das, was ich betrachte, verändert, so verändert sich auch unser Leben, unsere Welt je nachdem, ob wir sie im Licht der Herrlichkeit Gottes sehen oder nicht. Manches verliert in diesem Licht die Bedeutung, die wir ihm sonst zumessen, und manches gewinnt dadurch an Bedeutung. Vor allem verliert das seinen Glanz, was uns vor anderen vermeintlich groß machte; und was in den Augen der Welt wenig zählt, zeigt sich oft als großer Wert.

Hier wäre ein Ansatzpunkt für eine persönliche Weihnachtsbesinnung: Schauen wir auf uns selbst und all das und all die, die zu unserem Leben gehören, und achten wir dabei, wie wir Licht und Schatten verteilt sehen, wenn wir es betrachten mit dem allgemeinen Weltblick. Überlegen wir uns dann, wie dieses Bild sich verändert, wenn wir es im Licht des Glaubens, im Licht der Herrlichkeit Gottes sehen. Aber es soll nicht nur eine Möglichkeit sein, die sich ausdenken lässt, sondern so soll ich mein Leben und die Welt sehen, so mich und meine Welt annehmen.

C          Weihnachten verwandelt wie kein anderer Tag des Jahres die Menschen. Freilich, es ist oft nur ein kurzer Wandel, beschränkt auf die Stunden des Feierns. Es kann aber und es soll mehr sein. Das hängt davon ab, ob und wieweit wir erfassen und begreifen, was in der Geburt Jesu, in der Menschwerdung Gottes geschehen ist, davon - um es mit den Worten unseres Evangeliums zu sagen -, ob wir zu den Seinen gehören, die ihn aufnehmen und damit Kinder Gottes – damit wirklich andere werden. Wenn ich ihnen zum Schluss ein gesegnetes Weihnachtsfest wünsche, dann in dem Sinn, dass Sie die Herrlichkeit Gottes schauen.

Heilig Abend 1985

1               Alle Jahre wieder“: so singen zu Weihnachten die Kinder.  „Alle Jahre wieder“: mit diesen Worten des Kinderliedes persiflieren Erwachsene das Ritual, mit dem Weihnachten Jahr für Jahr gefeiert wird: die abendliche Feier zu Hause, das Sich-Beschenken, der Gang zur Mette, vielleicht sogar in der Mitternacht hierher nach Seligenthal, das Evangelium, das mit dem Befehl des Kaisers Augustus beginnt, und am Schluss das gemeinsame Stille Nacht.

Äußerlich gesehen, kann sich das Jahr für Jahr sehr ähnlich sein; aber gleich ist es nicht. Denn wir bleiben nicht die gleichen. Wir sind heute andere als vor einem Jahr. Wir haben im Laufe des Jahres vieles erfahren und erlebt, wenn auch nichts Außergewöhnliches; und das hat uns verändert. Wir hören heute die Weihnachtsbotschaft mit anderen Ohren als vor einem Jahr. Möglicherweise hören wir etwas, geht uns etwas auf, was uns bislang verborgen blieb, was wir überhört, übersehen haben. Deshalb ist es gut, nicht zu sagen: das kenne ich schon, sondern mit immer neuer Aufmerksamkeit auf die Weihnachtsbotschaft zu hören.

 

2               Die Weihnachtsbotschaft, wie wir sie im Lk-Evangelium finden – das ist dieses Jahr unser Evangelium - zeichnet sich dadurch aus, dass sie im ersten Teil eigentlich gar nichts berichtet, was aus dem Rahmen des Alltäglichen fällt. Wir hören von der Verordnung des Kaisers, Steuerlisten anzulegen, dann von der Durchführung dieser Bestimmung in der Provinz Syrien, zu der Palästina gehörte; wir hören von einem jungen Paar, von einer Frau, die ein Kind erwartet und es gebar, es in Windeln wickelte und in eine Futterkrippe legte. Lediglich dieses Letzte ist etwas Ungewöhnliches. Aber wenn wir denken, unter welchen Umständen manche Mütter etwa auf der Flucht aus dem Osten vor vierzig Jahren ihre Kinder geboren haben, dann verliert das den Eindruck des ganz Ungewöhnlichen. Gottes Kommen in diese Welt geschieht in einer recht menschlichen, ja alltäglichen Form. Endete das Evangelium an dieser Stelle mit den Worten: „Maria wickelte das Kind in Windeln und legte es in eine Krippe“, würden wir das Wunder dieser Nacht gar nicht begreifen. Dieses erschließt uns erst der zweite Teil des Evangeliums.

 

3               Den Hirten auf dem Feld erscheint ein Engel. Er verkündet ihnen das Geschehene und deutet es ihnen. In diesem Kind ist ihnen und allen Menschen der Retter geboren, der Messias, der Herr. Und zu dem sprechenden Engel trat ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte, weil er den Menschen diese Gnade erwiesen hat. Erst im Licht dieser Deutung gewinnt die Geburt des Kindes in Bethlehem für uns ihren eigentlichen Sinn.

 

4               Der Glaube, dass Jesus der Retter der Menschen ist, der Messias, der Herr, wie es hier heißt, gründet natürlich nicht nur auf der Erscheinung, die den Hirten auf den Feldern bei Bethlehem zuteil wurde, sondern in dem Wirken und in der Verkündigung Jesu, vor allem in seiner Auferstehung, die seine Würde, seine Macht, seine Bedeutung bekräftigt. Für sich allein wäre das nächtliche Erlebnis einiger Hirten viel zu schwach, um den Glauben vieler zu tragen. In ihm spiegelt sich nur, was uns Gott im Wirken seines Sohnes offenbar gemacht hat und was uns bezeugt wird durch die, die mit ihm beisammen waren, die ihn erlebt haben und denen er als Auferstandener erschienen ist.

 

5               Mit den Augen des Leibes sehen wir in der Krippe nur ein Kind, eines, das wie die vielen anderen ist. Mit den Augen des Glaubens aber erkennen wir, wie dieses Kind ist und was es für uns bedeutet. Man kann von jedem Kind sagen, dass es ein Wunder ist, ein einmaliges Geschenk Gottes, das uns Ehrfurcht abverlangt. Aber das Kind von der Krippe von Bethlehem ist mehr als dies. In ihm ist Gott als Mensch in dieses Leben eingetreten, um die Menschen zu sich zu führen und zu erheben. Nehmen wir dieses Geschenk Gottes in dankbarem Glauben und dankbarer Freude an.

 

6               Weil wir Beschenkte sind, sollen wir auch selbst großzügig Schenkende sein vor allem denen gegenüber, die sich nicht revanchieren können.

Auch in diesem Jahr bittet uns zu Weihnachten Adveniat um ein Opfer für die Kirche in Lateinamerika. Hören wir auf die Bitte, und bringen wir durch unser Geschenk Licht in das Leben derer, denen es zuteil wird, und so auch Licht in unser eigenes Leben.

4. Advent-Sonntag 1985

Dr. Fuchs nahm zum Inhalt seiner Predigt die Verse, die sich denen des heutigen Evangeliums anschließen: Lk 1,39 - 47

 

A      Maria machte sich auf den Weg und eilt zu ihrer Verwandten Elisabeth.

Wenn man eilt, wird man von etwas getrieben: entweder von Sorge, von Angst oder auch von Freude. Man will jemanden etwas Großes, Schönes mitteilen, und das drängt einen zur Eile.

Das dürfte der Grund der Eile Marias hier sein. Voll der Freude ist auch Elisabeth: der Freude über das Leben, das sie in sich trägt, und der Freude darüber, dass die „Mutter ihres Herrn zu ihr kommt.“ Sogar ihr Kind wird von ihrer Freude bewegt.

Die Szene schließt noch nicht mit der Seligpreisung Marias durch Elisabeth. Auf sie folgt noch – das fehlt hier – die Antwort Marias, ihr Lobgesang, das sog. Magnifikat, das mit den Zeilen beginnt: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Das Lob, das ihr durch ihre Verwandte zuteil wird, gibt sie in froher Dankbarkeit an Gott weiter.

Über der ganzen Szene liegt der Glanz tiefer Freude. Wie konnte es anders sein! Was wir hier sehen und was uns hier so selbstverständlich erscheint, das müsste eigentlich für alle gelten, die aus dem Glauben leben. Denn die Freude ist in der Tat das Gütezeichen des Glaubens.

 

B1    Man kann wohl nicht generell sagen, dass die Christen frohere Menschen sind als alle anderen. Ja es gibt Christen, die sich ausdrücklich als solche verstehen und die einen recht sauertöpfischen Eindruck machen, die vielleicht froher wären und wirkten, wenn sie nicht „so christlich wären“, wie sie das verstehen.

Woran liegt das?

a)       Nun wir wissen: Freude ist nicht gleich Freude. Es gibt neben der inneren, besinnlichen Freude auch eine recht oberflächliche Freude, der der Ernst fehlt, die sich allem überlässt, was Spass macht, die keine Grenzen kennt.

Obwohl zwischen den beiden Haltungen ein großer Unterschied besteht, bezeichnen wir sie mit dem gleichen Wort, und das kann dazu führen, dass man auch im Urteilen nicht unterscheidet: dass man Freude ganz allgemein als Oberflächlichkeit ansieht, als Ausdruck mangelnden Lebensernstes und deshalb gegen sie argwöhnisch ist. Man legt sich auf eine ernste Entschiedenheit fest und meint, dass sie allein einer christlichen Lebenseinstellung entspricht, dass sie allein dem Ernst des Lebens gerecht wird.

b)      Es gibt aber auch das, dass man anderen die Lebensfreude missgönnt, oft mehr unbewusst als bewusst. Aber man sieht den Grund dafür nicht in sich, sondern beim anderen und verdächtigt ihre Freude und die Freude überhaupt.

c)       Es kann auch daran liegen, dass man den Glauben vorwiegend als moralische Haltung ansieht, als Befolgung von Geboten, als Leistung, die erbracht werden muss, um sich den Himmel zu verdienen. Hier gibt es nichts zu lachen! Hier heisst es: sich mühen, sich plagen, seine Pflicht tun, um so das Höchste zu erringen.

2       Schauen wir auf die beiden Frauen, auf Maria und Elisabeth, dann erkennen wir sofort, dass ihr Glaube ein anderes Gesicht hat. Ihr Glaube ist nicht ein Eingespanntsein in die Gebote eines unbarmherzigen Gesetzes, das es zu erfüllen gilt, sondern beide wissen sich von Gott reich beschenkt: Sie wissen um die Liebe Gottes, die ihnen zuteil wurde. Was ihnen zuteil wurde, ist wohl etwas Einmaliges, aber doch auch etwas, was dem nicht unähnlich ist, was Gott allen Menschen anbietet. Jesus sagt uns: „Wer an den Sohn glaubt und ihn liebt, den wird der Vater lieben, und wir werden kommen und bei ihm wohnen.“ Er will uns alle durch seine Gegenwart beschenken; er nimmt uns alle an als seine Kinder, als seine Söhne und Töchter.

Den Kern des christlichen Lebens machen nicht die Gebote und Verbote aus, sondern die Tatsache, dass Gott sich uns zuwendet, dass er uns annimmt, dass er uns Gemeinschaft mit sich schenkt. Dass wir uns auch von seinem Geist leiten lassen: das gehört natürlich auch dazu. Aber das ist die Folge, die sich aus der Gemeinschaft mit ihm ergibt.

