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Predigten und Gedanken zu Sonn - und Festtagen (meist von Dr. Fuchs)

Die Sonntagspredigten von Herrn Dr. Fuchs wurden mehrere Jahre hindurch von unseren Schwestern niedergeschrieben. Wir fanden sie in seinem Nachlass und bewahrten sie im Archiv auf.  Von jetzt ab werden wir die zum jeweiligen Sonn - oder Festtag eine passende Predigt in unsere Homepage zu laden. Die Worte von Herrn Dr. Fuchs werden sicher eine religiöse Bereicherung und zugleich eine liebe Erinnerung für Sie sein.

Missionssonntag. 30. Sonntag im Jahreskreis

                1 Thess 1, 5c – 10

                                                                                                                                                             Mt 22, 34 – 40

 

A             Wir begehen heute den Missionssonntag. Wir würden diesen gründlich missverstehen, wenn wir ihn nur verstünden als Tag, an dem für die Mission gesammelt wird. Das geschieht zwar auch, weil die Missionsarbeit eben auch mit materiellen Aufwendungen verbunden ist. Aber das Geld ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist ein zeugniskräftiger Glaube, und dieser ist wiederum nicht nur Sache von einzelnen, sondern der Gemeinschaft, die den Glauben des einzelnen mitträgt. Man kann jedem Beliebigen, der etwas versteht, einen Werbeauftrag für eine Ware erteilen; und dieser kann die ungefähren Erfolgschancen bei den verschiedenen Werbeformen errechnen. So etwas geht nicht beim Glauben. Dieser unterliegt nicht erkennbaren Gesetzen. Hier ist der Erfolg nicht machbar. Denn hier ist der Wirkende Gott, und wir können ihm nur dienen.

Wie christliche Mission sich vollzieht: darüber sagen uns auch die beiden Texte etwas, die wir gehört haben. Das wollen wir uns etwas naher anschauen.

 

B1           In dem ersten Text, der Lesung, stellt Paulus der Gemeinde von Thessalonich ein ehrendes Zeugnis aus. Trotz großer Bedrängnis haben sie das Wort Gottes, das er ihnen verkündet hat, mit Freude aufgenommen. So wurden sie zum Vorbild in Mazedonien und in Griechenland. „Überall“, so schreibt er, „ist unser Glaube bekannt geworden, so dass wir nichts mehr zu sagen brauchen.“ Ihr Glaube hat eine Strahlkraft gehabt, dass er geradezu ansteckend gewirkt hat, dass er sich selbst empfohlen hat, dass er von sich aus weitergewirkt hat. Die Kraft, die ihrem Glauben eigen war, lag sicher in der Art und Weise, wie sie miteinander umgingen, dass dies anders war, als es sonst geschieht, dass sie in der Not zusammenstanden und dass sie mit-einander teilten, dass sie taten, was uns Jesus heute im Evangelium sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen … und deinen Nächsten wie dich selbst.“                                                                                                        

Es gibt keine intensivere Predigt als die Erfüllung dieser Worte, und diese Form der Predigt kann man nicht delegieren in die, welche die Missionsaufgabe zu ihrer Berufsarbeit machen. Dazu sind alle aufgerufen, die Christi Namen tragen, jedenfalls alle, die sich ausdrücklich zu Jesus bekennen.

 

2             Es besteht hier der Eindruck, dass die Gemeinde von Thessalonich eine geradezu ideale Gemeinde gewesen sei. Das war sie in der Tat, aber ideal doch nur in dem Maß, in dem es überhaupt verwirklicht werden kann.

Wenn es zum Schluss des Briefes heißt: „Wir ermahnen euch, Brüder: Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen … Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergilt …“, wenn wir das lesen, sehen wir, dass es auch in der Mustergemeinde Schwache gab, solche, die auf ihren Vorteil aus waren. Diese fehlen nicht. Aber es kommt darauf an, was stärker ist. Und zu einem gelebten Glauben gehört auch, dass man anderen verzeiht, dass man andere erträgt.

Es liegt hier also nicht ein Idealismus vor, der im Durchschnitt unsere menschlichen Möglichkeiten überschreitet, sondern ein Idealismus, der wirklich möglich ist. Nicht darin liegt die Schwierigkeit, diesem Beispiel nachzustreben, sondern darin, dass in der Regel unsere Gemeinden zu groß sind (der Zahl nach) und dass darunter der Gemeinschaftsgeist und die Verantwortung füreinander leiden. Gerade sie sind für einen missionarischen Glauben von Wichtigkeit.

In den jungen Kirchen, in Afrika und Asien, spielen die kleinen Gemeinschaften von Christen eine große Rolle, Gemeinschaften, die miteinander teilen und miteinander leben. Auf sie haben auch unsere Bischöfe in ihrem Aufruf zum heutigen Missionssonntag hingewiesen.

In diesem Punkt können auch wir etwas lernen von diesen jungen Kirchen, zumindest dies, dass wir den Wert solcher Gemeinschaften deutlicher erkennen. Sie gibt es ja auch bei uns: Sie bestehen seit Jahrhunderten in den Klöstern: sie bestehen daneben in vielen anderen Formen: als Kreise, als Gruppen, als Verbände.                    

Sie können etwas von einer persönlichen Atmosphäre haben, was einer großen Gemeinde nur schwer möglich ist. Und diese ist für viele, für ihren Glauben eine große Hilfe.

 

3             Wir können aus dem Brief an die Thessalonicher einen großen Optimismus heraushören. Wo der Glaube mit Überzeugung gelebt wird, dort zieht er auch seine Kreise, dort weckt er neuen Glauben. Paulus ist zutiefst davon überzeugt, und das, was er in Thessalonich erfahren hat, das hat ihn darin bestärkt.

Bei uns hier könnte man an diesem Optimismus zweifeln. Aber, was wir hier erfahren, das darf uns nicht dazu verleiten, dies auf die ganze Welt zu übertragen. Mögen sich auch die Zahlen verschieben. Sie sagen doch recht wenig. An ihnen ist nicht abzulesen, ob hinter ihnen bloß Namen von Christen stehen, oder ob sie Glieder von lebendigen christlichen Gemeinden bezeichnen.

Hoffnung darf uns heute vor allem die Tatsache machen, dass sie Missionsarbeit, die Evangelisation in der Welt nicht mehr bloß von europäischen Kräften getragen wird, dass nicht mehr ein Kontinent alle anderen missioniert, sondern dass schon jetzt alle Kontinente missionarisch aktiv geworden sind, dass in dieser Hinsicht die Kirche den Schritt von einer Westkirche zur Weltkirche tut. Länder, wie Japan, Philippinen, Korea und auch Indien haben damit begonnen, Missionare auszusenden, z.B.: nach Indonesien und nach Afrika, wo sie segensreich wirken. Walbert Bühlmann, einer der besten Kenner der Situation in der Weltkirche, meint, dass die Mission der Kirche noch eine lange, aber eine faszinierende Zukunft hat. Wir haben keinen Grund, pessimistisch zu sein. Das wäre dem Geist des Evangeliums ganz zuwider, und es würde den Einsatz für die Missionsarbeit hemmen.

 

C             Wenn die Missionstätigkeit heute auch von der Weltkirche geleitstet wird, so heißt das nicht, dass jeder für sich selber sorgen muss. Wir gehören zusammen, und wir müssen denen helfen, die unsere Hilfe brauchen, und das sind viele: Da sind die vielen Bischöfe der Süd-Kirche, die für den Unterhalt ihrer Priester, Katechisten, Brüder und Schwestern aufkommen müssen; da sind die Priester, die meist ausgedehnte Gebiete seelsorglich zu betreuen haben und dies nicht können ohne moderne Verkehrsmittel. Da sind die so wichtigen Katechisten; da sind die Brüder und Schwestern, die den Menschen in ihrer Not helfen.

Im Evangelium hat uns Christus gesagt: „… Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Heute sind diese -, Bischöfe, Priester, Katechisten, Brüder und Schwestern – unsere Nächsten. Handeln wir an ihnen so, wie wir Christus behandeln würden.                                                                                    

Kirchweih 29. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                                   LK 19, 1-10

 

A         Das heutige Kirchweihfest erinnert uns, - wie sein Name sagt – an die Weihe unserer Kirche; es soll uns wieder den Wert bewusst machen, den wir in unseren Kirchen haben: vorrangig natürlich nicht den künstlerischen Wert, sondern den religiösen Wert: die Kirche, gesehen als Haus Gottes, als Zeichen dafür, dass Gott bei uns ist.

Wie in den vergangenen Jahren, so möchte ich auch heuer eine Einzelheit unseres Kirchenraumes aufgreifen und ihren Sinn und ihre Bedeutung darlegen.

 

B1       Wenn wir unseren Blick nach oben richten, auf die Decke in der Vierung, also in der Mitte über dem Grabmal – von vorne aus ist dies nicht ganz leicht -, dann sehen wir jeweils über dem Scheitelpunkt der vier Bogen, die die Kuppel tragen, vier gelbbraune Bilder. Es sind die Bilder der vier Evangelisten mit den ihnen eigenen Symbolen.

Vorne ist Johannes mit dem Adler; links: Matthäus mit dem Engel; hinten: Lukas mit dem Stier; rechts: Markus mit dem Löwen. Die Bilder selbst sind zwar verhältnismäßig klein, aber durch die kräftigen Stuckrahmen, die in das große Deckengemälde hineinragen, treten sie doch deutlich genug hervor.

Bilder und Figuren der Evangelisten sind in sehr vielen barocken Kirchen zu finden. Verständlich! Wenn diese Abbilder der lebendigen Kirche sein wollen, dann dürfen sie nicht fehlen.

2         Die Bedeutung der Evangelisten für den Glauben der Kirche kann man nicht überschätzen. Wichtig ist aber auch, dass man den Zusammenhang zwischen Evangelien und Kirche recht sieht.

Die ersten Christen, die Urkirche, lebte noch ganz aus der mündlichen Überlieferung. Jesus selbst hat keine Schriften hinterlassen, sondern er hat gewirkt und gelehrt, und das gleiche hat er auch den Aposteln aufgetragen. Was er zu ihnen oder auch zu einem großen Zuhörerkreis gesagt hat, das haben sie weiterverkündet, sie haben gesprochen von seinem Tod für uns und seiner Auferstehung und überhaupt von allem, was er getan hat. Sie haben natürlich seine Worte nicht einfach wiederholt, wie ein Kind, das ein auswendig gelerntes Kapitel aufsagt. Sie haben gesprochen aus dem Verständnis heraus, und zwar aus dem vollen Verständnis heraus, das sie aus der Auferstehung Jesu gewonnen hatten.

Zunächst wurde die Frohe Botschaft, das Evangelium, also mündlich weitergegeben. Aber bald haben einzelne auch versucht, „einen Bericht über die Begebenheiten abzufassen“. Aufgrund der mündlichen Tradition und auch dieser ersten schriftlichen Berichte haben dann vier Schriftsteller die Frohe Botschaft, das Evangelium, niedergeschrieben, und zwar jeder für einen eigenen bestimmten Leserkreis. Diese Schriften, die Evangelien, sind also nicht vier Teile des einen Evangeliums, sondern jeder hat auf seine Weise das Evangelium Christi niedergeschrieben – unter dem Beistand des Hl. Geistes.

Was das Konzil von der Hl. Schrift insgesamt sagt, das gilt besonders für die Evangelien. Sie sind gleichsam der Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihrer irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hingeführt wird, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so wie er ist.“

3         Die Evangelien sind nicht die frühesten Schriften; die Briefe des hl. Paulus sind älter. Ihre Bedeutung liegt darin, dass in ihnen die apostolische Predigt einen umfassenden Niederschlag gefunden hat. Am Anfang stehen also nicht die Bücher, aus denen die Predigt geschöpft hat, sondern am Anfang steht die Predigt, die mündliche Überlieferung, die sich dann in den Schriften niedergeschlagen hat. Deshalb spricht die Kirche auch von Überlieferung und Hl. Schrift als Quellen des Glaubens. Das sind nicht zwei Quellen, die nebeneinander stehen, von sich getrennt, sondern die schriftliche Quelle lebt in der mündlichen, und die mündliche wird durch die schriftliche bezeugt. Die Verkündigung der Kirche, die Predigt, geht den Evangelien nicht nur voraus; die Kirche war es auch, die erklärte, dass diese Schriften authentische Zeugnisse ihres Glaubens sind. Sie hat diese Bücher zu ihren Hl. Büchern erklärt.

4        Von daher ist auch das Verhältnis von Kirche und Evangelien zu sehen. Christus hat den Aposteln geboten, allen Völkern die Frohe Botschaft zu verkünden. Diesen Auftrag haben die Apostel an die Bischöfe weitergegeben. Sie haben nun zu sorgen, dass das Evangelium verkündet wird und dass es recht verkündet wird. Die Kirche steht nicht über dem Evangelium, denn dieses ist ihr von Christus anvertraut. So gesehen, steht sie genauso unter ihm, wie die Apostel unter Christus standen. Aber ihr ist es aufgetragen, dass es -wie gesagt, verkündet wird und dass es recht verkündet wird. Insofern hat sie die Sorge für das Evangelium, und deshalb kommt es ihr auch zu, das Evangelium verbindlich auszulegen. Die Evangelien sind das Wort Gottes, und sie sind die Bücher der Kirche: das eine und das andere. So müssen wir sie verstehen.

 

C         In unserer Kirche, in unserem Kirchenraum sind die Bilder der Evangelisten an der Decke. Wir müssen nach oben schauen, um sie zu sehen.

Wir können das auch in einem übertragenen Sinn nehmen. Die Evangelisten lenken unseren Blick nach oben: auf Gott hin, von dem wir alles empfangen, der sich uns in Christus offenbart hat und der uns verheißen hat, dass wir ihn einmal von Angesicht zu Angesicht sehen werden.

 

 

27. Sonntag im Jahreskreis

Erntedank 1984

                                                                                                                                                       Jes 5,1 – 7

                                                                                                                                                       Mt 21, 33 – 43

 

A             Die Lesungen, die Texte, die wir an den Sonntagen im Gottesdienst hören, stehen nie ganz beziehungslos nebeneinander. Zwischen ihnen besteht immer irgendeine Entsprechung: manchmal besteht sie nur in einem wesentlichen Begriff, in einem Gedanken, manchmal ergänzen sie sich. Die Entsprechung ist mehr oder weniger groß.

Heute ist der Zusammenhang besonders deutlich: sowohl in der Lesung als auch im Evangelium treffen wir auf das nämliche Bild vom Weinstock. Und es ist nicht nur das gleiche Bild, das wir hier und dort finden, sondern es entspricht sich auch das, was mit dem Bild jeweils gesagt wird. – Sehen wir uns das näher an.

 

B1           In dem sog. Weinberg-Lied, das wir als Lesung gehört haben, vergleicht der Prophet Jesaja das Volk Israel mit einem Weinberg, den Gott gepflanzt und gepflegt hat in Erwartung einer guten Ernte, guter Früchte. „Er hoffte, dass der Weinberg gute Trauben brächte, doch er brachte nur herbe Früchte.“  Und er fragt: „Was könnte ich noch für meinen Weinberg tun, was ich nicht für ihn tat?“ Anders gesagt: Ich habe alles getan, was denkbar ist, aber es war umsonst. Deshalb sein Beschluss: Er wird die Mauern einreißen, so dass der Weinberg verwüstet wird und zum Ödland wird: ein Bild für das Gericht, das dem Volk droht.

2             Im Gleichnis des Evangeliums wird dieses Bild aufgegriffen und weiter ausgeführt. Das Volk Israel erscheint hier im Bild der Winzer, an die der Herr den Weinberg verpachtet hat und von denen er seinen Anteil erwartet. Aber sie weigern sich, ihm diesen zu geben. Er schickt deshalb Knechte zu ihnen, um sie an ihre Schuldigkeit zu erinnern; aber die Pächter jagen sie weiter oder töten sie gar. Selbst vor dem Sohn haben sie keinen Respekt. Sie geben sich sogar der Meinung hin, wenn sie ihn töten, den Erben, dann fällt ihnen der Besitz zu.

Was mit diesen Bildern gesagt werden will, verstehen wir ohne weiteres: Gott sandte seinem Volk immer wieder Propheten, die sie an ihre Pflichten erinnern sollten. Aber mit diesen trieben sie ein böses Spiel. Denken wir etwa an den Propheten Elia, den vor allem die Königin verfolgen ließ und durch das Land hetzte, weil er gegen den Götzenkult angekämpft hat, oder an den Propheten Jeremia, den man ins Gefängnis steckte und dann in die Zisterne warf, um ihn loszuwerden, diesen unangenehmen Mahner. Wie man mit dem Sohn umgegangen ist, wissen wir.

Alles, was der Herr tat, tat er, um die Winzer zur Vernunft und zur Umkehr zu bringen. Aber es war umsonst. Die Folge ist, dass er ihnen den Weinberg nehmen und anderen geben wird.

Auf diese Folge kommt es hier vor allem an. Hier liegt der Kernpunkt dieser Bildrede: das alttestamentliche Gottesvolk wird abgelöst. An seine Stelle tritt das neue Gottesvolk, treten die, die an den Sohn glauben und sich an sein Wort halten. Die neuen Winzer, das neue Gottesvolk: das ist die Kirche.

3             Wenn sich die Kirche als das neue Gottesvolk versteht, so schließt das nicht eine Geringschätzung oder gar Verachtung des Volkes Israel ein, was in der Vergangenheit leider immer wieder geschehen ist. Das wäre nicht nur dem Geist der Liebe zuwider, der alles Denken, Reden und Handeln bestimmen muss. Das dürfen wir auch nicht, weil wir ihm vieles verdanken: all das, was das alte Gottesvolk in seiner langen Geschichte mit Gott erfahren und erkannt hat, die grundlegenden religiösen Wahrheiten, auch sein Gebetsschatz. Das verbietet uns, dass wir uns über sie erheben. Vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass nicht nur Christus selbst, sondern alle Glieder der Urkirche dem Volk Israel entstammen, dass die Einladung zur Christen-Gemeinschaft auch an dieses Volk weiterhin besteht.

Auszeichnen soll uns als das neue Gottesvolk, als Kirche nicht das Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein, sondern der Wille, wirklich gut zu sein, was hier im Schlusssatz ausgedrückt ist: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird … einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.“

4             Wie sieht es aus mit den Früchten des Weinbergs, der wir sind, mit den Früchten der Kirche? Wenn wir sagen „Früchte der Kirche“, besteht die Gefahr, dass wir auf die schauen, die in der Kirche ein Amt haben und zu wenig auf uns selbst. Aber „die Kirche“: das sind doch wir. Wir tragen Mitverantwortung für das Ganze, und das Ganze wird bestimmt von dem, was die Einzelnen tun, von dem, was jeder von uns tut. Letztlich geht es um die Frage, wie es mit meinen Früchten aussieht.

Im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau unserer Schule und den Beobachtungen und Erfahrungen, die man mit den Handwerkern macht, kommt mir immer wieder der Gedanke: Wenn Gott das gleiche Maß, das wir an die Arbeit anderer, der Handwerker anlegen, an mein Handeln anlegt: wäre er wohl zufrieden mit dem, was ich tue, wäre er zufrieden mit mir?

War oder ist mein Gebet so gut wie die Arbeit der Zimmerleute? War mein Umgang mit meinen Mitmenschen so gut wie die Arbeit der Maler? War mein Einsatz für Gott und seine Sache so groß wie ihr Einsatz?

Wie groß sind unsere Ansprüche an andere dort, wo es nur um Dinge geht, dass sie sauber gearbeitet sind, und wie klein sind im Vergleich dazu unsere Anstrengungen, die Ansprüche Gottes zu erfüllen.

Oder ein anderer Vergleich: Wie bemühen sich die Bauern, den Ertrag ihrer Felder zu steigern. Wie alltäglich ist dagegen im Allgemeinen unser Bemühen, die Qualität der geistlichen Früchte zu verbessern.

Enttäuschen wir den Herrn des Weinbergs nicht, wie die ersten Winzer ihn enttäuscht haben. In der Bildererzählung sehen wir, das Unrecht, die Torheit der ersten Winzer sehr gut ein. Übertragen wir diese Einsicht von dieser Ebene der Erzählung auf das konkrete Leben, auf unser Leben.

 

C             Wir feiern heute Erntedank. Auch die Dankbarkeit gehört zu den guten Früchten, die wir bringen sollen. Sie ist Ausdruck des Glaubens an die schöpferische Macht Gottes, die alles hervorbringt und bewirkt; sie ist der Ausdruck des Glaubens an die schenkende Liebe, in die unser Leben eingebettet ist.

Was wir tun, ist immer nur Antwort auf das, was er tut. Er erwartet etwas von uns, aber nur von dem, was er uns zuvor gegeben hat.

26. Sonntag im Jahreskreis

(Wort zum Caritas-Sonntag)

                                                                                                                      Mt 21, 28 – 32 

1a)       Am Anfang unseres Evangeliums steht eine einfache Bildrede, das Gleichnis von den ungleichen Söhnen, mit dem sich Jesus an die Hohenpriester und Ältesten wendet.

Er fragt sie: Was meint ihr? Wer von den beiden Söhnen hat den Willen des Vaters erfüllt: der, der ja sagte, aber dann nicht tat, was er versprach, oder der, der zu seinem Vater sagt „ich will nicht“, es aber dann dennoch tut. Die Antwort darauf ist eindeutig. In diesem Sinn äußern sich auch die Gefragten.

b)         Darauf folgt sogleich die Deutung bzw. die Erklärung der Absicht, die Jesus mit dieser Bildrede verfolgt hat. So wie der erste Sohn, so handeln die geistigen Führer des Volkes, so wie der zweite Sohn, die Zöllner und Sünder. Mit diesem Gleichnis drückt er aus, was er erfahren hat: dass ihn die Etablierten ablehnen, während die verachteten Sünder ihn und seine Botschaft annehmen.

So war es schon bei Johannes. Auch ihn haben die Angeredeten nicht angenommen; die Sünder aber haben ihm geglaubt.

 c)         „Zöllner und Sünder gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Wir können uns denken, wie ein solches Wort auf die Hohenpriester und Ältesten, die sich für die treuen Juden ansahen, gewirkt hat, welche Gefühle es geweckt hat. Sie hatten schon daran Anstoß genommen, dass Jesus auch mit Zöllnern sich zu Tisch setzte, mit ihnen Mahl hielt; jetzt nimmt er direkt Partei für sie und spricht ihnen zu, was sie für sich erwarteten.

 2          Die eigentliche Frage für uns ist die: Was enthält dieses Gleichnis an Bleibendem, anders ausgedrückt: Was sagt es uns?

Es ist dies: Auch wenn man Gott zu kennen glaubt, kann man ihn dennoch verfehlen.

a)      Ich habe hier schon manchmal überlegt, wie ich denn gehandelt hätte, wenn ich damals gelebt hätte und mich gemüht hätte um ein gesetzestreues Leben. Wäre ich nicht vielleicht auch gegen ihn, gegen Jesus gewesen? Hat er nicht immer wieder das heilige Sabbatgebot gebrochen wenn auch zu einem guten Zweck; hat er nicht für sich Rechte in Anspruch genommen, die allein Gott zustehen; hat er nicht Sünden vergeben! Und zugleich hat er den Kontakt nicht mit denen gemieden, die sich nicht an die Gebote gehalten haben.

Wenn man ein festes Gesetz hat, das alle Handlungen regelt, wenn man Gott zu kennen glaubt und meint zu wissen, was man von ihm erwarten kann und was nicht, dann wird man sich gegen alles zur Wehr setzen, was nicht zu diesen Vorstellungen passt, und dies im Namen Gottes. Von einem solchen Denken, einem solchen Standpunkt ist das Versagen der führenden Schicht des Volkes durchaus verständlich. Man braucht sich bloß in diese Lage hineinzuversetzen.

 b)      Und die Gefahr, die damals bestand, besteht auch heute noch, sie besteht immer. Gott ist der Lebendige, der sich nicht erfassen lässt in Aussagen über ihn. Das macht es unmöglich, dass wir uns ein Bild von ihm machen, von dem aus klar zu entscheiden ist, was ihm entspricht und was nicht, was von ihm her sein kann und was nicht.

 c)      Wenn sich jemand doch ein festes Bild von ihm macht, weil er ihn ganz zu kennen glaubt, dann kann sein, dass er von ihm enttäuscht wird und sich gegen ihn stellt, wenn sich seine Erwartungen nicht erfüllen, die er mit seinem Gottesglauben verbindet.

  d)      Es müssen nicht unbedingt persönliche Schicksale sein, die ihn von diesem Gott wegführen, es können auch Gemeinschaftsschicksale sein: die Armut in der Welt, der Egoismus der Menschen, das seelische Leid vieler Menschen. – Wie kann Gott das zulassen?

 e)      Stehen ihm im Vergleich zu diesen, die Gott  einzwängen in feste Bilder und Vorstellungen und ihm dafür im gewissen Sinn Vorschriften machen, nicht jene näher, die zwar immer wieder versagen, deren Wille schwach ist, die sich einfach seiner Barmherzigkeit übergeben, … die wissen, dass Gott größer ist, als unsere Gedanken und Bilder von ihm sind, die ihn nicht für sich in Anspruch nehmen gegen andere, die nur seine Güte ganz groß sehen uns allein auf sie bauen.

 f)       Wenn wir glauben, Gott zu kennen, genau zu kennen, dann kennen wir ihn gerade nicht. „Ihn kennen“ heißt vielmehr, ihn immer suchen und sich ausstrecken, ihm näherzukommen durch ein Vertrauen ohne Grenzen.

 

C                So ernst wir das nehmen sollen, was uns hier gesagt wird: es soll uns aber nicht angst machen oder unsicher, wir könnten uns einer unberechtigten Hoffnung überlassen, wir könnten uns fasche Vorstellungen von Gott machen und damit auf einem falschen Weg sein. Denken wir groß von ihm und von seiner Güte: dann ist alles gut.

25. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                      Phil 1, 20 – 24. 27a

                                                                                                                      Mt 20, 1 – 16a

 

A          Seit einigen Jahren haben wir hier bei uns und in allen Industrienationen eine hohe Zahl von Arbeitslosen. In der BRD liegt sie bei  etwa 2 ½ Mill.. Das ist ein sehr ernstes Problem, wie jeder weiß, dem aber sehr schwer beizukommen ist.

Noch größer ist dieses Problem in den Ländern der 3. Welt – dort ist die Zahl der Arbeitslosen noch wesentlich höher -; größer war sie auch in früheren Zeiten, z.B. in der Zeit Jesus. Und das Schicksal der Arbeitslosen ist dort und damals noch härter, weil es nicht das Versicherungswesen gab bzw. gibt, das wir heute haben.

Viele stehen auf dem Marktplatz herum, nicht weil sie nicht arbeiten wollen, sondern weil sie keine Arbeit haben. Auf diesem Hintergrund müssen wir das Gleichnis sehen, das uns Jesus erzählt, das wir eben als Evangelium gehört haben.

 

B1        Das Gleichnis ist deutlich in zwei Einheiten eingeteilt: Zuerst geht es um die Anwerbung von Arbeitern für den Weinberg, und dann geht es um ihr Entlohnung.

a)      Zum erstenmal geht der Gutsherr am frühen Morgen auf den Marktplatz, um Tagelöhner anzuwerben; um die dritte Stunde (d.h. um 9.00 Uhr) geht er wieder auf den Marktplatz, um weitere Kräfte zu suchen; dann nochmals am Mittag und am Nachmittag, ja sogar noch in der elften Stunde (um 17.00 Uhr), kurz vor Arbeitsschluss.

b)      Nach der Arbeit wird der Lohn ausbezahlt. Jetzt wird es „kritisch“. Der Gutsherr gibt seinem Verwalter die Anweisung, mit den Zuletztgekommenen anzufangen. Hätte er es umgekehrt gemacht, dann wäre wohl alles glatt abgelaufen. Die Arbeiter der ersten Stunde hätten den mit ihnen vereinbarten Lohn und wären gegangen. Aber so sehen sie, dass die, die nur eine oder nur drei Stunden gearbeitet haben, auch soviel Lohn bekommen wie sie. Darüber sind sie ungehalten und werfen dem Gutsherrn Ungerechtigkeit vor.

In diesem provozierenden Handeln des Gutsherrn und der Reaktion der Arbeiter liegt die Spitze unseres Gleichnisses.

 

2          Man kann darüber streiten, ob das Verhalten des Gutsherrn gerecht ist oder nicht. Die einen sagen: Das Handeln widerspricht dem Grundsatz „Gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ und ist deshalb ungerecht. – Die anderen sagen: Die ersten Arbeiter erhalten den mit ihnen vereinbarten Lohn – einen angemessenen Lohn: Warum darf der Gutsherr nicht so großmütig sein und den anderen, die auch leben müssen, die auch eine Familie haben, nicht genauso viel geben, auch wenn sie weniger gearbeitet haben.

Aber lassen wir uns von dieser Frage nicht einfangen. Sie würde uns nämlich auf einen falschen Weg führen. Jesus spricht hier nicht über die soziale Gerechtigkeit, sondern er spricht vom Reich Gottes. Es hängen zwar die beiden miteinander zusammen. Aber hier will jedenfalls nicht das Idealbild eines Unternehmers gezeigt werden, sondern mit dem Gutsherrn will uns Jesus etwas über Gott sagen. So wie der König im Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger, das wir am vergangenen Sonntag hörten, ein Bild für Gott ist, so ist auch hier der Gutsherr ein Bild für Gott.

 

3          Gerade wenn jemand meint, der Gutsherr hätte anders handeln müssen – als Gutsherr, als Unternehmer -, kann er durch dieses Gleichnis erkennen, dass Gott anders ist, als wir ihn uns vorstellen, wenn wir von uns ausgehen. Jeder, der an Gott glaubt, ist überzeugt, dass Gott ewig ist, dass er allmächtig ist: wäre er das nicht, dann wäre er nicht Gott.

Aber das ist nicht alles. Sähen wir nur das, dann wäre Gott für uns eigentlich nur eine Art Übermensch, der zwar mächtig und ewig ist, aber doch wie ein Mensch denkt, urteilt, handelt.

