Angebote


Predigten und Gedanken zu Sonn - und Festtagen (meist von Dr. Fuchs)

Die Sonntagspredigten von Herrn Dr. Fuchs wurden mehrere Jahre hindurch von unseren Schwestern niedergeschrieben. Wir fanden sie in seinem Nachlass und bewahrten sie im Archiv auf.  Von jetzt ab werden wir die zum jeweiligen Sonn - oder Festtag eine passende Predigt auf unserer Homepage veröffentlichen. Die Worte von Herrn Dr. Fuchs sollen Ihnen eine religiöse Bereicherung und zugleich eine liebe Erinnerung an unseren langjährigen Pastoral sein.

2. Sonntag 1985 Gebetswoche f.d. Einheit der Christen

 

                                                                                                                    Joh. 1,35 - 42                                                                                                                                                           

A          Dieses Evangelium führt uns in den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu. Es beginnt damit, dass er eine Gemeinschaft von Jüngern um sich sammelt, deren Kern dann die Apostel werden. Aus dieser Jüngergemeinde wird dann nach seinem Tod die Kirche, die Gemeinschaft derer, die an ihm glaubten, die sein Wirken fortlebt und weiterwirkt, bis er wiederkommt.                  

Am Ende des öffentlichen Wirkens Jesu, vor seinem Tod steht nach dem Zeugnis des Johannes ein Gebet, in dem sich Jesus an den Vater wendet, dass sie, die an ihn glauben, eins seien, so wie er und der Vater eins sind, dass sie also nicht bloß äußerlich eins seien, sondern auch innerlich, in ihrem Glauben, in ihrer Gesinnung.                                                                                        Leider ist in den folgenden Jahrhunderten eingetreten, was nicht sein sollte, und die Spaltung, die Spaltungen bestehen fort bis in die Gegenwart. Wer dafür die Verantwortung trägt, lässt sich nicht sagen. Aber es ist auch nicht einfach ein Schicksal, das uns getroffen hat, die Spaltung ist die Folge von Schuld und Versagen.

Wenn wir heute an das Anliegen der Einheit der Kirche erinnert werden, so bedeutet das für uns zuallererst, dass wir alles tun, um kleine und große Spaltungen zu verhindern, und es heißt weiter, alles zu tun, um die bestehenden Spaltungen zu überwinden.

Dazu gehört das Gebet, zu dem wir in dieser Gebetswoche für die Einheit der Kirche besonders aufgerufen sind; dazu gehören Gespräche auf allen Ebenen, dazu gehört der verstehende, liebevolle Umgang miteinander. – Halten wir heute einmal eine kleine Umschau, wie es um die Ökumene bestellt ist.    

B1        Durch den Katholikentag im vergangenen Jahr kam ein Dokument in das ökumenische Gespräch, das sog. Lima-Papier oder die Lima-Erklärung. Worum geht es hier, und welche Bedeutung hat sie? Den Namen „Lima“-Erklärung bekam sie, weil sie von einer Kommission, die in Lima, der Hauptstadt von Peru, in Süd-Amerika, zusammengetreten ist, erarbeitet wurde. Es war eine Tagung von Theologen aus den Kirchen, die im sog. Ökumenischen Rat zusammengefasst sind, aus der katholischen Kirche und aus der orthodoxen Kirche. Es war nicht die erste Tagung dieser Art; ähnliche fanden auch vorher schon statt; aber die Tagung schloss mit einer wichtigen Erklärung.

Diese Erklärung will verstanden werden als eine Konvergenz-Erklärung. Das heißt: sie beschreibt die Annäherungen bzw. die Übereinstimmung der Kirchen in wichtigen Fragen des Glaubens. Sie befasst sich mit Taufe, Eucharistie und Amt in der Kirche. Zusätzlich wurde eine Liturgie gestaltet, der die Annäherung bzw. Übereinstimmung entspricht. Sie ist gedacht nur für bedeutende ökumenische Anlässe.

Es handelt sich also nicht um eine offizielle Erklärung, sondern um eine Arbeit von Wissenschaftlern, von Theologen. Was sie erarbeitet haben, das wurde den einzelnen Kirchen vorgelegt, und diese, dieser Vertreter sollen eine offizielle Stellungnahme abgeben, ob diese Erklärung ihrem Glaubensverständnis entspricht, ob sie dieser Erklärung zustimmen können.