3       Wenn wir unser Christsein so verstehen: müssen wir dann aufgrund des Glaubens nicht frohere Menschen sein, als wir es wären ohne Glauben. Wir behalten selbstverständlich unsere natürliche Veranlagung, und von ihr her gibt es sonnige, frohe Menschen und mehr zur Traurigkeit neigende Menschen, um nur die beiden Gegensätze zu nennen. Aber das sind keine Festlegungen, an denen wir gar nichts ändern könnten. Die Veranlagung ist ein Faktor, ein anderer muss der Glaube sein. Als Gläubige müssen wir einige Grade froher, heiterer sein als wir es wären ohne den Glauben an die Zuwendung, an die Liebe Gottes, ohne den Glauben, dass wir von Gott als seine Söhne und Töchter angenommen sind.

4       Der Glaube sagt uns also nicht einfach: Seid froh, seid heiter und gelassen. Mit einem bloßen Aufruf wäre wenig gewonnen. Sondern der Glaube sagt uns, dass uns Gott reich macht, und dieser Reichtum ist der Grund der Freude.

So war es bei Maria und Elisabeth. So soll es bei allen sein. Eine griesgrämige Maria kann man sich wohl nicht gut vorstellen. In ihrem Lobpreis sagt sie u.a.: „Der Mächtige hat Großes an mir getan.“ So etwas kann man nur in dankbarer Freude sprechen.

Aber so zu sprechen ist nicht ihr vorbehalten. So dürfen wir alle sprechen. Die Kirche hat dieses Gebet auch zu ihrem Gebet gemacht. Es wird jeden Tag im Rahmen des liturgischen Gebetes der Kirche gebetet. Wir haben allen Grund, das auch für uns zu sprechen, denn Großes hat der Herr an uns allen getan und tut es. Der Glaube daran ist der Grund unserer Freude.

C       Wir wünschen in diesen Tagen vielen Menschen ein frohes Weihnachtsfest, und viele wünschen es uns. Solche Wünsche können sehr formelhaft sein; sie können aber auch das Tiefste ausdrücken: den Wunsch: dass wir das Frohmachende dieses Festes erfassen und dass wir dadurch auch zu noch froheren Menschen werden. Das ist das Schönste, was wir uns wünschen können.

3. Advent-Sonntag 1985

 

                                                                                                                                                         Phil 4,4 – 7

                                                                                                                                                         Lk 3,10 – 18

 

A                   Unser Evangelium heute ist die Fortsetzung des Evangeliums vom letzten Sonntag. Sie erinnern sich: Es berichtet vom Auftreten Johannes des Täufers in der Wüste, von seinem Aufruf zu Umkehr und Buße. In ihm haben sich die Worte des Propheten Jesaja erfüllt: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg.

Heute ist die Rede von den Menschen, die zu ihm in die Wüste hinausgezogen sind. Betroffen von seinem Wort, fragen sie ihn: Was sollen wir tun?, fragen sie ihn, was heißt das: Bereitet dem Herrn den Weg! Und er sagt es ihnen. Dieses Wort, „Bereitet dem Herrn den Weg“ ist auch das Geleitwort der diesjährigen Adveniat-Aktion. Sie haben es wohl schon gelesen auf dem Adveniatplakat, auf dem es in großen Buchstaben stehe. Darüber ist ein Indio beim Straßenbau zu sehen. Nur mit einem Hammer ausgerüstet, fügt er Stein an Stein, um so die Straße zu befestigen und sie befahrbar zu machen: ein anschauliches Bild für das, was die Worte besagen.

„Bereitet dem Herrn den Weg“: ein Wort des Propheten und ein Wort unserer Kirche an uns.

B 1a)            Wenn wir uns die Antwort des Johannes anschauen, die er den Menschen gibt, die ihn fragen, was sie denn tun sollen, fällt auf, dass sie sehr bestimmt ist. Den Soldaten sagt er: sie sollen sich mit ihrem Lohn zufrieden geben und niemanden erpressen. Den Zöllnern sagt er: sie sollen nicht mehr verlangen, als was festgesetzt ist, und den Leuten allgemein: Wer zwei Gewänder hat, gebe dem eines, der keines hat, und wer zu essen hat, handle ebenso. Gerade diese letzte, an alle gerichtete Forderung ist keine Kleinigkeit. Er fordert sie auf, nicht nur ein Almosen zu geben, sondern zu teilen „Wer zwei Gewänder hat, gebe dem eines, der keines hat.

Man könnte fragen: Ist das wirklich das Wichtigste, das äußere Teilen? Ist eigentlich nicht wichtiger, sich innerlich für Gott aufzuschließen und das „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ auf das Tor des Herzens beziehen?

Das fehlt nicht! Obenan steht der Aufruf zur Umkehr und zur Buße. Aber das darf eben nicht bloß ein innerlicher Vorgang bleiben, sondern dieser muss im Handeln konkret werden. Das erst zeigt, wie echt, wie ehrlich die Umkehr ist.

b)                  Wir heute brauchen nicht neu zu fragen: Ja, was sollen wir tun, um dem Herrn den Weg zu bereiten. Es ist heute wie damals die innere Umkehr, die Hinwendung zu Gott, die sich in Taten der Liebe, der Hilfe für andere auswirkt. Eine Form, jetzt zu Weihnachten, ist die Unterstützung der Adveniat-Aktion, die dieses Jahr zum 25. mal durchgeführt wird.

2a)                Ich kann mir denken, dass in diesen Tagen manche ihre liebe Not hatten oder haben, für die, die sie zu Weihnachten beschenken wollen, das rechte Geschenk zu finden, was soll man denn jemandem nur schenken, der alles hat, der, was die Dinge angeht, rundum zufrieden ist! In Bezug auf die Weihnachtsgabe, der die Adveniat-Aktion zugute kommt, sind wir nicht in der schwierigen Lage. Denn diese ist zumindest etwas höchst Sinnvolles. Dort, in Mittel- und Südamerika, lebt etwa die Hälfte aller Katholiken auf der Welt; es ist für die Kirche ein unübersehbares Aufgabenfeld. Und diese Aufgabe darf nicht nur gesehen werden von den Interessen der Kirche her, sondern zuerst von den Menschen her, denen durch den Glauben an Gott und an Jesus Christus ihre menschliche Würde bewusst werden soll, die aus diesem Glauben Hoffnung schöpfen sollen, die durch ihn Sinn finden sollen für ihr Leben. Die Glaubensverkündigung rangiert nicht nach allen anderen Problemen, nach den wirtschaftlichen, sozialen Problemen, sondern ist die Voraussetzung für ein Leben, das des Menschen würdig ist.  Mitzuhelfen, dass die Kirche dort diese Aufgabe einigermaßen erfüllen kann, ist zweifellos etwas Schönes, was man gerne tun soll, wozu wir uns auch nicht genötigt fühlen sollen.

b)                  123 Millionen DM sind von den Katholiken der BRD im letzten Jahr zu Weinachten für Adveniat gegeben worden. Das ist viel oder nicht: je nachdem. Wie man es sieht. Es ist immerhin etwas. Es ist letztlich die Frage, die sich der einzelne selbst stellen muss, wie sein Beitrag zu werten ist.

Denken wir an den Straßenarbeiter auf dem Plakat: ein paar Meter neue Straße: Das ist nicht viel; aber das ist das, was er tun kann.

Tun wir das unsere, um dem Herrn in Latein-Amerika den Weg zu bereiten.

C                   Hirtenwort

 

2. Advent-Sonntag 1985

                                                                                     Bar 5,1 – 9

                                                                                                                                                Lk 3,2 – 6

A             Vom Datum her – 8. Dezember – träfe heute das Fest Mariä Unbefleckte Empfängnis. Es wurde in diesem Jahr aber auf den gestrigen Samstag verlegt, um dem 2. Advent-Sonntag Raum zu geben. Gerade an ihm kommt der adventliche Gedanke besonders deutlich zum Ausdruck: Johannes tritt auf; er weist auf den Messias, auf Christus, hin, und er ruft uns auf, ihm den Weg zu bereiten

Die Anordnung der Großen jener Tage, die am Anfang des Evangeliums genannt werden: des Kaisers in Rom, seines Statthalters in Judäa, der Fürsten in Palästina, des Hohenpriesters: ihre Verfügungen sind für uns heute, soweit sie überhaupt noch greifbar sind, nur noch geschichtliches Quellen-Material. Aber die Worte des Predigers am Rande der Wüste sind heute so aktuell wie damals. Sie wollen uns wachrütteln aus Taubheit und Bequemlichkeit. Und heute kommt noch hinzu: Sie wollen uns auf das Wesentliche hinweisen, warnen, dass wir uns nicht verlieren in der Geschäftigkeit und Betriebsamkeit. Was wird doch an Zeit, an Energie aufgewendet für den Rahmen des Weihnachtsfestes: für die Geschenke, für die Post, für den Schmuck, für das Essen, für das, was im Vergleich zum Eigentlichen ganz nebensächlich ist. Diese moderne Gefährdung kommt also noch hinzu zu der allgemeinen: Trägheit, Bequemlichkeit. Und sie vor allem dürfen wir nicht übersehen, wenn wir die Worte des Johannes hören: „Bereitet dem Herrn den Weg!“

B            So wie es viele Wege gibt, die nach Rom führen, so gibt es auch viele Möglichkeiten, dem Herrn den Weg zu uns zu bereiten. Die grundlegende Voraussetzung für sie alle aber ist, dass wir zu einer Veränderung bereit sind.

1             Ganz natürlich gesehen, ist es so, dass man in jungen Jahren eine verhältnismäßig große Veränderungsbereitschaft hat, dass diese aber mit zunehmendem Alter abnimmt und dass eine gewisse Starrheit sich einstellt. Man hat sein Lebensschema gefunden, mit dem sich leben lässt. Man ist mit ihm und mit sich selbst zufrieden – mehr oder weniger.

Für manche Bereiche des Lebens kann man das gelten lassen, aber nicht für den, wo wir zu christlichem Handeln aufgerufen sind, nicht dort. Wo wir dem Anruf Christi „Folge mir nach“ Antwort geben müssen oder auch dem Wort des hl. Paulus: „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Diese Antwort unterliegt wie das Leben, wie die Zeit einem ständigen Wandel, und wir müssen deshalb immer neu fragen: „Herr, was willst du, dass ich tue?“ und auch bereit sein, danach zu handeln.

2            Es kann jemand hier einwenden: Ich kann zwar so sprechen: „Herr, was willst du, dass ich tue?“ aber bekomme ich darauf auch eine Antwort? Das ist doch eine bloße Absichtserklärung. Sicher bekomme ich die Antwort nicht in der Weise, wie ich sie mir bei einem Menschen holen kann, den ich um eine sachliche Auskunft bitte. Aber wenn ich mit dieser ehrlichen Bitte im stillen Gebet und in rechter Demut bei Gott etwas verweile, dann erschließt sich mir auch die Antwort auf meine Bitte, dann wird mir klar, was ich tun soll: heute, morgen.