Ein solches Gottesbild entspricht nicht dem, wie Gott sich uns offenbart hat. Schon im AT, beim Propheten Jesaja, hören wir als Spruch Gottes (= Lesung): „Meine Gedanken sind nicht euere Gedanken, und meine Wege sind nicht euere Wege. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über euere Wege und meine Gedanken über euere Gedanken.

Jesu Wort und vor allem Jesu Leben verstärkt dies noch: Gott ist nicht ein Gott nach unseren Vorstellungen, er ist nicht einfach ein Übermensch, sondern er ist ein anderer, den wir nur erkennen können, wenn wir auf seine Worte und auf sein Handeln achten.

 

4          In der Frage des Gutsherrn an die unzufriedenen Arbeiter: „Darf ich mit dem, was mir gehört nicht tun, was ich will? Bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ wird klar, dass Gott nicht nach dem Rechtsstandpunkt, sondern dass er nach dem Grundsatz der Güte handelt und auch dem Letzten noch einen vollen Tagelohn ausbezahlt, sofern man hier noch von „Lohn“ sprechen kann.

Jesus meidet das Wort „Lohn“ nicht und die damit verbundene Vorstellung, die in unserem Leben eine so große Rolle spielt, schon beim kleinen Kind. Er mahnt uns etwa in der Bergpredigt, unsere Gerechtigkeit nicht zur Schau zu stellen vor den Menschen, sonst hätten wir keinen Lohn beim Vater zu erwarten. Er verwirft die Lohnvorstellung nicht völlig, aber er gibt ihr einen neuen Sinn und einen neuen Stellenwert, vor allem einen neuen Sinn.

 

a)      Göttlicher Lohn ist für ihn – und damit für uns – immer himmlischer Lohn, weil Teilnahme am Reich Gottes; er ist nicht irdischer Lohn, wie Gesundheit, Erfolg, langes Leben.

b)      Und weiter: Es gibt für ihn und damit für uns – keinen Anspruch auf den himmlischen Lohn, sondern er ist immer Gnadenlohn. Wir können ihn uns nur schenken lassen von dem gütigen Gott; er ist uns niemals etwas schuldig. Er Lohn, die Gemeinschaft mit ihm, ist etwas so Großes, dass es ganz unmöglich ist, sich dies zu verdienen.

Schon in diesem Leben kann man das Größte, das Wichtigste nicht erwerben, nicht kaufen, nicht verdienen, sondern nur als Geschenk empfangen. Erst recht gilt das für Gott. Und auf diese Tatsache will uns unser Gleichnis hinweisen. Wer meint, dass mit solchen Erzählungen Arbeitsmoral untergraben werde, der bewegt sich auf völlig falschen Wegen. Jesus zeigt uns hier, wie Gott ist.

C          Was uns hier gezeigt wird, die Güte Gottes, ist für unser Verhältnis zu Gott von entscheidender Bedeutung. Aber weil das Handeln Gottes vorbildhaft ist für unser Verhalten den Mitmenschen gegenüber, ergeben sich daraus auch dafür Konsequenzen. Das Gleichnis ruft uns auch auf, gütig, großzügig zu sein und von aller kleinlichen, neidischen Kontrolle unserer Mitmenschen abzulassen.

Reihen wir uns ein in die Schar der Arbeiter hier im Gleichnis, und freuen wir uns mit jedem, der seinen Denar erhält.

24. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                          Sir 27,30 – 28,7

                                                                                                          Mt, 21 – 35

A          Am Anfang unseres Evangeliums steht die Frage des Petrus an Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben?“

Auf den wahrlich nicht kleinlichen Antwort-Vorschlag „bis zu siebenmal“ antwortet Jesus: Nicht siebenmal, sondern immer, wenn es notwendig ist. Das will das siebenundsiebzigmal sagen: Immer, ohne jede Einschränkung.

Das folgende Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger ist zwar nicht direkt die Illustration dieser kurzen Weisung. Aber es hängt mit dieser zusammen. Ihm wollen wir unsere Aufmerksamkeit schenken.

 

B 1       Die kleine Geschichte, die Jesus hier erzählt, zeigt ein Doppeltes: Sie zeigt uns zum einen, wie Gott ist, und sie zeigt uns zum anderen, wie der Mensch sein kann. Wie Gott ist, zeigt sie uns im Bild des Königs, der seinen Diener, seinen Verwalter, seinen Statthalter zur Rechenschaft zieht.

Dass wir es mit einem einflussreichen, mächtigen Diener zu tun haben, erkennen wir an der Größe der Schuld; es muss viel Geld durch seine Hände gegangen sein. Man kann sich denken, dass er die Steuergelder einer ganzen Provinz verschleudert hat. So hoch ist der angegebene Betrag. Für den König ist das kein Pappenstiel. Voll Empörung über diese Untreue befiehlt er, dass er und seine ganze Familie in die Schuldknechtschaft verkauft werden. Doch als er sich ihm zu Füßen wirft und um Nachsicht bittet, erweist sich der König barmherzig. Er gewährt ihm nicht nur das Erbetene, sondern er erlässt ihm seine Schuld, die ganze riesengroße Schuld.

So wie dieser König handelt Gott. Niemand kennt den Vater, nur der Sohn kennt ihn und wem es der Sohn offenbart, sagt Jesus einmal. Hier offenbart er uns etwas von ihm, was wir von uns aus nie erwarten würden. Dieser König – Gott – ist nicht wie ein kalter Fels, an dem alles abrinnt, der von dem, was die kleinen Menschen tun, völlig unberührt bleibt. Er ist nicht der einsame Große, vor dem der Mensch und alles, was er tut – Gutes und Böses – wie ein Nichts ist. Nein, was wir Menschen tun und vor allem, was wir tun, die er an Kindes Statt angenommen hat, das berührt ihn so wie den König hier die Treulosigkeit seines Verwalters. Seine Empörung drückt sich in der Strafe aus. Diese Größe ist nicht unverletzbare Erhabenheit, sondern sie liegt in seinem Erbarmen. Auch dem Hochverschuldeten – eine größere Verschuldung, eine größere Schuld lässt sich überhaupt nicht mehr denken – erlässt er die Schuld, weil er ihn um Vergebung bittet.

 

Das ist das eine, was uns diese kleine Geschichte sagt: Wie Gott ist.

Das andere ist: wie der Mensch sein kann. Das wird dargestellt in dem ersten Diener, dem einflussreichen Verwalter. In dem Augenblick, in dem er vom König weggeht, trifft er auf einen anderen Diener, der ihm hundert Denare schuldig ist: eine Schuld, die man angesichts seiner eigenen Schuld als lächerliche Kleinigkeit bezeichnen muss. Mit den ganz gleichen Worten, mit denen er sich selbst an den König gewandt hat, wendet sich dieser an ihn: „Hab Erbarmen mit mir; ich werde dir alles zurückzahlen.“ Aber er ist taub für die Bitte des anderen und lässt ihn in das Gefängnis werfen. Im Umdrehen vergisst er, was ihm selbst zuteil wurde, und nimmt rücksichtslos seinen eigenen Vorteil wahr.

 

Ist diese Darstellung realistisch, sind die Menschen – sind wir Menschen wirklich so? Sicher kann man nicht allgemein sagen, dass die Menschen so handeln, aber eine gewisse Tendenz dazu ist sicher da. Es wird hier zumindest eine Gefährdung aufgezeigt, die für uns alle gilt, die wir sehen müssen, vor der wir uns hüten müssen. Konkret, als Frage: Sind unsere Wünsche und Erwartungen an andere oft nicht viel größer als die Bereitschaft, auf die Wünsche und Erwartungen anderer einzugehen? Wie nachdrücklich verlangen wir, dass sie uns verstehen, dass sie auf uns Rücksicht nehmen, dass sie uns nehmen, wie wir sind, dass sie Nachsicht üben, dass sie verzeihen! Das liegt ja alles auf der gleichen Linie und ist nur eine Steigerung! Und wie gering ist oft das Umgekehrte, die Bereitschaft, den anderen zu verstehen, Nachsicht  zu üben, Rücksicht zu nehmen, sie anzunehmen und zu verzeihen.

Und wie vergesslich können wir Menschen sein! Unser Diener hier vergisst im Umdrehen, was ihm zuteil wurde, und handelt allein aus dem Gedanken an seinen Vorteil. Das ist nicht unrealistisch, das geht nicht an der Wirklichkeit vorbei!

Hier in der Erzählung und in der Beobachtung anderer merken wir die Unstimmigkeit des Verhaltens sehr gut. Sind wir aber aufrichtig und wach auch uns selbst gegenüber? Das Sprichwort vom Splitter im Auge des anderen und vom Balken im eigenen Auge, das Jesus an anderer Stelle erwähnt, lässt sich sehr gut auch auf diese Fälle anwenden. Und wir müssten töricht sein, wenn wir glaubten, wir wären selbst nicht dieser Gefahr ausgesetzt.

 

3          Das Wichtigste, was uns dieses Gleichnis zeigen will, ist aber noch nicht gesagt. Es liegt nicht darin, dass es uns sagt, wie der Mensch sein kann, sondern es will uns zeigen, wie wir handeln müssen, wenn wir an Gott glauben, wenn wir die Barmherzigkeit Gottes für uns in Anspruch nehmen. Und wer müsste das nicht. Wer könnte sagen, ich bin ohne Schuld vor ihm!

Dass man im Fordern und im Geben nicht zweierlei Maß anwenden soll, dass man nicht vergesslich sein soll, das sagt einem schon der Verstand. Aber dass uns Gott unbegrenztes Erbarmen schenkt: das wissen wir nur aufgrund des Glaubens. Und das ist nicht nur ein Wissen, sondern eine Wirklichkeit, in der wir alle stehen und aus der sich eine unabdingbare Forderung ergibt. Gott schenkt sie uns ohne Vorleistung, so wie dieser König seinem Verwalter die Schuld ohne Vorleistung erlässt. Aber wie dieser, so verlangt Gott die Nachleistung, dass auch wir so handeln, dass wir Erbarmen haben, dass wir vergeben.

Es mag von der Veranlagung her dem einen leichter als dem anderen fallen, zu vergeben; das liegt auf einer anderen Ebene. Es gibt auch die Fälle, wo es tatsächlich sehr schwer ist, dem anderen zu vergeben. Aber jeder, der an die Vergebung Gottes glaubt, ist gehalten, aus diesem Geist zu handeln. Daran kommt niemand vorbei. Je mehr wir aber bedenken, dass wir selbst von Gott Beschenkte sind, umso leichter gelingt es uns auch, barmherzig zu sein.

 

C          Unser Evangelium berührt einen wichtigen Punkt unseres christlichen Lebens. Seine Botschaft steht nicht isoliert hier. Wir treffen in der ntl. Botschaft immer wieder auf sie. Die Wichtigkeit wird auch dadurch unterstrichen, dass uns Jesus im Vaterunser darum zu beten gelehrt hat: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Wir sollen nicht nur so handeln, sondern auch darum beten, dass wir so handeln können.

23. Sonntag im Jahreskreis

 

 

Die biblischen Lesungen bei der Messe des heutigen Sonntags handeln vom Thema der brüderlichen Liebe in der Gemeinde der Gläubigen, die ihren Quell in der Gemeinschaft der Dreifaltigkeit hat. Der Apostel Paulus sagt, dass das ganze Gesetz Gottes seine Erfüllung in der Liebe findet, so dass im Hinblick auf unsere Beziehung zu den anderen die Zehn Gebote und jede andere Vorschrift in folgendem Gebot zusammengefasst sind: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl. Röm. 13,8-10). Der Text aus dem Evangelium, der dem 18. Kapitel nach Matthäus entnommen ist, sagt uns, dass die brüderliche Liebe auch einen Sinn für gegenseitige Verantwortung mit sich bringt; wenn sich daher mein Bruder mir gegenüber schuldig macht, so muss ich ihm gegenüber Liebe walten lassen und vor allem mit ihm persönlich sprechen, um ihm klarzumachen, dass das, was er getan oder gesagt hat, nicht gut ist. Diese Vorgehensweise heißt brüderliche Zurechtweisung: Sie ist keine Reaktion auf eine erlittene Beleidigung, sondern geschieht aus Liebe zum Bruder heraus. Der hl. Augustinus merkt dazu an: „Derjenige, der dich beleidigt hat, hat sich dadurch eine sehr schwere Wunde zugefügt, und du kümmerst dich nicht um die Wunde deines Bruders? … Du musst die Beleidigung vergessen, die dir zugefügt wurde, nicht die Wunde deines Bruders“ (Sermones 82,7).

Und wenn der Bruder nicht auf mich hört? Jesus verweist im heutigen Evangelium auf ein schrittweises Vorgehen … .

All dies weist darauf hin, dass es eine Mitverantwortung auf dem Weg des christlichen Lebens gibt: Jeder ist im Bewusstsein seiner eigenen Grenzen und Mängel aufgerufen, die brüderliche Zurechtweisung anzunehmen und den anderen mit diesem besonderen Dienst beizustehen.

 

                                                                                                                      Papst Benedikt XVI.

    Aus der Ansprache beim Angelus vom 4.9.2011

22. Sonntag im Jahreskreis

Im heutigen Evangelium erklärt Jesus seinen Jüngern, „er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen“ (Mt 16,21). Alles scheint sich in den Herzen der Jünger auf den Kopf zu stellen! Wie kann es möglich sein, dass “der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (V.16), bis zum Tod leiden soll? Der Apostel Petrus begehrt auf, er akzeptiert diesen Weg nicht, er ergreift das Wort und sagt zum Meister: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht geschehen!“ (V. 22).

Deutlich tritt hier der Gegensatz hervor, der zwischen dem Liebesplan Gottes, welcher bis zur Hingabe des eingeborenen Sohnes am Kreuz reicht, um die Menschheit zu retten, und den Erwartungen, Wünschen und Plänen der Apostel besteht. Und dieser Kontrast wiederholt sich auch heute: Wenn die Verwirklichung des eigenen Lebens allein auf den gesellschaftlichen Erfolg, auf den leiblichen und wirtschaftlichen Wohlstand ausgerichtet ist, so hat man nicht mehr im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen (V 23). Ein der Welt entsprechendes Denken heißt, Gott beiseite zu lassen, seinen Liebesplan nicht anzunehmen, ihn gleichsam daran zu hindern, seinen weisen Willen zu tun. Daher wendet sich Jesus mit einem besonders harten Wort an Petrus: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen“ (ebd.). Der Herr lehrt, dass der „Weg der Jüngerschaft […] Nachfolge hinter ihm, dem Gekreuzigten, ist. In allen drei Evangelien legt er aber auch diese Kreuzesnachfolge […] aus als den für den Menschen nötigen Weg des Sich-Verlierens, ohne den es dem Menschen nicht möglich ist, sich zu finden“ (Ratzinger, Jesus von Nazareth, S. 362). Wie an die Jünger, so ergeht die Einladung Jesu auch an uns: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24). Der Christ folgt dem Herrn nach, wenn er in Liebe sein Kreuz annimmt, das in den Augen der Welt wie eine Niederlage und ein „Verlieren des Lebens“ erscheint (vgl. V. 25-26). Dies in dem Wissen, es nicht allein, sondern mit Jesus zu tragen und seinen Weg der Hingabe zu teilen.

                                                                                                                                           Papst Benedikt XVI.

                                                                                          Aus der Ansprache beim Angelus vom 28.8.2011

21. Sonntag im Jahreskreis 1984

 

                                                                                                                      Rö 11,33-36

                                                                                                                      Mt 16, 13-20

 

A          Zwei Fragen stellt Jesus hier: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Und dann: Für wen haltet ihr mich?

 

Die Antwort auf die erste Frage ist verhältnismäßig leicht zu geben. Sie verlangt keine Entscheidung. Man spricht ganz einfach davon, was man gehört und gelesen hat.

Anders die zweite Frage: Für wen haltet ihr mich? Sie ist an uns persönlich gerichtet. Sie verlangt eine Entscheidung, kein Bekenntnis.

Freilich: auch die erste Frage ist nicht unwichtig: Die Antworten darauf können uns helfen, selbst eine angemessene Antwort zu finden und zu geben.

Schauen wir uns deshalb einige Beispiele an von Menschen, die in unserem Jhdt. gelebt haben, nicht von großen Theologen, sondern von großen Menschen, denen Christus etwas bedeutet hat.

 

B 1       Der frz. Philosoph und Nobelpreisträger für Literatur Henri Bergson - + des 2. Weltkrieges – hat geschrieben: „Was mich an Jesus besonders beeindruckt (hat), ist seine Weisung, immer voranzugehen.“ Das ist keine erschöpfende Antwort auf die Frage, wer Jesus ist, sondern eine Aussage, was er ihm bedeutet, eine Teilantwort. Aber solche Teilantworten sind meist ansprechender als umfassende Antworten.

„Was mich besonders beeindruckt (hat), ist seine Weisung, immer voranzugehen.“ Diese Weisung spricht Jesus direkt oder indirekt bei den Berufungen aus, am deutlichsten bei der, bei der er spricht: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückschaut, taugt für das Reich Gottes.“

In den Gesprächen mit den Menschen, denen Jesus begegnet, fällt ganz allgemein auf, dass er nicht mit ihnen über das spricht, was gewesen ist, was zurückliegt, selbst dann nicht, wenn jemand sehr viel auf dem Kerbholz hatte.

In der Begegnung mit dem reichen Jüngling interessiert ihn wenig, was dieser getan hat, sondern er sagt ihm, was er tun soll: jetzt und von jetzt ab. – Der Ehebrecherin hält er nicht eine Standpauke, sondern er sagt ihr: Sündige fortan nicht mehr. – Mit Petrus, der ihn schändlich verleugnet hat, rechnet er nicht ab, sondern er sagt ihm, dass er seine Brüder stärken solle.

Sicher, wir dürfen nicht einfach übergehen, was hinter uns liegt: wir müssen unsere Schuld eingestehen, wir sollen das Gute sehen, das uns zuteil wurde, wir sollen dankbar sein dafür; aber wir sollen nicht in der Vergangenheit herumkramen, immer wieder die alten Dinge auspacken oder gar anderen vorhalten, sondern wir sollen nach vorne schauen und vorangehen. Wir können das. Denn jeden Augenblick können wir, wenn wir nur wollen, einen neuen Anfang setzen und vorangehen. Es gibt keine Ketten, die uns daran hindern, denn Gottes Erbarmen ermöglicht es uns, uns von allen Ketten freizumachen.

Der doppelgesichtige Janus, der zugleich nach vorne und nach hinten blickt, ist kein Heiliger, sondern eine heidnische Göttergestalt. Paulus ist ein Heiliger, und er sagt von sich: Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Ich sehe den Siegespreis, der vor mir liegt, ihn will ich erringen.

Was Henri Bergson an Jesus tief beeindruckt hat: seine Weisung, immer voranzugehen, hängt natürlich eng zusammen mit dem Verhältnis Jesu zu seinem himmlischen Vater. Und wir können ihm hier nur folgen, wenn wir aus einem ähnlichen vertrauensvollen Verhältnis zu Gott leben.

 

2          Ein anderes eindrucksvolles Christuszeugnis: das Zeugnis des früheren UNO-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld, der 1961 in Afrika abgestürzt ist. Es sind bekannte Worte, sie stehen sogar im Gotteslob. „Gib mir einen reinen Sinn – damit ich dich sehen kann, einen demütigen Sinn – damit ich dich hören kann; einen Sinn der Liebe – damit ich dir dienen kann; einen Sinn des Glaubens – damit ich in dir verbleiben kann.

Auch das ist eine Antwort auf unsere Frage, aber nicht in Form einer Auskunft, sondern eines Gebetes, wodurch deutlich wird, dass es bei Gott und bei Jesus nicht in erster Linie darum geht, dass man mit dem Kopf weiß wer er ist, sondern dass man zu ihm in ein echtes persönliches Verhältnis kommt, dass man mit ihm spricht, auf ihn hört, ihm dient, in ihm bleibt.

Die Form des Gebetes drückt zugleich aus, dass es, wenn heute nach Jesus gefragt wird, nicht nur um den Jesus von damals, um den historischen Jesus, sondern um den Auferstandenen, um den, der lebt, der bei uns ist.

Weil er lebt, deshalb kann ich mit ihm in ein unmittelbares Verhältnis treten, deshalb kann ich mich bittend an ihn wenden: „Gib mir einen reinen Sinn, gib mir einen demütigen Sinn …“ Ein Gebet zu Christus ist immer zugleich ein Bekenntnis zum Auferstandenen, zu dem, den der Vater auferweckt hat und der bei ihm ist.

Und noch etwas ist dieser Antwort eigen: Sie geht nicht in einer festen Vorstellung auf. Wie gefährlich es ist, sich von Jesus ein Bild zu machen, das sehen wir an den jüdischen Zeitgenossen Jesu. Sie alle haben auf den Messias gewartet. Aber sie haben sich von ihm ihr Bild gemacht und so den verkannt, den Gott gesandt hat. Dag Hammarskjöld betet, dass er ihn immer tiefer erfasst, dass er ihm treuer dient, dass er ihm immer enger verbunden wird. Das heißt zugleich, dass er sich ihm immer mehr anschließt und dass er ihn immer besser kennt.

 

3          Eine Art Zusammenfassung dieser beiden Aussagen von Henri Bergson und Dag Hammarskjöld finden wir bei Johannes XXIII. Er sagt zu Jesus: „Du, Jesus, hast mir den Weg gezeigt; ich werde dir folgen, wohin immer du gehst.“ Sein Glaube an Jesus erschöpft sich bei ihm und auch bei den vorhin Genannten natürlich nicht in diesem Wort, aber er hat in ihm eine Art Mitte. Und auch bei ihm geht es um den gelebten Glauben, nicht um ein System von Glaubenswahrheiten. Jesus ist ihm der Weg: Er hat uns den Weg gezeigt, den wir gehen müssen, und mit dem Weg natürlich auch das Ziel. Und im Vertrauen auf ihn können wir selbst diesen Weg gehen. „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“ So betete schon der atl. Psalmensänger. So dürfen erst recht wir im Blick auf Jesus beten. Er zeigt uns den Weg, nicht nur mit Worten, sondern durch sein ganzes Leben beschreibt er ihn uns, und er geht diesen Weg auch mit uns: das ist er, Jesus von Nazaret.

 

C          Für wen halten die Leute den Menschensohn? Für wen haltet ihr mich?

Man kann auf diese Frage als gläubiger Christ antworten mit den überlieferten Glaubensformeln, und diese sind heute genauso wahr wie damals, als sie formuliert wurden. Sie bleiben leicht im Formelhaften, im Begrifflichen stecken.

Die genannten Beispiele geben zwar keine umfassenden Antworten, aber sie sind sehr persönlich. Sie sind nicht einfach aus dem Vorratsschatz der Kirche geholt, sondern aus der eigenen Glaubenserfahrung gewonnen.

Nehmen wir sie, verstehen wir sie als eine geistliche Blutauffrischung für unseren Glauben.

 

20. Sonntag im Jahreskreis 1984

 

                                                                                                          Röm 11, 11 – 15. 29 – 32

                                                                                                          Mt 15, 21 – 28

 

A          Denken wir uns in jemanden hinein, der heute die Kirche besucht, der aber schon lange nicht mehr den Gottesdienst mitgefeiert hat, oder gar jemanden, der nicht Christ ist und dem das Evangelium ihm ganz fremd ist; und dieser hört das Evangelium, das wir eben vernommen haben, diesen Abschnitt, der von der Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau handelt. Er würde uns vielleicht sagen: Sehr schön benimmt sich dieser Jesus ja nicht. Und wir hätten es gar nicht leicht, diesen Eindruck zu korrigieren. Das Ganze wirkt ja doch irgendwie peinlich.

Andererseits müssen wir uns sagen: Wenn die Evangelisten Mt und Mk, die uns das Leben und die Botschaft Jesu berichten, auch diese Begebenheit erzählen, dann hat das sicher auch einen Sinn. Sie hätten diese ja genauso gut weglassen können. Auch den fünfzig bis achtzig Seiten, die ihre Evangelisten heute im Druck ausmachen, konnten sie ja sowieso nicht alles aufnehmen. Sie mussten. Sie mussten auswählen und zusammenfassen, und wie anders klänge das Gehörte, wenn man es kurz zusammenfasste, etwa so: Es kam eine kanaanäische Frau zu Jesus und bat ihn für ihre Tochter, dass er sie heile. Und er heilte sie. – Auch das wäre zutreffend. Aber sie führen auch die Einzelheiten an, und das hat sicher seinen Grund.

Der Gesichtspunkt, auf den es hier vor allem ankommt, wird zum Schluss von Jesus angesprochen: „Frau, dein Glaube ist groß.“ – Wir müssen hier vor allem auf die Frau schauen, die mit Jesus zusammentrifft.

 

B 1a)    Gleich zu Beginn wird von der Frau gesagt, dass sie eine Heidin ist. Aber sie hat großes Vertrauen in den, den sie mit „Herr, du Sohn Davids“ anredet. Sie spricht für ihre Tochter, die von einem Dämon gequält wird, d.h. von einer furchtbaren Krankheit geplagt wird. Mit der Erwähnung dieses Tatbestandes verbindet sie die Bitte: „Hab Erbarmen mit mir“ – mit mir, mit meiner Tochter: das geht auf das gleiche hinaus.

b)         Jesus schweigt, er gibt keine Antwort. Den Jüngern erklärt er dies damit, dass er zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesendet sei. Auch seine Wundertaten sind im Zusammenhang mit seiner Sendung zu sehen. Er ist kein Wundermann, der wunderwirkend durch das Land zieht; sondern seine Sendung ist es, das Reich Gottes aufzurichten, das Volk Gottes dafür zu gewinnen als ersten Schritt auf dem Weg zur Heiligung aller Menschen. Auf das zielen seine Worte und seine Taten und damit auch seine Wunder ab.

 

2          Die Frau aber lässt nicht locker: sie wirft sich vor ihm nieder und sagt: „Herr, hilf mir.“ Und wieder betont Jesus die Bindung an seine Sendung: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hündlein zu geben. Mit diesem Ausdruck Hund oder Hündlein, wie es eigentlich heißt, soll die Frau natürlich nicht beleidigt werden. Ere verwendet hier ein vertrautes Bild. Wie die Kinder, so gehörten die Hündlein zum Haus. Jesus bekräftigt damit nur den Vorrang der Kinder Israels. Die Frau aber fängt den Einwand sehr geschickt ab und sagt: „Du hast recht, Herr, aber die Hunde bekommen doch auch von den Resten des Brotes.“

Ein solcher Glaube ist mehr als die Zugehörigkeit zum Volke Gottes. Einem solchen Glauben kann Jesus nicht widerstehen, auch wenn ihn seine Sendung bindet. Er antwortet: „Frau, dein Glaube ist groß.“ Und die Erzählung schließt mit der Bemerkung: „Von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“

 

3          Fragen wir uns: Wie hätten wir gehandelt, wenn es uns so ergangen wäre wie dieser Frau. Hätten wir nicht spätestens nach dem zweiten Versuch die Flinte ins Korn geworfen oder die Worte, die gar nicht beleidigend waren, als Beleidigung missdeutet und uns abgewandt
?

Was wir von der Frau lernen können, ist das große Vertrauen, mit dem sie bittet, mit dem sie betet. Und sie, eine Kanaanäerin, die nichts wusste von der Offenbarung Gottes im Lauf der Geschichte und sicher auch von Jesus nicht sehr viel wusste, und sie bittet mit einem solchen Vertrauen.

Wir kennen das AT, wir kennen die Geschichte Jesu, sein Leiden und Sterben für uns, wir wissen von seiner Auferstehung, wir wissen all das, was er von Gott, seinem Vater, gesagt hat: und wie klein ist oft unser Vertrauen, gerade beim Gebet!

Was erwarten wir denn im Innersten, wenn wir beten? Ist es nicht oft der Gedanke: ändern wird sich ichts; ob ich bete oder nicht: es bleibt alles, wie es ist. Die Nicht-Er-füllung wird also sehr oft schon vorweggenommen.

Erst vor kurzem habe ich wieder gehört, als ich jemand geraten hatte, in einem Anliegen doch auch zu beten: Ach, was bringt es denn schon. Da ist doch alles umsonst.

Und es gibt die, die das bekräftigen: wie oft habe ich es schon gebetet, und immer war es umsonst, noch nie habe ich etwas erreicht.

Ja, es liegt hier eine Versuchung des Unglaubens, die uns alle immer wieder beschleicht: die Versuchung, im Gebet müde zu werden und von Gott nichts mehr zu erwarten. Und das ist eine sehr gefährliche Versuchung, denn sie rührt an das Vertrauen, das unseren Glauben trägt und die Mitte des Glaubens ausmacht.

 

4          Wie kommen wir zu einem solchen Vertrauen und damit zu einem vertrauensvollen Beten?
 Sicher nicht dadurch, dass man es immer wieder einmal probiert, bis man es einmal bestätigt findet; denn das Vertrauen kann man nicht ausprobieren. Was man ausprobiert: darauf lässt man sich nicht ganz ein; da hat man immer noch seine Vorbehalte. Vertrauensvoll beten setzt voraus, dass ich an die Güte Gottes glaube und dass ich – dieser Güte vertrauend – auch spreche oder wenigstens denke: Dein Wille geschehe. Jesus selbst gibt uns für ein solches Beten ein Beispiel. Wenn ich auch diesen Schritt tue, dass ich ausdrücklich Gott die volle Freiheit im Vollzug seines Willens zuerkenne, dass ich es ihm überlasse, wie er meine Bitte erhört, dann bin ich bei dem uneingeschränkten Vertrauen, aus dem wir beten sollen. Ein solches vertrauensvolles Gebet ändert in jedem Fall etwas, auf jeden Fall mich, den Beter, selbst. Aber das kann man, wie gesagt, nicht ausprobieren. Hier gibt es nur den Ernstfall.

 

C          In meinem Buch, das sich mit verschiedenen Begegnungen Jesu befasst, wird die Betrachtung der Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau mit einem kurzen Gebet abgeschlossen. Es beginnt mit den Worten: „Herr, lass uns Freud haben an dieser Geschichte der heidnischen Frau. Gib uns einen solchen Glauben, der nicht lockerlässt. Du wirst uns nicht enttäuschen.“

Ja, man muss nicht nur im Glauben beten, sondern man muss auch um den Glauben beten. Und wir sollen dabei nicht nur an uns selbst denken!