Dass diese Stellungnahmen nicht von heute auf morgen kommen, kommen können, ist leicht

verständlich. Die Leiter der Kirche dürfen ja nicht nur für sich sprechen; sie müssen im Namen ihrer Gemeinschaft sprechen, sie müssen auf ihre Gemeinschaft schauen, auf sie Rücksicht nehmen.

Es gibt protestantische Kirchen, deren Gottesdienst sich weithin auf Gebet und Predigt beschränkt, die arm sind an einer liturgischen Tradition: sie tun sich nicht leicht, eine Liturgie, wie sie durch die Konferenz in Lima vorgelegt wurde, zu praktizieren. Auf katholischer Seite ist die Aufnahme durchweg positiv; aber hier wird betont, dass eine Reihe wichtiger Frage in dieser Erklärung überhaupt nicht zur Sprache kommen. Diese Erklärung ist also ein wertvoller Beitrag, den man anerkennen muss, dessen Grenzen man aber nicht übersehen darf. Die kritischen Stellungsnahmen dazu sind nicht unökumenisch. Was der Klarheit und der Wahrheit dient, ist der Ökumene niemals zuwider. Das ist besser, als Probleme aus Freundlichkeit zu vernebeln oder zu verschweigen, weil so nur eine Schein-Einheit erreicht wird, aber keine innerliche Einheit.

2          Wenn wir heut, am Sonntag in der Weltgebetswoche für die Einheit der Kirche Umschau halten, was sich in der ökumenischen Bewegung getan hat und tut, müssen wir uns nicht auf die Lima-Konferenz beschränken, deren Aufgabe deshalb so schwierig war, weil hier die theologischen Vertreter vieler Kirchen zusammen waren. Viele Standpunkte zu vereinen ist viel schwieriger, als nur mit einem Partner zu verhandeln. Es ging und geht natürlich die Arbeit und die Gespräche der Kommissionen weiter zwischen katholischer und evangelischer Kirche, zwischen katholischer und orthodoxer Kirche, zwischen katholischer und anglikanischer Kirche, um die wichtigsten zu nennen. Von ihnen wird natürlich nicht in sensationeller Weise berichtet, denn hier geht es um Kleinarbeit, und diese ist für eine solche Berichterstattung weniger geeignet, und dafür fehlt vielen auch das Verständnis. Ich meine nicht allein das nötige Vorwissen, sondern ganz einfach das Interesse dafür. Es ist in allen Kirchen gleich: den Großteil bewegt dieses Anliegen nicht sehr stark. Das ist einfach eine Feststellung. Es sind hier und dort nur Gruppen, die sich interessieren und engagieren – und bei manchen besteht die Gefahr, dass es ihnen eigentlich nur um den Erfolg geht.

Ein dt. Schriftsteller hat einmal anlässlich der Entgegennahme eines Kunstpreises – also in einem ganz anderen Zusammenhang – an unserer Zeit kritisiert, dass sie alles bloß noch unter dem Gesichtspunkt des Nutzens beurteilt, dass nicht mehr die Sache zum Gespräch steht, sondern nur noch der Erfolg.

Natürlich ist ein Erfolg wünschenswert, aber man darf, um ihn zu erreichen, die Seele nicht übergehen und sie für gering achten. Das gilt ganz allgemein. Das gilt auch für die Sache, für das Anliegen der Ökumene.

Wenn es Christus nur um den Erfolg gegangen wäre, dann wäre es ihm ein Leichtes gewesen, diesen zu erreichen. Aber es ging ihm um das Reich Gottes, um Gott und die Menschen, und dieses Anliegen konnte er nicht dem Erfolg opfern.

Diesen Fehler begeht man, wenn man sagte: Die Glaubensfragen, die theologischen Fragen sind doch eigentlich alle nebensächlich, wichtig ist allein, dass wir wieder eine Einheit sind: eine Auffassung, die nicht selten anzutreffen ist. An erster Stelle steht die Sache, nicht der Erfolg.

 

C          Die Woche, in der wir stehen, heißt Gebetswoche für die Einheit der Christen. Wenn es „Gebetswoche“ heißt, und nicht einfach „Woche“: dann wird damit darauf hingewiesen, dass das Gebet den Vorrang hat. Aber wer eindringlich betet, der muss auch wissen, wofür der betet, er soll auch eine Ahnung haben von den Problemen und Schwierigkeiten, die mit dem Wort der Wiedervereinigung verbunden sind. Dann wird man auch Geduld und Ausdauer aufbringen, wenn sich der Erfolg nicht gleich einstellt, selbst dann, wenn man den Weg nicht klar überschauen kann, der zum Ziel führt, zu dem Zeil: dass wir wieder eins sind.