Dadurch, dass ich mein Leben vor Gott bringe, fällt sein Licht darauf, so dass ich besser sehen kann, und es kommt alles unter das Urteil seines Wortes, bzw. unter das Urteil des Lebens Jesu als des verbindlichen Vorbildes, so dass ich besser beurteilen kann. Aber das setzt die grundsätzliche Bereitschaft zur Veränderung voraus, die sich möglicherweise ergibt. Fehlte sie, dann werde man sich von vorneherein gegen eine solche Erkenntnis sperren.

3            Das macht verständlich, dass zu der Veränderungsbereitschaft auch ein heilsames Misstrauen sich selbst gegenüber gehört. Wie schnell setzen wir unseren Möglichkeiten, unseren Kräften eine Grenze: „Das kann ich unmöglich!“ “Das bringe ich nicht fertig“. „Dafür bin ich nicht begabt.“… Und wie solche Selbstbegrenzungen heißen.

Es kommt hinzu, dass sich manches sehr demütig anhört, dass solche Selbstbeschränkungen als Zeichen der Bescheidenheit aufgefasst werden – was sie in Wirklichkeit gar nicht sind.

Wir machen uns alle sehr gerne etwas vor, wenn wir einer Sache ausweichen wollen. Und deshalb ist es wichtig, dass wir ehrlich sind, selbstkritisch sind, um uns nichts vorzumachen, um nicht der süßen Selbsttäuschung zu erliegen.

4            Mit all dem ist natürlich nicht gesagt, dass ich nicht ich selbst sein, ich selbst bleiben darf. Meine Besonderheit, meine Einmaligkeit ist doch auch etwas Gottgewolltes. Gerade deshalb muss ich mich fragen, was Gott von mir will. Wir sind nicht einfach Exemplare der Wesen Mensch, sondern jeder ist ein einziger. Und was für den einen richtig ist, muss es nicht auch für den anderen sein. Aber man darf es nicht verwechseln mit dem, was man so allgemein als seine Eigenart ansieht. Wir dürfen nicht einfach sein, wie wir sind, sondern wir sind uns allen eine Aufgabe, ein neuer Mensch zu werden, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“

5            Kardinal Newman weist einmal darauf hin, dass es um den schlecht bestellt sei, der glaubt, auf einer bestimmten Stufe genug getan zu haben, wie hoch diese Stufe auch immer sei. Das Leben der Heiligen zeigt es uns, dass dieses Streben nach wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit nie an ein Ende kommt, dass es umgekehrt zunimmt, je weiter es fortgeschritten ist, und es zeigt uns, wie weit die Veränderungsbereitschaft gehen kann, so weit, dass auch die letzten Schranken, die letzten Vorbehalte fallen. Das zeigt sich etwa in dem bekannten Gebet des hl. Ignatius: „Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit. Nimm an mein Gedächtnis, meinen Verstand, meinen ganzen Willen. Was ich habe und besitze, hast du mir geschenkt. Ich gebe es dir wieder ganz und gar zurück und überlasse es dir, dass du es lenkest nach deinem Willen.“ Hier ist wirklich der letzte Vorbehalt weggenommen.

C            Der Aufruf Johannes des Täufers „Bereitet dem Herrn den Weg“ wird bei uns in dem Maß fruchtbringend sein, in dem wir zur Veränderung im Sinne Jesu bereit sind. Fehlt die Bereitschaft dazu, dann sind wir – um es im Bild des Gleichnisses vom Sämann zu sagen – wie festgetretener oder felsiger Grund, auf dem nichts wächst. Ist die Bereitschaft da, dann sind wir guter Boden, der reiche Frucht bringt.

1. Advent-Sonntag 1985

1.       Advent-Sonntag 1985

Lk 21,25-28, 34-36

               

A             Die Adventszeit, in die wir heute eintreten, hat einen ganz besonderen Stimmungswert. Er wird geprägt durch das Dunkel der Jahreszeit, durch das warme Licht der Kerzen, das im Dunkel besonders zur Geltung kommt, er wird geprägt durch die Adventskränze oder andere Tannengebinde, durch die Adventslieder und nicht zuletzt durch die Erwartung des Weihnachtsfestes. Dieser Stimmungswert des Advents hat sicher sein Gutes, aber er bleibt doch oberflächlich, wenn er nicht mit einer geistigen Haltung verbunden ist. Es muss zur Adventsstimmung der Adventsgeist hinzukommen. – Zu diesem möchte ich heute am 1. Advents-Sonntag etwas sagen, und zwar im Anschluss an eines der bekanntesten Adventslieder, an das Lied: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Die ersten drei Strophen dieses Liedes lauten:

B1           Der Text dieses Liedes stammt von dem bekannten Barockdichter Friedrich v. Spee, einem Jesuiten, der ihn 1622 – also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – in Paderborn gedichtet hat. Die Melodie findet sich nach Angabe des Gotteslobes in einem Gesangbuch aus den Jahren 1666.

Die Bilder, die der Dichter hier verwendet, sind zum großen Teil aber nicht seine, sondern die Bilder des Propheten Jesaia. Auf diesen greift Spee nämlich zurück. Im 63. Kapitel des Propheten wendet sich das Volk betend an Gott: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab.“ Und einige Kapitel vorher finden sich die Worte: „Taut, ihr Himmel, von oben; ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit sprießen. Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor.“ In diesem Lied kommt zum Klingen, was die Menschen schon vor eineinhalbtausend Jahren ausgesprochen haben.

 

2             Bleiben wir bei unserem Lied!

a)            Die Bilder der ersten Strophe haben etwas Gewaltsames: „reiß die Himmel auf“; „reiß Schloss und Riegel ab“; „reiß die Türen auf“ und „lauf herab zu uns Menschen.“

Was drücken dies Bilder aus? Sie sagen, dass das Heil von Gott kommt, aber sie sagen nicht als Mitteilung, sondern als Anrufung: er möge kommen in Eile, mit Macht und das verheißene Heil Wirklichkeit werden lassen.

b)           Die zweite Strophe besagt das gleiche in einem ähnlich gewaltigen Bild: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.“ Aber daneben steht das Zarte Bild vom Tau des Himmels, dessen Kommen im Unterschied zu den Wassermassen eines Wolkenbruches nicht wahrgenommen wird. Der Tau war für die Menschen früher etwas Geheimnisvolles: man hört und sieht sein Kommen nicht, er ist einfach da. Unsichtbar wie der Tau vom Himmel kommt, so kommt auch die Huld Gottes auf uns herab.

c)            In der dritten Strophe wird das gleiche nochmals gesagt in neuen Bildern, wieder in zarten, leisen Bildern: so wie im Frühling das Gras aufkeimt und die Blumen aufblühen: so komme das Heil von Gott zu uns.

Es ist dies ein sehr schönes Lied; es kreist, wie viele Lieder, um einen Gedanken und bringt ihn in immer neuer Weise und neuen Bildern zum Ausdruck.

3             Das Lied ist eine Anrufung Gottes, die aus der sicheren Überzeugung kommt, dass es für uns Menschen ein Heil gibt und dass das Heil von Gott kommt. Diesen Glauben und diese Hoffnung auf das Heil zu wecken und zu stärken: das ist das große Anliegen der Adventszeit.

Mit dem Wort „Heil“ dürfte es freilich manche Schwierigkeiten haben. Unter Glück Gesundheit und Heilung können sich alle etwas vorstellen, das ist etwas, was allen vertraut ist.

Aber was sagt Heil?

Ursprünglich hat das Wort „Heil“ all das bezeichnet: Glück, Gesundheit, Heilung und auch ewiges Heil. Aber allmählich hat sich die Bedeutung dieses Wortes verengt auf das „Seelenheil“. Auf das ewige Heil, und das Wort Glück trat neben das Wort Heil, und das Streben vieler richtete sich mehr und mehr auf das Glück. Ja, beide werden fast als Gegensätze empfunden in dem Sinn, dass man das Streben nach dem ewigen Heil als hinderlich für das Streben nach Glück ansieht.

Aber wer so empfindet, stellt alles auf den Kopf. Das wahre Glück ist vom eil nicht zu trennen. Dann das Glück lehrt uns ja verstehen, was Heil ist; und im Heil erst findet das noch immer unvollkommene Glück seine Erfüllung. „Alles Glück will Ewigkeit“, so hat es ein Dichter formuliert.

Etwas andere ist die Lust, die kurzlebige Lust, die wir bei der Befriedigung unserer Triebe erfahren. Aber Glück ist mehr als Lust. Zu ihm gehört auch die Erfahrung von Lebenssinn, zu ihm gehört Verstandensein, Angenommensein, gehört Geborgenheit. Das sind Erfahrungen, die tiefer gehen, die eine gewisse Dauer haben, aber noch keine endgültige; denn es ist begrenztes und zerbrechliches Glück. In seiner Vollkommenheit – das ist nur möglich als Geschenk Gottes – ist es das Heil. Das Heil ist nicht etwas grundsätzlich anderes als das Glück, sondern nur dessen letzte Erfüllung, die uns durch die Gemeinschaft mit Gott zuteil wird.

4             Aber weil wir von Gott nicht erst angenommen werden nach diesem Leben, sondern auch jetzt schon, deshalb ist auch das Heil nicht nur etwas Zukünftiges, sondern schon Gegenwärtiges. Und wir spüren von diesem, dem gegenwärtigen Heil, auch schon jetzt etwas, wenn wir uns im Vertrauen Gott hingeben, dann, wenn wir seine Liebe zu uns erwidern. Dadurch entsteht ja Gemeinschaft. Und in der Gemeinschaft mit Gott liegt unser Heil. Je größer unser Vertrauen ist, je größer die Hingabe, umso mehr wird dieses Heil erfahren. Aber voll wird es erst, wenn wir Gott unmittelbar erfassen, wenn der Glaube in das Schauen übergeht.

C             Das Lieb „O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist eine dringliche Bitte an Gott, er möge uns sein Heil schenken. Weil das Heil nicht nur von ihm abhängt, sondern auch von uns Menschen, ob und wieweit wir auf sein Angebot eingehen: deshalb ist dieses Lied indirekt auch ein Aufruf an uns, dass wir uns für Gott öffnen, uns ihm zuwenden und sein Angebot annehmen. Das tun heißt: Advent feiern.

 

1.       Advent-Sonntag 1985

Lk 21,25-28, 34-36

               

A             Die Adventszeit, in die wir heute eintreten, hat einen ganz besonderen Stimmungswert. Er wird geprägt durch das Dunkel der Jahreszeit, durch das warme Licht der Kerzen, das im Dunkel besonders zur Geltung kommt, er wird geprägt durch die Adventskränze oder andere Tannengebinde, durch die Adventslieder und nicht zuletzt durch die Erwartung des Weihnachtsfestes. Dieser Stimmungswert des Advents hat sicher sein Gutes, aber er bleibt doch oberflächlich, wenn er nicht mit einer geistigen Haltung verbunden ist. Es muss zur Adventsstimmung der Adventsgeist hinzukommen. – Zu diesem möchte ich heute am 1. Advents-Sonntag etwas sagen, und zwar im Anschluss an eines der bekanntesten Adventslieder, an das Lied: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Die ersten drei Strophen dieses Liedes lauten:

B1           Der Text dieses Liedes stammt von dem bekannten Barockdichter Friedrich v. Spee, einem Jesuiten, der ihn 1622 – also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – in Paderborn gedichtet hat. Die Melodie findet sich nach Angabe des Gotteslobes in einem Gesangbuch aus den Jahren 1666.