Hochfest Maria Himmelfahrt

Hochfest Maria Aufnahme in den Himmel

Aus der Ansprache beim Angelus vom 15.8.2011

Papst Benedikt XVI.

                                                                      

Die Bibelstelle aus der Offenbarung des Johannes, die wir in der Liturgie dieses Hochfestes lesen, spricht von einem Kampf zwischen der Frau und dem Drachen, zwischen dem Guten und dem Bösen. Der hl. Johannes scheint uns erneut die ersten Seiten des Buches Genesis zu unterbreiten, welche das finstere und dramatische Ereignis der Sünde Adams und Evas erzählen.

Unsere Stammeltern erlagen dem Bösen; in der Fülle der Zeit besiegen Jesus, der neue Adam, und Maria, die neue Eva, endgültig das Böse, und das ist die Freude dieses Tages! Mit dem Sieg Jesu über das Böse, und das ist die Freude dieses Tages! Mit dem Sieg Jesu über das Böse sind auch der innere und der leibliche Tod besiegt. Maria war die erste, die den zum Kind gewordenen Sohn Gottes, Jesus, in ihre Arme geschlossen hat, jetzt ist sie die erste, die an seiner Seite in der Herrlichkeit des Himmels ist. Was wir heute feiern, ist ein großes Geheimnis, und vor allem ist es ein Geheimnis der Hoffnung und der Freude für uns alle: In Maria sehen wir das Ziel, zu dem all jene unterwegs sind, die es verstehen, ihm nachzufolgen, wie Maria es getan hat. So spricht dieses Fest von unserer Zukunft, es sagt uns, dass auch wir an der Seite Jesu in der Freude Gottes sein werden, und er lädt uns ein, Mut zu haben, zu glauben, dass die Kraft der Auferstehung Christi auch in uns wirken und uns zu Männern und Frauen machen kann, die jeden Tag danach trachten, als Auferstandene zu leben und in die Finsternis des Bösen, das in der Welt ist, das Licht des Guten zu tragen.

19. Sonntag im Jahreskreis 1984

 

                                                                                                                                                       Röm. 9, 1 – 5

                                                                                                                                                       Mt 14, 22 – 33

 

A          In der Geschichte jedes Volkes gibt es dunkle Punkte, Ereignisse, von denen man wünscht, dass sie sich niemals zugetragen hätten, von denen man am liebsten schweigen würde, weil sie beschämend sind.

Der dunkelste Punkt in unserer Geschichte ist sicher die systematische Vernichtung der Juden in der Zeit des 3. Reiches. Es ist eine bleibende Frage:  Wie konnte so etwas geschehen? Wie konnte es geschehen, dass man Millionen von Juden in die KZ im Osten verfrachtete und sie dort vergaste und verbrannte. Und das im 20. Jhrd., in einer Zeit, der die sog. Aufklärung vorausgegangen war!

Diese Frage hat viele Seiten. Eine Seite ist auch die Frage nach der Schuld der Christen. Wie weit waren wir Christen wenigstens unmittelbar an dem, was damals geschehen ist, mit schuld? Dass es sich hier nicht um eine überholte Frage handelt, zeigt die Tatsache, dass dieses Thema auch auf dem letzten Katholikentag in München behandelt wurde und dass die entsprechende Veranstaltung von Hunderten von Menschen besucht war.

Auf dieses Thema werden wir heute hingewiesen durch die Lesung aus dem Röm.-Brief des hl. Paulus, die wir vorhin gehört haben. Es war ein Abschnitt aus dem Kapitel, in dem er sich mit dem Schicksal Israels befasst.

 

B 1       Als Paulus seinen Brief an die Römer schrieb, war es mehr als 20 Jahre her, dass er sich, veranlasst durch ein tiefes persönliches Erlebnis, Christus zugewandt hatte, das aus dem Eiferer für das Judentum, der Paulus damals war, ein unermüdlicher Verkündiger des Evangeliums Christi geworden war. Die Juden sahen in dieser Bekehrung einen Verrat und in ihm einen Verräter. Er bekam das in den folgenden Jahren auch nachdrücklich zu spüren; die Apg. erzählt davon. Paulus drehte aber den Spieß nicht einfach um und vergalt nicht gleiches mit gleichem. Er wusste sich auch weiterhin seinem Volk verbunden, wie wir gerade hier sehen: er bekennt sich zu seiner jüdischen Abstammung und nennt die Juden seine Brüder. Es waren nicht nur die Bande des Blutes, die ihn mit dem jüdischen Volk verbanden, sondern auch die Hochschätzung dieses Volkes aufgrund seiner Stellung, die Gott ihm in der Heilsgeschichte zugewiesen hat. Es ist das Volk, das Gott sich erwählt hat, mit dem er seinen Bund geschlossen hat, dem er das Gesetz gegeben hat, dem er verheißen hat, dass aus ihm der Heilbringer hervorgehen werde.

Diese Erwählung ist eine Tatsache, und sie ist nicht aus der Welt zu schaffen. Sie ist auch damit nicht getilgt, dass die Führer des Volkes und der Großteil des Volkes den nicht anerkannt haben, der ihnen verheißen war, dass sie ihn aus ihrer Mitte ausgeschlossen haben.

Daran denkt Paulus, wenn er hier schreibt: „Ich sage die Wahrheit und lüge nicht …: Ich bin voll Trauer darüber, unablässig leidet mein Herz.“ Er leidet daran so sehr, dass er weiter sagt: „Ja, ich möchte selbst verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.“ Das Höchste, die Gemeinschaft mit Christus, wäre er bereit hinzugeben, damit sie zur Gemeinschaft mit ihm gelangen. Das hört sich eigenartig an, fast wie ein Tausch; aber das ist es natürlich nicht. Es ist die höchste Steigerung des Wunsches, dass auch sie zur Erkenntnis Christi gelangen, bzw. höchster Ausdruck seines Leides, dass sie, die Erstberufenen, ihn verkennen und deshalb nicht anerkennen.

 

2          Die Haltung des Paulus sollte die Haltung aller Christen sein; wir sollten sie von ihm lernen.

a)         Das ist die wahre Großmut. Sie besteht nicht darin, dass man nicht unterscheidet und alles für gleich gut hält, dass man sagt, es ist eigentlich gleich, was einer glaubt, wichtig ist, dass er überhaupt etwas glaubt. Wenn man die Wahrheitsfrage ausklammert, löst sich die Großmut auf. Sie ist gerade dort gefordert, wo Unterschiede bestehen und diese auch gesehen werden.

b)         Für ihn ist der Glaube an Christus und die Beziehung zu ihm das Höchste. Und wer ist so tief wie er erfasst, was Christus für uns ist, was wir durch ihn für unser Leben gewinnen, der kann ihm darin nur zustimmen. – Und es wird ihn dann auch – wie den Apostel – bedrücken, dass andere, vor allem solche, die ihm nahestehen, nicht zu diesem Glauben gekommen sind, dass sie für dieses große Angebot Gottes taub sind.

c)         Er leidet darunter; aber er verurteilt nicht. Niemand weiß letztlich, warum sich andere gegen dieses Angebot sperren, warum sie nicht glauben, wo die Gründe dafür liegen. Wenn man diese nicht kennt, darf man auch nicht urteilen. Ganz allgemein sagt uns das Christus in der Bergpredigt: Wir sollen nicht urteilen. Das kommt allein dem zu, der alles weiß. Wir sollen sogar gut zu dem sein, der sich gegen uns vergeht, erst recht gegen den, der anders denkt als wir. Was ganz allgemein gilt, wird hier in Beziehung zu den Juden gesehen.

 

3          Die Geschichte zeigt uns, dass man in dieser christlichen Grundhaltung immer wieder versagt hat, dass man einer Judenfeindlichkeit verfallen ist und dabei noch geglaubt hat, besonders christlich zu denken und zu handeln, wenn man sie als Christus-Mörder anprangerte, ihnen deshalb allgemeine Rechte vorenthielt, sie zu Außenseitern der Gesellschaft machte mit all den Folgen, die sich daraus ergeben.

Wie es dazu kommen konnte: auch das hat seine Gründe, die zeitbedingt sind. Aber es war auch ein Versagen, das man nicht wegnehmen kann, sondern bekennen muss.

Was im 3. Reich geschehen ist, lag auf einer anderen Ebene. Den Weg nach Ausschwitz hat der radikale Abfall vom Christentum und von Gott geebnet. Dorthin hat man auch all die gebracht, die Christen waren, aber von jüdischer Abstammung, wie Edith Stein, die man aus dem Kloster holte und in diesen Augusttagen 1942 im KZ Ausschwitz umbrachte.

Aber auch unter Christen gab es eine antijüdische Stimmung und gibt es auch heute noch. Das darf aber nicht eine Feststellung bleiben. Wir müssen es als echte sittliche, religiöse Aufgabe sehen, dem entgegenzuwirken in uns selbst und um uns herum, und einem Denken Raum zu geben, wie wir es hier in unserer Lesung antreffen.

 

C          Ich habe eingangs schon von der Katholischen Tagesveranstaltung „Kirche und Judentum im 3. Reich“ gesprochen. Sehr unangenehm hat dabei berührt, dass in der anschließenden Diskussion unter größerer Zustimmung die vorwurfsvolle Frage gestellt wurde: Warum sitzt oben auf dem Podium kein Bischof als offizieller Vertreter der Kirche. Sofort möchte man wieder einen haben, dem man Schuld zuweisen kann. Aber gewonnen wäre damit nichts. Gewonnen ist nur etwas, wenn wir uns selbst angesprochen fühlen, wenn wir zum Denken, zum Umdenken veranlasst werden.

18. Sonntag im Jahreskreis 1984
  1. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                     Röm 35. 37 -39                                                                                                                                                       Mt 14, 13 – 21

 

A         Das Evangelium von der Speisung der vielen hören wir verhältnismäßig oft. Der Grund dafür ist, dass sich diese Wundererzählung in jedem der vier Evangelien findet. Ob die Auswahl aus dem Evangelium nach Mt oder Mk oder Lk oder Joh genommen wird: Immer stoßen wir auf dieses Kapitel. Die Tatsache, dass wir es in allen Evangelien finden, ist sicher ein Zeichen für die Bedeutung, die man ihm beigemessen hat. Wir Heutigen hören diese Worte mit anderen Ohren als die Menschen damals, deren Blickwinkel viel enger war, als es der unsrige ist. Selbst die Gebildeten hatten damals keine Ahnung von der Größe Afrikas und Asiens, und von Amerika und Australien wussten sie überhaupt noch nichts. Sie haben alles, auch die Not gesehen im Rahmen ihrer kleinen Welt.

Wenn wir heute von Hunger und Brot hören, denken wir sogleich an die oft im großen, an die Not der vielen Millionen in den Ländern der 3. Welt. Doch auch unter diesen anderen Voraussetzungen hat das, was wir hier hören, seine Bedeutung.

 

B 1a)  Von den Jüngern heißt es hier: „Als es Abend wurde, kamen sie zu Jesus und sagten: „Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schicke doch die Menschen weg.“ Zunächst waren die Jünger sicher erfreut, dass sich viele eingefunden hatten, um Jesus zu hören. Aber je später es wurde, umso unangenehmer wurde ihnen diese Menge. Was soll man mit ihr machen? Das einfachste: man schickt sie weg. Sie sollen selbst zusehen. Was sollte man für sie schon tun! Wenn sie weg sind, wenn man sie nicht mehr sieht, dann regt sich das unangenehme Mitleid nicht.

 

  1. b) In ganz ähnlicher Weise kann man sich dem großen Welthunger unserer Tage gegenüber verhalten. Auch diese Not kann man sich dadurch vom Leib halten, dass man sie nicht zur Kenntnis nimmt, dass man wegschaut von allen Bildern, in denen sich die Not zeigt, dass man das Mitleid nicht aufkommen lässt, das einen unruhig macht.

Diese Haltung, sich fremde Not vom Leib zu halten, ist gerade dann verständlich, wenn man zugleich seine Ohnmacht fühlt, wenn man die Not nicht beheben kann.

 

2          Im Vergleich zu den Jüngern ist Jesus in einer anderen Lage. Er muss nicht im Mitleid verharren; er kann die Kranken heilen und die Hungernden sättigen.

Man hört oft die Frage: Warum hat er eigentlich nicht mehr Kranke geheilt, warum hat er nicht mehr Not aus der Welt geschafft, warum nicht alle? Aber das mündet letztlich in die große Frage: Warum hat der Schöpfer überhaupt eine Welt geschaffen, in der es Leid und Not gibt?

Es ist das die quälende Frage, die die Menschen seit jeher bedrängt, eine Frage, für die es grundsätzlich keine Lösung gibt. Alle Versuche, eine solche zu finden, befriedigen letztlich nicht Seine Sendung. War es nicht, uns die Sorge für diese Welt, in der es Not und Leid gibt, aus den Händen zu nehmen und sie grundsätzlich zu tilgen. Seine Wundertaten sind nicht mehr als Zeichen, dass es dann, wenn das Reich Gottes volle Wirklichkeit ist, keine Trauer mehr gibt und keine Klage, keine Mühsal. Jetzt ist deren Linderung unsere Aufgabe. Das kommt zum Ausdruck in dem Wort Jesu an die Jünger: „Gebt ihr ihnen zu essen.“

 

3 a)     Man kann sich gut die Verlegenheit der Angesprochenen vorstellen. Was sollen sie denn tun? Die Zahl der Anwesenden ist mit 5000 Männern angegeben, dazu Frauen und Kinder. Auch wenn es nur einige wenige wären: es ist klar, dass sie nicht für alle etwas herbeischaffen können. Aber konnten sie nicht wenigstens etwas tun, wenigstens dem einen oder anderen etwas zukommen lassen? Sie sollten nicht gleich sagen: Das übersteigt unsere Möglichkeiten, sondern sie sollten zuerst überlegen: Was können wir tun, auch wenn es nur wenig ist.

  1. b) Das gleiche gilt in Bezug auf die weltweite Notlage. Sie ist so groß, und ihre Behebung ist so schwierig, dass man von vornherein zu sagen versucht ist: Da ist nichts zu machen. Jede Hilfe ist ein Schlag ins Wasser – ergebnislos und letztlich sinnlos – höchstens ein Mittel, um sein Gewissen zu beruhigen; in der Tat wird dadurch nichts verändert.
  2. c) Aber ist eine Hilfe, die auch nur einen oder eine Familie für einen Tag glücklich macht, gar nichts. Haben nicht auch die Tränen, die nicht geweint werden, irgendwo auf der Welt ihren Wert!

 

4          Wir müssen, was die Linderung der Not anbelangt, auf zwei Ebenen denken und handeln:

  1. a) Auf der einen Ebene muss es das Ziel sein, die Verhältnisse so zu ändern, dass die Entstehung von Not verhindert wird. Anders gesagt: Es muss heute Grundlegendes in der Weltwirtschaft geändert werden, damit jeder menschenwürdig leben kann. Das ist die große Lehre, die uns im vergangenen Jahrhundert im Zusammenhang mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Arbeiternot erteilt wurde. Allzulang hat man damals mit bloß caritativen Mitteln diese Not zu bannen versucht. Man hat zu lange gebraucht, bis Männer erklärt haben, dass es mit Unterstützungsmaßnahmen nicht getan ist, dass hier etwas Grundsätzliches geändert werden muss, dass die Not in der Wurzel getroffen werden muss.

Das gleiche gilt heute auf Weltebene. Mit der Linderung der Not ist es nicht getan; es muss die Ursache der Not behoben werden.

Freilich kann ihn dieser Hinsicht jeder einzelne von uns wenig tun. Ich und wir können keine Änderung vornehmen. Wir können sie nur unterstützen dadurch, dass wir sie gutheißen, dass wir bereit sind, damit verbundene Opfer auf uns zu nehmen und auch im Gespräch mit anderen diese Bereitschaft zu wecken. Die die politische Verantwortung haben, können in dieser Beziehung nur etwas tun, wenn sie wissen, dass das vom Volk mitgetragen wird. Und ganz so selbstverständlich ist das eben nicht.

  1. b) Das ist das eine, was geschehen muss: die Änderung der Verhältnisse. Hinzukommen muss die praktische Hilfe, um die augenblickliche Not zu verringern und zu beheben. Auch das ist unbedingt notwendig. Auch wenn die Hilfe zahlenmäßig bescheiden ist: ich sagte es schon: jede kleine Freude, die so bereitet wird, hat ihren Wert. So es um Menschen geht, darf man nicht nur rechnen. Auch das Wohl eines Menschen hat seinen Wert.
  2. c) Das „Gebt ihr ihnen zu essen“, das Jesus im Evangelium sprach, müssen wir im einen und im anderen Sinn verstehen.

 

C         Ich habe das, was wir im Evangelium hörten, nur übertragen auf die große Notlage, auf den Hunger in der Welt. Es ist etwas so Bedrängendes, dass sich der Gedanke an ihn sehr schnell einstellt. Es gibt aber viele andere Formen äußerer und innerer Not, auf die sich das hier Gesagte auch übertragen lässt. In jedem Fall geht es darum, von der Not nicht wegzuschauen und sich ernstlich zu fragen, was kann ich tun, entsprechend der Weisung: Gebt ihr ihnen zu essen.

17. Sonntag im Jahreskreis 1984

                                                                         

                                                                                                                                                   Mt 13, 44 – 52

 

A         Wie am vergangenen Sonntag besteht auch das Evangelium heute aus drei Gleichnissen: dem Gleichnis vom Schatz im Acker, dem Gleichnis von der Perle und dem Gleichnis vom Fischnetz. Alle drei handeln, wie die jeweilige Einleitung sagt, vom Himmelreich, vom Reich Gottes. Das letzte Gleichnis sieht es unter dem Gesichtspunkt des Zukünftigen, die ersten beiden, die eng zusammengehören, handeln vom Reich Gottes als etwas Gegenwärtigem. Diesen beiden wollen wir unsere Aufmerksamkeit widmen.

 

B 1      Das Gleichnis vom Schatz im Acker spricht von einem armen Taglöhner, der beim Pflügen auf einen vergrabenen Schatz gestoßen ist. Und der alles, was er hat, verkauft, um den Acker zu kaufen und auch in rechtmäßiger Weise in den Besitz des Schatzes zu gelangen. Dieses, alles hinzugeben, war für ihn kein Opfer. Er tut es voll Freude um des Gewinnes Willen.

Im zweiten Fall haben wir es mit einem Großkaufmann zu tun, der eine schöne Perle fand. Perlen wurden in der Antike sehr geschätzt und teuer gekauft. Auch er veräußert seinen entbehrlichen Besitz, um dieses besonders schöne Stück zu erwerben. Auch für ihn ist das kein Opfer. Voll Freude gibt er alles hin, um in den Besitz der kostbaren Perle zu gelangen. Ihr Wert übersteigt alles, was er dafür drangibt.

Sowohl das Finden und Erwerben des Schatzes als auch das Finden und Erwerben der Perle ist ein Bild für das Finden und Gewinnen des Reiches Gottes. Dieses ist ein so großer Wert, dass es sich lohnt, alles hinzugeben, um es zu erwerben. Das sagen uns die beiden Gleichnisse.

 

2          Die Übersetzung des Bildes in das Gemeinte macht uns keine Schwierigkeiten, jedenfalls verstandesmäßig nicht. Schwieriger ist es, das Gemeinte auch innerlich zu erfassen, es zu begreifen, dass wir davon auch ergriffen werden. Der Grund dafür ist nicht zuletzt der, dass der Ausdruck „Reich Gottes“ oder Himmelreich, wie es hier heißt – nicht ganz einfach ist.

Manche Theologen geben diesen Ausdruck „Gottesreich“ wieder mit „Gottesherrschaft“, um damit wenigstens deutlich zu machen, dass es hier nicht um ein „Etwas“ geht, um eine Sache, sondern um die Beziehung Gottes zu uns Menschen und umgekehrt. Freilich, ideal ist auch dieser Ausdruck nicht, weil es nicht um Herrschaft in dem Sinn geht, in dem wir dieses Wort gewöhnlich gebrauchen.

 

3          Am nächsten kommen wir dem Gesagten mit dem Ausdruck „Liebe Gottes“.

a)        Denn das enthält die Botschaft vom Reich Gottes zu allererst: das Angebot der vorbehaltlosen Güte Gottes. Er ist jedem Menschen wohl, er erweist jedem Verständnis und Verzeihung, und er kennt darin keine Grenzen.

Der Vergleich, den Jesus in der Bergpredigt bringt, dass die Liebe des Vaters der Sonne ähnlich ist, die über Guten und Bösen aufgeht, macht die Vorbehaltlosigkeit dieser Güte sehr anschaulich. Er erweist sie nicht nur denen, die deren würdig sind, sondern jedem. Die Würdigkeit ist nicht die Voraussetzung, sondern sie muss die Folge sein.

b)        Das Reich Gottes ist nicht nur ein Angebot, sondern auch ein Anspruch. Es verlangt die Umsetzung des Empfangenen in die Beziehung zu den Mitmenschen und verlangt, dass die Güte Gottes durch uns weiterwirkt, dass sie auch unser Handeln bestimmt.

Ein technischer Vergleich soll es verdeutlichen. Nehmen wir an, wir haben eine Lampe. Sie leuchtet erst dann, wenn wir sie an das Stromnetz anschließen, und zwar mit zwei Steckern oder (aus praktischen Gründen) mit einem Stecker, der zwei Pole hat. Wenn wir nur einen einstecken, leuchtet die Lampe noch nicht auf – erst wenn auch der zweite eingesteckt wird. Der Strom muss durchlaufen, erst dann leuchtet sie auf. Ein Pol allein nützt nichts.

Das ist ein banaler Vergleich für etwas ganz Großes, aber er kann deutlich machen, dass das Reich Gottes nicht nur die Beziehung Gottes zu uns bezeichnet, das, was uns von ihm her zuteil wird, sondern auch diesen Weiterfluss durch uns hindurch zu den anderen und durch sie letztlich wieder auf Gott hin.

 

4          In unseren Gleichnissen liegt der Akzent auf dem Punkt, dass der Finder von sich aus alles tut und mit Freude tut, um in den Besitz des Gefundenen, des Geschenkes zu kommen, dass er den Anspruch nicht als harte, lästige Forderung empfinde, die er nur notgedrungen auf sich nimmt. Es gibt für ihn nichts Sinnvolleres, als so zu handeln.

Wenn wir uns in unserer eigenen Welt um entsprechende Vergleiche umsehen, denkt man vielleicht an einen begeisterten Bergsteiger, der in den Mühen und Anstrengungen des Gehens und Steigens nicht etwas Lästiges sieht, sondern im Hinblick auf das Gipfelerlebnis mit Freude auf sich nimmt.

Es wäre gut, wenn sich jeder überlegte, was für ihn einen so großen Wert hat, dass die Mühen, ihn zu erlangen, überhaupt nicht zählen ja überhaupt nicht als Mühen empfunden werden, dass wir sie gerne auf uns nehmen.

Von solchen Vergleichen her müssen wir zu erfassen suchen, was es um die vorbehaltlose Liebe Gottes ist, so dass auch die Folgerungen, die sich daraus ergeben, zur Selbstverständlichkeit werden.

5          Man kann sagen: hier liegt der Schlüssel für einen gelebten Glauben, ich meine für einen Glauben, der nicht neben den anderen Lebensbereichen steht, sondern der dem ganzen Leben seine Prägung gibt. So lange wir das, was sich für unser Handeln ergibt, als ein „du sollst!“, „du musst“ empfinden, haben wir das Wesentlichste, das mit dem Begriff „Reich Gottes“ benannt wird, noch nicht oder noch nicht ganz erfasst.

Natürlich wird es immer wieder Situationen geben, in denen es nicht leicht ist, aus dem Geist der Güte zu handeln, die uns selbst zuteil wird. So harmlos ist das Leben nicht.

Aber es ist ein Unterschied, ob ich etwas nur als mehr äußere Forderung verstehe, oder ob ich es aus Einsicht in die Größe und den Wert des Reiches Gottes tue, auch dann, wenn es mit Opfern verbunden ist.

 

C         Schauen wir zum Schluss nochmals auf den, der den Schatz entdeckte bzw. die kostbare Perle fand und die alles verkauften, um das Gefundene zu erwerben.

Was haben wohl ihre Nachbarn gedacht, die das beobachtet haben? Sie haben sich sicher gedacht: der ist verrückt. Sie wussten ja nicht, warum sie es tun; sie wussten nichts von dem Schatz. Ohne diesen wäre ihr Handeln in der Tat eine Torheit; aber in Wirklichkeit ist es dieses nicht. Wer den Schatz entdeckt hat, der wird danach streben und nicht nur keine Mühe scheuen, sondern auch nicht danach fragen, was andere von seinem Tun halten, wie sie über ihn denken.

16. Sonntag im Jahreskreis

                                                                                                                                                   Mt 13, 24 -43

 

A             Das gehörte Evangelium ist zwar lang, aber es verliert sich nicht in der Unüberschaubarkeit. Es beginnt mit dem Gleichnis vom Unkraut im Weizen. Dann folgen die beiden kleinen Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig. Und dann gibt Jesus den Jüngern auf deren Bitten hin die Deutung des Gleichnisses vom Unkraut.

                Durch diese Deutung bekommt das an sich schon längere erste Gleichnis im Rahmen des Ganzen ein so großes Übergewicht, dass man die beiden anderen kleinen Gleichnisse fast übersieht.

                Es liegen diese drei Gleichnisse vom Sinn her ziemlich nah beisammen. Aber es hat doch jedes auch seine Besonderheit.

                Heute wenden wir uns dem letzten, dem kleinsten zu, dem Gleichnis vom Sauerteig, das nur aus einem Satz besteht: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.“

 

B 1          Der Übersetzer dieses Textes hat auf uns heutige Leser Rücksicht genommen. Er übersetzt das, was mit dem Sauerteig geschieht, so: Die Frau mischt ihn unter einen großen Trog Mehl. Ganz wörtlich heißt es: „Eine Frau verbarg ihn in drei Sea Mehl.“ Im griechischen Urtext steht eine sehr genaue Mengenangabe. Ein Sea ist ein altes Hohlmaß für Trockenes, das etwas über dreizehn Liter fasste. Drei Sea Mehl sind also etwa vierzig Liter Mehl. Das ist eine große Menge. Mit dieser Angabe wird ein Kontrast geschaffen zwischen der kleinen Menge Sauerteig und der großen Menge Mehl. Es ist ein ähnlicher Kontrast wie in dem anderen kleinen Gleichnis vom Senfkorn, wo dem kleinen Saatkorn die große Senfstaude gegenübergestellt wird. So klein die Menge Sauerteig auch ist im Vergleich zum Mehl: der Sauerteig steckt das Mehl um ihn herum an, durchsäuert es, und dieses wirkt in gleicher Weise weiter auf die nächste Schicht. Nach einer bestimmten Zeit sind die vierzig Liter Mehl durchsäuerter Teig.

                Viele haben diesen Vorgang sicher schon oft und oft beobachtet; aber auch die, die es noch nicht gesehen haben, können sich das wahrscheinlich gut vorstellen. Das Bild ist klar.

2 a)        Was soll uns aber damit gesagt werden? Mit ihm soll uns gezeigt werden, dass die „Sache Jesu“ weitergeht. So sagt man heute gerne. Es ist kein ganz glücklicher Ausdruck „die Sache Jesu“. Aber er ist etwas klarer als der Ausdruck Gottes-Reich. Er beinhaltet all das, was Jesus getan hat und was er als der Auferstandene auch heute noch wirkt.

b)           Der Grund dafür, dass Jesus dieses Gleichnis erzählt hat, mag darin liegen, dass schon die Jünger erkennen mussten, dass dem Wirken Jesu nicht der ganz große Erfolg beschieden war, den man eigentlich erwarten möchte. Es mag sich ihnen die Frage gestellt haben: Wie wird das wohl weitergehen. Sie brauchten ein Wort des Trostes, und dieses wird ihnen hier gegeben.

C)           Es liegt an uns Menschen, dass wir Erfolge sehen möchten. Ja wir werten sie vielfach so hoch, dass wir sie zum Maßstab des Richtigen machen. Als ob immer der das Richtige getan habe, der Erfolg hatte, und der das Falsche, dem der Erfolg versagt blieb.

                Statt eindrucksvoller Erfolge verkündigt Jesus einen langsamen Wandlungsprozess, einen langsamen Wachstumsprozess. Erst am Ende wird der große Erfolg stehen. Und dieser Erfolg ist letztlich nicht in der Tüchtigkeit der Jünger begründet, sondern in der Kraft, die im Reich Gottes, in der „Sache Jesu“ liegt.

 

3 a)        Es drängt sich wohl ganz spontan die Frage auf, ob die Entwicklung, die wir selbst miterleben, dem nicht widerspricht, ob dies nicht in die entgegengesetzte Richtung weist. Befindet sich die Kirche nicht auf einem großen Rückzug! Denken wir bloß daran, wie in den letzten Jahrzehnten der Kirchenbesuch zurückgegangen ist. 1959 lag er in der BRD bei 57%; heute liegt er ca. 25% darunter. Das gilt für den Durchschnitt. In vielen Stadtpfarreien liegt er prozentual noch wesentlich tiefer. – So ist es nicht nur bei uns, sondern auch in den Nachbarländern, ganz zu schweigen von den kommunistischen Ländern mit Ausnahme von Polen. Es gibt Zeitkritiker, die sprechen von unserer Zeit als der nachchristlichen Zeit.

b)           Man kann natürlich auch auf andere Erscheinungen hinweisen, vor allem, wenn man den Blick über Europa hinaus richtet. Der indische Bischof, der in den vergangenen Tagen zu Besuch hier war, erzählte, dass in Kerala, im südlichen Indien, in dem viele Christen leben, etwa 80% der Gläubigen den Gottesdienst besuchen. Und es verwundert nicht, dass es dort eine große Zahl von Priester- und Ordensberufe gibt.

c)            Aber was sagen schon Zahlen! Den Durchsäuerungsvorgang in einem Mehltrog kann man gut beobachten. Man sieht es, wie groß die Menge des durchsäuerten ist. Noch besser kann man es an der Senfstaude ablesen. Mit einem Kalender und einem Metermaß kann man den Wachstumsvorgang sehr genau erfassen.