Taufe Jesu 1985

                                                                                                                                                        Mk 1,7 – 11

A          Diese Szene – die Taufe Jesu im Jordan – ist nicht eine unter anderen im Leben Jesu. Ihr kommt insofern eine besondere Bedeutung zu, als sie den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu darstellt. Deshalb findet sie sich in jedem der vier Evangelien – deshalb fordert Petrus bei der Bestellung eines Ersatzmannes für den ausgeschiedenen Judas Iskariot: Es muss einer sein, der von der Taufe Jesu an bis zu seiner Himmelfahrt bei uns war und die Worte und Taten Jesu bezeugen kann.

Die Taufe Jesu stellt die Brücke dar zwischen Johannes, dem Wegbereiter, und Jesus. Jesus ist der, von dem Johannes sagte: Nach mir kommt einer, der stärker ist und würdiger ist als ich. Dieser Unbekannte trat mit ihm in Erscheinung.

Und umgekehrt nimmt Jeus das auf, was Johannes angekündigt hat. Johannes hat verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Er bekannte damit, dass es nahe bevorstehe; er meinte damit noch etwas Zukünftiges. Ganz ähnlich lauten Jesu erste Worte: Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Das heißt hier, dass es schon gegenwärtig ist.

Die Verknüpfung des Alten mit dem Neuen geschieht in der Taufe am Jordan. Aber sie ist nicht nur Verbindungsglied, sondern sie sagt uns auch für sich etwas sehr Wichtiges.

B1        Für Johannes war die Taufe in Form des Untertauchens im Wasser des Jordan Zeichen und Bekräftigung einer innerlichen Umkehr. Er rief die Menschen auf, sich zu bekehren, die Sünden zu bekennen und sich taufen zu lassen.

Das ist ein Aufruf, der an jeden gerichtet war und von dem sich auch jeder betroffen fühlen musste. Wer müsste nicht zugeben, dass er der Umkehr und der Reue bedarf!

Von Jesus aber heißt es in der Schrift, dass er ohne Sünde war, dass er in allem uns gleich geworden, ausgenommen die Sünde.

Der Evangelist Mt, der die Taufe etwas breiter erzählt, als wir es eben hörten, verbindet mit dem Taufgeschehen ein kurzes Gespräch des Johannes mit Jesus. Johannes wollte nicht zulassen, dass sich Jeus von ihm taufen lasse und erklärt: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Jesus antwortet darauf ganz schlicht: „Lass es geschehen!“

„Lass es geschehen!“ Das hat natürlich auch seinen Grund, einen Sinn: Jesus wollte sich und hat sich damit in die Schar der Sünder eingereiht; er hat damit kundgetan, dass er in Gemeinschaft mit uns Sündern treten will, in Solidarität mit uns.

2          An Solidarität fehlt es heute nicht. Wir kennen Bekenntnisse wie diese: Wir erklären uns solidarisch mit den Hungernden; wir erklären unsere Solidarität mit den Verfolgten, mit den Arbeitslosen … Man kann solche Erklärungen sehr leicht abgeben. In vielen Fällen ist sicher auch nicht mehr möglich als solche Worterklärungen. Aber wann und wo echte Tathilfe gilt, dann darf es natürlich nicht bei Worten bleiben, dann entscheiden die konkreten Maßnahmen über den Ernst solcher Bekenntnisse.

Das gleiche können wir auch von Jesus sagen. Bliebe es nur bei Worten oder – wie hier – bei Zeichen, dann hätten sie wenig Bedeutung, jedenfalls eine wesentlich geringere Bedeutung für uns. Aber hier ist es nicht so. Jesus hat sich nicht nur gesinnungsmäßig mit uns schwachen, sündigen Menschen solidarisiert; sondern er hilft uns tatsächlich aus Schuld und Sünde heraus; er befreit uns davon. Er verkündet und bringt uns zugleich die Güte und das Erbarmen Gottes. P. Joh. Paul II. hat von der „Inkarnation des Erbarmens Gottes in Jesus Christus“ gesprochen, von der Menschwerdung, von der Verkörperung des Erbarmens Gottes. Nochmals: Jesus verkörpert es nicht nur, sondern er ist das Erbarmen Gottes. Es tritt mit ihm in unsere Mitte. Durch die Gemeinschaft mit ihm erlangen wir es, wird es uns zuteil.