Die Bilder, die der Dichter hier verwendet, sind zum großen Teil aber nicht seine, sondern die Bilder des Propheten Jesaia. Auf diesen greift Spee nämlich zurück. Im 63. Kapitel des Propheten wendet sich das Volk betend an Gott: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab.“ Und einige Kapitel vorher finden sich die Worte: „Taut, ihr Himmel, von oben; ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit sprießen. Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor.“ In diesem Lied kommt zum Klingen, was die Menschen schon vor eineinhalbtausend Jahren ausgesprochen haben.

 

2             Bleiben wir bei unserem Lied!

a)            Die Bilder der ersten Strophe haben etwas Gewaltsames: „reiß die Himmel auf“; „reiß Schloss und Riegel ab“; „reiß die Türen auf“ und „lauf herab zu uns Menschen.“

Was drücken dies Bilder aus? Sie sagen, dass das Heil von Gott kommt, aber sie sagen nicht als Mitteilung, sondern als Anrufung: er möge kommen in Eile, mit Macht und das verheißene Heil Wirklichkeit werden lassen.

b)           Die zweite Strophe besagt das gleiche in einem ähnlich gewaltigen Bild: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.“ Aber daneben steht das Zarte Bild vom Tau des Himmels, dessen Kommen im Unterschied zu den Wassermassen eines Wolkenbruches nicht wahrgenommen wird. Der Tau war für die Menschen früher etwas Geheimnisvolles: man hört und sieht sein Kommen nicht, er ist einfach da. Unsichtbar wie der Tau vom Himmel kommt, so kommt auch die Huld Gottes auf uns herab.

c)            In der dritten Strophe wird das gleiche nochmals gesagt in neuen Bildern, wieder in zarten, leisen Bildern: so wie im Frühling das Gras aufkeimt und die Blumen aufblühen: so komme das Heil von Gott zu uns.

Es ist dies ein sehr schönes Lied; es kreist, wie viele Lieder, um einen Gedanken und bringt ihn in immer neuer Weise und neuen Bildern zum Ausdruck.

3             Das Lied ist eine Anrufung Gottes, die aus der sicheren Überzeugung kommt, dass es für uns Menschen ein Heil gibt und dass das Heil von Gott kommt. Diesen Glauben und diese Hoffnung auf das Heil zu wecken und zu stärken: das ist das große Anliegen der Adventszeit.

Mit dem Wort „Heil“ dürfte es freilich manche Schwierigkeiten haben. Unter Glück Gesundheit und Heilung können sich alle etwas vorstellen, das ist etwas, was allen vertraut ist.

Aber was sagt Heil?

Ursprünglich hat das Wort „Heil“ all das bezeichnet: Glück, Gesundheit, Heilung und auch ewiges Heil. Aber allmählich hat sich die Bedeutung dieses Wortes verengt auf das „Seelenheil“. Auf das ewige Heil, und das Wort Glück trat neben das Wort Heil, und das Streben vieler richtete sich mehr und mehr auf das Glück. Ja, beide werden fast als Gegensätze empfunden in dem Sinn, dass man das Streben nach dem ewigen Heil als hinderlich für das Streben nach Glück ansieht.

Aber wer so empfindet, stellt alles auf den Kopf. Das wahre Glück ist vom eil nicht zu trennen. Dann das Glück lehrt uns ja verstehen, was Heil ist; und im Heil erst findet das noch immer unvollkommene Glück seine Erfüllung. „Alles Glück will Ewigkeit“, so hat es ein Dichter formuliert.

Etwas andere ist die Lust, die kurzlebige Lust, die wir bei der Befriedigung unserer Triebe erfahren. Aber Glück ist mehr als Lust. Zu ihm gehört auch die Erfahrung von Lebenssinn, zu ihm gehört Verstandensein, Angenommensein, gehört Geborgenheit. Das sind Erfahrungen, die tiefer gehen, die eine gewisse Dauer haben, aber noch keine endgültige; denn es ist begrenztes und zerbrechliches Glück. In seiner Vollkommenheit – das ist nur möglich als Geschenk Gottes – ist es das Heil. Das Heil ist nicht etwas grundsätzlich anderes als das Glück, sondern nur dessen letzte Erfüllung, die uns durch die Gemeinschaft mit Gott zuteil wird.

4             Aber weil wir von Gott nicht erst angenommen werden nach diesem Leben, sondern auch jetzt schon, deshalb ist auch das Heil nicht nur etwas Zukünftiges, sondern schon Gegenwärtiges. Und wir spüren von diesem, dem gegenwärtigen Heil, auch schon jetzt etwas, wenn wir uns im Vertrauen Gott hingeben, dann, wenn wir seine Liebe zu uns erwidern. Dadurch entsteht ja Gemeinschaft. Und in der Gemeinschaft mit Gott liegt unser Heil. Je größer unser Vertrauen ist, je größer die Hingabe, umso mehr wird dieses Heil erfahren. Aber voll wird es erst, wenn wir Gott unmittelbar erfassen, wenn der Glaube in das Schauen übergeht.

C             Das Lieb „O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist eine dringliche Bitte an Gott, er möge uns sein Heil schenken. Weil das Heil nicht nur von ihm abhängt, sondern auch von uns Menschen, ob und wieweit wir auf sein Angebot eingehen: deshalb ist dieses Lied indirekt auch ein Aufruf an uns, dass wir uns für Gott öffnen, uns ihm zuwenden und sein Angebot annehmen. Das tun heißt: Advent feiern.

 

1.       Advent-Sonntag 1985

Lk 21,25-28, 34-36

               

A             Die Adventszeit, in die wir heute eintreten, hat einen ganz besonderen Stimmungswert. Er wird geprägt durch das Dunkel der Jahreszeit, durch das warme Licht der Kerzen, das im Dunkel besonders zur Geltung kommt, er wird geprägt durch die Adventskränze oder andere Tannengebinde, durch die Adventslieder und nicht zuletzt durch die Erwartung des Weihnachtsfestes. Dieser Stimmungswert des Advents hat sicher sein Gutes, aber er bleibt doch oberflächlich, wenn er nicht mit einer geistigen Haltung verbunden ist. Es muss zur Adventsstimmung der Adventsgeist hinzukommen. – Zu diesem möchte ich heute am 1. Advents-Sonntag etwas sagen, und zwar im Anschluss an eines der bekanntesten Adventslieder, an das Lied: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Die ersten drei Strophen dieses Liedes lauten:

B1           Der Text dieses Liedes stammt von dem bekannten Barockdichter Friedrich v. Spee, einem Jesuiten, der ihn 1622 – also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – in Paderborn gedichtet hat. Die Melodie findet sich nach Angabe des Gotteslobes in einem Gesangbuch aus den Jahren 1666.

Die Bilder, die der Dichter hier verwendet, sind zum großen Teil aber nicht seine, sondern die Bilder des Propheten Jesaia. Auf diesen greift Spee nämlich zurück. Im 63. Kapitel des Propheten wendet sich das Volk betend an Gott: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab.“ Und einige Kapitel vorher finden sich die Worte: „Taut, ihr Himmel, von oben; ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit sprießen. Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor.“ In diesem Lied kommt zum Klingen, was die Menschen schon vor eineinhalbtausend Jahren ausgesprochen haben.

 

2             Bleiben wir bei unserem Lied!

a)            Die Bilder der ersten Strophe haben etwas Gewaltsames: „reiß die Himmel auf“; „reiß Schloss und Riegel ab“; „reiß die Türen auf“ und „lauf herab zu uns Menschen.“

Was drücken dies Bilder aus? Sie sagen, dass das Heil von Gott kommt, aber sie sagen nicht als Mitteilung, sondern als Anrufung: er möge kommen in Eile, mit Macht und das verheißene Heil Wirklichkeit werden lassen.

b)           Die zweite Strophe besagt das gleiche in einem ähnlich gewaltigen Bild: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.“ Aber daneben steht das Zarte Bild vom Tau des Himmels, dessen Kommen im Unterschied zu den Wassermassen eines Wolkenbruches nicht wahrgenommen wird. Der Tau war für die Menschen früher etwas Geheimnisvolles: man hört und sieht sein Kommen nicht, er ist einfach da. Unsichtbar wie der Tau vom Himmel kommt, so kommt auch die Huld Gottes auf uns herab.

c)            In der dritten Strophe wird das gleiche nochmals gesagt in neuen Bildern, wieder in zarten, leisen Bildern: so wie im Frühling das Gras aufkeimt und die Blumen aufblühen: so komme das Heil von Gott zu uns.

Es ist dies ein sehr schönes Lied; es kreist, wie viele Lieder, um einen Gedanken und bringt ihn in immer neuer Weise und neuen Bildern zum Ausdruck.

3             Das Lied ist eine Anrufung Gottes, die aus der sicheren Überzeugung kommt, dass es für uns Menschen ein Heil gibt und dass das Heil von Gott kommt. Diesen Glauben und diese Hoffnung auf das Heil zu wecken und zu stärken: das ist das große Anliegen der Adventszeit.

Mit dem Wort „Heil“ dürfte es freilich manche Schwierigkeiten haben. Unter Glück Gesundheit und Heilung können sich alle etwas vorstellen, das ist etwas, was allen vertraut ist.

Aber was sagt Heil?

Ursprünglich hat das Wort „Heil“ all das bezeichnet: Glück, Gesundheit, Heilung und auch ewiges Heil. Aber allmählich hat sich die Bedeutung dieses Wortes verengt auf das „Seelenheil“. Auf das ewige Heil, und das Wort Glück trat neben das Wort Heil, und das Streben vieler richtete sich mehr und mehr auf das Glück. Ja, beide werden fast als Gegensätze empfunden in dem Sinn, dass man das Streben nach dem ewigen Heil als hinderlich für das Streben nach Glück ansieht.

Aber wer so empfindet, stellt alles auf den Kopf. Das wahre Glück ist vom eil nicht zu trennen. Dann das Glück lehrt uns ja verstehen, was Heil ist; und im Heil erst findet das noch immer unvollkommene Glück seine Erfüllung. „Alles Glück will Ewigkeit“, so hat es ein Dichter formuliert.

Etwas andere ist die Lust, die kurzlebige Lust, die wir bei der Befriedigung unserer Triebe erfahren. Aber Glück ist mehr als Lust. Zu ihm gehört auch die Erfahrung von Lebenssinn, zu ihm gehört Verstandensein, Angenommensein, gehört Geborgenheit. Das sind Erfahrungen, die tiefer gehen, die eine gewisse Dauer haben, aber noch keine endgültige; denn es ist begrenztes und zerbrechliches Glück. In seiner Vollkommenheit – das ist nur möglich als Geschenk Gottes – ist es das Heil. Das Heil ist nicht etwas grundsätzlich anderes als das Glück, sondern nur dessen letzte Erfüllung, die uns durch die Gemeinschaft mit Gott zuteil wird.