Aber das Reich Gottes, die „Sache Jesu“ ist etwas ganz anderes. Das ist etwas Geistiges, so wie Gott geistig ist, und dieses kann man nicht so bestimmen wie das, was man mit den Augen sieht, und man kann es schon gar nicht messen.

 

4             So wie Jesus den Jüngern einst mit diesem Gleichnis Trost zugesprochen, so tut er es auch uns heute. Ich glaube, wir brauchen ihn sogar noch notwendiger, weil das Erfolgsdenken heute viel ausgeprägter ist, als es damals war, es werden alle auch von ihm mehr oder weniger stark angesteckt.

                Sicher: wir freuen uns, wenn wir vom Wachsen der Kirche in den Ländern der 3. Welt hören, wenn wir von neuen Aktivitäten erfahren, wenn wir einen lebendigen Katholikentag erleben. Andererseits trifft es uns, wenn wir hören, dass die religiöse Praxis, die Gottesdienstfeier, das persönliche Beten, abnehmen oder nacheinander Ordensniederlassungen aufgelöst werden müssen.

                Das eine und das andere bewegt uns, aber es soll uns nicht so bewegen, dass wir im Glauben unsicher werden, dass wir die Hoffnung auf die Kirche und auf die „Sache Jesu“ aufgeben und letztlich dann auch auf Gott.

                Nein, diese Hoffnung lebt nicht von den Zahlen der Statistiken, sondern sie lebt aus der Zusicherung Jesu, dass das Reich Gottes einem Sauerteig zu vergleichen ist, der unter einen großen Trog gemischt wird und dass er schließlich das Ganze durchsäuern wird.

 

C             Das Bild vom Sauerteig finden wir im NT auch noch an zwei anderen Stellen in je verschiedenem Sinn. Denkbar wäre auch ein Wort, in dem dieses Bild auf uns bezogen ist: „Ihr seid der Sauerteig, oder: Ihr sollt der Sauerteig sein, der unter das Mehl gemischt ist“. Dies ist in unserem Gleichnis ja auch enthalten, wenngleich verdeckt. D.h. wir sollen uns von der „Sache Christi“ – wir sollen uns von Christus – ergreifen lassen, dass wir auch andere anstecken.

15. Sonntag im Jahreskreis

 

Aus der Regensburger Sonntagsbibel

 

Im Evangelium des heutigen Sonntags (Mt 13,1-23) wendet sich Jesus an die Menschenmenge mit dem berühmten Gleichnis vom Sämann. Es ist dies ein in gewisser Weise „autobiographischer“ Abschnitt, da er die Erfahrung Jesu, seiner Verkündigung widerspiegelt: Er identifiziert sich mit dem Sämann, der den guten Samen des Wortes Gottes aussät, und er bemerkt die unterschiedlichen Ergebnisse, die er erlangt, je nach der Art der Aufnahme, die der Verkündigung entgegengebracht wird. Da ist der, der das Wort Gottes oberflächlich hört, es aber nicht annimmt; da ist jener, der es für den Augenblick annimmt, aber keine Ausdauer hat und alles verliert; ein weiterer wird von den Sorgen und Verführungen der Welt überwältigt; und da gibt es den, der es hört und wie der gute Boden aufnimmt: hier trägt das Wort Frucht in Fülle.

            Doch dieses Evangelium besteht auch auf der „Methode“ der Verkündigung Jesu, das heißt eben auf dem Gebrauch der Gleichnisse. „Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?“, fragen die Jünger (Mt 13,10). Und Jesus antwortet, indem er einen Unterschied zwischen ihnen und der Menge macht: Zu den Jüngern, das heißt zu denen, die sich bereits für ihn entschieden haben, kann er offen vom Reich Gottes sprechen, den anderen dagegen muss er es in Gleichnissen verkünden, um eben die Entscheidung, die Umkehr des Herzens anzuregen; die Gleichnisse nämlich erfordern ihrem Wesen nach das Bemühen um eine Interpretation, sie sprechen die Vernunft, aber auch die Freiheit an. Der hl. Johannes Chrysostomus erklärt: “Wo redet der göttliche Heiland, um sie an sich zu ziehen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und ihnen zu zeigen, dass er bereit sei, sie zu heilen, wenn sie sich ihm zuwenden wollen“ (In Matthaeum homiliae, 45, 1-2). Im Grunde ist das wahre „Gleichnis“ Gottes Jesus selbst, seine Person, die im Zeichen der Menschheit die Gottheit verbirgt und gleichzeitig offenbart. Auf diese Weise zwingt uns Gott nicht, an ihn zu glauben, sondern er zieht uns an sich mit der Wahrheit und der Güte seines menschgewordenen Sohnes: die Liebe nämlich achtet stets die Freiheit.

                                                                       Aus der Ansprache beim Angelus vom 10.7.2011

14. Sonntag im Jahreskreis

Vorbemerkung: Auch, wenn die Predigt vom Katholikentag in München ausgegangen ist, hat der Inhalt für uns heute noch Aktualität.

                                                                                                          Röm. 8,9. 11 – 13

                                                                                                          Mt 11, 25 – 30

 

A         Es ist ein Unterschied, ob der Katholikentag, der alle zwei Jahre durchgeführt wird, in München oder in Düsseldorf stattfindet. Die räumliche Nähe bewirkt, dass das, was dort geschieht, stärker berührt als das, was 600 – 700 km weit weg geschieht, ganz abgesehen davon, dass es viel leichter möglich ist, an einer solchen Veranstaltung teilzunehmen.

            Es stellt sich (natürlich) nicht nur dem kritischen Betrachter von außen die Frage: Was bringt eigentlich eine solche Großveranstaltung? Lohnt sich der Aufwand? Ist das nicht bl0ß ein Strohfeuer, von dem auf die Dauer nichts bleibt?

            Die Frage isst berechtigt. Aber niemand kann darauf eine gültige Antwort geben. Wirkungen dieser Art sind sehr schwer zu beurteilen. – Natürlich wirkt ein solcher Impuls nicht auf immer weiter. – Wo etwas gibt es überhaupt nicht. Das Leben isst nun einfach so, dass immer wieder neue Impulse, Anstöße gegeben werden müssen und dass sie nur eine gewisse Zeit wirken. Das gilt für alle Bereiche des Lebens.

            Wenn durch diesen Katholikentag ein Anstoß gegeben wird in die Richtung, in die sein Motto weist „Dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt“, dann ist auf jeden Fall etwas sehr Wertvolles erreicht. – Über dieses Leitwort wollen auch wir hier etwas nachdenken!

 

B 1      „Dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt“: das ist ein sehr verhaltener Aufruf. Es heißt nicht: „traut“ dem Leben, „ihr sollt, ihr müsst dem Leben trauen“, sondern einfach „dem Leben trauen“. Hier spricht nicht jemand zu uns, der sich über uns erhebt, sondern der sich selbst miteinschließt, der sich das auch selbst sagt. Sie werden wissen, dass dieses Wort von Alfred Delp stammt, dem Münchner Jesuitenpater, der anfangs Februar 45 wegen seines Widerstandes gegen Hitler zum Tod verurteilt worden ist.

            Wörtlich heißt es bei Delp: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“ Durch dieses „Lasst uns …“ wird es deutlicher, dass er nicht nur zu uns spricht, sondern genauso zu sich selbst. Er spricht sich so selbst Mut zu.

2         Die Wahrheit, die Verheißung, die in diesem Wort zum Ausdruck kommt, stammt natürlich nicht von P. Delp. Er hat nur das, was uns Jesus gesagt und verheißen hat, in diesen Satz umgemünzt: „Lasst uns dem Leben trauen …, weil Gott es mit uns lebt.“ Die Texte aus der Hl. Schrift, die Lesung und das Evangelium, die wir heute gehört haben, zeigen das biblische Fundament dieses Menschenwortes sehr gut. Im Evangelium hörten wir Jesus sprechen: „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“

Wie Gott zu uns steht, dass Gott mit uns lebt: das können wir nicht von uns selbst aus erschließen, das können wir uns nur von dem sagen lassen, der den Vater kennt, von dem, der eins ist mit ihm, von Jesus, seinem Sohn. Und in der Lesung wurde uns zweimal gesagt, dass der Geist Gottes in uns wohnt, der Hl. Geist, der uns in der Taufe und Firmung geschenkt wurde. Er ist nicht ein abstraktes Etwas, ein Edelstein, schön und kostbar, mit dem man nichts Rechtes anzufangen weiß. – Der Geist Gottes soll unser Denken und Wollen prägen; durch ihn haben wir Gemeinschaft mit Gott, durch ihn ist Gott bei uns, geht Gott mit uns.

Im Glauben an den Hl. Geist, der uns geschenkt wurde, konnte Alfred Delp sagen: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“

3         Wir wissen es alle, was die Nähe eines anderen bewirken kann; wir wissen, was es bei der Erfüllung einer Aufgabe ausmacht, ob man allein ist, ob man ganz auf sich gestellt ist oder ob man jemanden zur Seite hat, ob man an einem anderen eine Stütze hat. Diese Stütze braucht gar nicht sehr stark zu sein. Sie muss nicht stärker sein, als ich selbst bin. Es genügt, dass jemand da ist, dass man mit ihm sprechen kann. – Natürlich: die Stütze ist umso besser, je stärker der andere ist.

4 a)     Was wir in Beziehung auf andere Menschen aus Erfahrung kennen, das gilt auch in Beziehung auf Gott, vorausgesetzt natürlich, dass wir es aus ganzem Herzen glauben, dass Gott durch seinen Hl. Geist bei uns ist. Von Menschen, die in besonderer Bedrängnis waren, wissen wir, dass sie diese Nähe Gottes, an die sie geglaubt haben, besonders intensiv auch erfahren durften. – Ich denke an die, die wegen ihres Glaubens oder wegen ihres Einsatzes für die Rechte des Menschen eingekerkert und gefoltert wurden, wie das auch für P. Delp gilt.

            Manche von Ihnen werden die Eröffnung des Katholikentages am Mittwochabend über Rundfunk oder Fernsehen miterlebt haben. Der EB von München und Freising hat in seiner Ansprache eine Stelle aus einem Brief von P. Delp vorgelesen, wo er schreibt – ich kann es nicht genau wörtlich wiedergeben: Als man mich gestern Abend, nachdem man mich geprügelt hatte, wieder in die Zelle zurückbrachte, sagte einer der Peiniger: Du wirst jetzt natürlich nicht schlafen. Du wirst zu deinem Gott beten. Aber er wird nicht kommen und auch keinen Engel schicken, um dich zu befreien. Wir aber werden gut schlafen und uns stärken, um dich morgen wieder zu dreschen.

            Solche Erlebnisse bilden den Hintergrund des Wortes: „Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt.“

b)        Im Vergleich dazu leben die meisten hier und heute im Himmel. Und wer in irgendwelche schwer belastende Not geraten ist, der muss wenigstens nicht den hämischen Spott, das böse Grinsen der Verursacher ertragen. Im Allgemeinen ist unser Leben heute heller. Dafür wollen wir sehr dankbar sein. Aber das soll uns nicht dazu verführen, diese Verheißung zu vergessen, dass Gott es mit uns lebt, dass er uns Halt und Kraft gibt, die verschiedenen Belastungen beherrscht auf uns zu nehmen, zu unserem Leben voll und ganz ja zu sagen, auch wenn die Erwartungen nicht erfüllt sind, und hoffnungsvoll in die Zukunft zu gehen.

C         Ich habe vorhin die Tatsache, dass Gott in unserem Leben bei uns ist, verglichen mit der Nähe anderer Menschen. Wir brauchen solche Vergleiche, um das zu begreifen, was wir nicht unmittelbar erfahren können.

            In einem Punkt unterscheiden sich die beiden Verhältnisse. Jede menschliche Gemeinschaft ist zeitlich begrenzt. Sie nimmt spätestens mit dem Tod ein Ende. Die Nähe Gottes bleibt uns immer erhalten. Ja, was wir jetzt nur im Glauben erfassen können, das wird sich – so dürfen wir hoffen – in der Anschauung Gottes erfüllen. Das ist das Höchste, was wir erlangen können. Auch das ist nicht immer leicht. Mancher würde lieber „aussteigen“. Gott mutet uns das zu. Aber er lässt uns dabei nicht allein. Er geht dieses Leben mit uns.

13. Sonntag im Jahreskreis

Text von Papst Benedikt XVI.

Aus der Regensburger Sonntagsbibel von Bischof Rudolf Voderholzer

 

Wenn wir innehalten und diesen Abschnitt des Matthäusevangeliums betrachten, der gewöhnlich „Aussendungsrede“ genannt wird, dann bemerken wir all jene Aspekte, die die missionarische Tätigkeit einer christlichen Gemeinschaft, die dem Vorbild und der Lehre Jesu treu bleiben will, kennzeichnen. Wer dem Ruf Jesu entsprechen will, muss mit Klugheit und Arglosigkeit jeder Gefahr und sogar den Verfolgungen gegenübertreten, denn „ein Jünger steht nicht über seinem Meister und ein Sklave nicht über seinem Herrn“ (Mt 10,24).

Eins geworden mit dem Meister, sind die Jünger nicht mehr allein bei der Verkündigung des Himmelreiches, sondern Jesus selbst wirkt in ihnen: “Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat“ (Mt 10,40). Darüber hinaus verkündigen sie als wahre Zeugen, „mit der Kraft aus der Höhe erfüllt“ (Lk 24,49), allen Völkern, „sie sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden“ (Lk 24,47). …

 

Damit die Kirche auch weiterhin die ihr von Christus anvertraute Sendung ausüben kann und es nicht fehlen möge an Verkündern des Evangeliums, derer die Welt bedarf, ist es außerdem notwendig, dass in den christlichen Gemeinden die ständige Erziehung der Kinder und Erwachsene zum Glauben niemals nachlässt und in den Gläubigen ein aktiver Sinn für die missionarische Verantwortung und die solidarische Gemeinschaft mit den Völkern der Erde aufrechterhalten wird. Durch das Geschenk des Glaubens sind alle Christen berufen, an der Evangelisierung mitzuarbeiten. Dieses Bewusstsein muss genährt werden durch die Verkündigung und die Katechese, durch die Liturgie und eine ständige Hinführung zum Gebet; es muss verstärkt werden durch die Übung der Annahme, der Nächstenliebe, der geistlichen Begleitung, der Reflexion und der Entscheidungsfindung, ebenso wie durch eine pastorale Planung, deren fester Bestandteil die Aufmerksamkeit gegenüber den Berufungen sein muss.

 

Nur in einem geistlich gut bestellten Acker gedeihen die Berufungen zum Priesteramt und zum geweihten Leben. In der Tat werden die christlichen Gemeinden, die die missionarische Dimension des Geheimnisses der Kirche in der Tiefe leben, niemals die Tendenz haben, sich in sich selbst zurückzuziehen. Die Sendung als Zeugnis der göttlichen Liebe wird besonders wirkmächtig, wenn sie in Gemeinschaft geteilt wird, „damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21). Das Geschenk der Berufungen ist das Geschenk, das die Kirche jeden Tag vom Heiligen Geist erbittet.

 

                                                                                  Aus der Botschaft vom 13.4.2008

 zum 45. Gebetstag um geistliche Berufungen

 

Fest Johnnes des Täufers

Predigt von Dr. N. Fuchs

                                                                                                               Lk 1,57 – 66.80

A         Der hl. Johannes, dessen Geburtsfest wir heute feiern, ist uns kein Unbekannter. Aber es wäre übertrieben, wenn wir sagen wollten, wir kennen ihn. Wir wissen zwar von ihm mehr als von den meisten anderen Menschen aus der Nähe Jesu, aber auch bei ihm sind es doch nur einige Ereignisse; der größte Teil seines Lebens und Wirkens liegt für uns im Dunklen. Doch diese wenigen Ereignisse, das, was wir wissen über seine Geburt, sein Wirken in der Wüste, seine Haft und seinen Tod, reichen aus, dass wir uns ein Bild seiner inneren Gestalt machen können. Und dieses ist wichtiger als eine Fülle von äußerlichen Begebenheiten, die uns keinen Blick in sein Inneres eröffnen, die nichts über ihn selbst aussagen.

Im letzten liegt das Geheimnis seiner Person natürlich in der Berufung vom Mutterschoß an, in seiner Sendung, und diese entzieht sich unserem Verstehenwollen.Was macht aber das Geheimnis seiner Person aus, soweit es im Bereich des Verstehens und eventuell des Beispielhaften liegt? Das sei unsere Frage.

B I

1.    Um es vorwegzunehmen: die kürzeste Antwort auf die Frage, was das besondere Kennzeichen des Johannes ausmacht, ist wohl diese. Es war die Entschiedenheit, die Bescheidenheit seines Liebens, die Entschiedenheit, mit der er das Erkannte und von ihm Geforderte gelebt hat. Sehr anschaulich zeigt sich das in seinem Aufenthalt in der Wüste, von dem wir im Evangelium hören. Man kann zwar Gott überall suchen, nicht nur in der Wüste. Aber für die Menschen der damaligen Zeit war die Wüste der Ort des Gottsuchens. Für uns heute und hier wäre es mehr ein Luxus, dorthin zu gehen, aber für die Menschen damals am Rand der Wüste war es die angemessene Art, sich frei zu machen von den Dingen, von den unnötigen Sorgen, und die Aufmerksamkeit ganz auf Gott, auf das Wort Gottes und die innere Stimme zu richten.

Sich diesem Anruf zu öffnen, ist bereits eine Form der Entschiedenheit, auch wenn der Anruf, den man erkannt hat, nichts anderes als die Treue in den alltäglichen Dingen verlangt.

2           Der Auftrag des Johannes war es, die Menschen zur Umkehr zu rufen und so dem Herrn den Weg zu bereiten. Er gab sich in diesen Auftrag mit einer solchen Bestimmtheit hin, dass er sich selbst als Stimme des Rufers in der Wüste bezeichnen konnte. Er war nicht einer, der seinen Auftrag mit seinen persönlichen Interessen verband, sondern diese fielen in eins zusammen. Sein Interesse war seine Sendung. So kann man verstehen, dass die Menschen in Scharen zu ihm hinausgezogen sind, um ihn zu hören, dass sie sich von seinem Wort innerlich treffen ließen, dass sie ihn fragten, wie sie leben sollten. Der selbst entschieden war und entschieden lebte, konnte auch andere aufrütteln und bewegen, sich für das Gottgewollte zu entscheiden.

3           Von dieser Entschiedenheit war auch das Verhältnis des Johannes seinem Herrn gegenüber bestimmt. Wie kein Mensch, so hat auch Johannes die Würde Jesu nicht von sich aus erkannt, sondern Gott hat sie ihm offenbart. Er „sah den Geist gleich einer Taube vom Himmel herabsteigen und über ihm schweben; er hörte die himmlische Stimme, glaubte und wurde so zum Boten „des Lammes Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Ihm gegenüber bekennt er sich nicht würdig, ihm die Schuhriemen zu lösen, ihm diesen Sklavendienst zu erweisen. Und die ehrenvolle Frage, die der Hohe Rat an ihn richten lässt, ob nicht er der verheißene Messias sei, berührt ihn nicht im Geringsten. Er wollte nicht selbst Licht sein das er nicht war, wie es im Joh.-Prolog heißt: „Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht“. In dieser Hinordnung auf ihn sollte keine Unklarheit bestehen, um dem wahren Licht nichts an seiner Strahlkraft, an seinem Glanz zu nehmen.

4          Die Entschiedenheit des Johannes zeigt sich schließlich auch in der Auseinandersetzung mit König Herodes, die mit seiner Enthauptung im Gefängnis endet. Obwohl er dem Herrscher gegenüber die Kritik offen ausspricht, ist ihm dieser mit einer inneren Ehrfurcht und Hochachtung begegnet, weil er die Lauterkeit seiner entschiedenen Gesinnung erkannt hat.

II.

1       Die Entschiedenheit war damals und ist heute eine Sprache, die verstanden wird, und eine Haltung, die respektiert wird. Freilich soll es nicht nur diese Wirkung sein, die von ihr ausgeht, die uns zu dieser Haltung bewegt, sondern der Wert, der in ihr selbst liegt. Sie ist praktische Wahrhaftigkeit.

In der Bergpredigt sagt uns Jesus: „Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein. Das gilt nicht nur für unsere Rede, sondern vielmehr noch für das Leben, das ja auch wahrhaftig und unwahrhaftig sein kann, das wahrhaftig sein soll.

2      Entschiedenheit ist eine Form von Wahrhaftigkeit, eine Haltung, die -wie gesagt – verstanden wird, die gewürdigt wird. Wir dürfen das wohl auch von uns selbst sagen, dass wir ein Gespür dafür haben, dass wir sie zu würdigen wissen. Und dennoch erliegen wir, was unsere eigene Entschiedenheit anbelangt, immer wieder der Versuchung, auszuweichen, erliegen wir der Inkonsequenz.

Woran liegt es? In den meisten Fällen dürfte es die Bequemlichkeit sein, die Nacht über uns gewinnt, oder die Feigheit, denn mit einer entschiedenen Haltung eckt man nur allzu leicht an. Oft sind es wohl auch Gedankenlosigkeit oder geistige Trägheit, die sich hier einmischen und die dazu führen, dass die im  Grundsätzlichen getroffene Entscheidung nicht zur alles bestimmenden Kraft wird, die sie eigentlich sein müsste, dass sie nicht zu der Entschiedenheit führt, die man eigentlich erwarten müsste, so wie wir das am Beispiel des hl. Johannes sehen.

C          Ein großer englischer Prediger des letzten Jahrhunderts hat auf seinen Grabstein statt des Namens die Worte setzen lassen: Der Knecht stirbt. Der Meister lebt. Man könnte sich das auch für Johannes d. Täufer denken, der die gleiche Gesinnung in die Worte fasste: „Er (Christus) muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ Wenn eine Entschiedenheit nicht in den Fanatismus führen soll, dann muss sie mit dieser „Bewegung nach unten“ verbunden sein, und wo diese Bewegung ehrlich ist, ist sie immer auch mit der Entschiedenheit verbunden.

12. Sonntag im Jahreskreis

Text von Papst Benedikt XVI. zum 12. Sonntag im Jahreskreis

Aus der Regensburger Sonntagsbibel von Bischof Rudolf Voderholzer

Im Evangelium des heutigen Sonntags finden wir zwei Aufforderungen Jesu: zum einen „fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ und zum anderen „fürchtet“ Gott (vgl. MT 10,26.28).

Wir werden so angeregt, über den Unterschied nachzudenken, der zwischen den menschlichen Ängsten und der Gottesfurcht besteht. Die Angst ist eine natürliche Dimension des Lebens. Von Kind auf ist man Formen von Ängsten ausgesetzt, die sich dann als imaginär erweisen und vergehen; andere, deren klare Gründe in der Wirklichkeit liegen, treten später zutage: Diesen muss mit menschlichem Engagement und Gottvertrauen entgegengetreten werden. Dann aber gibt es vor allem in unseren Tagen eine tiefere Form der existentiellen Furcht, die manchmal die Grenzen zur Lebensangst überschreitet: Sie entsteht aus einem Gefühl der Leere, das mit einer gewissen Kultur verbunden ist, die von einem verbreiteten theoretischen und praktischen Nihilismus durchdrungen ist.

Angesichts des weiten und vielfältigen Spektrums menschlicher Ängste ist das Wort Gottes eindeutig: Wer Gott „fürchtet“, hat keine Angst“. Die Gottesfurcht, die in der Heiligen Schrift als „Anfang der wahren Weisheit“ definiert wird, fällt mit dem Glauben an ihn zusammen, mit der heiligen Achtung vor seiner Hoheit über das Leben und die Welt. Ohne „Gottesfurcht“ zu sein würde bedeuten, sich an seine Stelle zu setzen, sich als Herren über Gut und Böse, über Leben und Tod zu fühlen. Wer hingegen Gott fürchtet, bleibt auch inmitten der Stürme ruhig, denn Gott ist, wie uns Jesus offenbart hat, der Vater voller Barmherzigkeit und Güte. Wer ihn liebt, hat keine Angst: “Furcht gibt es in der Liebe nicht“ – „sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet“ (1 Joh 4,18).

Der Gläubige erschrickt vor nichts, da er sich in den Händen Gottes weiß, da er weiß, dass das Böse und das Unvernünftige nicht das letzte Wort haben, sondern dass der einzige Herr der Welt und des Lebens Christus ist, das fleischgewordene Wort Gottes, der uns bis zum Opfer seiner selbst liebte und am Kreuz für unser Heil gestorben ist.

                                                           Aus der Ansprache beim Angelus vom 22.6.2008

Herz - Jesu - Fest

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Text von Papst Benedikt XVI. zum Hochfest HEILIGES HERZ JESU

Aus der Regensburger Sonntagsbibel von Bischof Rudolf Voderholzer

 

Am vergangenen Freitag haben wir das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu gefeiert, das dritte und letzte der Feste, die nach dem Dreifaltigkeitssonntag und Fronleichnam der Osterzeit folgen. Diese Aufeinanderfolge lässt an eine Bewegung hin zur Mitte denken: eine Bewegung des Geistes, die Gott selbst lenkt. Denn aus dem unendlichen Horizont seiner Liebe heraus wollte Gott in die Grenzen der Geschichte und des Menschseins eintreten, er nahm Leib und Herz an; so dass wir das Unendliche im Endlichen betrachten und ihm begegnen können, dem unsichtbaren und unaussprechlichen Geheimnis des menschlichen Herzens Jesu, des Nazareners.

In meiner ersten Enzyklika zum Thema Liebe war der Ausgangspunkt gerade der Blick auf die durchbohrte Seite Jesu, wovon Johannes in seinem Evangelium spricht (vgl. 19,37; Deus caritas est, 12). Und diese Mitte des Glaubens ist auch die Quelle der Hoffnung, auf die hin wir gerettet sind, die Hoffnung, die ich zum Gegenstand der zweiten Enzyklika gemacht habe.

Jeder Mensch braucht eine „Mitte“ für sein Leben, eine Quelle der Wahrheit und der Güte, aus der er in der Abfolge der verschiedenen Situationen und in der Mühe des Alltags schöpfen kann. Beim stillen Innehalten hat es ein jeder von uns nötig, nicht nur den eigenen Herzschlag, sondern das Pochen einer verlässlichen Gegenwart in größerer Tiefe zu verspüren, die mit den Sinnen des Glaubens wahrnehmbar und dennoch weitaus wirklicher ist: die Gegenwart Christi, des Herzens der Welt. Ich lade daher einen jeden ein, im Monat Juni seine Verehrung des Herzens Jesu zu erneuern und so auch das traditionelle Gebet der Aufopferung des Tages zu intensivieren und dabei die von mir für die ganze Kirche gegebenen Gebetsanliegen zu beachten.

                                                                       Aus der Ansprache beim Angelus vom 1.6.2009

11. Sonntag im Jahreskreis

 

aus der Regensburger Sonntagsbibel von Bischof Rudolf Voderholzer

 

Mt 9,36 -10,8

Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich und sandte sie aus.

 

Als Jesus die Zwölf berief, wollte er symbolisch auf die Stämme Israels Bezug nehmen, die ja auf die zwölf Söhne Jakobs zurückgehen. Indem er deshalb in den Mittelpunkt seiner neuen Gemeinschaft die Zwölf stellt, lässt er verstehen, dass er gekommen ist, um den Plan des himmlischen Vaters zur Erfüllung zu bringen, auch wenn erst an Pfingsten das neue Antlitz der Kirche sichtbar werden sollte: wenn nämlich die Zwölf, erfüllt vom Heiligen Geist, das Evangelium in allen Sprachen verkünden werden (vgl. Apg 2,3-4). Da wird dann die universale Kirche sichtbar werden, die in einem einzigen Leib fassbar ist, dessen Haupt der auferstandene Christus ist, und die von ihm zu allen Nationen gesandt ist bis an die äußersten Grenzen der Erde (vgl. Mt 28,20). … Den Zwölf, so haben wir gehört, „gab […](er) die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen“ (Mt 10,1). Die Zwölf werden mit Jesus zusammenarbeiten müssen, um das Reich Gottes zu errichten, das heißt seine segensreiche Herrschaft, die Leben, ja Leben in Fülle für die ganze Menschheit bringt. Die Kirche ist also wie Christus und zusammen mit ihm dazu gerufen und gesandt, das Reich des Lebens zu errichten und die Herrschaft des Todes zu vertreiben, damit in der Welt das Leben Gottes triumphiere. Damit Gott triumphiere, der die Liebe ist. Dieses Werk Christi ist immer ein stilles Werk, es ist nicht spektakulär; gerade in der Demut des Kirche-Seins, des täglichen Lebens gemäß dem Evangelium, wächst der große Baum des wahren Lebens. Gerade mit diesem demütigen Anfängen ermutigt uns der Herr, damit wir auch in der Einfachheit der Kirche von heute, in der Armut unseres christlichen Lebens seine Gegenwart sehen und so den Mut finden können, ihm entgegenzugehen und seine Liebe auf der Erde sichtbar zu machen, diese Kraft des Friedens und des wahren Lebens.

                                                                                   Aus der Predigt am 15.6.2008 in Brindisi

 

 

 

Fronleichnam

            Joh. 6,51 -58 (51-59)

 

A         Die Worte der Hl. Schrift haben nicht alle das gleiche Gewicht. Es gibt Kernworte, die für unseren Glauben von höchster Bedeutung sind, und es gibt Stellen, die nur eine nachgeordnete Bedeutung haben. Zu ersteren gehört zweifellos das Evangelium, das wir eben gehört haben, ein Abschnitt aus der sog. Rede über das Himmelbrot.

Seine Hauptaussage wollen wir etwas bedenken.

B1        Um den Sinn dieser Worte zu begreifen, müssen wir uns klar sein, dass christlicher Glaube nicht nur Weltanschauung ist, eine neben anderen, die uns etwas sagt über Sinn und Zweck des Lebens, darüber, wie wir unser Leben gestalten sollen. Das ist sie auch, aber sie ist es nicht nur. Wenn Jesus hier sagt:“ Wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben“, so spricht er aus, worum es letztlich geht: um das Leben, um das volle Leben, um das ewige Leben. Das ist nicht eine Einzelaussage, die sich hier findet. Diese Kernwahrheit zieht sich durch das ganze Evangelium hin.