In einem Bild ausgedrückt, das Jesus selbst verwendet hat: Er ist der Sauerteig, der unter das Mehl gemengt wird und der dieses in Sauerteig umformt. Der Sauerteig ist anders als das Mehl. Wäre es auch nur das, dann ginge keine verwandelnde Kraft von ihm aus. Und entsprechend: wäre Jesus Sünder unter Sündern, dann würde sich an unserer Lage nichts ändern. Aber er, der Heilige, kann uns, die Unheiligen, wandeln, heiligen. Er, der vom Hl. Geist Erfüllte, kann uns Anteil an diesem Hl. Geist geben. Und weiter: bliebe er uns innerlich fern, träte er nicht in Gemeinschaft mit uns, dann bliebe er der, der er ist, und wir blieben die, die wir sind. Beides ist wichtig: dass er der Heilige ist, dass er in Gemeinschaft mit uns getreten ist.

3          Das, was von ihm gilt in Beziehung zu uns, das gilt umgekehrt auch für uns in Beziehung zu ihm. Nicht nur er muss auf uns zugehen, sondern auch wir auf ihn. Wir müssen uns ihm öffnen, sein Angebot annehmen, ihn glaubend aufnehmen.

Der Vorgang im Mehltrog, die Durchsäuerung des Mehls, geschieht ganz von sich selbst. Aber die Heiligung durch Christus vollzieht sich nur, wenn es zu dieser lebendigen Gemeinschaft von ihm her und von uns her kommt.

4          Diese Wahrheit, dass sich Jesus, der Sündenlose, mit uns, den Sündern, solidarisiert hat, ist für uns alle von hoher Bedeutung. Sie sagt uns, dass wir im Innersten nicht allein sind, dass wir nicht allein für uns durchs Leben gehen und jeder für sich seine Haut auf den Markt tragen muss, sondern dass wir in Gemeinschaft mit Christus stehen, der uns in der Taufe und in den anderen Sakramenten seinen Hl. Geis geschenkt hat und schenkt. Er verbindet uns mit ihm und auch mit denen, die wie wir in Anteil an diesem Hl. Geist haben.

 Wenn wir leiden an unserer eigenen Schwäche: halten wir uns umso fester an ihn. Er stößt uns nicht von sich. Er ist in Gemeinschaft mit uns Sündern getreten, und er will, dass wir uns an ihn halten, dass wir uns von ihm heilen und heiligen lassen. Könnten wir das auch allein, von uns aus, dann bräuchten wir ihn eigentlich nicht. Ja es wäre fast unwürdig, sich von einem anderen das schenken zu lassen, was wir auch selbst leisten könnten. Aber das höchste und letzte Ziel, die Überwindung des Unvollkommenen und die Heiligung: diese erreichen wir nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus, in dem das Erbarmen Gottes Mensch geworden ist.

 

C          Ich darf von mir gestehen, dass ich diese Wahrheit, seit sie mir zum erstenmal so richtig aufgegangen ist, als befreiend und beglückend erlebe. Es geht ja mit uns – schattenhaft – immer die Angst, ob wir dem auch entsprechen, was Gott von uns, von mir erwartet. Wer getraute sich zu sagen: Ja ich bin voll und ganz gerecht.

Ich soll natürlich das Meinige tun. Aber im Letzten sollen wir auf Jesus Christus vertrauen, der in unsere Mitte getreten ist und der sich mit uns verbunden hat.

Dreikönigstag 1985

                                                                                                                                                      Mt 2,1 – 12

A          Im Volksmund heißt der heutige Tag: Drei-Königstag oder Drei-Königsfest. Dieser Name ist konkreter als die Bezeichnung „Erscheinung des Herrn“ oder gar „Epiphanie des Herrn“. Und das Volk liebt ebendas Konkrete, das Anschauliche.

Man muss sich, wenn man sich dieser Bezeichnung „Drei-Königfest“ bedient, nur im Klaren sein, dass dies nicht ein Fest zu Ehren der Drei Könige oder Drei Sterndeuter ist; es ist ein Fest, das das Kommen des Herrn in unsere Welt, das die Erscheinung des Herrn feiert. Aber dennoch dürfen wir unsere Aufmerksamkeit auf die drei Sterndeuter richten, die sich aufmachen, um den Mensch-gewordenen zu suchen.