4             Aber weil wir von Gott nicht erst angenommen werden nach diesem Leben, sondern auch jetzt schon, deshalb ist auch das Heil nicht nur etwas Zukünftiges, sondern schon Gegenwärtiges. Und wir spüren von diesem, dem gegenwärtigen Heil, auch schon jetzt etwas, wenn wir uns im Vertrauen Gott hingeben, dann, wenn wir seine Liebe zu uns erwidern. Dadurch entsteht ja Gemeinschaft. Und in der Gemeinschaft mit Gott liegt unser Heil. Je größer unser Vertrauen ist, je größer die Hingabe, umso mehr wird dieses Heil erfahren. Aber voll wird es erst, wenn wir Gott unmittelbar erfassen, wenn der Glaube in das Schauen übergeht.

C             Das Lieb „O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist eine dringliche Bitte an Gott, er möge uns sein Heil schenken. Weil das Heil nicht nur von ihm abhängt, sondern auch von uns Menschen, ob und wieweit wir auf sein Angebot eingehen: deshalb ist dieses Lied indirekt auch ein Aufruf an uns, dass wir uns für Gott öffnen, uns ihm zuwenden und sein Angebot annehmen. Das tun heißt: Advent feiern.

 

Christkönig 34. Sonntag 1984

                                                                                                                                             Ex 34, 11-12.15-17

                                                                                                                                             Mt 25, 31-46

 

A             Wenn wir von einem König sprechen, meinen wir einen gekrönten Herrscher. Es ist damit noch gar nichts gesagt über die Macht, die er hat. Es gibt Könige, die nur Repräsentanten sind und selbst sehr wenig Macht haben, und es gibt Könige, die sehr große Macht haben. Der Name, der Titel allein sagt darüber nichts aus.

Wenn Jesus – auf die Frage des Pilatus - von sich sagt: „Ich bin ein König“, wenn wir ihn als König bezeichnen und verehren, dann ist das nicht nur ein schmückender Name; eines solchen Schmuckes bedarf er nicht; sondern dieser Titel weist hin auf die Macht, die ihm vom Vater übergeben ist. Welcher Art diese Macht ist, das müssen wir seiner Predigt entnehmen. Ein besonders wichtiger Zug wird in dem Evangelium, das wir eben gehört haben, dargestellt.

B1           Mit einem Satz gesagt: Christus ist König, heißt: Er ist der Richter der Menschen. Am Ende der Tage werden alle Völker, alle Menschen vor ihm zusammengerufen, und er wird sie in zwei Gruppen scheiden, so wie ein Hirte am Abend, wenn er von der Weide mit den Tieren zurückkehrt, die Schafe von den Böcken scheidet. Die einen wird er zu seiner Rechten, die anderen zu seiner Linken versammeln. Rechts und links sind Sinnbilder für Heil und Unheil.

2a           Im Einzelnen bedeutet das, dass das entscheidende Urteil über uns nicht Menschen fällen, sondern der Menschensohn, wie er hier genannt wird: Christus, der König. Zwischen beiden, dem Urteil der Menschen und dem Urteil Christi besteht meist ein erheblicher Unterschied. Was jetzt in den Augen anderer groß sein mag, das wird dann klein ein, und was jetzt völlig unbeachtet bleibt, das wird sich dann als groß erweisen. Obwohl wir das alles wissen, liegt uns doch oft viel mehr am Urteil unserer Umwelt als an dem Urteil Christi.

Da gibt es Streit und Zerwürfnisse, weil man nicht für dumm angesehen werden will, weil man glaubt, herabgesetzt worden zu sein, weil man übergangen wurde, obwohl wir wissen, dass uns gerade Verzeihen und Versöhnung vor Gott, vor Christus groß machen. Und er ist es doch, der das letzte, das entscheidende Urteil spricht, von dem alles abhängt, während das Urteil unserer Umwelt oft schief und oberflächlich ist – in seiner Bedeutung mit dem anderer überhaupt nicht zu vergleichen ist. Nicht auf das Urteil der anderen kommt es an und auch nicht darauf, dass wir selbst mit uns zufrieden sind, dass wir überzeugt sind, sagen zu können: Im Vergleich mit den anderen darf ich mit mir mehr als zufrieden sein

Genauso schief wie die Urteile der anderen sind auch solche Vergleiche. „Ich richte mich nicht selbst“, sagt Paulus, „der mich richtet, ist der Herr.“ Damit will nicht gesagt sein, dass wir ständig mit einem anklagenden, schlechten Gewissen herumlaufen sollen. Das wäre das andere Extrem zu einer selbstgenügsamen Zufriedenheit. Nicht so und nicht so: Wir sollen vielmehr wachsam bleiben, selbstkritisch und immer Strebende bleiben.

b)           Worauf es Jesus beim Gericht vor allem ankommt: darüber lässt er uns nicht im Unklaren. Es ist das Verhalten den Armen, den Verachteten, den Hilflosen gegenüber. Bildhaft gesagt: Er wird uns danach beurteilen, ob und wieweit wir uns gebückt haben, zu denen hinunter, die unsere Hilfe brauchen, den Nahen und Fernen, Bekannten und Unbekannten. Und er erklärt, dass wir uns, indem wir uns zu ihnen hinuntergebeugt haben, zu ihm hinuntergebeugt haben, dass wir das Gute, das wir ihnen getan haben, ihm getan haben. Er stellt sich auf ihre Seite, solidarisch mit ihnen, so dass wir ihn nicht ohne sie heben können, dass wir nicht zu ihm ja sagen können, ohne nicht auch zu ihnen ja zu sagen.

c)            Einen besonderen Akzent setzt unsere Erzählung vom Gericht dadurch, dass der Richter denen seiner Linken nicht Untertan zur Last legt, Raub, Verleumdung, Todschlag, sondern dass er nur Unterlassungen nennt: „Ich war hungrig, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben … Ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet.“

Ja, wenn es nur auf die Taten ankäme, dann stünden wir vielleicht gar nicht so schlecht da. Aber ganz anders ist es, wenn wir an das denken, was wir den vielen Bedürftigen hätten tun können, aber nicht getan haben, und dies nicht aus direktem bösen Willen, sondern aus Bequemlichkeit, aus Blindheit oder aus mangelnder innerer Zucht: dass wir uns so haben beherrschen lassen von den eigenen Interessen, dass es uns an der nötigen Offenheit fehlte.

Wir sollen uns, wenn wir dieses Evangelium hören, nicht im Geist sofort auf die Seite derer einordnen, die zur Rechten stehen, sondern uns auch von der Möglichkeit erschüttern lassen, hören zu müssen: Du hast mich nicht angenommen, du hast mich nicht besucht, du hast mir nicht geholfen, du hast immer nur an dich selbst gedacht. Jesus spricht hier zu seinen Jüngern, nicht unmittelbar zu Wucherern und Taschendieben oder zu denen, die in den Villen am Meer ihr Leben genossen. Das hier ist ein Aufruf an uns alle, mit uns ins Gericht zu gehen, damit er nicht mit uns ins Gericht geht.

d)           Es bleibt noch die Frage: Wenn entscheidend ist, was Jesus hier in das Wort fasst „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, bedeutet das dann, dass alles andere unwichtig ist: Vertrauen, Gebet, Gottesliebe, Opfer? Keineswegs! Die Hilfsbereitschaft ersetzt all das nicht. Aber ein lebendiger Glaube, zu dem Vertrauen, Gebet usw. gehören, muss sich auch in dieser Weise auswirken. Wenn das nicht der Fall ist, dann wäre das auch ein Zeichen dafür, dass diese Gottesbeziehung nicht in Ordnung ist.

Jesus sagt nicht an jeder Stelle alles. Er weist einmal auf dieses, ein anderes mal auf etwas anderes hin, und das eine muss sich mit dem anderen verbinden. Nichts von dem, was wesentlich ist, darf fehlen, und das, worauf er hier hinweist, ist ein ganz wesentlicher Punkt des Glaubens, der Punkt, an dem sich der Ernst unseres Glaubens zeigt.

C             Das Christ-König-Fest ist ein Bekenntnistag. In der Zeit des Dritten Reiches war es der große Bekenntnistag der Jugend, die sich mit dem Bekenntnis zu Christus und der Treue zu ihm gegen die Ansprüche des sog. Führers ausgesprochen hat. Diese Herausforderung besteht bei uns hier und heute nicht mehr. Verstehen wir deshalb unser Bekenntnis zu Christus als Parteinahme für die, mit denen sich Jesus hier in unserem Evangelium zusammenschließt, mit den Geringsten, wie er sie einfach nennt. „Was ihr ihnen tut, das tut ihr mir.“

33. Sonntag 1984

                                                                                                                      Mt 25, 14 – 30

A          Wie viele Gleichniserzählungen, so ist auch diese klar übersichtlich angelegt: Ein reicher Mann geht auf Reisen und übergibt sein Vermögen seinen Angestellten: dem einen mehr, dem anderen weniger, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann wird erzählt, was die einzelnen tun in der Zeit der Abwesenheit ihres Herrn, wie sie mit dem ihnen Anvertrauten umgehen.

Der dritte Abschnitt ist eine Rechenschaftsablage der einzelnen bei der Rückkunft des Herrn: Der fünf Talente erhalten hatte, hatte ebensoviel dazugewonnen, ebenso der, der zwei hatte. Nur der eins bekommen hatte, hatte nichts dazugewonnen. Dem wird auch dieses dann genommen, und er wird verstoßen. Am Schluss steht eine Art Sprichwort: „Wer hat, dem wird gegeben; wer nicht hat, dem wird auch das noch weggenommen, was er hat.“ Heißt das, dass das Leistungsprinzip auch vor Gott gilt? – Das sei unsere Frage.

 

B1        Setzen wir an bei einigen allgemeinen Überlegungen. Das Wort Leistung finden wir im NT nicht. Ich weiß jedenfalls keine Stelle. Relativ häufig aber ist vom Lohn die Rede, und zwischen Leistung und Lohn besteht ein Zusammenhang. Unser Evangelium ist ein Beispiel dafür: Die beiden, die etwas geleistet haben, werden belohnt, während der Dritte, der das Talent in die Erde versteck hat und nichts geleistet hat, getadelt und bestraft wird. Oder denken wir an Jesu Wort: „Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ Umgekehrt sagt Jesus von denen, die fromme Werke nur tun, um gesehen zu werden, dass sie keinen Lohn zu erwarten haben.

Auch alle Worte, die von den Bedingungen handeln, um in das Reich Gottes einzugehen, schließen den Lohngedanken mit ein, ebenso die Worte und Gleichnisse, die vom Gericht sprechen. Der Weg zum Leben ist schmal und steil, und die Pforte ist eng. Den Gedanken des Lohnes und damit auch der Leistung kann man aus der Lehre Jesu nicht herauslösen, nicht ausklammern. - Das ist das Erste.

2          Ein Zweites, was zu sehen ist: Der Lohn, um den es geht, ist immer die Gemeinschaft mit Gott, die Aufnahme in das Reich Gottes; d.h. es ist immer ein jenseitiger Lohn, kein diesseitiger. Hier auf Erden lässt Gott seine Sonne über Gute und Böse scheinen; hier muss der Gute oft Leid erdulden, während der andere in Glück lebt. Ja, Jesus preist sogar die Armen, die Trauernden, die Verfolgten selig, während er den Reichen ein Wehe zuruft. Der Lohn, von dem Jesus spricht, ist – kurz gesagt – der Himmel.