Am vergangenen Sonntag haben wir als Evangelium einen Abschnitt gehört, der in einem ganz anderen Zusammenhang steht; in ihm hieß es: „Gott hat die Welt sosehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt …, das ewige Leben hat.“

Und wieder in einem ganz anderen Zusammenhang – im Anschluss an das Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe – sagt Jesus: „Handle danach, und du wirst leben.“ Letztlich geht es um das Leben, das ewige Leben, das im Vergleich zu diesem unserem Leben nicht etwas völlig Verschiedenes ist, sondern dessen Erfüllung.

2          Gott ist ein Gott des Lebens; deshalb ist die christliche Botschaft eine Botschaft vom Leben; deshalb gehört es zum Glauben, dem Leben zu trauen; deshalb ist die Kirche verpflichtet, sich für das Leben einzusetzen, für seinen Wert, seine Würde, für seine Unantastbarkeit, dafür, dass das Leben in all seinen Phasen als etwas Heiliges geschützt wird, dafür, dass es gefördert wird. In dieser Beziehung, in der Sorge für dieses Leben, wissen wir uns mit allen Menschen, gleich welcher Religion, gleich welcher Weltanschauung, verbunden: wenn sie nur mitsorgen, das Leben zu schützen, zu fördern, die materielle und geistige Not zu verringern und die Beziehung unter den Menschen zu verbessern.

Darüber hinaus kommt es aber der Kirche zu, das besondere Angebot Jesu weiterzugeben, „dass jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat“, ein Angebot, das alle anderen lebensverschönernden und lebensbereichernden Angebote um ein Weites, ein Unendliches überbietet.

Dieses Leben – das Leben in der Zeit – wurde uns gegeben, ohne dass wir gefragt wurden. Wir finden uns einfach vor, wir sind da, wir müssen einfach annehmen, was ist. Aber das neue, das ewige Leben: darüber entscheiden wir selbst. Das ist uns als Angebot von Gott durch Jesus Christus gegeben als Möglichkeit, die wir wahrnehmen können und die wir ausschlagen können. Wir nehmen sie wahr durch den Glauben an ihn und durch die Gemeinschaft mit ihm im Empfang der Sakramente besonders der hl. Eucharistie. „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“

3          Wir können es nachfühlen, dass diese Worte die ersten Hörer betroffen gemacht haben und auch auf Unverständnis gestoßen sind. „Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ Ja, es wird gesagt, dass sich daraufhin viele von ihm zurückgezogen haben. Aber Jeu schwächt das Gesagte nicht ab, nimmt nichts zurück, im Gegenteil: er wendet sich an die Zwölf und fragt sie: „Wollt auch ihr gehen?“

Wir sind in dieser Beziehung in einer wesentlich besseren Lage. Die wenigsten von uns wurden mit diesen Worten hart konfrontiert. Wir sind in diesen Glauben hineingewachsen. Die Worte „Das ist mein Leib“, „Das ist mein Blut“…, hingegeben „für das Leben der Welt“: sie sind uns von Kindheit an vertraut. Wir hörten sie schon, ehe wir überhaupt begreifen konnten, was damit gesagt ist. Vielleicht sind sie uns so vertraut, dass uns das Unerhörte noch nie so wirklich betroffen hat.

In der Vergangenheit war diese Gefahr noch größer, als sich alle gläubig dieser einen Mitte zuneigten. Je weniger das zutrifft, umso notwendiger ist das bewusste Ja des Glaubens: Ja, Herr, ich glaube deinem Wort; ich glaube, dass du das Brot des Lebens bist; ich glaube, dass du uns dein Fleisch zu essen gibst, dass wir durch dieses Gemeinschaft mit dir haben und durch sie ewiges Leben gewinnen. Ja, Herr, ich glaube es; hilf meinem Kleinglauben, meinem Unglauben.

4          Wenn wir so glauben – verstehend glauben – dann begreifen wir auch, dass die Feier dieses Geheimnisses die Mitte eines christlichen Lebens, die Mitte der christlichen Gemeinde ausmacht. Dann verstehen wir die Bedeutung des sonntäglichen Gottesdienstes, die Feier dieses Geheimnisses im Rhythmus der Woche, in dem Rhythmus, der unser Leben bestimmt. Hier geht es nicht nur um den Ausdruck einer frommen Denkungsart, darum, dass wir unser Gefühl daran erwärmen; dies hier ist die Quelle des ewigen Lebens, zu dem wir berufen sind. Sie ist die Begegnung mit Gott, die intensiver ist als jede andere, die aber nicht auf diese Beziehung beschränkt bleibt. Sondern von ihr geht ein Impuls aus, der sich auf die Beziehung zu unseren Mitmenschen, den nahen und den fernen, auswirkt, natürlich nicht von selbst, ohne unser Zutun, sondern nur, wenn diese Feier gläubig vollzogen wird, wenn wir uns bewusst sind, was wir hier haben, was uns hier geschenkt wurde und immer neu geschenkt wird.

C          Wir feiern das Fest Fronleichnam, das Fest des Herrenleibes, so müssen wir das alte deutsche Wort heute wiedergeben. Wir begehen es mit einer Feierlichkeit wie kein anderes Fest, und das mit Recht, denn in dem Herrenleib, in dem Brot, das Christus uns schenkt, ist zeichenhaft und wirklich all das eingeschlossen, was Christus für das Leben der Menschen, für unser Leben getan hat. Diese gemeinsame Feier soll uns die Kostbarkeit dieses Vermächtnisses Jesu wieder bewusst machen.

Dreifaltigkeitssonntag

 

                                                                                                                      Joh 3,16-18

 

A         Der Ausdruck, der dem heutigen Fest den Namen gibt, Dreifaltigkeit oder auch Dreieinigkeit, kommt in der H. Schrift nicht vor. Das bedeutet aber nicht, dass er eine unbiblische Zutat im Glauben ist. In der Schrift ist vom Vater die Rede. Sie gibt Zeugnis von Jesus Christus als dem Sohn Gottes, und sie spricht vom Hl. Geist, der auch „Geist des Vaters“ und „Geist Jesu“ bezeichnet wird.

Dieses Sprechen vom Vater, vom Sohn und vom Hl. Geist wird mit dem Wort „Dreifaltigkeit“ zusammengefasst. Der Begriff wurde erst im 3. Jhdt. n.Chr. gebildet von den theologischen Denkern. Aber was er bezeichnet, das stammt nicht von Menschen, das wurde uns von Jesus Christus offenbart, das finden wir in den ntl. Zeugnissen der Offenbarung. Versuchen wir heute das Schwierige, etwas in dieses Geheimnis einzudringen.

B1        Es gibt viele Geheimnisse: Wo immer ich ansetze: bei Dingen, bei Lebewesen und erst recht beim Menschen: immer mündet das Verstehenwollen letztlich im Geheimnis, ins Nicht-mehr-Verstehbare.

Erst recht gilt das natürlich für Gott. Er ist und bleibt das große Geheimnis, auch wenn er sich uns in Jesus Christus offenbart hat und wir aufgrund dieser Offenbarung einen Zugang zu ihm haben. Ja, aufgrund dieser Offenbarung ist uns erst richtig die Größe dieses Geheimnisses klar.

Ein Vergleich: Stellen wir uns vor, wir stünden am Rand eines tiefen Brunnens; schon bei zehn Metern Tiefe etwa beginnt im Brunnenschacht die Dunkelheit. Es ist etwas anderes, ob mir jemand sagt, dieser Brunnen ist 200 m tief, oder ob ich mit einer guten Taschenlampe in die Tiefe leuchte. Ich kann ihn zwar nicht ganz ausleuchten, aber die Tiefe des Brunnens wird mir durch dieses in die Tiefe fallende Licht eindringlicher bewusst, als wenn ich nur höre, dass er tief ist.

Der Versuch, in das Geheimnis Gottes einzudringen, führt nicht zur Auflösung des Geheimnisses, sondern dadurch wird mir erst so recht die Größe des Geheimnisses Gottes bewusst.

2          Grundlage für alles, was wir über den dreifaltigen Gott sagen können, sind die Worte und die Taten Jesu, wie sie uns im NT bezeugt sind. Schauen wir uns diese an, so können wir sehen, dass Jesus an unzählig vielen Stellen vom Vater spricht. Er sagt von sich, dass er tut, was ihm der Vater zeigt, dass es sein innerstes Verlangen ist, den Willen des Vaters zu tun. Er sagt uns, dass wir vollkommen sein sollen wie der Vater, dass wir zum Vater beten sollen, dass sein Wille geschehe. Das ganze Leben Jesu ist auf den Vater hingerichtet und durch das Denken an den Vater bestimmt. Ja er ist mit ihm geradezu zusammengeschlossen. Er sagt: “Ich und der Vater sind eins.“ Folglich gilt auch:“ Wer den Sohn sieht, sieht den Vater.“

Der Vater und der Sohn sind eine ganz enge Gemeinschaft, deine Gemeinschaft der Liebe, der schenkenden und empfangenden Liebe: Der Vater liebt den Sohn, und der Sohn liebt den Vater. Der Hl Geist ist die sie verbindende, Gemeinschaft stiftende Liebe, das Band der Einheit.

3          Wenn Jesus von diesem Geheimnis spricht, dann nicht nur, damit wir mehr wissen, oder gar deshalb, damit der Glaube etwas komplizierter wird, damit er unserem Verstehenwollen mehr Ecken und Kanten bietet …: das anzunehmen wäre einfältig; es geht ihm dabei um etwas ganz anderes.

Es geht ihm um den Menschen, um das Heil des Menschen.

Das Ziel der Geschichte jedes Menschen soll nach Jesus das ewige Leben sein. Wir haben es vorhin wieder gehört im Evangelium: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder … das ewige Leben hat.“

Wir sollen nicht nur wie eine Blüte kurz aufleben und dann wieder zerfallen, sondern wir sollen eingehen zum ewigen Leben. Diese Wahrheit gläubig annehmen ist der erste Schritt im Verständnis der Dreifaltigkeit. Wer diesen Schritt nicht mitgeht und das Leben eben nur versteht als Schaum und als Krone einer Welle und nicht mehr, der kann auch das Folgende nicht mitvollziehen und nicht verstehen.

4          Jesus sagt uns nicht nur, dass es ein ewiges Leben gibt, sondern er erklärt sich selbst als den Weg, der zu diesem Ziele führt. Ich habe das vorher ausgeklammert. Die ganze Stelle unseres Evangeliums lautet: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ „… Wer an den Sohn glaubt …“ Wer an ihn glaubt, der hat Gemeinschaft mit ihm, und wer Gemeinschaft mit dem Sohn hat, der hat auch Gemeinschaft mit dem Vater, der nimmt teil an der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes im Hl. Geist, er nimmt teil an der göttlichen Lebensgemeinschaft, am göttlichen Leben, am ewigen Leben.

Das ewige Leben, auf das unser Leben hinzielt, ist nicht nur eine irgendwie geartete Fortdauer, sondern es ist das Einbezogensein in die Liebesgemeinschaft des Vaters und des Sohnes, die Aufnahme in diesen Liebesbund.

Es gibt eine bekannte Ballade von Schiller, in der die Freundschaftsliebe besungen wird. Sie endet mit den Worten des Tyrannen: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bund der Dritte.“ Indem diese ihn in ihren Freundschaftsbund aufnehmen, hat er teil an ihrer Freundschaftsliebe, an dieser großen Liebe. Das ist zwar ein sehr bescheidener Vergleich für die Aufnahme in die Gemeinschaft der Liebe des Vaters und des Sohnes im Hl. Geist, aber er bringt sie uns doch etwas näher.

5         Deutlich ist nun dies: In der Glaubenswahrheit vom dreifaltigen Gott geht es nicht in erster Linie darum, etwas über Gott zu sagen, sondern darum, etwas über den Menschen auszusagen, über das Ziel, zu dem er berufen ist, und über den Weg zum Ziel, kurz: über das Heil des Menschen.

           Erst in zweiter Linie stellt sich dann die Frage nach dem Geheimnis des göttlichen Wesens. Wer seinen Blick allein darauf richtet, der könnte versucht sein zu sagen, es handle sich um eine Glaubensaussage, von der man ohne weiteres absehen könne. Es genügt einfach an Gott zu glauben, daran, dass Gott gut ist, dass er uns liebt, alles andere ist unerheblich. Gerade um das geht es ja hier: dass Gott uns liebt, und das nicht nur nach dem Maß unserer Liebenswürdigkeit, sondern dass er uns liebt mit der Liebe des Vaters zum Sohn, dass wir in diese Liebesbeziehung aufgenommen sind. Nur so erfassen wir die Größe der Liebe Gottes, die letztlich unsere Hoffnung begründet.

C          Der Schlusssatz unseres Evangeliums lautet: „Wer an Jesus glaubt, wird nicht gerichtet, und wer nicht glaubt, ist schon gerichtet.“ Was wir einmal erfahren werden, das ist jetzt schon Wirklichkeit: durch den Glauben an den Hl. Geist haben wir Gemeinschaft mit Christus und durch ihn Gemeinschaft mit dem Vater.

Wir dürfen nicht nur hoffen, einmal in diese Gemeinschaft einbezogen zu werden, sondern wir dürfen glauben, dass wir jetzt schon an ihr teilhaben, dass wir einbezogen sind in das Geheimnis des dreifaltigen Gottes.

Hier verstummt das Wort. Was wir noch können, ist, dass wir diese Wahrheit – ohne viele Worte – bedenken und beherzigen.

 

Pfingsten

                                                                                                                                Apg 2,1-11

                                                                                                                                  Joh 20,19-23

A          Das Pfingstfest, das wir heute feiern, unterscheidet sich von den anderen großen Festen des Jahres dadurch, dass es nicht auf ein einmaliges geschichtliches Ereignis hinweist.

Die Geburt Jesu geschah an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit; einmal und nicht wieder. Auch der Tod und die Auferstehung Jesu geschahen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit; einmal und nicht wieder. Anders das Pfingstereignis: das geschah nicht nur einmal dort in Jerusalem, fünfzig Tage nach der Auferstehung, sondern es geschah und geschieht immer wieder und an vielen Orten. Es wiederholten sich gelegentlich sogar die Begleiterscheinungen, die das erste Pfingsten kennzeichnen, so etwa bei der Bekehrung des ersten Heiden, des Hauptmanns Cornelius in Cäsarea, von der die Apg. berichtet.

Aber das Kommen des Hl. Geistes geschieht nicht nur dort, wo es sich äußerlich bekundet. Es geschieht, wo getauft wird, wo gefirmt wird, wo Sünden vergeben werden, wo Eucharistie gefeiert wird. Es geschieht in vielen Weisen. Der Geist Gottes weht wo er will, und er wirkt, wie er will. Bleiben wir aber zunächst bei der Erzählung vom ersten Pfingstfest, die wir als Lesung gehört haben.

B1        Das Pfingstfest war schon ein jüdisches Fest. Es war eines der drei großen Pilgerfeste und wurde wie heute fünfzig Tage nach Ostern, nach dem jüdischen Paschafest, begangen. Ursprünglich hatte es den Sinn eines Erntedankfestes; später wurde es Gedächtnis der Offenbarung Gottes und der Gesetzgebung auf dem Sinai. Dies erklärt die Tatsache, dass an diesem Tag Menschen, gläubige Juden, aus allen Völkern in Jerusalem waren: aus dem nahen Judäa, aus Ägypten, aus Medien, aus den Völkern Kleinasiens und aus Rom. Diese Menschen sind nicht nur Zeugen der Ausgießung des Hl. Geistes auf die Apostel, sondern sie werden selbst von ihm ergriffen. Sie verstehen, was sie in fremder Sprache hören, und es berührt sie. Sie sind in die „Begeisterung“ mit einbezogen. Petrus sieht darin eine alte Verheißung erfüllt. Er sagt es in seiner Pfingstpredigt: „In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: “Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch …, über meine Knechte und Mägde … und es wird geschehen: jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“

Gott schenkt seinen Hl. Geist allen ohne Unterschied: Juden und Heiden, Römern und Nicht-Römern, Griechen und Barbaren, Männern und Frauen, Freien und Knechten. Alle, die davon ergriffen wurden, schlossen sich den Aposteln an und wuchsen so zur Kirche zusammen. Alle Unterschiede in Bezug auf die Herkunft, auf Standeszugehörigkeit, auf Bildung, alle diese Unterschiede wurden und werden so relativiert, werden nebensächlich angesichts des göttlichen Geschenkes, des Hl. Geistes. Er ist die einigende Kraft, die die Menschen miteinander verbindet.

2          Der hl. Paulus macht uns in seinem 1.Kor die einheitsstiftende Kraft des Hl. Geistes verständlich im Bild des Leibes. Er sagt dort: So wie der Leib viele Glieder hat, diese aber doch eine Einheit bilden, so ist es auch mit dem Leib Christi, mit der Kirche. Der Geist ist es, der diesen geheimnisvollen Leib schafft, der die einzelnen Glieder belebt und verbindet, durch den jeder seine Bedeutung für das Ganze gewinnt. Ob er Jude oder Heide, Freier oder Knecht ist: das ist dafür völlig unerheblich. In diesem Zusammenhang, in dieser Sicht sind solche Äußerlichkeiten völlig belanglos, ist all das nicht mehr wert, als wenn Kinder König und Kaiser spielen. Jeder soll deshalb den anderen ehren, soll sich mit ihm freuen und mit ihm leiden. Um das Bild des Leibes zu Ende zu führen: Das Haupt dieses Leibes, so sagt Paulus, ist Christus.

Der Hl. Geist verbindet uns nicht nur untereinander, sondern er verbindet uns vor allem mit Christus und damit mit Gott und eben damit auch untereinander. Es ist eine Einheit, die wie ein Kreuz eine Senkrechte und eine Waagrechte hat. Die Senkrechte zeigt die Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen an. Alles, was wir über die Wirkungen des Hl. Geistes sagen können, lässt sich in diese Glaubenswahrheit einfügen, dass er diese große Einheit stiftet.

3          Freilich geschieht das nicht über uns hinweg, nicht ohne unseren Willen und vor allem nicht gegen unseren Willen. Der Hl. Geist ist das große Geschenk des Auferstandenen an uns. Nur wer es annimmt, empfängt es, und wer es annimmt, muss es ganz annehmen. Man kann sich nicht nur auf die Senkrechte beschränken. Wer ja sagt zur Gemeinschaft mit Christus, der muss auch ja sagen zu denen, die ebenfalls in Gemeinschaft mit ihm stehen. Diese Verbundenheit wertet sich jedem so sehr auf, dass man einen Grund hat, dass man die Möglichkeit hat, ihn anzunehmen und die Gemeinschaft mit ihm zu bejahen, so schwierig das im einzelnen Fall auch sein mag. Jeder muss das einheitsstiftende Wirken des Hl. Geistes mitvollziehen; jeder muss in diese geistige Bewegung mit eingehen.

4          Diese Feststellung führt uns vor die Frage, die wir an uns selbst richten müssen: ob und wie weit bestimmt dieser Geist mein Denken, Reden und Handeln, wie weit gebe ich dem Wirken des Hl. Geistes in mir Raum, inwieweit harmoniert mein Geist mit dem Seinen. Wer nur egoistisch sich selbst sucht, oder voll Selbstmitleid auf sich selbst schaut, der versperrt sich dem Wirken des Geistes. Wer auf andere herabschaut, die weniger können, weniger haben, weniger erfolgreich sind, oder umgekehrt voll ungutem Neid auf andere ist, der stellt sich dem Hl. Geist, der die Einheit will, entgegen. Jede bewusste Gemeinschaftsstörung, gleich in welcher Gemeinschaft, der kleinen und der großen, ist wider den Hl. Geist.

Pfingsten, die große Demonstration Gottes, ist gegen jede Form von Egoismus; es ist die große Demonstration Gottes für die Einheit. Sie weist damit auf das große Ziel der Geschichte überhaupt hin: das Reich Gottes, das jetzt noch klein ist wie ein Samenkorn oder eine kleine Pflanze, das aber soll zu einem großen Baum, wie es Jesus im Gleichnis vom Senfkorn ausgedrückt hat. Und es wächst, wenn sich die hl. Lebenskraft mit unserem Streben verbindet, wenn sich der Geist Gottes mit unserem Geist vereint.

C          Pfingsten ist nicht ein Gedächtnisfest, sondern ein Ereignis. Was damals in Jerusalem geschah, geschieht immer, geschieht auch heute. Wenn wir beten „Herr sende uns deinen Hl. Geist!“ oder „Komm, Hl. Geist, und erfülle uns“, dann ist diese Bitte zugleich Ausdruck der Bereitschaft, ihn aufzunehmen und willentlich in die Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen einzutreten und die große Einheit, auf die das Wirken des Geistes gerichtet ist, zu bejahen.

 

7. Ostersonntag

Apg 1, 12-14

[ Joh 17, 1-11a

A[ Was die Lesung und das Evangelium, die wir eben gehört haben, verbindet, ist das Thema: Gebet. In der kurzen Lesung hörten wir von den Jüngern, die nach der Himmelfahrt Jesu nach Jerusalem zurückkehrten; dort, so heißt es, „verharrten sie einmütig im Gebet.“ Im Evangelium ist nicht vom Beten oder über das Beten gesprochen, sondern der ganze Abschnitt ist ein Gebet, ein Gebet, das Jesus in der Stunde des Abschieds spricht. Es ist ein sehr persönliches Gebet, in dem er sich an den Vater wendet, so persönlich, dass wir es nicht als Gebet einfach nachsprechen können.

Das Gebet, das Jesus im Garten von Getsemani gesprochen hat, „Vater …, nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen“: dies können auch wir beten, das könnten wir direkt von ihm übernehmen. Aber dieses, das Abschiedsgebet, nicht, zumindest nicht in allen Teilen. Aber wir können von diesem Gebet für unser Beten etwas lernen. Und unter diesem Gesichtspunkt wenden wir uns ihm etwas eingehender zu.

B1        Dieses Gebet ist, wie ich gesagt, ein sehr persönliches Gebet. Jesus spricht zum Vater von seiner Sendung, die Menschen zur Erkenntnis Gottes zu führen und ihnen ewiges Leben zu schenken. Er betet für die, die sein Wort angenommen haben und von denen er jetzt geht, in dem Sinn, dass sie seine Gegenwart nicht mehr wahrnehmen können, wie es ihnen möglich war, solange er als Mensch unter ihnen war. Es ist ein Gebet, das ganz auf die Stunde, in der Jesus steht, abgestimmt ist und das von dem einmaligen Verhältnis bestimmt ist, indem er, der Sohn, zum Vater steht. So kann nur er beten. Dieses persönliche Beten, das bestimmt ist durch die Lage, in der sich der Betende befindet: das isst eigentlich die natürlichste Form des Betens. Ich spreche zu Gott von dem her, was mich hier und jetzt bewegt.

2          So betet Jesus hier. Er betet nicht immer so; auch er betet in vorgegebenen Gebeten. Das tat er, wenn er am Tempelgottesdienst teilnahm, das tat er auch am Kreuz. Sein Gebet aus Qual und Not „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, ist der Anfangsvers  des Ps. 22, eines Gebetes, das vorlag, das damals schon Jahrhunderte alt war, das aber genau das ausdrückt, was er in dieser Stunde erlebt.

Es ist zwar richtig, dass jeder Mensch ein Einmaliger ist und dass auch jede Lage eine einmalige ist, aber sie haben auch etwas Gemeinsames. Ich bin nicht der erste, der seine Ratlosigkeit erfährt, sondern vor mir haben das schon unzählige erlebt, und gleichzeitig mit mir erfahren es auch viele andere. Bestimmte Erfahrungen macht jeder Mensch, die wesentlichen sogar Tag für Tag. Es gibt die zeitlosen Gebetsanliegen, wie etwa die, die wir im Vaterunser aussprechen.

3          Wir sollen nicht so oder so, frei oder anhand fester Gebete beten, sondern o und so. Aber hier haben wir nun das Beispiel eines freien Betens, und durch dieses sollen wir auf den Wert und die Bedeutung eines solchen Betens wieder aufmerksam gemacht werden. Es ist eine wichtige Form. Ohne sie wäre unsere Haltung Gott gegenüber förmlich und starr.

Persönlich beten: das heißt nicht, dass wir bei einem solchen Beten nur um uns selbst kreisen sollten. Auch Jesus spricht hier nicht nur von sich selbst. Er tut dies auch, wenn er zum Vater betet „Vater, verherrliche deinen Sohn damit der Sohn dich verherrlicht!

Persönlich beten: das heißt nicht, dass wir bei einem solchen Beten nur um uns selbst kreisen sollten. Auch Jesus spricht hier nicht nur von sich selbst. Er tut dies auch, wenn er zum Vater betet „Vater, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht“. Aber sein innerer Blick geht dann weiter auf die, die ihn und den Vater erkannt haben und erkennen werden.

So sollen auch wir beim Beten nicht von uns absehen; aber wir müssen auch bedenken, dass wir nicht die Welt sind, dass wir in Gemeinschaft mit anderen leben: in einer Familie, in einer klösterlichen Gemeinschaft, in einem Bekanntenkreis, an einem Arbeitsplatz, in einer Stadt, einer Pfarrei, einem Volk, der Kirche, dass wir zusammen mit 3 Mrd. Menschen auf dieser Welt leben. In diese umfassenden Kreise ist mein Leben eingefügt, und die vielen damit gegebenen Beziehungen sollen in mein Beten eingehen.

4          Das Abschiedsgebet Jesu besteht nicht nur aus den Sätzen, die wir vorhin gehört haben. Es erstreckt sich auf das ganze Kapitel. Es sind nicht nur einige kurze Bitten. An anderen Stellen des Evangeliums hören wir, dass Jesus lange im Gebet verweilte, einmal, dass er die ganze Nacht betend zubrachte. Jesus war ein Beter wie kein anderer. Verständlich! Denn keiner kannte den Vater so wie er, und keiner war ihm enger verbunden als er. Auch das sollen wir von ihm lernen, dass persönliches Beten nicht nur heißt, einige kurze Bitten aussprechen. Auch zum persönlichen Beten sollen wir uns Zeit nehmen, sollen bei ihm verweilen. Will man nicht an der Oberfläche bleiben, sondern auch n die Tiefe dringen und auch dieses ins Gebet einbringen, dann braucht man dazu Zeit. Das lässt sich nicht kurz abtun.

Man macht heute Ärzten oft den Vorwurf, dass sie sich nicht genügend Zeit für ihre Patienten nehmen, zum Gespräch mit ihnen, dass sie zu wenig auf den Menschen achten und auf all das, was ihn bewegt. Hier ist es uns ganz klar, denn dass man Zeit braucht, um zu einer persönlichen Beziehung zueinander zu kommen, dass sich das nicht mit ein paar Frage und einigen Auskünften erreichen lässt. Nicht anders ist es beim Gebet: zu einem wirklich persönlichen Gebet braucht man Zeit. Und wenn jemand diese Zeit nicht hat, dann muss man ihm raten, dass er sich diese Zeit nimmt.

Wieviel Zeit nehmen wir uns für anderes, für Nebensächlichkeiten. Wieviel Zeit wird vor dem Fernsehen „verplempert“! Sicher gibt es immer wieder Tage, die eine Ausnahme darstellten aber im allgemeinen haben wir alle die Zeit für ein persönliches Beten, das mehr ist als ein paar Bitten, zu einem gewissen Verweilen im Gebet: wir haben sie, wenn wir sie uns nehmen. Und wir müssen sie uns nehmen, weil das persönliche Beten für unsere Beziehung zu Gott so wichtig ist.

C          Christen sind wir, wenn wir Christus nachfolgen wenn wir uns am Vorbild Jesu Christi ausrichten. Dazu gehört auch das rechte Verhalten Gott gegenüber. Das schließt das Beten mit ein. Wir wissen, dass wir im einen wie im anderen weit hinter Jesus zurückbleiben. Aber das soll kein Grund sein der uns abhält, zu tun, was uns möglich ist, nicht nur, weil es von uns gefordert wird, sondern weil es einfach zu einem lebendigen Glauben gehört.

6. Ostersonntag

Joh. 14,15-21

 

A          Vierzehnmal heißt es in diesem Evangelium „ihr“ oder „euch“. Vierzehnmal werden die Jünger, zu denen Jesus spricht, direkt angeredet. Mit einem solchen „ihr“ können mehrere Einzelne gemeint sein oder eine Gemeinschaft, also mehrere, die zusammengehören, die in Beziehung zueinanderstehen, die eine Einheit bilden. Hier ist es in diesem weiten Sinn gemeint, denn ein Jünger Christi, ein Christ ist man nie für sich allein, sondern immer mit anderen. Jeder ist immer auch Glied der Kirche, der kleinen Kirche am Ort und der großen Kirche, der Weltkirche. Aus dieser „Gliedschaft“ ergibt sich auch die Sorge und die Verantwortung für die anderen Glieder im Kleinen und im Großen.

Seit mehreren Jahren wird der heutige Sonntag, der Sonntag vor dem Fest Christi Himmelfahrt, begangen als Gebetstag für die verfolgte Kirche. An ihm soll unsere Aufmerksamkeit auf die gelenkt werden, die um ihres Glaubens willen zurückgesetzt und verfolgt werden, und soll uns wieder bewusst gemacht werden, dass wir – anteilnehmend und betend – ihr Los mittragen müssen.

In diesem Jahr sollen es vor allem unsere Glaubensbrüder und -schwestern und überhaupt die Menschen in Albanien sein, denen unsere besondere Aufmerksamkeit gilt.

B 1       Albanien, das Land an der Adria, auf dem Balkan, ist ein kleines Land. Es ist nicht halb so groß wie Bayern und hat höchstens ein Viertel seiner Bevölkerung. Es ist ein Staat, der seine Grenzen so dicht gemacht hat, dass man nur wenig über die inneren Verhältnisse erfährt. Dieses kleine Land nimmt für sich den traurigen Ruhm in Anspruch, der erste atheistische Staat der Welt zu sein. In seiner Verfassung, die seit 1976 gilt, heißt es wörtlich: Art. 37: „Der Staat erkennt keinerlei Religion an.“ Und in Art 55: „Verboten ist die Bildung jedweder Organisation mit …religiösem … Charakter …“ und weiter: „Verboten ist … religiöse Tätigkeiten und Propaganda …“ Das Strafgesetzbuch (1977) bestimmt, dass die Herstellung und Verbreitung von Literatur mit religiösem Inhalt mit Freiheitsentzug zwischen drei und zehn Jahren bestraft wird.