Die Schriftgelehrten in Jerusalem können auf die Anfrage des Königs Auskunft geben, wo der Messias geboren werden solle. Sie kennen die Schrift; die sennen das Prophetenwort „Du Bethlehem…, aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirte meines Volkes ...“. Aber ihr Wissen bleib totes Kapital, sie nutzen es nicht.

Anders die drei Sterndeuter: sie machen sich auf den Weg, sie suchen ihn, finden ihn und finden damit das Höchste – finden den Höchsten. Als Gottsucher können sie uns Vorbilder sein.

B1a)    Was würden Sie sagen, wenn Sie gefragt würden: Gibt es heute wohl viele, die Gott suchen? Verstehen Sie sich selbst als jemand, der Gott sucht?

Meine Antwort auf die erste Frage ist: Es gibt auch heute sehr viele Gottsucher; aber die meisten wissen es gar nicht; die meisten sind es nicht ausdrücklich und wären wahrscheinlich sogar überrascht, wenn man ihnen sagt, dass auch sie Gottsucher sind. In einem gewissen Sinn kann man alle als solche bezeichnen, die sich nicht einfach zufrieden geben mit dem, was ist, die nach einem Lebensziel Ausschau halten, die nach einer letzten Erfüllung dieses Lebens verlangen.

Es ist dies ja die Suche nach einem Endgültigen, Absoluten; und dieses Suchen gelangt an kein Ende, bis es bei Gott angelangt ist. Es ist die Wahrheit, die Augustinus in die bekannten Worte gefasst hat: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“ Wer diese Unruhe in sich nicht erwürgt, der ist und bleibt, auch wenn er selbst nicht ausdrücklich darum weiß, ein Gottsucher.

b)         Ob es auch viele sind, die ausdrücklich nach Gott suchen, das wage ich nicht zu entscheiden. In dieser Hinsicht waren uns die Menschen früherer Zeit sicher überlegen bzw. sind uns die Menschen überlegen, die noch nicht in einer so hochentwickelten Welt leben, in der alles machbar zu sein scheint. Dies bringt die Gefahr mit sich, dass die menschlichen Beziehungen verkümmern und dass die Beziehung zu Gott verkümmert. Aber einer Gefahr kann und muss man widerstehen.

2          Was die Wege betrifft, auf denen man Gott suchen kann: es suchen heute wie früher viele.

a)         Es kann der Weg sein, der ausgeht von dem, was das Herz bewegt – Frohes und Leidvolles; es kann die Sorge um die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse sein; es kann die Stimme des Gewissens sein; es kann der gestirnte Himmel, die Unendlichkeit des Meeres oder auch das opalene Glitzern einer Winterlandschaft sein. Es können Überlegungen sein, die um die alten Fragen nach dem Woher und Wohin kreisen. Das sind die Wege der Gottsuche, die die Menschen, solange es sie gibt, gegangen sind und die sie gehen.

b)         Auf einen ganz anderen Weg weisen uns die drei Sterndeuter deutlich hin. Sie ziehen nach Bethlehem. Sie suchen Jesus, und indem sie ihn finden, finden sie Gott. Ohne dass man die genannten Wege als untauglich bezeichnen dürfte, muss man sagen: der Weg zu Gott ist der Weg über Jesus. In ihm ist Gott als Mensch in diese Welt eingetreten; in ihm hat er sich ausgesprochen. Und in keiner anderen Weise können wir auch nur annähernd Gott so erkennen wie durch die Worte und durch die Taten Jesu.

Natürlich führt uns auch dieser Weg nicht durch das Geheimnis hinaus, sondern in das Geheimnis hinein. Denn Gott ist nun einmal das große Geheimnis. Aber es bleibt nicht bei einem Erahnen, sondern wir kommen durch ihn zu einer wesentlich klareren Erkenntnis Gottes und zugleich zu einem viel innigeren Verhältnis zu ihm. Durch Jesus ist uns Gott nahe gekommen, und durch ihn kommen wir ihm nahe.

3a)       Das, was wir durch Jesus Christus gefunden haben, das dürfen wir aber nicht für uns behalten. Wir müssen es auch an andere weitergeben. Er will ja nicht nur Weg und Brot für die einen sein, sondern für alle.