3          Ein Drittes: Der Lohngedanke soll oder darf nach Jesu Worten nicht obenan stehen; obendran muss Gott selbst stehen. Auf ihn ist die wahre Frömmigkeit gerichtet, wie es das Hauptgebot der Liebe unmissverständlich sagt: “Du sollst den Herrn deinen Gott lieben: Das ist das erste und höchste Gebot.“ Wir sollen ihn lieben, weil er uns liebt und weil er uns als seine Söhne und Töchter angenommen hat. Das muss das Hauptmotiv sein. Aber das verbietet nicht, dass der Lohngedanke als Nebenmotiv mitklingt.

Man darf den Menschen nicht sehen wie einen Erzklumpen, bei dem man alles reinlich ausscheiden kann, was nicht Silber, nicht Kupfer, nicht Eisen usw. ist. Der Mensch ist eher mit dem Klang einer Glocke vergleichbar, die zwar auf einen Hauptton abgestimmt ist, bei der aber mehrere andere Töne mitklingen. Gerade das macht ja die Schönheit des Glockenklanges aus. Bestimmend muss die Gottesliebe sein, aber der Lohngedanke darf, ja soll mitklingen.

4          Wichtig ist ferner, dass wir den Lohn, bei Gott als Gnadenlohn verstehen, als Lohn, auf den wir keinen Anspruch haben, den man nicht einfordern kann. Das ist schon deshalb so, weil Leistung und Lohn in jedem Fall völlig ungleich sind. Selbst das Opfer eines Märtyrers bedeutet nichts im Vergleich zu dem, was Gott uns verheißen hat, zur beseligenden Gemeinschaft mit Gott, ganz abgesehen davon, dass es keinen Anspruch auf die Liebe gibt, die diese Gemeinschaft begründet. Sie kann man sich nur schenken lassen. Sie ist immer Gnade.

5          Ein weiterer Gesichtspunkt schließlich wir durch unser Gleichnis vom anvertrauten Geld dargestellt, nämlich dass das, was Gott von uns erwartet, immer abhängt von den Voraussetzungen. Wir Menschen sind vor ihm nicht wie technische Werkstücke: eines genauso wie das andere. Es ist jeder ein Einmaliger, was die natürliche Veranlagung betrifft und auch, was die Begnadung anbelangt.

Hier ist das sehr schematisch dargestellt: Der eine bekam fünf, der andere drei, der letzte nur ein Talent. In Wirklichkeit ist das natürlich viel komplizierter, weil es verschiedene Gaben, verschiedene Begnadigungen gibt, die man nicht miteinander vergleichen kann, und sie liegen auch nicht so offen wie die empfangenen Talente hier. Es kennt sie genau nur Gott – wir nicht: nicht nur bei anderen nicht, sondern auch bei uns selbst. Denn was in uns steckt, wozu wir fähig sind, was uns gegeben ist an Gnaden, das wird erst im Tun offenbar, das weiß man nicht von vornherein. Der Diener, dem das eine Talent gegeben wurde in jenem Gleichnis, sagt: Ich hatte Angst, deshalb hatte er es versteckt. Es fehlte ihm der Mut und noch mehr die Demut, sein Talent einzusetzen, und so vergibt er, was er hat.

Es ist wohl nicht zufällig, dass es der ist, der nur das eine Talent empfangen hat. Hat er nur auf das geschaut, was die anderen hatten, hat er das, was er hatte, geringgeschätzt und gemeint, darauf käme es nicht an. Keiner darf sagen: Auf mich kommt es doch nicht an, was ich einbringen kann, das ist doch völlig unwichtig. Nein nichts ist unwichtig. Niemand darf sich so unwichtig einschätzen, sich also selbst als Null abstempeln, denn die gibt es nicht. Jeder hat seine Talente, möglicherweise auch nur ein halbes. Und mit dem, was wir haben, müssen wir tätig sein im Interesse Gottes und zu unserem eigenen Heil.

 

C          Der Wert des Lohnmotivs - des Nebenmotivs – liegt darin, dass es uns aus dem alltäglichen Leben vertraut ist. Jede Mühe zielt auf irgendeinen Lohn hin – Lohn im weiteren Sinn, nicht nur im Sinn des Geldes.

Was tun wir um dieses oder jenes vergänglichen Lohnes willen, und was tun wir im Vergleich dazu um des ewigen Lohnes willen! Geben wir – angewandt auf uns selbst – dieser Frage heute etwas nach!

32. Sonntag 1984

Die Hochzeit und die klugen Jungfrauen                                                      Mt 25, 1 – 13

 

A          Die Hochzeiten sind nach Zeit und Ort recht verschieden. In der Zeit Jesu war es üblich, dass der Bräutigam an die Eltern der Braut einen Brautpreis zahlen musste, und auch die Verwandten der Braut hatten einen Anspruch auf entsprechende Geschenke.

Die Verhandlungen über den Brautpreis und über die Geschenke wurden oft erst am Abend vor der Hochzeit endgültig geregelt und es versteht sich, dass es dabei zu Verzögerungen kommen konnte. Das längere Ausbleiben des Bräutigams in unserem Gleichnis hat darin wohl seinen Grund. Man muss aber die Hochzeitsbräuche damals und dort nicht unbedingt kennen. Man versteht dieses Gleichnis von den zehn Jungfrauen auch so. Worauf es Jesus ankommt, das macht die Erzählung für sich ausreichend deutlich.

 

B1        Klar ist zunächst dies: dass das Warten der Brautjungfrauen auf den Bräutigam ein Bild für das Warten der Gläubigen auf Christus ist: das Warten auf seine Wiederkunft am Ende der Zeit oder auch das Warten auf die Begegnung mit ihm im Tod.

Das Warten auf die Wiederkunft Christi gehört zwar mit zu einer gläubigen Haltung, und wir bekennen sie an mehreren Stellen in der Liturgie, etwa in der Anrufung nach der Wandlung: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Aber im Allgemeinen ist dieser Glaube nicht sehr ausgeprägt, jedenfalls wenigstens schwächer als etwa bei den Zeugen Jehovas. Wir sollten diesen Glauben aber nicht den Zeugen Jehovas überlassen, sondern auch selbst in dieser Erwartung leben und unser Leben daraufhin ausrichten. Es ist verständlich, dass die Erwartung der Begegnung mit Jesus im Tod eine größere Rolle spielt als die Begegnung mit dem wiederkommenden Christus. Aber die beiden sind kein Gegensatz, sondern sie gehören zusammen.

Es gibt auch andere Gleichnisse im NT, die von dieser Erwartung handeln, etwa das Gleichnis vom wachsamen Hausherrn oder das Gleichnis vom treuen und schlechten Knecht. In diesem heißt es: „Selig der Knecht, den der Herr wach findet, wenn er kommt.“ Hier in diesem Gleichnis ist das Bild etwas anders. Es schlafen nicht nur die fünf törichten Jungfrauen, sondern von allen heißt es: „Als der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.“

Es hat keinen Sinn, hier anzuklagen und den Klugen vorzuwerfen, sie hätten doch teilen können, sie haben unsozial und unchristlich gehandelt. Es ist ein Gleichnis, und bei diesem kommt es nicht auf das Geschehene selbst an, sondern auf seine Bedeutung.

In den törichten Jungfrauen stehen die vor uns, die nicht an die Zukunft gedacht haben, die nicht vorgesorgt haben und die nun mit leeren Lampen und mit leeren Händen dastehen.

b)         Die einen und die anderen kennen den Bräutigam und wissen um sein Kommen, aber nur die einen ziehen die praktischen Konsequenzen aus diesem Wissen, aus ihrem Glauben. In ihnen spiegeln sich also nicht Gläubige und Ungläubige wider, sondern die Klugen stehen für die, die ihren Glauben auch leben, und die Törichten für die, für die er ein Lippenbekenntnis ist. Es fehlt ihnen nicht das Glaubensbewusstsein, aber es fehlt ihnen an praktischem Ernst, am Durchhaltewillen, an Treue, an der Bereitschaft zum täglichen neuen Anfangen.

 

3          Es gibt eine berühmte Darstellung unseres Gleichnisses, und zwar am Straßburger Münster. Dort sind die Klugen und törichten Jungfrauen als Portalfiguren einander gegenübergestellt: die einen mit Christus, mit dem himmlischen Bräutigam; die anderen mit dem Versucher. Dieser hält denen, die auf seiner Seite stehen, den Apfel hin, das Symbol der Verführung. Die, die unmittelbar daneben steht, wendet sich lächelnd diesem Angebot zu. Die anderen haben bereits gekostet, und es sind ihnen die Augen aufgegangen, aber leider zu spät.

 

4          Mit dem Gleichnis wird uns also ein Zweifaches gesagt:

Das Erste: Wir müssen ernstlich mit dem Kommen Christi rechnen, wir müssen jederzeit nach ihm Ausschau halten. Mag das Warten noch so lang dauern, die Länge der Zeit ändert nichts an der Tatsache selbst. –

Das Zweite: dieser Glaube darf nicht bloß Gedanke bleiben. Wir müssen vorsorgen, so dass wir jederzeit für die Begegnung mit Christus, mit Gott bereit sind.

Denken wir zum Vergleich daran, was getan wird, wenn man Gäste erwartet! Was wird dafür nicht Erwartung an Zeit, Kraft und auch Geld aufgewendet. – Man möchte einen guten Eindruck machen, möchte zeigen, dass man weiß, was sich gehört, man möchte sich nichts nachsagen lassen“, man möchte vor den Gästen bestehen können.

Und was geschieht in Erwartung dessen, der uns hier im Bild des Bräutigams vorgestellt wird! Freilich, wir wissen nicht genau, wann er kommt. Im anderen Fall sind Tag und Stunde genau miteinander vereinbart. Aber es geht doch auch um einen ganz anderen Gast! Nicht um meinesgleichen, um einen, dessen Wohlwollen mir nicht nur Vorteile bringen kann, den ich mir „warmhalten“ muss, sondern um den, an dem sich mein Leben entscheidet.

Und das, was wir in Erwartung auf sein Kommen tun sollen, das kommt eigentlich nicht ihm zugute, sondern uns selbst und all denen, mit denen wir leben. Je mehr wir uns an Gottes Willen halten, umsomehr gewinnt unser Leben. Und dieses Kommen ist nicht nur etwas, was eben auch geschieht neben anderem, sondern es ist das Ziel, auf das mein ganzes Leben hingerichtet sein muss. Man kann nicht für alles und jedes in diesem Leben gerüstet sein; aber wir können und sollen in jeder Phase unseres Lebens für „ihn“ bereit sein. Das verlangt nichts Außergewöhnliches, sondern eben dies, dass wir uns an seinem Leben und seinem Wort ausrichten: heute, morgen und jeden Tag.

 

C          Die Lampen der törichten Jungfrauen sind erloschen. Bei den Darstellungen am Straßburger Münster liegt sie bei der einen auf dem Boden, die anderen halten sie so, dass man sieht, dass sie leer sind, dass sie nicht mehr brennen.