In Albanien wird nicht nur die Tätigkeit der Kirchen eingeschränkt, sondern man will den Glauben, die Religion mit Stumpf und Stiel ausrotten. Das geht weit über das hinaus, was wir aus anderen Staaten im Osten kennen. Betroffen sind dadurch nicht nur die Christen, sondern alle Religionen. Nach der letzten Schätzung unmittelbar vor dem 2. Weltkrieg gehörte der größte Teil der Bevölkerung (68%) dem Islam an, 21% der orthodoxen Kirche und 11 % der katholischen Kirche. Die katholische Kirche war in sechs Bistümer aufgeteilt. Von den Orden waren es vor allem die Franziskaner und Jesuiten, die dort tätig waren. Gerade durch sie hat die Kirche einen großen Einfluss auf das kulturelle Leben des Landes ausgeübt.

2          Die Katastrophe begann mit der Besetzung des Landes 1939 durch die Italiener und die Rückeroberung 1944. Damals gelang es den Kommunisten, die Herrschaft an sich zu reißen. Sie taten dies mit einer Radikalität sondergleichen.

 

Ganz im Sinn des Marxismus und Leninismus erklärten sie die Religion als ein Mittel, das der Unterdrückung des Volkes dient und das den Fortschritt verhindert. Zudem, so erklärten sie, seien dort alle bestehenden Religionen unalbanisch. Die Religion des Albaners sei der Albanismus: so lautet die Parole, mit der man die Ausrottung des Christentums und des Islam zusätzlich zu begründen suchte.

3          Mit der Machtergreifung der Kommunisten im Januar 1944 brach eine blutige Verfolgung über die Kirche herein. Schon in den ersten Jahren wurden vier der Bischöfe und Dutzende von Priestern hingerichtet oder im Gefängnis so behandelt, dass sie starben. Die Zahl der Laien, die Kerker und Tod auf sich nahmen, lässt sich nicht in Zahlen fassen.

1971 gab es in Albanien noch 14 Priester; zwölf von ihnen waren im Gefängnis, zwei lebten im Untergrund. 1939 waren es etwa über 200.

Es gibt heute in Albanien keine Kirche, keinen Kirchenraum mehr. Aus den früheren Kirchen wurden Lagerhallen und Sportstätten. Vor zwei Jahren brachte die Süddeutsche Zeitung eine kurze Eindrucksschilderung von Shkodia, dem Sitz des früheren Erzbischofs. Es heißt darin: …

Andere Statten mit marxistischer und leninistischer Staatsdoktrin haben wenigstens den Menschen die Freiheit gelassen, Gottesdienst zu halten. In Albanien ist jede religiöse Handlung verboten. Die Regierung hat sogar ein Dekret erlassen, das die Einwohner auffordert, alle an Heilige erinnernde oder religiös klingende Vornamen abzuändern. So will man auch noch die kleinsten Hinweise auf die Religion tilgen.

4          Wir wissen über Albanien wenig, vor allem wissen wir fast nichts über die Kirche im Untergrund, über die heimliche Kirche, die es natürlich gibt; wir wissen nichts über das, was in den Herzen der Menschen lebendig ist und sich dem öffentlichen Zugriff entzieht. Aber das wenige, was wir wissen über die Verhältnisse, ist erschütternd.

Wie weit ist das bekannt? …denen, die nach Griechenland oder nach Sizilien in Urlaub fahren und Albanien links oder rechts liegen lassen!

Was bekommen wir zu hören über die Vorgänge in Mittelamerika (um nur ein Beispiel zu nennen) und was über die Unfreiheit in Albanien. Die religiöse Unfreiheit ist ja immer nur die Spitze der allgemeinen Unfreiheit! Dabei liegt es fast vor unserer Haustüre.

Haben die Menschen dieses Landes, Albaniens, einen Platz in unserer eigenen Gedankenwelt und damit auch in unserem Beten? Existierten sie vielleicht für uns bisher überhaupt nicht, die Menschen des ersten atheistischen Staates? Wussten wir vielleicht gar nichts von Ihnen?

Der heutige Gebetstag soll ihnen einen bleibenden Platz in unserem Herzen verschaffen und in unserem Beten.

C          Ein Kind des albanischen Volkes, das zur Gottlosigkeit verurteilt werden soll, ist die uns allen bekannte Mutter Theresa, die heute in Kalkutta lebt. Sie kommt aus Albanien. Sie sagte bei der Verleihung des Friedensnobelpreises: „Ich glaube, dass die Kirche in Albanien den Karfreitag erlebt; doch lehrt uns der Glaube, dass das Leben Christi am Karfreitag kein Ende nimmt …, sondern sich in der Auferstehung vollendet.“

Wirklich beten kann man nur, wenn man Hoffnung hat. Die Hoffnung, die in diesen Worten zum Ausdruck kommt, soll unser Beten tragen.

 

5. Ostersonntag

Joh 14, 1-12

A         In dem gehörten Abschnitt aus dem Joh-Evangelium gibt Jesus Antwort auf die Grundfragen des Menschen: Was ist das Ziel unseres Lebens, und auf welchem Weg gelangen wir zu diesem Ziel? Die Antwort ist: Wir sollen einmal beim Vater sein wie er, und der Weg zu diesem Ziel ist der Glaube an ihn, an Jesus Christus. „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Ich möchte nicht in einem erklärenden Sinn näher auf diese Worte eingehen, sondern von einem sprechen, der ganz aus dem Glauben an diese Worte, an das Evangelium gelebt hat, vom hl. Bruder Konrad. Er ist genau heute vor 50 Jahren heiliggesprochen worden, am 20. Mai 1934. Es war damals der Pfingstsonntag. Bruder Konrad ist ein sehr leiser Heiliger. Man übergeht ihn sehr leicht. Deshalb muss man von ihm reden.

B 1      Die Heiligsprechung vor 50 Jahren hat Pius XI., der Papst jener Jahre, vollzogen. Von ihm wird erzählt, dass er einige Zeit vorher nach der Durchsicht der Liste mit den vorgesehenen Heiligsprechungen fast barsch sagte: „Mir fehlt in der Liste der Bruder Konrad.“ Diese Bemerkung zeigt uns, dass der nüchterne, hochgebildete Mann auf dem päpstlichen Thron ein Gespür hatte für die Größe des einfachen Kapuzinerbruders von Altötting. Es war der gleiche Papst, der die kleine Theresia heiliggesprochen hatte, die kleine Theresia v. Lisieux. Auch sie hat ein ganz unscheinbares, einfaches Leben geführt. Aber sie hat wenigstens neben zahlreichen Briefen ihre Lebensbeschreibung hinterlassen, die sehr bald große Verbreitung fand. So etwas finden wir bei unserem niederbayerischen, bäuerlichen Heiligen nicht. Keine großen Worte, keine tiefen Schriften, sondern allein sein Leben ist das Zeugnis seiner Heiligkeit.

2         Der äußere Verlauf dieses Lebens ist schnell umrissen. 1818 wurde Johann Birndorfer – so hieß er mit bürgerlichem Namen – in Parzham geboren, einem Weiler in der Nähe von Griesbach i. Rottal. Auf dem väterlichen Anwesen verbrachte er seine Kinderzeit, und dort arbeitete er bis zu seinem 30. Lebensjahr. Eine Volksmission lenkte seine Gedanken auf das klösterliche Leben hin. 1849 setzte er sie in die Tat um und trat in das Kapuzinerkloster in Altötting ein. Nachdem er in Laufen das Noviziat gemacht und die Gelübde abgelegt hatte, übertrug man ihm die Aufgabe des Pförtners im St. Anna-Kloster in Altötting. Dieses besorgte er bis wenige Tage vor seinem Tod im Jahre 1894. Die äußere Seite seines Lebens lässt sich wirklich in einem Satz darstellen: Er war der Sohn eines Bauern in Parzham und Pförtner von St. Anna in Altötting.

Was es sonst von ihm zu berichten gibt, ist zwar nicht wenig, aber es sind samt und sonders Kleinigkeiten; alltägliche Ereignisse, Begebenheiten in der Begegnung mit seinen Mitbrüdern im Kloster und mit denen er an der Klosterpforte zusammenkam. Das waren in Altötting, dem größten Wallfahrtsort, natürlich sehr viele. Keine von diesen Begegnungen hat Gewicht genug, um sie eigens anzuführen; aber alle zusammen haben ein unglaubliches Gewicht. Obwohl ihn sein Dienst von morgens bis abends in Beschlag nahm und unter denen, die bei ihm anklopften, die Aufdringlichen, Frechen, Verbitterten nicht fehlten, wurde von ihm bezeugt: „Niemand hat ihn je mürrisch oder ärgerlich gesehen. Niemals hat man eine üble Nachrede oder ein leichtfertiges Urteil … aus seinem Mund gehört.“ Wie gesagt: im einzelnen nichts Besonderes! Aber im Ganzen, so zu leben Jahrzehnte, ein Leben lang: etwas ganz Großes.

3         Es wäre falsch, zu sagen: Nun, er war eben so. Er hatte eben trotz seiner kräftigen Natur das Gemüt eines Lämmleins. Sicher hat er für das Leben, wie er es führte, entsprechende Voraussetzungen mitgebracht, aber er hat auch ein Leben lang darum gerungen. Zu den wenigen Aufzeichnungen, die wir von Bruder Konrad haben, gehören die Vorsätze, die er während des Noviziats in Laufen niedergeschrieben hat. Es heißt darin: „Auch die Kleinigkeiten will ich recht beachten und jede Unvollkommenheit soweit wie möglich verabscheuen.“ Das war sein Programm, das sein Leben prägte.

Die Grundlage aber war das, was er im 2. Punkt schreibt. Dort sagt er, dass er immer an die Gegenwart Gottes denken will. „So wie ich in Gegenwart meines Oberen nichts tun würde, was diesem missfiele, so will ich mich erst recht in der Gegenwart Gottes zusammennehmen.“ Er war nicht einfach ein „guter Kerl“, sondern er hat ganz aus dem Glauben an den gütigen und heiligen Gott gelebt und aus diesem Glauben sein Leben gestaltet.

Der 2. Punkt dieser Vorsätze lautet: „Wenn Kreuz und Leid kommen, will ich nicht jammern, sondern fragen: „Konrad, wozu bist du gekommen?“ „Wozu bist du gekommen?“: Er weiß, dass er mit dem Entschluss, Christus in seinem klösterlichen Leben nachzufolgen, nicht den leichteren und angenehmeren Weg gewählt hat im Vergleich zu denen, die zu Hause die Felder bestellten oder im Stall arbeiteten. Er wusste, dass diese Nachfolge auch bedeutet, das Kreuz auf sich zu nehmen. Das Ja zum einen ist auch das Ja zum anderen. Aber es war ihm klar, dass das Kreuz Christi nicht nur seinen Schatten auch auf sein Leben wirft, sondern dieses Kreuz auch Quelle des Trostes und der Kraft ist. Das bekannteste seiner wenigen Worte ist dies: „Das Kreuz ist mein Buch“. Das Kreuz sagte ihm deutlicher, als es Worte können, wie Gott zu uns, zu mir steht und was sich daraus für das Denken, Reden und Tun ergibt. In ihm hat er die Größe der Liebe Gottes erkannt, und sie hat ihn herausgefordert zu dem heiligen Leben, das er geführt hat.

C         Wie jedes Leben, so war auch das Leben des hl. Bruders Konrad eingebunden in seine Zeit. Er war ein Mensch des 19. Jahrhunderts. Aber die Botschaft seines Lebens ist zeitlos. Sie ist kein billiges Rezept, aber eine echte Weisung, vor allem eine Botschaft, die jeder von uns verstehen kann und die jeder auch leben kann … leben soll.

4. Ostersonntag

Impulse aus den Lesungen zum Nachdenken aus der Regensburger Sonntagsbibel, Bischof Rudolf Voderholzer, S. 201

                                                                                                                      Joh 10,1-10

„… er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.“: Christus will uns aus falschen Zwängen und den Ghettos unserer Ängste ins Freie führen. Wo sind meine Ghettos der Ängste? Wo bin ich mir selbst mein eigener Pferch im negativen Sinn, nicht als Raum, wo ich bei mir zuhause bin, wo ich mich annehmen kann wie ich bin?

 

„… und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“: Der Hirt kennt die Seinen und die Seinen kennen ihn. „Kennen“ im biblischen Sinne ist nicht bloß ein Wissen um etwas, sondern ein Lieben. Kenne ich Jesus gut genug? Ist er mir wirklich wichtig? Wie könnte ich ihn noch besser kennen lernen? Was könnte ich ganz konkret dafür tun?

 

 

Die Liturgie des vierten Sonntags in der Osterzeit legt uns eines der schönsten Bilder vor, die seit den ersten Jahrhunderten der Kirche Jesus, den Herrn, dargestellt haben: das Bild des Guten Hirten. Das Evangelium des hl. Johannes beschreibt im 10. Kapitel die besonderen Merkmale der Beziehung zwischen Christus, dem Hirten, und seiner Herde, einer so engen Beziehung, dass es niemandem je gelingen wird, die Schafe seinen Händen zu entreißen. Denn sie sind an ihn durch ein Band der Liebe und der gegenseitigen Kenntnis gebunden, das ihnen das unermessliche Geschenk des ewigen Lebens verbürgt. Zugleich beschreibt der Evangelist die Haltung der Herde gegenüber Christus, dem Guten Hirten, anhand zweier spezifischer Verben: hören und folgen. Diese Begriffe bezeichnen die Grundmerkmale derer, die in der Nachfolge des Herrn leben, vor allem das Hören seines Wortes, dem der Glaube entspringt und aus dem er sich nährt. Allein wer gegenüber der Stimme des Herrn aufmerksam ist, vermag in seinem Gewissen die rechten Entscheidungen für ein Handeln nach Gott abzuwägen. Dem Hören entspringt also die Nachfolge Jesu: Man handelt als Jünger Jesu, nachdem man inwendig die Lehren des Meisters gehört und aufgenommen hat, um sie tagtäglich zu leben.

                                                                       Aus der Ansprache beim Angelus vom 15.5.2011

3. Ostersonntag

3. Ostersonntag 1984

Predigt von Dr. N. Fuchs

                                                                                                                                  Joh 21,1-14

A         Die Überlieferungen von den Erscheinungen des Auferstandenen sind keine sachlichen Berichte, keine trockenen Protokolle. Sie stellen nicht nur dar, was damals und dort geschehen ist, sondern sie zeigen auch die Bedeutung des Geschehenen auf; sie sprechen von dem, was ist: in welchen Beziehungen der Auferstandene zu den Seinen steht. Dass er lebt: das ist die Voraussetzung dafür, aber diese Tatsache allein wäre zu wenig. Über diese Beziehungen des Auferstandenen zu den Seinen wird nicht nur in Worten gesprochen, sondern dies wird auch in sinnbildlichen Handlungen angedeutet. Das gilt gerade für das Evangelium, das wir eben gehört haben; es enthält mehrere solche sinnbildliche Hinweise. Auf sie möchte ich etwas näher eingehen.

B 1a)    Es fällt auf, dass die scheinbare Nebensächlichkeit mit dem Fischfang verhältnismäßig breit erzählt wird.

Wir hören von der Absichtserklärung des Petrus: „Ich gehe fischen“ und der Zustimmung der anderen anwesenden Apostel: „Wir kommen auch mit.“ Aber die gemeinsame Mühe bleibt erfolglos. Obwohl sie die ganze Nacht arbeiten, und obwohl sie etwas von dieser Arbeit verstehen, kehren sie am Morgen zurück, ohne etwas gefangen zu haben. Erst auf das Wort Jesu hin, der am Ufer steht, machen sie einen erneuten Versuch, der ihnen einen überreichen Fang beschert.

b)        Ganz ähnlich erzählt uns auch der Evangelist Lukas aus dem früheren Leben Jesu, aus der Zeit des ersten Wirkens. Durch die Zusammenschau des einen mit dem anderen erkennen wir, dass zwischen dem Wirken Jesu vor seinem Tod und seiner Auferstehung und nachher ein enger Zusammenhang besteht. So wie Jesus damals als Mensch zu ihnen stand, so steht er auch jetzt und für immer zu ihnen – nur eben nicht mehr sichtbar. Dass er sich ihnen zeigte, dass sie ihn sehen dürfen: das ist die Ausnahme. Sie sind der Erweis, dass er wirklich bei ihnen, bei uns ist.

2          Auffallend ist, dass in diesem Zusammenhang gesagt wird, dass die Jünger, als sie am Morgen zurückkommen und Jesus am Ufer stand, ihn nicht erkennen: „Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“ Obwohl sie ihn noch nicht erkennen, tun sie, was er ihnen sagt, und erst dann gehen ihnen die Augen auf. Man erwartet doch eigentlich die umgekehrte Richtung: dass sie Jesus erkennen und dass sie deshalb, weil er es sagt, tun, was er ihnen aufträgt. Wenn der Zusammenhang ausdrücklich anders dargestellt wird, dann will damit etwas gesagt werden, und zwar dies, dass das Handeln nach der Weisung Jesu nicht nur die Konsequenz ist, die sich aus dem Glauben an ihn ergibt, sondern dass dieses auch der Weg zur Erkenntnis Christi ist.

So wie den Jüngern hier die Augen aufgehen, nachdem sie geglaubt haben, was er ihnen gesagt hat, oder indem sie es tun, so ist das Handeln auch für uns ein Weg, ihn zu erkennen, ihn tiefer zu erkennen. Dieser Hinweis erinnert uns an den Ratschlag, den Pascal einem suchenden Menschen gegeben hat: er soll einige Wochen einfach einmal so leben, als ob Gott wäre, als ob er sich in Jesus Christus geoffenbart hätte. Auf diese Weise würde er unmittelbar erfahren, dass Gott wirklich ist und dass uns Jesus die Wahrheit verkündet hat.

Es ist das nicht nur ein Ratschlag für Ungläubige. Wir sollten ihn alle beherzigen. Es wird ja der Wunsch jedes echten Gläubigen sein, dass er zu einem tieferen, innigeren Verhältnis zu Jesus und damit zu Gott kommt. Ich kann das tun durch Leben, Betrachten der Hl. Schrift; ich kann es durch das Gebet; ich kann und soll es aber auch tun dadurch, dass ich mich in meinem Handeln ganz und bewusst an ihn halte. Wenn ich z.B. mit seiner Weisung ernst mache, zu vergeben und immer wieder zu vergeben und nicht vorzurufen, nicht vorzuklagen, dann komme ich auch zu einer tieferen Erkenntnis, zu einer engeren Beziehung zu ihm. Das Handeln und Tun sind nicht nur die Folge von Wissen und Glauben, sondern sie sind auch ein Weg, um dadurch zu Wissen und Glauben zu gelangen und es zu vertiefen.

3          Am deutlichsten ist in unserem Evangelium der Hinweis, der in dem Gegensatz von erfolgloser Arbeit und geschenktem Erfolg liegt. Wir dürfen uns doch alle in den Jüngern erkennen, die die ganze Nacht gearbeitet haben und nichts erreicht haben. Viele von uns müssen sich doch sagen: Wie habe ich mich um dieses oder jenes bemüht, oder wie bemühe ich mich seit Jahren um dieses oder jenes: und wieweit bin ich gekommen, was habe ich erreicht? Ja ich habe nicht nur nichts erreicht; ich stehe heute ärmer da als damals, zumindest ist mir meine Armseligkeit bewusster als vordem.

In einer ergreifenden Weise hat Karl Rahner diese Erfahrung immer wieder in Gebeten ausgesprochen. Er, ein großer Glaubender, ein großer Theologe, weiß um sein Elend, um seine Mittelmäßigkeit nach allen Seiten, sein karges Herz, wie er es nennt. Er bekennt das nicht am Anfang, sondern am Ende seines Lebens, am Ende eines langen Mühens. Im Unterschied zu den Aposteln auf dem See lässt uns Gott den Erfolg unseres Mühens nicht immer erfahren. Aber wir dürfen sicher sein, dass auch unsere Mühe und unser Einsatz nicht umsonst sind, sondern dass der Herr vollenden wird, was wir an Gutem gewollt haben, erstrebt haben, ohne es zu erreichen.

Gut, wenn wir ihm wenigstens sagen können, wenn wir ans andere Ufer gelangen: Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet, aber ohne Erfolg: es wäre das nicht wenig. Und es wird uns Jesus dann sicher auch zum Mahl laden wie die Jünger, auf die er am Ufer des Sees von Tiberias gewartet hat und für die er ein kleines Morgenmahl vorbereitet hat. Auch dieses, das kleine Mahl von Fisch und Brot, ist mehr als eine Speise: es ist ein Zeichen der Verbundenheit, der Gemeinschaft, ein Hinweis auf das himmlische Hochzeitsmahl, von dem die Geh. Offenbarung spricht.

C          Wir Europäer, wir deuten im Vergleich zu anderen Völkern, vor allem den Völkern des Ostens viel direkter. Wir deuten weniger an, sondern nennen das Gemeinte meist ohne lange Umschreibung beim Namen: bestimmt, hart. Man kann nicht sagen, dass das eine besser ist als das andere. Unsere Art wirkt auf andere plump und unhöflich, umgekehrt fehlt es uns an Verständnis an Verständnis für die behutsame, feinfühlende umschreibende Andeutung.

Auch in der der Bibel stoßen wir auf diese Art des Sprechens. Wir dürfen es nicht überhören. Wir müssen versuchen, es zu entdecken und zu deuten. Es ist die Art, die dem göttlichen Geheimnis angemessen ist.

Weißer Sonntag

Weißer Sonntag 1984

Predigt von Monsignore Dr. Norbert Fuchs

                                                                                                                                  Joh 20, 19-31

A         Nach dem Zeugnis aller Evangelisten waren die ersten, denen sich der Auferstandene offenbar hat, Frauen aus der Gefolgschaft Jesu. Sie kamen zu den Aposteln und erzählten ihnen, was sie erlebt haben. Aber sie glaubten ihnen nicht. Lk schreibt: „Ihre Worte erschienen ihnen wie leeres Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht.“ Erst als ihnen der Auferstandene selbst erschien, glaubten sie.

Auf diesem Hintergrund gesehen, fällt Thomas nicht aus dem Rahmen. Die anderen Apostel waren genauso reserviert wie er, sie waren nicht glaubensbereiter als er, und er war umgekehrt nicht kritischer als die anderen. Er ist einer von ihnen. Er handelt genauso wie auch diese gehandelt haben. Und Jesus hat diese genauso getadelt wegen ihres Unglaubens und ihrer Verstocktheit, wie er Thomas tadelt. Hier ist dieser Tadel sehr verhalten. Aber er fehlt nicht. Er steckt in den Worten: „Strecke deine Hand aus, und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Aber der Nachdruck liegt auf der Mahnung, die für die Zukunft gilt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Ja, auf dieses Wort ist nicht nur diese Erzählung von der Erscheinung des Auferstandenen hingerichtet, sondern das ganze Evangelium. Mit diesem Wort „Selig, die nicht sehen und doch glauben“ schließt das Evangelium des Johannes ab. Es folgen nur noch einige Schlussbemerkungen.

B 1       „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Von der sprachlichen Form her gesehen, haben wir es hier mit einer sog. Seligpreisung zu tun. Solche gibt es in der Hl. Schrift viele. In ihnen wird jeweils in bündiger Weise eine wichtige Aussage gemacht, die zugleich einen Appell darstellt. Sie ist nicht in erster Linie eine Mitteilung, sondern ein Aufruf.

 Der theologische Fachausdruck für diese Form heißt Makarismus, weil das „selig sind“ in der Sprache der Bibel „Makarismus“ heißt. Mit diesem „selig sind“, diesem „selig“ wird nicht nur gesagt, dass sie die Seligkeit erlangen werden, wenn sie das jeweils Genannte als Vorbedingung erfüllen. Es wird damit auch etwas über die Gegenwart gesagt.

Wer das Verlangte tut, - wer glaubt -, der wird nicht nur einmal die Seligkeit, die Herrlichkeit erlangen, sondern er wird jetzt schon selig sein; er gewinnt dadurch etwas, was sein Leben – hier und heute – reicher, erfüllter, sinnvoller, glücklicher macht. Es wäre zutreffender, wenn auch nicht schöner, zu sagen statt „Selig, die glauben …“: „Glücklich zu preisen sind, die glauben“. Man darf ihnen gratulieren, man darf sie beglückwünschen.

Fragen wir uns einmal, ob das durch unsere eigenen Erfahrungen, durch unser Empfinden gedeckt ist. Wenn in den kommenden Wochen unsere Schülerinnen ihr Abitur machen und es gut machen und ich beglückwünsche die einzelnen, dann entspricht mein Glückwunsch sicher ihrem Empfinden. Sie sind tatsächlich froh und dankbar, dass sich ihre Mühe gelohnt hat. Würden wir das gleiche empfinden, wenn uns jemand sagte: Ich beglückwünsche Sie, dass Sie ein gläubiger Mensch sind, dass Sie ein Christ sind. Stimmten auch hier Worte und Empfinden zusammen? Natürlich wird es nicht so stark erlebt wie ein gut bestandenes Abitur. Denn dieses Erfolgserlebnis beschränkt sich auf kurze Zeit. Verhaltener zwar, aber dafür dauerhaft müssten wir auch unseren Glauben als etwas Beglückendes empfinden. Wenn das nicht der Fall ist, dann würde irgendetwas nicht stimmen. Es wäre wichtig, dem nachzugehen, es zu erkennen und es zu korrigieren – soweit es möglich ist -, um so den Glauben als etwas Beglückendes auch zu erleben.

2          Wenn hier von „glauben“ gesprochen wird – „selig sind, die glauben“ – so bezieht sich das zunächst auf die Auferstehung, auf den Auferstandenen. Aber wer an den Auferstandenen glaubt, der glaubt auch an Jesu Sendung, an seine Botschaft vom Vater, an seine Verheißung; wer an den Auferstandenen glaubt, hält sich an seine Gebote, seine Weisungen. Wer an den Auferstandenen glaubt, der glaubt, dass Jesus bei uns ist, er vertraut ihm, er lebt auch mit ihm. Der Glaube, auf den sich die Seligpreisung bezieht, ist nicht nur ein Fürwahrhalten einer Tatsache oder einer Aussage, sondern er bezeichnet ein Vertrauensverhältnis. Gerade das macht das Beglückende des Glaubens ja aus. Es liegt nicht schon in der Bejahung einer Tatsache, einer Aussage, sondern in der lebendigen Beziehung: in dem Wissen um das Angenommensein und als Antwort im Vertrauen und in der Hingabe.

3          Der Akzent der Seligpreisung freilich ruht hier auf dem „... nicht sehen“. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Das ist die Lage, in der sich die Menschen, von den ersten Zeugen abgesehen, befinden. Nicht jeder erlebt es neu so unmittelbar wie die Apostel, wie Thomas, dass Jesus lebt. Für uns ist grundlegend das Zeugnis, das sie uns gegeben haben bzw. das Zeugnis derer, die durch dieses zum Glauben gekommen sind. Gott verlangt von uns, wenn er sagt „selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, keinen grundlosen, keinen blinden Glauben, also keinen Glauben, auf den von der Erkenntnis oder der Erfahrung gleichsam ein Weg hinführte, sondern einen Glauben, der auf dem Zeugnis anderer aufbaut, das schließlich in die unmittelbare Erfahrung seiner Jünger mündet. Es liegt demnach in dieser Seligpreisung sowohl ein Aufruf zum Glauben als auch ein Aufruf zum Zeugnis, damit auch andere durch dieses zum Glauben gelangen.

Der Evangelist selbst gibt uns ein Beispiel dafür. Er gibt seinem Glauben Ausdruck und bezeugt ihn durch die Niederschrift des Evangeliums. Dass er selbst das so versteht, das zeigt der Schluss des Evangeliums, der auch der Schluss unseres Evangelien-Abschnitts ist. Er beteuert in ihm, dass Jesus noch vieles andere getan hat, was nicht hier steht. Dieses aber ist aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr das Leben habt. Er berichtet nicht einfach das Geschehene, sondern er bekennt damit seinen Glauben, um damit neuen Glauben zu wecken. In der nämlichen Lage befinden auch wir uns: Wir tragen Verantwortung für unseren eigenen Glauben und auch für den Glauben anderer. Je weiter die Scheidung der Geister voranschreitet, je weniger selbstverständlicher der Glaube ist, umso dringender wird für uns der Doppelanruf, den die Seligpreisung des Auferstandenen enthält: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

C          Der liturgische Osterjubel geht mit dem Weißen Sonntag zu Ende, aber das Gedächtnis der Auferstehung wandert mit durch das Jahr. Der erste Tag jeder Woche, jeder Sonntag wird als Erinnerungstag an die Auferstehung begangen, und jede Messfeier ist eine Verkündigung seines Todes und seiner Auferstehung, wie wir es nach der Wandlung jeweils bekennen.

So soll der Osterglaube lebendig bleiben, der die Mitte unseres Glaubens ausmacht.

Ostermontag 1984 -

1 Kor 15, 1-8

Lk 24, 13-35

 

1                 Wie wir wissen, nützen jährlich viele die Osterfeiertage für einen kurzen Urlaub aus. Die meisten von ihnen müssen heute wieder die Rückkehr antreten.

Auch die beiden, von denen unser Evangelium erzählt, kehren vom Osterfest heim, freilich nicht von einem Osterurlaub, sondern von der Feier des Osterfestes in Jerusalem.

Sie sind auch nicht in froher Urlaubsstimmung. Auf ihrer Seele liegt der Schatten dessen, was dort geschehen ist. Das war nicht nur das Entsetzen über ein schreckliches Ereignis, wie es jede Unglücksbotschaft auslöst. Sie sagen zu dem Fremden, den sie treffen: „Wir hatten gehofft, dass er es sei, der Israel – der uns – erlösen werde.“ Sie haben zwar noch die Erzählungen einiger Frauen mitbekommen, aber diese reichten nicht hin, um ihre enttäuschte Hoffnung aufzuhellen. Grund dafür war sicher nicht nur die Größe, die Höhe ihrer Hoffnung, aus der sie gefallen sind, sondern auch die Art ihrer Hoffnung. Sie verstanden die Erlösung als äußere, als politische Befreiung von der Herrschaft der Römer.