Die alte Kunst brachte das damit zum Ausdruck, dass sie einen der Drei Könige als Schwarzen darstellte. Es gibt dafür in der Schrift natürlich keinen Hinweis, sondern nur die allgemeine Wahrheit, dass Gott Mensch wurde zum Heil aller Menschen, aller Völker. Dazu gehören auch die Schwarzen. Von den anderen Hautfarben hatte man, als man anfing, diese Szene auf Farbbildern darzustellen, also in Farbe zu malen, keine Kenntnis.

b)         Diese Tatsache, dass alle Völker, alle Menschen zur Krippe gerufen sind, dass sie alle durch Christus zu Gott finden sollen, bedeutet für uns, dass wir sorgen müssen, dass ihnen dieser Weg bekannt wird und dass er ihnen bereitet wird.

Seit einigen Jahren lenkt die Kirche an diesem Tag der Erscheinung des Herrn unseren Blick auf den Schwarzen Kontinent, auf die Menschen in Afrika, die genauso wie wir ein Anrecht haben, dass ihnen der christliche Heilsweg geebnet wird. Anders als in Europa befindet sich die Kirche dort in einem Aufbruch. Um die Jahrhundertwende gab es in Afrika ca. zwei Millionen Katholiken, heute sind es 60 Millionen. Aber sie ist nicht nur zahlenmäßig gewachsen, sie ist dabei, ihren eigenen Weg zu suchen, ein Christsein, wie es ihrer Art, ihrer Mentalität entspricht.

Ähnlich wie in Latein-Amerika ist auch dort die Zahl der Priester verhältnismäßig gering. Das führt notwendigerweise dazu, dass die Laien, dass die Gemeinden wesentlich größere Verantwortung übernehmen. Das ist etwas Gutes. Aber sie brauchen Führungskräfte, sie brauchen Katechisten, sie brauchen Schwestern. Diese auszubilden und um ihre caritativen Aufgaben zu leisten, dazu können und müssen wir ihnen helfen. Es ist eine Hilfe mit dem Ziel, dass möglichst vielen Menschen der Weg zu Gott über Jesus Christus gewiesen wird.

 

C          Selbst Gott suchen und anderen helfen, Gott zu suchen: das hängt eng zusammen. Je entschiedener wir das erste tun, umso größer wird auch die Aussicht, das zweite zu tun.

Macht haben wir nur über uns, aber den anderen können wir Hilfe bieten, wir können sie anregen, wir können für sie beten und opfern.

Schauen wir nicht auf den Erfolg, sondern tun wir schlicht und einfach, was uns möglich ist, aus Liebe zu dem, der uns in Jesus Christus erschienen ist.

Neujahr 1985

                       

                                                                                                                                  Gal 4, 4 – 7

                                                                                                                                  Lk 2, 16 – 21

 

A          Das neue Jahr, in das wir mit dem heutigen Tag eintreten, das Jahr 1985, wird Erinnerungen wecken an das, was vor 40 Jahren geschehen ist, die Beendigung des 2. Weltkrieges: an die letzten Kriegsmonate 1945, an die Kapitulation im Mai des Jahres und was dann folgte, an den Abwurf der ersten Atombombe auf Hieroschima, mit dem der Krieg auch in Ostasien sein Ende fand, aber auch an ein Signal, das für eine ganz neue Zeit gesetzt wurde.

Neben diesen großen, allgemeinen Ereignissen wird es uns an Menschen erinnern, die noch in diesen letzten Wochen des Völkermordens ihren Einsatz für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Einer von diesen war der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer. Der letzte Brief, den seine Eltern von ihm empfangen haben und den er zum neuen Jahr 1945 geschrieben hat, enthält auch ein Gedicht, in dem er seine Gedanken, seine innere Haltung im Blick auf das neue Jahr zum Ausdruck bringt. In diesem finden sich die bekannt gewordenen Zeilen:

            Von guten Mächten wunderbar geborgen,

            erwarten wir getrost, was kommen mag.

            Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Nehmen wir diese Worte des Glaubens auch als Geleitwort in das neue Jahr 1985.