Bei unserer Taufe wurde stellvertretend für uns unserem Paten eine Kerze überreicht und dabei gesprochen: „Das Kind soll als Kind des Lichtes leben, sich im Glauben bewähren und dem Herrn … entgegengehen, wenn er kommt in Herrlichkeit.“

Das will uns unser Evangelium bewusst machen, und dazu ruft es uns auf: Dass wir wachsam sind, dass wir als Menschen des Lichtes leben, dass wir sorgen, dass dieses Licht nicht erlischt.

31. Sonntag 1984

Mt 23, 1 – 12

 

A                            Die Worte Jesu gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer, die wir eben als Evangelium gehört haben, könnten zu der Frage veranlassen: Was gehen denn diese uns heute noch an, in einer Zeit, in der es weder Schriftgelehrte noch Pharisäer gibt. Es ist richtig, dass es diese Gruppen heute nicht mehr gibt. Aber die Worte Jesu gelten nicht nur für diese, für die damaligen geistigen Führer des Volkes; sondern sie haben auch uns Heutigen etwas zu sagen, und zwar nicht nur dieser oder jener Gruppe, sondern uns allen.

 

B1a)    Gehen wir aus von dem Wort Jesu an die Jünger gleich zu Beginn: „Die Schriftgelehrten und Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Moses gesetzt. Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun.“

Insofern die Schriftgelehrten das Gesetz des Moses erforschen und auslegen, verdienen sie Beachtung. Als solche verkünden sie nicht ihre eigene Weisheit, sondern den Willen Gottes. An dem sich jeder ausrichten soll. Das ist zu unterscheiden von ihrer Lebenspraxis. Es ist zwar traurig, dass sie selbst nicht tun, was sie als Willen Gottes erkennen, aber dieser Mangel ist kein Einwand gegen das Gesetz selbst, gegen den Willen Gottes, wie er in der Schrift niedergelegt ist. Jesus mutet hier seinen Jüngern wirklich etwas zu: sie sollen unterscheiden zwischen den Worten und den Taten und das Urteil über die Taten nicht zum Urteil über die Worte machen.

Er selbst hat sie nicht in diese Schwierigkeit versetzt. Bei ihm stimmen Worte und Taten völlig zusammen, ja sein Leben ist die eindrucksvolle Veranschaulichung seiner Botschaft. Aber was er, der Sohn des himmlischen Vaters, verkündet, das vermag kein Mensch. Das vermochten die pharisäischen Schriftgelehrten nicht, das vermögen auch die Jünger Jesu nicht. Es bleibt in jedem Fall eine Differenz. Freilich ist die bei denen, die Jesus hier im Auge hat, besonders groß. Je größer dieses Gefälle ist zwischen den Worten und den Taten, umso größer ist auch die Zumutung, die in dieser Anforderung Jesu lieget: „Tut und befolgt, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun.“ Sie müssen auch wir in jedem Fall ertragen.

b)         Kritik an der Kirche, gemeint als Kritik an den Amtsträgern der Kirche, ist heute ein beliebtes Thema. Sie gibt dazu auch wirklich Anlass, wie sie eine Kirche von Menschen ist. Wenn wir aber das unumgängliche Gefälle von Ideal und Wirklichkeit anerkennen, dann muss die Kritik immer mit Güte, mit Verständnis verbunden sein. Auch der, der Kritik übt, bleibt als Christ hinter dem Ideal der Verkündigung zurück. Deshalb muss er die Entschuldigung, die er für sich selbst braucht, auch anderen zukommen lassen. Gerade als Christen sollten wir das eigentlich können und praktizieren: dass wir die notwendige Kritik verbinden mit der immer geforderten Güte und – worauf es hier ankommt – dass wir unterscheiden zwischen der Wahrheit und der Lebenspraxis.

2a)       Zunächst nimmt Jesus in unserem Evangelium die Schriftgelehrten und Pharisäer gewissermaßen in Schutz. Er verteidigt sie als Lehrer des Gesetzes. Im zweiten Teil geht er näher auf ihre Praxis ein. Er hält ihnen vor, dass ihr Handeln nur darauf gerichtet sei, den Menschen zu gefallen, Eindruck zu machen, Ansehen zu gewinnen. Sie möchten bei ihnen als fromme, gottesfürchtige Menschen gelten. Sie erkennen die Frömmigkeit durchaus als einen Wert, ja als den Wert, aber sie bemühen sich leider nicht darum, fromm zu sein, sondern nur als fromm zu gelten, sie wollen es in den Augen ihrer Mitmenschen sein und nicht in den Augen Gottes.

b)         Wenn wir in den Spiegel dieser Worte schauen, dann erkennen wir uns sicher auch darin, nur mit dem Unterschied, dass es im Allgemeinen nicht darum geht, als fromm zu erscheinen, sondern einfach bei den Menschen etwas zu gelten, anerkannt zu sein. Man möchte angesehen sein als jemand, der etwas kann, der etwas hat. Hier wird sicher nicht in Abrede gestellt, dass der Mensch auch Anerkennung braucht, sondern die Art und Weise bloßgestellt, wie er sie zu gewinnen sucht, und gezeigt, dass vieles doch nur Schein ist.

 

3          Was die wahre Güte ausmacht, das sagt Jesus im Schlussteil dieses Abschnittes: „Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Das deutlichste Beispiel dieser Wahrheit gibt uns Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus, der sich in ihm erniedrigt hat für uns, erniedrigt bis zum Tod am Kreuz. Wie hätte er uns seine Liebe anschaulicher zeigen können als so, und wie könnte er uns seine Größe anschaulicher zeigen als durch seine Liebe?

Die Wahrheit dieses Wortes können wir aber nicht nur an diesem nicht mehr überbietbaren und einzigartigen Beispiel erkennen. Wir könne sie auch am Verhalten unserer Mitmenschen erkennen. Wer steht größer vor uns: der in großen Tönen von dem spricht, was er tut, der seine Leistung zur Schau stellt, oder der, der einfach tut, was recht ist, was er kann. Wir sind uns hier alle einig: der Letztgenannte.

Was uns das Evangelium sagt: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“, das entspricht ganz unserem Urteil über andere. Es ist sogar vom „Erniedrigen“ die Rede, und das ist mehr als sich nicht zur Schau stellen, aber es ist auch keine Selbstabwertung. Sondern mit diesem „erniedrigen“ wird auf die Haltung des Dieners hingewiesen. So wie sich Jesus erniedrigt hat, um uns zu dienen, so sollen auch wir einander dienen – in den vielen Formen, in denen dieses möglich ist.

In dieser Haltung des Dienens einen Wert sehen, und zwar ganz allgemein, das kann man eigentlich nur, wenn man auf Jesus schaut. Oder anders gesagt: Wenn wir an Jesus Christus glauben und an ihm unser Leben ausrichten, dann müssen wir in dieser Haltung des Dienens den großen Wert sehen.

Dieses Wort Jesu vom „sich-Erhöhen und sich-Erniedrigen“ findet sich im Mt-Evangelium zweimal, im Mk-Evangelium ebenfalls zweimal, und im Lk-Evangelium findet es sich viermal. Das ist ein Zeichen dafür, dass man ihm einen ganz großen Wert beigemessen hat, dass ihm ein ganz großer Wert zukommt.

C          Schauen wir zurück: Unser Evangelium ist insgesamt ein Aufruf an uns, zu prüfen, ob zwischen unserem Bekenntnis als Christ und unserem Leben eine Übereinstimmung besteht.

Müssen wir auch zugestehen, dass zwischen unserem Vorbild, Christus, und unserem Leben immer ein Gefälle besteht, das wir nicht überwinden können, so müssen wir das doch deutlich unterscheiden von einer Unwahrheit des Lebens, bei der die grundsätzliche Einstellung dem Vorbild nicht entspricht, wo man von Gott spricht und nur sich selbst sucht, bzw. wo es um ein Gefälle geht, das man guten Willens verringern kann. Was man kann, das müssen wir auch tun. Und was darüber hinausgeht: darum müssen wir Gott immer wieder um Verzeihung bitten.

Allerheiligen 1984

                                                                                                                                                     1. Joh 3, 1 – 3

                                                                                                                                                      Mt 5, 1 – 12a

A          Zu denen, deren Fest wir heute feiern – alle Heiligen – gehört auch der hl. Bischof Polykarp von Smyrna, der seinen Glauben durch das Martyrium bezeugt hat. Auf dem Scheiterhaufen betete er mit lauter Stimme: „Ich preise dich, Herr, dass du mich dieses Tages und dieser Stunde gewürdigt hast, dass ich unter deinen Märtyrern Anteil erhalte am Kelch deines Christus“. Dieses Gebet ist uns aufgeschrieben im Bericht, den die Gemeinde von Smyrna noch im gleichen Jahr über das Martyrium dieses Bischofs versandt hat. Darin wird auch bemerkt, dass man jedes Jahr am Grab des Bischofs seinen Todestag begehen wolle.

Dies ist eines der Beispiele dafür, dass man schon sehr früh einem Märtyrer ein Jahresgedächtnis gewidmet hat. In den großen Städten, wie Rom und Antiochien, war die Zahl der Märtyrer so groß, dass es nicht mehr möglich war, für jeden einen besonderen Gedächtnistag zu begehen. Man ging zudem dazu über, dass man nicht nur Märtyrern ein solches Gedächtnis widmete, sondern auch den Bekennern, die die Verfolgungszeit zwar überstanden hatten, die aber ihren Glauben in Kerker und Verbannung gelebt, und schließlich auch solchen Bekennern, die in früheren Zeiten ein besonders eindrucksvolles christliches Leben geführt haben. Aus der Unmöglichkeit, dieser aller je für sich zu gedenken und auch im Hinblick auf die unzählige Schar der unbekannten Heiligen entstand das Fest Allerheiligen; seit dem 9. Jhdt. wird es am heutigen Tag, am 1. November, begangen.

Es ist entstanden als Gedächtnistag, es hat aber zugleich die Bedeutung, uns auf den Wert der Heiligkeit hinzuweisen, der für unser persönliches Leben von größter Bedeutung ist.

 

B1        Das 2. Vatikanische Konzil hat in seiner Konstitution über die Kirche ein eigenes Kapitel aufgenommen, das von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit handelt. Das war nicht von Anfang an vorgesehen, sondern entstand erst im Lauf der Verhandlungen. Vorgesehen war an dieser Stelle das Kapitel über den Ordensstand in der Kirche. Dieses steht auch noch im Text; aber vorgeordnet wurde ihm das andere, das sich mit der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit befasst. Die Absicht ist klar: Man wollte verhindern, dass nicht der Eindruck entsteht, das Streben nach Heiligkeit sei bloß Sache der Ordensleute. Es sollte deutlich werden, dass alle Glieder der Kirche zur Heiligkeit berufen sind.

Das sagt uns nicht nur das Konzil, das sagt uns Gott selbst. Die entsprechenden Hinweise finden wir im NT, etwa im 1. Thess-Brief, wo es heißt: „Das ist Gottes Wille, euere Heiligung, oder im Eph-Brief, wo wir gemahnt werden zu leben, „wie es Heiligen geziemt“. Und im Kol.-Brief heißt es: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum ziehet Erbarmen, Güte, Demut (usw.) an.“

Das Streben nach Heiligkeit ist die Konsequenz, die sich aus der Taufe und der Firmung ergibt, in denen uns der Heilige Geist geschenkt wurde, durch den wir geheiligt sind. Als solche, als Geheiligte, sollen wir leben; wer so lebt, ist ein Heiliger, oder noch besser: Wer danach strebt, ist ein Heiliger.