2                 Die beiden Jünger müssen sich wegen ihrer Niedergeschlagenheit geistige Schwerfälligkeit und Unverstand vorhalten lassen. Der ihnen noch Unbekannte sagt: „Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.“ Sie hören dem, was er ihnen sagt, aufmerksam zu, wie er ihnen die die Hl. Schrift auslegt und zeigt, dass der Messias leiden müsse. All das traf sie und bewegte sie. Nachher können sie sagen: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete.“

3                 Die Hülle zerreißt aber erst, als sie bei Tisch saßen, als er das Brot nahm, den Segen sprach, es brach und ihnen gab. Das klingt ganz ähnlich wie der Abendmahlbericht, wie die Worte, die bei jeder Meßfeier gesprochen werden. Aber das hier war keine Eucharistiefeier, das war ein einfaches Abendmahl, bei dem Jesus die Rolle des Hausvaters übernimmt, wie er es wohl oft getan hat in der Gemeinschaft mit seinen Jüngern.

Wie er das machte: wie er das Brot, diese kostbare Gabe, in die Hände nahm und teilte, wie er es ihnen gab – wie er also bei dieser kleinen, nebensächlichen Begebenheit mit ihnen umgeht: das öffnet ihnen die Augen. Ja, er ist der, mit dem sie beisammen waren, auf den sie gehofft hatten, um den sie trauerten! Er ist es, aber er ist doch anders; Das wird dadurch deutlich, dass sie ihn plötzlich nicht mehr wahrnehmen. Der Auferstandene ist ja nicht einfach wieder in dieses Leben zurückgekehrt. Es ist eine neue Weise, in der er lebt. Er zeigte sich ihnen nur kurz; sie durften ihn erfahren, damit sie auch anderen von dieser Wahrheit der Auferstehung Zeugnis geben.

4                 Sie fühlen sich gedrängt, dies sofort zu tun. Sie kehren nach Jerusalem zurück zu den anderen Jüngern, erzählen dieses, was sie erlebt haben. Diese hören ihr Zeugnis. Diese können aber auch selbst bezeugen, was ihnen gesagt wird. Das Zeugnis dieser und der anderen, denen sich der Auferstandene zeigte, klingt zusammen und bildet den Kern des Glaubens der Kirche. Es trägt den Glauben der vielen Christen auf der Welt, es trägt auch unseren Glauben.

Dieser Glaube heißt: Christus ist auferstanden. Christus lebt in unserer Mitte. Indem wir dies feiern, verkünden wir dies – einer dem anderen, um uns gegenseitig darin zu stärken.

 

Ostersonntag 1984 "Auferstehung"

Ostern 1984

Predigt und Theologie von Monsignore Dr. Norbert Fuchs

 

                                                                                                                                  Kol 3,1-4

                                                                                                                                  Joh 20,1-9

 

A         Die Mitte des Osterfestes bildet die Botschaft: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Aber darin erschöpft sie sich nicht: Paulus sagt, wie wir in der kurzen Lesung gehört haben: „Ihr seid mit Christus auferweckt.“ Es geht also nicht nur um ein einmaliges Ereignis, das vor 1950 Jahren stattfand, um das, was an Jesus geschehen ist; sondern es geht um uns alle.

Wir können sagen: In Jesus Christus ist der Mensch, sind wir Menschen von den Toten auferweckt worden. Das will die Schrift auch ausdrücken, wenn sie Jesus als den Erstgeborenen von dem Toten bezeichnet, und die  Liturgie, wenn sie von Jesus sagt, dass er den Tod besiegt hat und uns den Zugang zum ewigen Leben erschlossen hat, wie es im Tagesevangelium heißt.

Ostern ist das Fest der Auferstehung Jesu Christi, es ist zugleich das Fest der Auferstehung des Menschen, es ist das Fest des Menschen. Und das frohe Halleluja umspielt nicht nur das Ereignis von damals, sondern auch die Wahrheit, die Hoffnung unserer eigenen Auferstehung. Sie erst begründet die Bedeutung, die dieses Fest hat.

Auf diese „Bedeutung für uns“ möchte ich in dieser österlichen Betrachtung auch eingehen.

 

B 1       Karl Rahner, der große deutsche Theologe, der vor wenigen Wochen kurz nach seinem  80. Geburtstag gestorben ist, beginnt eine seiner Abhandlungen über die Tatsache und die Bedeutung der Auferstehung Jesu so, dass er fragt: „Wünsche ich mir eigentlich die Auferstehung?“ Er meint, wir sollten uns, bevor wir uns der Botschaft der Evangelien zuwenden, einfach einmal die Frage stellen – ganz allgemein: Wünsche ich mir eine Auferstehung?

Er gesteht, dass wir die Frage wohl so nicht stellen würden, wenn nicht die Kirche von der Auferstehung spräche. Aber man muss sie nicht in dieser Form stellen. Man könnte sie auch so formulieren: Wünsche ich mir, dass mit dem Tod alles ein Ende hat, oder wünsche ich mir eine endgültige Erfüllung des Lebens jenseits der Todesgrenze. Ob ich das Wort Auferstehung verwende oder nicht, spielt zunächst keine Rolle. Es geht nur darum, ob der Tod ein absolutes Ende ist, oder ob er der Übergang zu einem neuen Leben ist.

Darf ich mir das wünschen? Seine Antwort ist: Ich darf mir nicht nur meine Auferstehung wünschen. Ich muss sie mir wünschen, wenn ich am Ernst und an der Sinnhaftigkeit dieses Lebens festhalte. Dies ist nur gesichert, wenn ich im Tod nicht ins Leere falle und wenn es somit völlig gleichgültig ist, was ich getan habe, wie ich gelebt habe: ob ich betrogen habe oder betrogen wurde.

Wir hoffen also auf die Auferstehung nicht, weil wir dadurch etwas gewinnen, worauf wir auch bescheiden verzichten könnten; wir hoffen nicht auf etwas, was vielleicht ganz schön, aber nicht notwendig ist; sondern wir erhoffen etwas, was ein Leben in Freiheit und Verantwortung notwendigerweise verlangt.

Das will natürlich nicht eine Art Beweis der Auferstehung sein. Diese Überlegungen kennzeichnen nur die Lage, in der wir Menschen uns befinden und in der wir die
Osterbotschaft hören. Wir hören sie als solche, die die Wahrheit dieser Botschaft wünschen, wünschen müssen.

Eine grundlegende Skepsis, die sich in den Fragen ausdrückt: Ist eine solche Botschaft nicht unglaubwürdig? Ist … eine solche Botschaft nicht eine Zumutung? … Eine solche Skepsis hat viel weniger Berechtigung als der Wunsch: Es muss eine Auferstehung vom Tode geben. Sie entspricht der Grundhaltung jedes Menschen, der glaubt, dass das Leben etwas Sinnvolles ist.

 

2          Eine mögliche Gegenfrage ist die: Ja, es ist wahr, dass es eine menschliche Unsterblichkeit geben muss, weil es nicht gleichgültig sein soll, was einer getan und nicht getan hat. Aber darf man das, was man von der Unsterblichkeit sagen muss, so ohne weiteres auf die Auferstehung übertragen?

Die Antwort darauf gibt und die moderne Theologie.

a)     Im alten Verständnis – das bestimmt auch heute noch das Denken vieler Menschen – im alten Verständnis sah man den Menschen als ein Wesen, das aus Leib und Seele besteht.

Im Tod trennt sich die Seele vom Leib; sie ist unsterblich, der Leib vergeht. Am Ende der Zeit wird der verklärte Leib wieder hinzugefügt. Das ist die Vorstellung, in der sich der Auferstehungsglaube mit einem zeitgebundenen, aber sehr alten Menschenverständnis verbindet, mit dem Menschenverständnis, dass der Mensch aus zwei Teilen besteht, einem vergänglichen und einem unvergänglichen. Hier besteht die Gefahr, dass man die Auferstehung versteht als etwas Zusätzliches, was an sich nicht notwendig ist, worauf man folglich verzichten kann; und weil man Schwierigkeiten hat, sich dies vorzustellen, deshalb verzichten  auch viele darauf.

Nach unserem heutigen Verständnis gibt es nicht eine Unsterblichkeit der Seele und, von dieser verschieden, eine Auferstehung; sondern für unser Verständnis ist beides eines.

Kardinal Ratzinger hat es einmal so ausgedrückt: Das christliche Verständnis von Unsterblichkeit heißt Auferstehung.

 

b)     Wie ist das zu verstehen? Nach unserem modernen Verständnis besteht der Mensch nicht aus zwei selbständigen Teilen, sondern der Mensch ist eine Einheit. Die Seele ist nicht im Leib wie etwa ein Schmuckstück, ein Ring in einem Etui, das man herausnehmen kann, sondern Seele und Leib sind die zwei Seiten einer Wirklichkeit; sie sind das Innen und das Außen des Menschen. Eines ist vom anderen nicht zu trennen.

Für das Verständnis des Todes bedeutet das, dass nicht nur der Leib stirbt, nicht nur ein Teil, sondern dass der Mensch stirbt. „Ich“ werde einmal sterben, nicht nur ein Teil von mir, mein Leib. Aber aufgrund der Verheißung Christi und seiner Auferstehung hoffe ich, dass „ich“ von Gott erweckt werde und nicht nur ein Teil von mir.

Das ist ein Menschenverständnis, das ganz dem der Hl. Schrift entspricht. Dort wird sehr häufig von der Seele gesprochen, aber gemeint ist immer der Mensch als ganzer.

Wenn der Psalmist ruft: „Herr, rette meine Seele“, dann heißt das: „Herr, rette mich“. Wenn Maria betet: „Meine Seele preist die Größe des Herrn“, dann heißt das: „Ich preise die Größe des Herrn“.

 

c)     Hier stellen sich wahrscheinlich bei manchen noch einige Fragen. Aber es ist nicht der Sinn dieser Osterbetrachtung, auf sie alle einzugehen. Wir wollen das Eigentliche bedenken, das Ostern uns verkündet: dass Gott den Menschen vom Tod errettet hat, dass er uns vom Tod errettet und uns wie Christus auferwecken wird zu einem neuen Leben.

Was wir wünschen dürfen, wünschen müssen, das wird uns verkündet, nicht als Ausdruck eines Wunschdenkens, sondern als Zusage Gottes, die er uns mit der Auferstehung seines Sohnes gegeben hat.

 

C          Wir sehen oben auf dem Altar, auf dem Tabernakel-Aufbau die Figur des Auferstandenen. Wie hier, so ist er auch in zahllosen anderen Figuren und Bildern dargestellt mit der Fahne.

Wer im Kampf die Fahne aufrecht hielt, der galt als Sieger. Sein Sieg ist der Sieg über den Tod und über das Böse. Wenn wir im Kampf für das Gute an seine Seite treten, werden wir auch an seinem Sieg über den Tod teilhaben.

Ostersonntagstag 1984 - "Wer mein Fleisch isst..."

Ex 12, 1-8.11-14
1 Kor 11,23-26
Joh 13,1-15; (Lk 22,15)

1 a)     Die drei Lesungen, die wir gehört haben – die Abschnitte aus dem Buch Exodus, aus dem 1. Kor-Brief und aus dem Joh-Evangelium – diese drei Lesungen umkreisen das Geheimnis der Eucharistie.

Die erste handelte von der Paschafeier des atl. Gottesvolkes, in der wir ein Vorbild der Eucharistie sehen; die zweite war das Zeugnis des hl. Paulus von der Einsetzung der Eucharistie, die dritte, das Evangelium, handelte von der Fußwaschung. Auch sie steht im Zusammenhang damit; sie deckt die Bedeutung dieses Geheimnisses auf und vor allem die Gesinnung, aus der heraus Jesus dieses uns vermacht hat. Im Evangelium nach LK wird das gleiche etwas anders ausgedrückt. Jesus sagt zu Beginn des Abendmahles: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

Dieses Wort möchte ich unserer abendlichen Betrachtung, heute am Gründonnerstag, zugrunde legen: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

 1 b)     In der Sprache des NT heißt diese unsere Stelle ganz wörtlich: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt …“ oder „Mit Verlangen habe ich danach verlangt …, dieses Mahl mit euch zu halten. Es wird zweimal das gleiche Wort verwendet „Mit Sehnsucht – gesehnt“, um die Stärke des Wunsches auszudrücken.

Das ist noch eindringlicher als die Wendung „Ich habe mich sehr danach gesehnt“. Steigerungen mit dem Wörtchen „sehr“ sind uns so geläufig, dass wir sie kaum beachten. Die Wortwiederholung dagegen betont die Stärke, die Tiefe des Verlangens viel mehr: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt…, dieses Mahl mit euch zu essen.“

Dieses Mahl sollte nicht ein einziges, ein einmaliges bleiben, sondern als fortwährendes Gedächtnis gefeiert werden. So dürfen wir dieses einleitende Wort Jesu verstehen in Bezug auf die eucharistische Feier ganz allgemein. Jedesmal, wenn wir seinen Auftrag erfüllen, tritt er in unsere Mitte und bereitet uns das hl. Mahl, und es verlangt ihn danach voll Verlangen, dieses mit uns zu halten, mit uns zu feiern.

 2 a)      Es wäre töricht, wenn wir verstehen wollten, warum Jesus mit solcher Sehnsucht danach verlangt. Das ist nicht zu verstehen. Das ist verankert in seiner Freiheit, in seiner göttlichen Freiheit, und diese lässt sich nicht von Gründen her ableiten. Es kann uns nur darum gehen, dass wir dieses Verlangen, diese Liebe bedenken und dass wir davon ergriffen werden.

 2 b)      Welche Erfahrungen haben wir, auf denen wir aufbauen können, um dieses große Verlangen zu erfassen, mit dem Jesus uns entgegenkommt. Wo und wie waren wir von einem großen Verlangen beherrscht? Vielleicht haben es manche als Kinder erlebt mit einem starken Heimweh, dem Verlangen nach Zuhause. Andere vielleicht bei einem Aufenthalt im Krankenhaus, wo die Sehnsucht da war, gesund das Krankenhaus wieder verlassen zu können und heimzukommen.

Man könnte denken an einen Arbeitslosen, der keine Arbeit hat und sich nach Arbeit sehnt, oder umgekehrt an jemanden, der mit Arbeit überlastet ist und sich sehnt nach Entspannung und Erholung. Noch tiefer könnte das Verlangen gehen, verstanden zu werden , angenommen zu werden. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, in denen wir solche Erfahrungen gemacht haben oder machen und die uns als Stufe dienen können, Jesus zu verstehen, bzw. um unsere Lage zu verstehen, in der wir uns dank seiner Sehnsucht nach der Mahlgemeinschaft mit uns befinden.

Ohne solche Stufen, die wir in unserer Erfahrung haben, bleibt das, was Jesus sagt, abstrakt und blass. Wenn wir es aber mit der eigenen Erfahrung füllen, dann wird das zu einer ganz großen, beglückenden Aussage: „Mit Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt, dieses Mahl mit euch zu feiern“, „mit euch“, die ihr hier seid. So wie ihr euch als Kinder, als Kranke heimgesehnt habt, so habe ich mich gesehnt, dieses Mahl – heute Abend – mit euch zu feiern.

 2 c)      Was müssen wir ihm wert sein, wenn es ihn so sehr nach uns – und jeder soll das sagen – auch nach mir verlangt. Oder sagen wir besser: Welchen Wert gewinnen wir dadurch, dass er dies tut? Es ist ja kennzeichnend für die Liebe Gottes, dass er uns nicht liebt, weil wir dessen wert sind, sondern dass wir liebenswert sind, weil er uns liebt. Er entdeckt nicht einen Wert in uns, der uns an sich eigen ist, sondern wir erhalten diesen durch seine Liebe.


 3 ) 
       Das große Verlangen Jesu beschränkt sich nicht auf eine Zuwendung, sondern sie zielt hin auf das Mahl, bei dem er sich selbst zur Speise gibt, so wie er es in der Synagoge von Kapharnaum verheißen hat. „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.“

Wenn man schon einen Grund sucht, warum es Jesus verlangt – mit großem Verlangen -, dieses Mahl mit seinen Jüngern zu halten, dann ist es die Sorge für das Heil der Menschen. Dieses finden sie, finden wir in der Gemeinschaft mit ihm, und diese Gemeinschaft mit ihm wird konkrete Wirklichkeit im eucharistischen Mahl.

 
4)         Es bleibt noch der Blick auf uns, die Frage, wie es mit unserem Verlangen nach ihm und der Gemeinschaft mit ihm bestellt ist.

Wir leben in Verhältnissen, in denen dieses Mahl, dieses Angebot eine Selbstverständlichkeit ist. Wir können Woche für Woche, ja Tag für Tag an dieser Mahlgemeinschaft teilnehmen. Aber die Sehnsucht danach ist doch oft klein oder schwankend; manchen fehlt sie gelegentlich ganz, oder es tritt an ihre Stelle Überdruss und Gleichgültigkeit. Es ist wichtig, dass wir uns von solchen Empfindungen und Gefühlen nicht bestimmen lassen, dass wir den Versuchungen, die von ihnen ausgehen, nicht nachgehen. Wir können die Gefühle nicht ändern, aber wir können verhindern, dass sie Herr über uns sind. Bestimmend muss sein, was wir glauben, was wir glaubend erkennen. Der Glaube muss das Verlangen nach der eucharistischen Gemeinschaft wecken und tragen. Er muss uns zu der Antwort bewegen, die dem Verlangen Jesu nach dieser Gemeinschaft angemessen ist.

 

5)          Gott wendet sich in verschiedener Weise an uns Menschen. Viele sehen nur die Gebote, sie kennen Gott nur als den fordernden Gott, und deshalb hat ihr Glaube den Charakter der Pflicht.

Viel wichtiger aber sind die anderen Formen: seine Verheißungen, sein Handeln, und hier ist es vor allem das, was er als Jesus Christus für uns getan hat und tut.

Nur wenn wir dafür offen sind, begreifen wir ihn als den großen gnädigen Gott, der uns reich machen will, der uns seine Gemeinschaft schenken will.

Gründonnerstag 1984 - "Wer mein Fleisch isst..."

Ex 12, 1-8.11-14
1 Kor 11,23-26
Joh 13,1-15; (Lk 22,15)

1 a)     Die drei Lesungen, die wir gehört haben – die Abschnitte aus dem Buch Exodus, aus dem 1. Kor-Brief und aus dem Joh-Evangelium – diese drei Lesungen umkreisen das Geheimnis der Eucharistie.

Die erste handelte von der Paschafeier des atl. Gottesvolkes, in der wir ein Vorbild der Eucharistie sehen; die zweite war das Zeugnis des hl. Paulus von der Einsetzung der Eucharistie, die dritte, das Evangelium, handelte von der Fußwaschung. Auch sie steht im Zusammenhang damit; sie deckt die Bedeutung dieses Geheimnisses auf und vor allem die Gesinnung, aus der heraus Jesus dieses uns vermacht hat. Im Evangelium nach LK wird das gleiche etwas anders ausgedrückt. Jesus sagt zu Beginn des Abendmahles: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

Dieses Wort möchte ich unserer abendlichen Betrachtung, heute am Gründonnerstag, zugrunde legen: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu feiern.“

 1 b)     In der Sprache des NT heißt diese unsere Stelle ganz wörtlich: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt …“ oder „Mit Verlangen habe ich danach verlangt …, dieses Mahl mit euch zu halten. Es wird zweimal das gleiche Wort verwendet „Mit Sehnsucht – gesehnt“, um die Stärke des Wunsches auszudrücken.

Das ist noch eindringlicher als die Wendung „Ich habe mich sehr danach gesehnt“. Steigerungen mit dem Wörtchen „sehr“ sind uns so geläufig, dass wir sie kaum beachten. Die Wortwiederholung dagegen betont die Stärke, die Tiefe des Verlangens viel mehr: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt…, dieses Mahl mit euch zu essen.“

Dieses Mahl sollte nicht ein einziges, ein einmaliges bleiben, sondern als fortwährendes Gedächtnis gefeiert werden. So dürfen wir dieses einleitende Wort Jesu verstehen in Bezug auf die eucharistische Feier ganz allgemein. Jedesmal, wenn wir seinen Auftrag erfüllen, tritt er in unsere Mitte und bereitet uns das hl. Mahl, und es verlangt ihn danach voll Verlangen, dieses mit uns zu halten, mit uns zu feiern.

 2 a)      Es wäre töricht, wenn wir verstehen wollten, warum Jesus mit solcher Sehnsucht danach verlangt. Das ist nicht zu verstehen. Das ist verankert in seiner Freiheit, in seiner göttlichen Freiheit, und diese lässt sich nicht von Gründen her ableiten. Es kann uns nur darum gehen, dass wir dieses Verlangen, diese Liebe bedenken und dass wir davon ergriffen werden.

 2 b)      Welche Erfahrungen haben wir, auf denen wir aufbauen können, um dieses große Verlangen zu erfassen, mit dem Jesus uns entgegenkommt. Wo und wie waren wir von einem großen Verlangen beherrscht? Vielleicht haben es manche als Kinder erlebt mit einem starken Heimweh, dem Verlangen nach Zuhause. Andere vielleicht bei einem Aufenthalt im Krankenhaus, wo die Sehnsucht da war, gesund das Krankenhaus wieder verlassen zu können und heimzukommen.

Man könnte denken an einen Arbeitslosen, der keine Arbeit hat und sich nach Arbeit sehnt, oder umgekehrt an jemanden, der mit Arbeit überlastet ist und sich sehnt nach Entspannung und Erholung. Noch tiefer könnte das Verlangen gehen, verstanden zu werden , angenommen zu werden. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, in denen wir solche Erfahrungen gemacht haben oder machen und die uns als Stufe dienen können, Jesus zu verstehen, bzw. um unsere Lage zu verstehen, in der wir uns dank seiner Sehnsucht nach der Mahlgemeinschaft mit uns befinden.

Ohne solche Stufen, die wir in unserer Erfahrung haben, bleibt das, was Jesus sagt, abstrakt und blass. Wenn wir es aber mit der eigenen Erfahrung füllen, dann wird das zu einer ganz großen, beglückenden Aussage: „Mit Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt, dieses Mahl mit euch zu feiern“, „mit euch“, die ihr hier seid. So wie ihr euch als Kinder, als Kranke heimgesehnt habt, so habe ich mich gesehnt, dieses Mahl – heute Abend – mit euch zu feiern.

 2 c)      Was müssen wir ihm wert sein, wenn es ihn so sehr nach uns – und jeder soll das sagen – auch nach mir verlangt. Oder sagen wir besser: Welchen Wert gewinnen wir dadurch, dass er dies tut? Es ist ja kennzeichnend für die Liebe Gottes, dass er uns nicht liebt, weil wir dessen wert sind, sondern dass wir liebenswert sind, weil er uns liebt. Er entdeckt nicht einen Wert in uns, der uns an sich eigen ist, sondern wir erhalten diesen durch seine Liebe.


 3 ) 
       Das große Verlangen Jesu beschränkt sich nicht auf eine Zuwendung, sondern sie zielt hin auf das Mahl, bei dem er sich selbst zur Speise gibt, so wie er es in der Synagoge von Kapharnaum verheißen hat. „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.“

Wenn man schon einen Grund sucht, warum es Jesus verlangt – mit großem Verlangen -, dieses Mahl mit seinen Jüngern zu halten, dann ist es die Sorge für das Heil der Menschen. Dieses finden sie, finden wir in der Gemeinschaft mit ihm, und diese Gemeinschaft mit ihm wird konkrete Wirklichkeit im eucharistischen Mahl.

 
4)         Es bleibt noch der Blick auf uns, die Frage, wie es mit unserem Verlangen nach ihm und der Gemeinschaft mit ihm bestellt ist.

Wir leben in Verhältnissen, in denen dieses Mahl, dieses Angebot eine Selbstverständlichkeit ist. Wir können Woche für Woche, ja Tag für Tag an dieser Mahlgemeinschaft teilnehmen. Aber die Sehnsucht danach ist doch oft klein oder schwankend; manchen fehlt sie gelegentlich ganz, oder es tritt an ihre Stelle Überdruss und Gleichgültigkeit. Es ist wichtig, dass wir uns von solchen Empfindungen und Gefühlen nicht bestimmen lassen, dass wir den Versuchungen, die von ihnen ausgehen, nicht nachgehen. Wir können die Gefühle nicht ändern, aber wir können verhindern, dass sie Herr über uns sind. Bestimmend muss sein, was wir glauben, was wir glaubend erkennen. Der Glaube muss das Verlangen nach der eucharistischen Gemeinschaft wecken und tragen. Er muss uns zu der Antwort bewegen, die dem Verlangen Jesu nach dieser Gemeinschaft angemessen ist.

 

5)          Gott wendet sich in verschiedener Weise an uns Menschen. Viele sehen nur die Gebote, sie kennen Gott nur als den fordernden Gott, und deshalb hat ihr Glaube den Charakter der Pflicht.

Viel wichtiger aber sind die anderen Formen: seine Verheißungen, sein Handeln, und hier ist es vor allem das, was er als Jesus Christus für uns getan hat und tut.

Nur wenn wir dafür offen sind, begreifen wir ihn als den großen gnädigen Gott, der uns reich machen will, der uns seine Gemeinschaft schenken will.

4. Fastensonntag 1977 - "Jesu - der gute Hirte"

1977 traf am vierten Fastensonntag ein Ausschnitt aus den Reden Jesu, in denen er sich als der „Gute Hirte“ bezeichnet. Darauf bezog sich Dr. Fuchs und seine Gedanken haben heute noch Gültigkeit

Ganze vier Sätze umfasst das heutige Evangelium, aber es sind Sätze, die Gewicht haben.

In den ersten spricht Jesus von seinem Verhältnis zu den Seinen und ihr Verhältnis zu ihm; im letzten spricht Jesus in knappster Form sein Verhältnis zum Vater aus: “Ich und der Vater sind eins.“ Und weil er und der Vater eins sind, deshalb gilt das, was vorausgehend über sein Verhältnis zu uns und umgekehrt gesagt wird, ganz allgemein für die Beziehung zwischen Gott und uns.

Dies wird so beschrieben:“ Sie hören meine Stimme, meine Worte“ – „Ich kenne sie“ – „Sie folgen mir“ – „Ich gebe ihnen das Leben“ – „und niemand wird sie meiner Hand entreißen“.

Wir beschränken uns in unserer Betrachtung au die eine Aussage „Ich kenne sie“.

In einer Zeit, in der man sich die Erde als eine Scheibe vorstellte, die auf dem Urmeer schwimmt – über ihr der gestirnte Himmel und wiederum darüber der Himmel, die Wohnung Gottes, von der er wie von einer hohen Warte auf die Erde niederschaut: In einer solchen Zeit war es leicht verständlich, wenn man sagt: Gott sieht uns, sogar kennt uns.

Nun wissen wir aber heute, dass die Erde nicht der zentrale Ort der Welt ist und dass sie zudem nur ein Pünktchen in dem großen Kosmos ist.

Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand sind es etwa 10 Milliarden Milchstraßen, d.h. 10 Milliarden große Sternensysteme. – Unser eigenes System hat etwa 100 Milliarden Sonnen, und zu jedem Sonnensystem gehören wieder zahlreiche große und kleine Planeten. Einer dieser Planeten ist unsere Erde, und auf ihr bewegen uns wir Menschen in großer Zahl, z.Zt. etwa 3 Milliarden.

Meine Lage als Mensch ist also die: Ich bin einer von 3 Mrd. Menschen auf der Erde; diese ist einer der Himmelskörper, die um die Sonne kreisen. Die Sonne ist eine von 100 Mrd. unserer Milchstraße, und diese ist wiederum eine von 10 Mrd. Milchstraßen, die wir bisher kennen.

Der Vergleich: Wir sind nicht mehr als ein Sandkorn in der Wüste, ist keine Übertreibung.

Schon der atl. Beter spricht im PS. 8: „Wenn ich auf den Himmel schaue, das Werk deiner Hände (o Herr), auf den Mond und die Sterne: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“

Wenn dieser schon von seinem ganz bescheidenen Wissen über die Welt her schon so spricht und fragt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst“: um wieviel mehr müssen wir so fragen.

Die Unwahrscheinlichkeit ist durch das Wissen um das Ausmaß der Welt so angewachsen, dass man vielleicht statt zu fragen, gleich geneigt ist zu sagen: Es ist doch unmöglich, dass Gott an mir, dem Sandkorn, Interesse haben kann, auf mich schauen, mich kennen kann.

Gut, dass wir uns diese Zahlen (100 Mrd., 10 Mrd.) nicht mehr vorstellen können und damit die Entfernungen und die Größe der Welt, sonst wären wir noch mehr bedrängt von der Erkenntnis unserer Winzigkeit und Bedeutungslosigkeit.

Wenn wir dennoch glauben, dass Gott jeden einzelnen kennt, dass er jedem einzelnen zugewandt ist, so tun wir dies ja nicht aus dem Gefühl unserer eigenen Gewichtigkeit heraus, aus einer Selbsteinschätzung heraus. Diese und die Folgerung wären ja wirklich maßlos überzogen. Wir tun es, weil uns Gott selbst diese Zusage gegeben hat. Aber wird nicht auch eine solche Zusage angenagt von unserem Wissen um die eigene Erde angesichts der Größe der Welt? Ist es überhaupt denkbar, dass Gott sich um uns winzigen Dinger auf einer winzigen Welt irgendwo im Riesenweltall kümmert?

 

Der Fehler bei solchen Bedenken liegt vor allem darin, dass wir Gott zu menschlich sehen, dass wir unser eigenes Denken auf ihn übertragen. Wir können unsere Aufmerksamkeit immer nur auf einen Punkt richten: auf ein Ding, auf einen Menschen oder eine überschaubare Gruppe. Deshalb überschauen wir immer nur einen kleinen Abschnitt, bzw. einen kleinen Ausschnitt aus der großen Wirklichkeit. Zudem ist uns durch die Bindung an einen bestimmten Ort, an dem wir uns befinden, das eine immer näher als das andere, und etwas Weitentferntes entrückt ganz der Möglichkeit der Zuwendung.