B1        Dietrich Bonhoeffer schrieb die gehörten Worte im Gefängnis in Berlin. Der Prozess gegen ihn war noch nicht eröffnet. Aber er wusste, was die Beteiligung am Widerstand ihm bringen wird. Er konnte nur hoffen, dass der Krieg schneller zu Ende gehen wird als der Prozess gegen ihn. Aber es war ihm klar, dass ein Unrechtsstaat auch ohne langen Prozess die beseitigen kann, die gegen ihn aufgestanden sind.

a)      Seit fast zwei Jahren war Bonhoeffer schon in Haft. Er wusste, in wessen Händen er ist; im täglichen Leben musste er dies schmerzlich erfahren. Aber noch stärker ist seine Glaubenserfahrung, „Von guten Mächten“ wunderbar geborgen zu sein, wie er sich ausdrückt. Den bösen Mächten, die ihm die Freiheit rauben, die ihn entehren und demütigen, die ihm Angst machen, die ihm Leid zufügen: diesen bösen Mächten stellt er die guten Mächte gegenüber, die nicht weniger wirklich sind, ja mächtiger sind als die bösen Mächte. Mit diesem Ausdruck „gute Mächte“, der sich als Gegenbegriff zu bösen Mächten ergibt, meint er niemand anderen als den Herrn. So nennt er ihn in der zweiten Strophe, und in den folgenden spricht er ihn einfach mit „du“ an. Er überlässt sich also nicht einem unbestimmten Gefühls-Glauben an gute Mächte. Sondern er bekennt damit seinen Glauben an Jesus Christus. In ihm weiß er sich „wunderbar geborgen“. Geborgen sein: das ist das Gegenteil von Ausgeliefert sein. Nach außen hin ist er dem Bösen ausgeliefert; im Innern weiß er sich im Herrn geborgen.

b)      Die Erfahrung des Ausgeliefertseins ist nicht nur eigentümlich für die Situation, in der sich Bonhoeffer zu Neujahr 1945 befand. Es ist dies im gewissen Sinn eine allgemeine menschliche Situation. Es ist hier nicht nur an Menschen zu denken, denen man sich ausgeliefert weiß und denen es an Wohlwollen fehlt. Es können auch gewisse Umstände und Mächte sein, die einen Menschen bedrücken: es kann die Arbeitslosigkeit sein, es kann die Krankheit sein, die Unfähigkeit der anderen, mich mit meinen besonderen Schwierigkeiten und Nöten zu verstehen; es kann die eigene Überforderung sein, kurz: all das, was als Bedrohendes, Belastendes erfahren wird. So stark das auch sein mag: auf einem ganz anderen Fundament steht das Vertrauen auf Gott, das auch in solchen bedrängenden Situationen Geborgenheit geben kann. Die Garantie dafür, dass wir dies dürfen, gibt uns Gott selbst.

Wir kennen das Wort, das Gott durch den Propheten Jesaia gesprochen hat: „Und selbst wenn sich die Liebe einer Mutter in feindselige Gleichgültigkeit verkehren würde, Gott bleibt uns treu, in ihm dürfen wir uns geborgen wissen.

2a)       Aus dem Glauben an die Treue Gottes kann Bonhoeffer es und wir mit ihm sprechen: Wir erwarten getrost, was kommen mag. Da die Zukunft allemal ungewiss ist, ist die Haltung, mit der wir in die Zukunft schauen, recht unterschiedlich. Sie kann ängstlich sein, weil vieles Ungute möglich ist; sie kann gleichgültig sein, weil ich weiß, dass letztlich alles in Gottes Händen liegt und dass er uns auch hält und trägt, wenn Schweres auf uns zukommt. Es ist die Gewissheit: Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

b)      Einer dieser Tage, auf die Bonhoeffer in diesen Zeilen vorausblickt, war auch der 9. April

1945, an dem er im KZ Flossenbürg gehängt wurde, an dem das Licht seines Lebens in dieser Welt erlosch. Er konnte auch dazu seine innere Zustimmung geben, weil er glaubend überzeugt war, dass dieses Licht bei Gott neu erstrahlen wird.

c)      Ich sagte schon: Als er diese Worte schrieb, zu Neujahr 1945, war er sich noch nicht sicher, ob es dazu kommen werde. Aber mit der Möglichkeit, mit der Wahrscheinlichkeit musste er rechnen. Der Gedanke daran ist in den Worten mitenthalten: Gott ist mit uns … ganz gewiss an jedem neuen Tag.

d)      Auch für uns liegt das neue Jahr als zugeschlossenes Buch vor uns. Von manchem können wir annehmen, dass es so oder so kommen wird, wir ahnen und wir müssen planen und gestaltend die Zeit in unsere Hände nehmen. Aber sicher ist nichts, und möglich vieles, und deshalb muss über allem Planen und Vorausdenken der Gedanke stehen: Gott ist mit uns an jedem Tag, an jedem Abend, an jedem Morgen. Das ist der Grund, dass wir alles getrost erwarten können.