 

2          In der Vergangenheit – in bestimmten Zeiten – bediente man sich bei der Beschreibung der Heiligenleben oft Klischees. Es gehörten zu einem Heiligen ganz bestimmte Züge, die ihn eben als solchen auszeichnen. Demgegenüber sagt das Konzil: „Jeder muss nach seinen eigenen Gaben und Gnaden auf dem Weg des lebendigen Glaubens, (der Hoffnung weckt und durch die Liebe wirksam,) … vorangehen und muss sich entfalten „in den verschiedenen Verhältnissen und Aufgaben des Lebens.“ Heiligkeit ist also nichts Uniformes, sondern etwas sehr Individuelles. So wie jeder Mensch etwas Einmaliges ist, so ist auch jede Heiligkeit etwas Einmaliges.

Die Heiligkeit eines Bischofs hat eine andere Gestalt als die Heiligkeit eines Mönchs, vom Auftrag her und immer auch von der persönlichen Eigenart her. Ebenso ist die Heiligkeit von Eheleuten und Eltern eine andere als die von Unverheirateten, von Ordensleuten. Die Umsetzung des Grundgebotes der Liebe zu Gott und zum Nächsten, die die Heiligkeit begründe, hat bei jedem einen eigenen Charakter.

 

3          Diese Einsicht zu vermitteln ist verhältnismäßig einfach. Schwieriger ist es, den Willen zu dem Streben nach Heiligkeit zu bewegen, schwierig bei uns selbst, schwieriger erst recht bei anderen. Die Einsicht an sich hat natürlich schon ihren Wert. Aber gibt es noch andere Beweggründe dafür?

a)         Ein Motiv ist die Verheißung, die Christus uns gegeben hat und auf die wir in der Lesung hingewiesen worden sind: Es heißt dort: „… Jetzt sind wir Kinder Gottes. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird: dann werden wir ihn sehen, wie er ist. Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich.“

Das Leben jetzt in seiner Enge, seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit ist noch nicht das volle Leben. In dieses soll es münden. Wir sollen es nicht einfach passiv erwarten, sondern wir sollen tiefer in es hineinwachsen. „Jeder, der dies … hofft, heiligt sich“, d.h. lebt auch, was er glaubt, was er erhofft.

b)         Das nämliche sagen uns die Worte des Evangeliums, die sog. Seligpreisungen, die alle mit der Verheißung enden: „Denn ihnen gehört das Himmelreich“ oder mit Umschreibungen dieser Verheißung. Die einzelnen Sätze zeigen auch, dass mit dieser Hoffnung dieses Leben nicht übersprungen oder geringgeachtet wird. Die Verheißungen sind gebunden an Bedingungen, die sich auf dieses Leben beziehen: an die Gesinnung der Armut, an Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit. Wenn wir diese Werte leben – nicht nur an andere stellen oder von ihnen fordern -, dann erfahren wir auch, dass dies große Werte sind, dann erleben wir etwas von ihrem Wert, und gerade diese Erfahrung kann uns bewegen, mit ihnen wirklich ernst zu machen. Jeder Heilige sagt es uns – ausdrücklich oder nicht ausdrücklich: Es gibt nichts, was den Menschen tiefer erfüllen kann und mehr beglücken kann, als den Weg zu gehen, den Christus gegangen ist, den er uns durch seine Predigt gewiesen hat; und das ist eben der Weg der Heiligkeit.

 

C          Es ist kein Zufall, dass dem Allerheiligenfest der Allerseelentag folgt und dass der Übergang vom einen zum anderen fließend ist; ja in der Allgemeinheit fallen sie ganz zusammen.

Wenn wir an alle Heiligen im Himmel denken, dann hoffen wir, dass zu ihnen auch die zählen, die uns im Leben nahegestanden sind, die wir geschätzt und geliebt haben. Die innere Gemeinschaft mit ihnen soll uns in der Hoffnung auf die Verheißung Christi bestärken und damit auch in dem Bestreben, heilig zu leben.


Bildung

Bei der Wiedereröffnung des Klosters erhielt Seligenthal im Jahr 1835 von König Ludwig I. den Auftrag, sich der Mädchenbildung zu widmen. Bald trat eine große Schar von Schwestern ein, die Schülerzahl wuchs stetig und die Ausbildungsrichtungen differenzierten sich im Lauf von 170 Jahren immer mehr. Heute liegt das Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung, die im Jahr etwa 1.900 Kinder, Jugendliche und Studierende auf ihrem Bildungs- und Ausbildungsweg begleitet und betreut.


Ein Zentrum - viele Perspektiven

7 Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in einer Hand

 

Zum Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung Seligenthal gehören heute:

  • Der Kindergarten Seligenthal mit fünf Gruppen, in dem die Kinder nach anerkannten pädagogischen Konzepten auf verschiedenen Ebenen angesprochen und begleitet werden.
  • Der Kinderhort Seligenthal, in dem etwa 200 Buben und Mädchen in acht Gruppen betreut werden: Beim Mittagessen, bei der Erledigung der Hausaufgaben und der aktiven Freizeitgestaltung. Im Allgemeinen besuchen die Kinder des Horts unsere eigene Grundschule.
  • Die private Grundschule Seligenthal mit zwölf Klassen, in der die Kinder eine umfassende schulische Grundbildung und eine kindgerechte Glaubensgrundlage erhalten sollen. Als Konfessionsschule steht sie nur Kindern offen, die einem christlichen Bekenntnis angehören.
  • In der Ganztagsbetreuung Seligenthal werden an Schultagen Kinder der 5. bis 7. Jahrgangsstufe betreut werden. Die Betreuung beinhaltet Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung sowie Freizeitgestaltung.
  • Die Wirtschaftsschule Seligenthal, in der eine zwei-, vier- oder fünf-stufige Schulbildung mit dem Abschluss  "Mittlere Reife" angeboten wird. Sie öffnet Mädchen und Jungen die Tür zu allen Ausbildungsberufen und schafft ihnen auf dem Ausbildungsmarkt einen deutlichen Vorteil. Den Schülerinnen und Schülern der Wirtschaftsschule wird die Ganztagsbetreuung sowie der Zugang zum Mensa-System angeboten.
  • Das Gymnasium Seligenthal bietet den sprachlichen Zweig an und ist außerdem ein Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Gymnasium mit sozialwissenschaftlichem Profil. Es gibt desweiteren einen musischen Zweig sowie eine Fußball- und Chorklasse, um auf die unterschiedlichen Begabungen der Schülerinnen und Schüler einzugehen und deren Freude am Lernen zu fördern. Eine Schulmensa steht allen Schülerinnen und Schülern mit einem täglich wechselndes Angebot zur Verfügung. Das Gymnasium hat das Motto: "Aus der Tradition Zukunft gestalten."
  • Die Fachakademie für Sozialpädagogik ist zweizügig und bildet insgesamt rund 146 Studierende pro Schuljahr aus. Hinzu kommen die 102 Schülerinnen des sozialpädagogischen Seminars (SPS). In diesem Schuljahr hat die Schule die Selbstevaluation an Schulen, kurz SEIS genannt, erfolgreich abgeschlossen.


Einzelheiten über das Bildungszentrum und seinen Einrichtungen erfahren Sie hier direkt auf der Homepage der Schulstiftung Seligenthal.


Führungen

Führungen in der Abteikirche und der Afrakapelle sind nach dem Sonntagsgottesdienst ab ca. 10:30 Uhr möglich. Um rechtzeitige Anmeldung an der Klosterpforte unter Tel. 0871 / 8210  oder direkt per Mail an m.petra@seligenthal.de wird gebeten.


Vorträge

Seligenthaler Gespräche und andere Workshops

In Zusammenarbeit mit der Landshuter Zeitung ("Bernlochner Gespräche") und dem christlichen Bildungswerk, findet bei uns jedes zweite Jahr eine Vortragsreihe mit christlichen Themen statt. Im Anschluss an den jeweiligen Vortrag laden wir bei einem Glas Wein zu einem Gesprächsaustausch ein.

Hier einige Beispiele über unsere Themen und Referenten: 

2010  - „Suche den Frieden und jage ihm nach“

  • Pater Walter Rupp SJ spricht über - "Pater Rupert Mayer, der Apostel der Armen und Prediger wider den Ungeist."
  • Dr. Georg Evers - "Kampf der Kulturen oder Gespräch unter den Religionen 
  • Dr. Hildegard Goss-Mayr - "Gewalt- Gewalt überwinden. Die Gewaltfreiheit Jesu in unserem Leben."

 

2014 - „Wege zum Selbst"

  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - "Scheitern und Gelingen - der Weg von mir zu mir“
  • Professor Dr. Dr. habil. Erwin Möde - „Beten als Weg zu mir selbst“
  • Professor Dr. Martin Thurner - "Gotteskindschaft. Eugen Biser über den Selbstwert der Menschen“

 

2016 

  • Professor dr. Michael Bordt SJ - „Sich selbst verstehen“
  • Professor Dr. Martin Thurner - „Mit Grenzen leben - sich selbst wiederfinden“
  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - „Halb sein und Ganz werden"

 

2018 „Göttliche Tugenden: Glaube – Hoffnung – Liebe"

  • Professor Dr. Martin Thurner - „Glaube: Philosophische Annäherungen in drei Gleichnisbildern“
  • Professor Dr. Georg Sans SJ - „Worauf hofft ein Christ?“
  • Professor Dr. Karl Woschitz - „Transfiguration der Liebe“

Jugendvigil

In regelmäßigen Abständen gestaltet Schwester M. Immaculata mit Jugendlichen zusammen eine Jugendvigil. Diese findet im zwei-monatlichen Rhythmus in unserer Afrakapelle statt.

Bei Interesse informiere Dich bei m.immaculata@kloster.seligenthal.de.

 

Einladung zur Jugendvigil

Wenn Du zu einer Jugendvigil kommen willst, dann musst Du Dich darauf einstellen, etwas ganz Spezielles zu erleben. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: bei der Jugendvigil kommen wir Gott näher. Die Jugendvigil reißt Dich heraus aus dem Alltäglichen, Langweiligen, manchmal Leerem; aus dem, was fast alle anderen tun.
Die Jugendvigil ist auch für alle, die im Herzen jung und jung geblieben sind.

Ich freue mich auf Dich!

Herzliche Grüße,
Schwester M. Immaculata OCist.

Hier kannst Du mehr erfahren


Jugendvigil-Termine 2019/2020

Unsere Jugendvigil, kurz Juvi genannt,  ist in der Regel jeden 2. Monat am 1. Freitag.

Ort:       Afrakapelle
              (durch den Torbogen in unseren Schmuckhof, gerade aus, rechts durch die Ecktüre
              über den Afragarten)

Beginn: 20.00 Uhr, Ende: ca. 21.30 Uhr,
danach: gemütliches Beisammensein in der Mensa

Nächste Termine

Fr.   7. Februar 2020 (Blasius-Segen)
Fr.   3. April 2020