Aber für den allgegenwärtigen Gott trifft weder das eine noch das andere zu. Er ist uns hier auf unserem Planeten so nahe wie einem anderen Punkt des Weltalls, und damit ist auch seine Aufmerksamkeit nicht punktuell auf das eine oder auf das andere gerichtet. Vor ihm liegt alles gleichzeitig offen.

Das Wissen um die Größe des Alls ist kein Hinderungsgrund, daran zu glauben, dass Gott in einer unmittelbaren Beziehung zu uns, zu mir steht, dass er uns kennt, wie der Hirt seine Schafe kennt, und in gleicher Weise auf uns bedacht ist.

Es kann uns dies vielmehr eine Hilfe sein, Gott wirklich göttlich zu sehen und nicht in menschlichen Maßen, eine Hilfe, um noch besser zu erahnen, wer Gott ist, besser als die Menschen je vor uns konnten. Dann werden wir die Größe seines Werkes erfassen, erfassen auch etwas von seiner Größe.

Aber noch wichtiger als das ist, worum es uns eigentlich geht, ist, dass er uns kennt, dass er um uns weiß und um all das, was uns in der Tiefe bewegt. Und zwar im Sinn eines teilnehmenden, verstehenden Wissens, eines Wissens, das mit der Liebe verbunden ist.

Das zeigt schon der Vergleich mit dem Hirten und erst recht die Verheißung: „Ich werde ihnen ewiges Leben geben; niemand wird sie meiner Hand entreißen.“

Was ist es schon, wenn man einen Menschen findet, bei dem man spürt, dass er einen versteht. Was kommt uns aber dann an echter Lebenshilfe zu in dem Glauben an Gott, der uns kennt bis in die letzten Verästelungen hinein, dem zu begegnen nicht ein glücklicher Zufall ist, dessen Zeit nicht durch andere Verpflichtungen belegt ist. Am hellen Tag und in der dunklen Nacht, im Alleinsein und in der Menge, in der Stunde freudigen Erhobenseins oder trauriger Niedergeschlagenheit: Ich kann sicher sein, dass er um mich weiß in dieser meiner Verfasstheit, und dass ich mich an ihn wenden kann und in ihm geborgen bin.

Das ist kein „als ob“ („ich kann es tun, als ob es so wäre“); sondern das ist durch Gott selbst verbürgte Wirklichkeit.

Aus dem Zeugnis glaubender Menschen, die man verfolgt, inhaftiert und zum Teil auch hingerichtet hat, wissen wir, dass viele gerade in den Stunden äußerster Verlassenheit und Not diese Nähe Gottes ganz tief erfahren haben und dass sie dies tief beglückt hat.

Aber Gott ist nicht nur dort, wo geschlagen wird, wie Ernst Wiechert eine seiner Romanfiguren sprechen lässt, sondern überall dort, wo ein Herz schlägt, auch im Einerlei des Alltags.

Er ist immer bei uns, und er kennt uns.

5. Fastensonntag 1984 - "Unser Verzicht - Leben für Viele"

In dieser Predigt geht Dr. Fuchs nicht näher auf das Evangelium ein, sondern greift das Leitwort der damaligen Misereor-Aktion auf, welches lautet: „Unser Verzicht – Leben für viele“. Unserer Meinung nach gilt dieses Motto gerade für diese Zeit.

Joh. 11,1-45

a) Es gibt einige wenige Überzeugungen, in denen sich alle Menschen einig sind. Eine von ihnen ist, dass die Welt, in der wir leben, anders werden muss. Das wissen wir nicht erst heute, das verbindet uns mit den Menschen früherer Generationen. Es war ihnen wohl nicht so bewusst wie uns heute, weil sie nicht soviel von der Welt wussten.
Die Welt muss anders werden: das war auch das Anliegen Jesu; sie muss besser werden; es muss die Liebe in ihr wachsen; das allein kann sie wirklich verbessern. Seine Forderung einer radikalen Nächstenliebe sollte nicht bloß eine Gehorsamsprüfung der Menschen sein, sondern der Weg zu einem menschenwürdigen Leben in Gemeinschaft mit anderen.
Auch das, was uns unser Evangelium heute sagt, kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die Hoffnung auf die Auferstehung und das ewige Leben, in der dieses uns bestärken will, gibt unserem Leben einen bleibenden Wert. Sie hilft uns, dieses Leben zu bejahen und auch jedes menschliche Leben, jeden Menschen zu bejahen.
Der Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben wertet dieses Leben nicht ab, sondern zeigt umgekehrt den Wert dieses Lebens; er ist so groß, dass Gott es nicht untergehen lässt.
Ich möchte heute aber nicht näher auf das Evangelium eingehen, sondern das Leitwort der diesjährigen Misereor-Aktion aufgreifen; es lautet: „Unser Verzicht – Leben für viele“.

 

b 1) Ich sagte eingangs, dass sich alle Menschen darin einig sind, dass die Welt anders werden muss. Es sind sich alle auch darüber im Klaren, dass dies nicht von selbst geschieht, sondern dass das unsere Aufgabe ist, dass wir Menschen das leisten müssen, dass wir dies von irgendjemand erwarten dürfen. Das gilt für jeden Überstand in der Welt, auch für den größten: das riesige Gefälle zwischen arm und reich. Wir alle wissen darum, aber wir alle sind auch in gleicher Weise gefährdet, uns daran zu gewöhnen, so sehr, dass wir uns über eine kleine Ungerechtigkeit, die in der Behandlung zweier Menschen durch einen Vorgesetzten mächtig aufregen können, von der riesen Ungerechtigkeit in der Welt aber überhaupt nicht berührt werden.

b 2) Ich höre den Einwand: Was heißt hier Ungerechtigkeit in der Welt? Haben wir jemand etwas weggenommen? Ist der Zustand ungerecht, den wir mit unserem Fleiß und Verstand geschaffen haben? Haben wir kein Recht auf unser Eigentum?
Die Kirche hat immer das Recht auf Eigentum des Einzelnen verteidigt, nicht aus Selbstinteresse, sondern weil dies dem Menschen entspricht. Sie sagt aber genauso bestimmt, dass das Recht auf Privateigentum dem gemeinsamen Recht aller auf die Güter der Erde, auf ihre Nutznießung untergeordnet ist.
Von daher gesehen, müssen wir sagen, dass der Zustand der Welt ungerecht ist. Niemand von uns hört das gerne, und es auszusprechen ist noch unangenehmer als es anzuhören. Aber wir dürfen die Wahrheit eben nicht verschweigen.

b 3) In unserem Leitwort „Unser Verzicht – Leben für viele“ wird aber nicht eigentlich das Gerechtigkeitsgefühl angesprochen, sondern mehr das Mitgefühl: das Mitgefühl mit denen, deren Leben ständig an einem dünnen Faden hängt oder doch einfach als menschenunwürdig zu bezeichnen ist.
Versuchen wir es: tun wir, was uns möglich ist: denken wir uns in die Lage der vielen anderen hinein und fragen wir uns, was wir von den anderen, den Reichen erwarten würden. Wir würden nicht nur ein Almosen erwarten, sondern dass sie bereit sind, auf etwas zu verzichten, dass sie nicht einfach gedankenlos für sich hinleben, sondern an „uns“ denken. Das würden wir erwarten, wenn wir die anderen wären; wir sind es nicht, sondern wir sind die, an die sich die Erwartungen richten.
Wir wissen, dass uns Jesus ein solches Denken nahelegt in seiner berühmten „Goldenen Regel“: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihr ihnen.“ Das soll sich nicht beschränken auf die Beziehung zu einzelnen, sondern das gilt erst recht im Großen.
Hier greift keine Entschuldigung! Wir kennen solche Entschuldigungsversuche: dass jede Hilfe nur ein Schlag ins Wasser sei; dass zuerst einmal die Großen etwas tun sollen usw. Das sind nur Selbstbeschwichtigungen, aber keine Entschuldigungen. Solche gibt es nicht. Ja, wo es für viele um das Leben geht, wäre ein solcher Entschuldigungsversuch geradezu ein Hohn. Ein ganz direktes „ich mag nicht“ oder „die anderen interessieren mich nicht“ wäre zwar nicht besser, aber ehrlicher.

b 4) Es ist in unserem Leitwort von „Verzicht“ die Rede. Die, denen wir helfen wollen, müssen auf vieles verzichten; wir sollen auf manches verzichten. Wir haben es selbst in der Hand, können überlegen und fragen, wie wir dieser Verpflichtung nachkommen können, einer Verpflichtung, die nicht die Kirche stellt, sondern die in den ungerechten Verhältnissen begründet ist und von der Kirche nur ausgesprochen wird.
Und es geht nicht nur um einen Verzicht im Zusammenhang mit der Misereor-Kollekte, sondern ganz allgemein um eine sinnvolle Verzichthaltung, die unser Leben überhaupt prägen soll, und zwar das Leben eines jeden; hier ist niemand ausgenommen.
Wir sollen uns also nicht nur leiten lassen von dem Gedanken: „Was ist schön“, „Was ist gut“, „Was ist besser“, sondern dabei auch von dem Gedanken an die Not und die Ungerechtigkeit in der Welt. Sie sollten wir immer, wie man sagt, im Hinterkopf haben, und zwar nicht nur im ganz persönlichen Bereich, sondern in allen, auf die sich unser Tun und unser Entscheiden erstreckt, für die wir verantwortlich oder mitverantwortlich sind.
Im Einzelfall ist das sehr schwer, zu sehen: Was ist hier recht und was nicht; was ist sinnvoller, gerecht und was nicht. Das lässt sich nie eindeutig entscheiden. Aber wer sich überhaupt die Frage stellt, ist bewahrt vor einem gedankenlosen, bloß auf den eigenen Vorteil, den eigenen Nutzen gerichteten Handeln. Eine sinnvolle Verzichthaltung darf nicht kleinlich, nicht ängstlich sein; aber sie soll sich auch auf das Kleine und scheinbar Nebensächliche erstrecken. Sie machen ja das Leben aus.

 

c) Im LK-Evangelium findet sich eine kleine Szene; Jesus wendet sich an einen und sagt: Wenn du ein Gastmahl hältst und andere einlädst: dann lade nicht die ein, die es dir vergelten, die auch dich wieder einladen, sondern lade die dazu ein, die es dir nicht vergelten können.
Man kann, bzw. muss das natürlich verallgemeinern. Es geht nicht nur um die Einladung. Wir sollen nicht nur denen Gutes tun, die es uns wieder vergelten.
In unseren Verhältnissen ist das gar nicht so einfach. Wer möchte eine Wohltat auf sich sitzen lassen, ohne sie zu erwidern! Aber in Bezug auf die vielen Notleidenden in der Welt ist das möglich. Hier können wir dieses reine Schenken verwirklichen.

3. Fastensonntag - "Lebendiges Wasser"

Noch heute wird den Pilgern und Reisenden ins Heilige Land der Jakobsbrunnen gezeigt, an dem sich das abspielte, was uns im Evangelium erzählt wird.

Die Archäologen können nachweisen, dass der Brunnen sehr alt ist, so dass alles dafür spricht, dass es der Brunnen ist, den nach dem Zeugnis des AT Jakob bei Sichem gegraben hat. Mit seinen 32 m ist er sehr tief. Umso kostbarer ist das frische Quellwasser, auf das man in der Tiefe stößt. Alle diese Umstände gehen in das Gespräch mit ein, das Jesus mit der Samariterin dort führt, jedenfalls in den ersten Teil, der um das Kernwort Wasser kreist.
Vom zweiten Teil, in dem es um die rechte Gottesverehrung geht, wollen wir absehen.

Das Gespräch, dessen Zeugen wir sind, wird von Jesus eröffnet mit der Bitte um einen Schluck Wasser. Es ist Mittagszeit und heiß. Nichts liegt näher als diese Bitte. Die Frau ist dennoch verwundert, dass ein Jude mit ihr, einer verachteten Samariterin, spricht. Dadurch, dass sie dies nicht nur denkt, sondern auch ausspricht, gibt sie dem Gespräch eine ungeahnte Wendung: Es wird von Jesus auf eine andere Ebene gehoben, und es vollzieht sich ein Rollentausch. Jesus antwortet ihr: „Wenn du wüsstest, wer dich um Wasser bittet, dann hättest du ihn gebeten, dass er dir das lebendige Wasser zu trinken gibt.“

Unter dem lebendigen Wasser versteht sie frisches Quellwasser im Unterschied zu angestandenem Zisternenwasser, also Wasser, wie es dieser Brunnen bietet. Sie versteht es als Aufforderung, ihn um das zu bitten, worum er sie gebeten hat. Deshalb ihr Bedenken: „du hast kein Gefäß.“

Erst der Hinweis, dass es Wasser sei, das allen Durst nimmt, so dass man nicht mehr durstig wird, und dass das Wasser eine Quelle ewigen Lebens sei, macht ihr klar, dass er ein anderes Wasser meint. Wenn sie dann freilich sagt: „Herr, gib mir dieses Wasser, dass ich nicht mehr hierher zu kommen brauche, um Wasser zu schöpfen“ muss man sagen, dass sie ihn auch da noch nicht begriffen hat. Sie denkt wohl an eine Art Zauberwasser.

Was meint Jesus selbst, wenn er vom lebendigen Wasser spricht?
Dass es ein Bild ist, ist klar, aber wofür?

Ganz allgemein kann man sagen: „Es ist ein Bild für das, was Gott den Menschen schenkt, was er, Jesus, ihnen vermittelt.“ Man kann es verstehen als Bild für den Heiligen Geist, den jene empfangen, die an ihn glauben, oder als Bild für das göttliche Leben, an dem sie teilhaben, oder auch für sein Wort, die Grundlage des Glaubens. Keines der drei schließt das andere aus; es sind drei Aspekte des einen. Sie sind die Gabe Gottes an die Menschen, sein großes Angebot.

Wenn Jesus dieses Angebot mit dem Wasser in der heißesten Mittagszeit in Beziehung bringt und betont, dass dieses allen Durst nimmt, dann geht er davon aus, dass seiner Gabe auch ein Verlangen entspricht, das dem Durst vergleichbar ist. Ja, wie herrlich ist ein kühler Trunk im warmen Sommer! Ein Königreich dafür! Und damit soll sich jenes andere Verlangen vergleichen lassen.

Entspricht dem auch die Wirklichkeit? Hat man nicht den Eindruck, dass die meisten nach allem anderen mehr verlangen als nach diesem, dass sie es fad und langweilig empfinden, dass man es ihnen aufdrängen muss, als dass es einem aus der Hand gerissen wird. Haben die Menschen wirklich ein Bedürfnis danach?

Ein bekannter Geistlicher sagte mir einmal: „Ich komme mir oft vor wie ein Händler, der etwas anbietet, was niemand haben will.“

Ich glaube nicht, dass es so stimmt.

Man muss hier unterscheiden, und zwar zwischen einem Oberflächenbedürfnis und einem Tiefenbedürfnis. Bei jedem Menschen treffen wir auf das eine und auf das andere, und beide müssen nicht zusammenstimmen, sie können sich auch entgegenstehen. Zudem sind sich viele nur ihrer Oberflächenbedürfnisse bewusst und sprechen nur von diesen.

Wenn z. B. jemand das Bedürfnis hat, dass sich immer etwas rührt, und dieses zu befriedigen trachtet, dann lässt er sich ganz von einem Oberflächenbedürfnis leiten. In der Tiefe aber sitzt ein persönliches Unerfülltsein und damit das Bedürfnis nach echter menschlicher Erfüllung. Das, was er tut, sein betriebsames Arbeiten und Genießen, überdeckt nur dieses tiefere Bedürfnis; es ist nur die Erfüllung des Oberflächenbedürfnisses, das nur dem Augenblick genügt und ihn deshalb immer wieder weiter treibt; es reicht nicht in die Tiefe, in der das eigentliche Bedürfnis sitzt, und kann ihn deshalb im letzten auch nicht befriedigen. Das ist nur möglich in der Hinwendung und im persönlichen Kontakt mit den Menschen und mit Gott.

Alle Glücksangebote, die heute lautstark angepriesen werden, bewegen sich auf der Ebene der Oberflächenbedürfnisse. Auf dieser Ebene und mit diesen Angeboten kann die Gabe Gottes, die uns Jesus bietet, nicht konkurrieren. Sie liegt auf einer anderen.

Und die Bedürfnisse auf dieser tieferen Ebene sind auch heute nicht abgestorben. Denken wir nur an die Sinnfrage, die in den letzten Jahren mit einer unbekannten Stärke aufgebrochen ist.

Gerade sie, die in den zivilisatorisch am höchsten entwickelten Ländern am akutesten ist, macht deutlich, dass „oben“ der Durst in der Tiefe nicht gestillt werden kann, dass es ein tiefes Bedürfnis des Menschen gibt, auch das Bedürfnis, das nur durch das lebendige Wasser gestillt werden kann, das uns Gott durch seinen Sohn Jesus Christus bietet.

Der Symbolik des Wassers und des Trinkens ist sehr ähnlich die des Brotes und des Essens. In der Bedeutung fallen sie völlig zusammen.

Die eine, das Wasser, ist eingegangen in das Grundsakrament der Taufe; die andere in das zentrale Sakrament der Eucharistie. Was im Evangelium vom lebendigen Wasser gesagt wird, hören wir in entsprechender Abwandlung wieder bei der Kommunion: „Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“

Was am Jakobsbrunnen Verheißung war, wird in unserer Eucharistiefeier Wirklichkeit.

Predigten und spirituelle Begleitung

Gedanken zur Fastenzeit - 26. März 2020

Liebe Freunde Seligenthals,

der Aschermittwoch und die Hälfte der Fastenzeit liegt hinter uns. Und spätestens seit gut einer Woche ist uns allen bewusst geworden jetzt ist das Loslassen, so mancher Verzicht, nicht mehr freiwilliger Art, sondern wird uns von der schnellen Verbreitung eines kleinen Virus abverlangt.  Ähnlich wie wir die Ascheauflegung nicht als etwas Niederdrückendes ansehen sollten, weil das nicht ihr Sinn ist, können wir uns auch jetzt fragen, wie können wir auch dieser Zeit trotz allem Schweren und Bedrohlichen gut meistern. Vielleicht helfen ihn die Gedanken, die ich meinen Mitschwestern am Beginn der Fastenzeit mitgab ohne dabei an das Corona Virus zu denken.

Das Kreuzzeichen auf unserer Stirn, ist ja keine Bedrohung oder etwas, was uns Angst vor dem Tod machen möchte, sondern das Zeichen der Erlösung; ein Hinweis, Du bist wertvoll und wichtig, aber Dein Leben hier ist nicht unbegrenzt.

Die Ascheauflegung gibt den Impuls für die Fastenzeit, über unser Leben nachzudenken, wieder neu zu sehen, dass es kostbar ist, dass wir Gott kostbar sind, dass er ein gutes, ein erfülltes, ein geglücktes Leben für uns möchte. Ja, dass Gott uns die Fülle des Lebens schenken möchte. Sagt Christus doch von sich: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben!“
Ostern ist das Fest der Fülle, der Freude, des Lichtes. So sollen die Tage, die dieses Freudenfest vorbereiten, sicher nicht traurige Tage sein, sondern das Fasten, Beten und Barmherzig Sein sollen uns helfen, frei zu werden von dem, was mich am Leben hindert, was mich beschwert, was mir auf der Seele liegt, was ich unnötig mit mir herumschleppe. In diesen vierzig Tagen sollen wir uns selbst immer wieder Zeit gönnen zu fragen, was beglückt, bereichert mein Leben, was ist mir kostbar, wesentlich und wichtig? Aber auch, was fehlt mir, was ist mir abhanden gekommen, wie haben sich meine Wertvorstellungen verändert, was habe ich aufgegeben, was ist mir genommen worden?

Hier können wir auch darüber nachdenken, wie es mit unserer ersten Liebe steht, ob wir lau geworden sind? Bin ich glücklich und zufrieden, stimmen meine menschlichen Beziehungen, meine Beziehung zu Gott? Wie steht es mit meiner Lebensfreude, meiner Freude an Gott und der Erfüllung seines Willens, der Freude am Gebet? Unser Leben ist sinnvoll, aber manches kann unseren Lebensfluss bremsen, vielleicht unmerklich, vielleicht aber auch bewusst. Da kann es sein, dass ich selbst mit mir unzufrieden bin, dass ich das eine oder andere ändern sollte, ich neu fragen sollte, was Gott mit mir vorhat, was er sich von mir wünscht und manchmal auch die Mitmenschen. Suchen wir zu erkennen, was uns zufrieden macht, nicht im Sinne es passt schon, sondern was uns im Tiefsten erfüllt und erfreut.

Nutzen wir die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern als eine intensive Zeit des persönlichen Gebetes, eine Zeit der Hellhörigkeit für unsere eigenen Bedürfnisse und die der anderen, eine Zeit der Offenherzigkeit für alle, die unsere Hilfe brauchen. Fasten, Beten und Barmherzig Sein sind hilfreiche Übungen, um Augen, Ohren und Herz zu weiten für alle Bereiche, wo Veränderungen notwendig werden.

Dabei ist es heilsam, wenn sich die Wahrnehmung auf drei Richtungen hin öffnet: auf mich selbst, auf meine Mitmenschen und auf Gott hin. Konkret heißt das:

  • Mit meinen ‚Augen‘ darf in den Spiegel schauen und mich fragen: Wer bin ich? Kann ich mir selbst ins Gesicht sehen? Mag ich mich? Nur wer sich selbst annehmen kann, wird auch einen gütigen Blick für seine Mitmenschen entwickeln oder sich den wohlwollenden Blick Gottes aneignen, mit dem ER mich und die Welt ansieht.
  • Mit meinen ‚Ohren‘ darf ich in mich hinein hören: Was meldet sich aus der Stille? Ist mein Gewissen noch lebendig? Nur wer die Schwingungen seiner eigenen Seele kennt, wird hören, wo sich seelische Not bei den anderen rührt. Und nur ein waches und lauschendes Ohr wird auch die leise Art Gottes nicht überhören, mit der ER seinen Willen für mich kundtut.
  • Und schließlich braucht es die Sorge um das eigene Herz: Spüre ich dort Leben? Wovon ist mein Herz erfüllt? Freude, Trauer, Not, Angst? Je mehr jemand behutsam und liebevoll mit seinem eigenen Herzen umzugehen lernt, umso stärker kann er auch seine Fähigkeit entwickeln, barmherzig mit anderen zu sein, und so eine Grundeigenschaft Gottes zu verkörpern.

So will die Fastenzeit Raum schaffen und eine Übungsplattform bieten für heilsame Veränderungen, die dem Leben gut tun. Wenn die Kirche von der österlichen Bußzeit spricht, hat sie recht, denn der Weg durch diese Zeit hat ein Ziel, er geht auf Ostern zu! Unsere ‚geistlichen Übungen‘ dienen keinem Selbstzweck, sondern sie sollen helfen, dass unser Glaube neue Kraft bekommt, dass wir frische Hoffnung schöpfen für den Alltag aus der Botschaft der Auferstehung und dass andere unsere Liebe zu spüren bekommen.

Ihre M. Petra Articus
Äbtissin Abtei Seligenthal


Bildung

Bei der Wiedereröffnung des Klosters erhielt Seligenthal im Jahr 1835 von König Ludwig I. den Auftrag, sich der Mädchenbildung zu widmen. Bald trat eine große Schar von Schwestern ein, die Schülerzahl wuchs stetig und die Ausbildungsrichtungen differenzierten sich im Lauf von 170 Jahren immer mehr. Heute liegt das Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung, die im Jahr etwa 1.900 Kinder, Jugendliche und Studierende auf ihrem Bildungs- und Ausbildungsweg begleitet und betreut.


Ein Zentrum - viele Perspektiven

7 Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in einer Hand

 

Zum Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung Seligenthal gehören heute:

  • Der Kindergarten Seligenthal mit fünf Gruppen, in dem die Kinder nach anerkannten pädagogischen Konzepten auf verschiedenen Ebenen angesprochen und begleitet werden.
  • Der Kinderhort Seligenthal, in dem etwa 200 Buben und Mädchen in acht Gruppen betreut werden: Beim Mittagessen, bei der Erledigung der Hausaufgaben und der aktiven Freizeitgestaltung. Im Allgemeinen besuchen die Kinder des Horts unsere eigene Grundschule.
  • Die private Grundschule Seligenthal mit zwölf Klassen, in der die Kinder eine umfassende schulische Grundbildung und eine kindgerechte Glaubensgrundlage erhalten sollen. Als Konfessionsschule steht sie nur Kindern offen, die einem christlichen Bekenntnis angehören.
  • In der Ganztagsbetreuung Seligenthal werden an Schultagen Kinder der 5. bis 7. Jahrgangsstufe betreut werden. Die Betreuung beinhaltet Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung sowie Freizeitgestaltung.
  • Die Wirtschaftsschule Seligenthal, in der eine zwei-, vier- oder fünf-stufige Schulbildung mit dem Abschluss  "Mittlere Reife" angeboten wird. Sie öffnet Mädchen und Jungen die Tür zu allen Ausbildungsberufen und schafft ihnen auf dem Ausbildungsmarkt einen deutlichen Vorteil. Den Schülerinnen und Schülern der Wirtschaftsschule wird die Ganztagsbetreuung sowie der Zugang zum Mensa-System angeboten.
  • Das Gymnasium Seligenthal bietet den sprachlichen Zweig an und ist außerdem ein Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Gymnasium mit sozialwissenschaftlichem Profil. Es gibt desweiteren einen musischen Zweig sowie eine Fußball- und Chorklasse, um auf die unterschiedlichen Begabungen der Schülerinnen und Schüler einzugehen und deren Freude am Lernen zu fördern. Eine Schulmensa steht allen Schülerinnen und Schülern mit einem täglich wechselndes Angebot zur Verfügung. Das Gymnasium hat das Motto: "Aus der Tradition Zukunft gestalten."
  • Die Fachakademie für Sozialpädagogik ist zweizügig und bildet insgesamt rund 146 Studierende pro Schuljahr aus. Hinzu kommen die 102 Schülerinnen des sozialpädagogischen Seminars (SPS). In diesem Schuljahr hat die Schule die Selbstevaluation an Schulen, kurz SEIS genannt, erfolgreich abgeschlossen.


Einzelheiten über das Bildungszentrum und seinen Einrichtungen erfahren Sie hier direkt auf der Homepage der Schulstiftung Seligenthal.


Führungen

Führungen in der Abteikirche und der Afrakapelle sind nach dem Sonntagsgottesdienst ab ca. 10:30 Uhr möglich. Um rechtzeitige Anmeldung an der Klosterpforte unter Tel. 0871 / 8210  oder direkt per Mail an Schwester M. Fidelis Thurner  - m.fidelis@kloster.seligenthal.de wird gebeten.


Vorträge

Seligenthaler Gespräche und andere Workshops

In Zusammenarbeit mit der Landshuter Zeitung ("Bernlochner Gespräche") und dem christlichen Bildungswerk, findet bei uns jedes zweite Jahr eine Vortragsreihe mit christlichen Themen statt. Im Anschluss an den jeweiligen Vortrag laden wir bei einem Glas Wein zu einem Gesprächsaustausch ein.

Hier einige Beispiele über unsere Themen und Referenten: 

2010  - „Suche den Frieden und jage ihm nach“

  • Pater Walter Rupp SJ spricht über - "Pater Rupert Mayer, der Apostel der Armen und Prediger wider den Ungeist."
  • Dr. Georg Evers - "Kampf der Kulturen oder Gespräch unter den Religionen 
  • Dr. Hildegard Goss-Mayr - "Gewalt- Gewalt überwinden. Die Gewaltfreiheit Jesu in unserem Leben."

 

2014 - „Wege zum Selbst"

  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - "Scheitern und Gelingen - der Weg von mir zu mir“
  • Professor Dr. Dr. habil. Erwin Möde - „Beten als Weg zu mir selbst“
  • Professor Dr. Martin Thurner - "Gotteskindschaft. Eugen Biser über den Selbstwert der Menschen“

 

2016 

  • Professor dr. Michael Bordt SJ - „Sich selbst verstehen“
  • Professor Dr. Martin Thurner - „Mit Grenzen leben - sich selbst wiederfinden“
  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - „Halb sein und Ganz werden"

 

2018 „Göttliche Tugenden: Glaube – Hoffnung – Liebe"

  • Professor Dr. Martin Thurner - „Glaube: Philosophische Annäherungen in drei Gleichnisbildern“
  • Professor Dr. Georg Sans SJ - „Worauf hofft ein Christ?“
  • Professor Dr. Karl Woschitz - „Transfiguration der Liebe“

Jugendvigil

In regelmäßigen Abständen gestaltet Schwester M. Immaculata mit Jugendlichen zusammen eine Jugendvigil. Diese findet im zwei-monatlichen Rhythmus in unserer Afrakapelle statt.

Bei Interesse informiere Dich bei m.immaculata@kloster.seligenthal.de.

 

Einladung zur Jugendvigil

Wenn Du zu einer Jugendvigil kommen willst, dann musst Du Dich darauf einstellen, etwas ganz Spezielles zu erleben. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: bei der Jugendvigil kommen wir Gott näher. Die Jugendvigil reißt Dich heraus aus dem Alltäglichen, Langweiligen, manchmal Leerem; aus dem, was fast alle anderen tun.
Die Jugendvigil ist auch für alle, die im Herzen jung und jung geblieben sind.

Ich freue mich auf Dich!

Herzliche Grüße,
Schwester M. Immaculata OCist.

Hier kannst Du mehr erfahren


Jugendvigil-Termine 2019/2020

Unsere Jugendvigil, kurz Juvi genannt,  ist in der Regel jeden 2. Monat am 1. Freitag.

Ort:       Afrakapelle
              (durch den Torbogen in unseren Schmuckhof, gerade aus, rechts durch die Ecktüre
              über den Afragarten)

Beginn: 20.00 Uhr, Ende: ca. 21.30 Uhr,
danach: gemütliches Beisammensein in der Mensa

Nächste Termine

Fr.   7. Februar 2020 (Blasius-Segen)
Fr.   3. April 2020