Und auch über allen Vorsätzen, die wir zum Jahresanfang gefasst haben oder fassen werden, muss dieses stehen, dass wir uns noch mehr, ja dass wir uns ganz Gott anvertrauen, dass wir unser Leben vertrauensvoll in seine bergenden Hände legen.

 

C          Wir dürfen in großen Menschen, in großen Christen und in Ausnahmesituationen, in denen sie sich bewährt haben, nicht nur etwas Imponierendes sehen, was uns selbst eigentlich nicht betrifft, sondern im Großen, im Außergewöhnlichen zeigt sich immer etwas mit besonderer Deutlichkeit, was für jeden wichtig ist. In diesem unserem Fall ist es das bewährte Vertrauen auf Gott, in dem Bonhoeffer gelebt hat und das er in den so ruhigen Versen ausgedrückt hat.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Fest der Heiligen Familie 1985

Kol 3,12 – 21

                                                                                                                      Lk, 2,41 – 52

A          Was gäben wir darum, wenn wir eine Lebensbeschreibung Jesu hätten in der Form, wie wir sie von großen Heiligen, Gelehrten oder Herrschern haben, eine Lebensbeschreibung, in der auch die Kinder – und Jugendjahre Jesu beschrieben sind. Ein solcher Wunsch, etwas über die Kinderzeit eines anderen zu erfahren, kommt nicht nur aus der Neugierde! Man versteht einen Menschen besser, wenn man auch um all das weiß, was seine Kindheit und seine Jugendzeit geprägt hat.

Von Jesus haben wir keine Biographie. Es findet sich zwar Biographisches in den Evangelien, aber man kann sie nicht als Biographien verstehen. Bei Jesus ist das auch nicht wichtig, ganz einfach deshalb, weil Jesus ja psychologisch nicht zu verstehen ist. Er spricht nicht von sich aus: er ist nicht nur der, der er geworden ist aufgrund seines Erbes, der Einflüsse und der Anregungen, die er aufgenommen hat, so dass wir ihn besser verstehen, wenn wir um diese wissen. Sondern er spricht zu uns als der Sohn des Vaters im Himmel, als Gottessohn. Als solcher kennt er den Vater, nicht aufgrund besonderer Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens gewonnen hat. In ihm ist das Wort Gottes Fleisch geworden, das von Anfang an bei Gott war, wie es im Weihnachtsevangelium hieß. Aus diesem Grund schweigen sich die Evangelisten fast ganz über die Jahre aus, die Jesu öffentlichem Wirken vorausgehen. Und bei den wenigen Erzählungen, die wir bei Mt und Lk aus dieser Zeit finden, geht es nicht um die Ereignisse an sich, sondern um die religiöse Wahrheit, die sich in diesem ausdrückt.

Welches Anliegen kommt in diesen Erzählungen vom zwölfjährigen Jesus im Tempel zum Ausdruck?

B1a)    Der Tempel in Jerusalem hatte für die Juden früher eine große religiöse Bedeutung. Er galt als Wohnung Gottes und war als solche Gegenstand höchster Verehrung. Wenn der Tempel als Wohnung Gottes verstanden wurde, dann natürlich nicht in der Weise, dass Gott nur in diesem Haus wohnt, dass er in ihm wohnt, so wie ein Mensch in seinem Haus wohnt. Es war allen klar, dass Gott allgegenwärtig ist, dass es keinen Ort gibt, wo er nicht wäre, weder in der Höhe noch in der Tiefe, weder in der Nähe noch in der Ferne. Gott war nicht nur in diesem Tempel gegenwärtig. Der Tempel war mehr ein Zeichen seiner Gegenwart, der Ort, wo sich der einzelne Gott besonders nahe wusste. Ihr Verständnis vom Tempel ist dem von einer Kirche durchaus vergleichbar. Weil es aber nur diesen einen Tempel in Jerusalem gab, deshalb wurde er entsprechend hoch geschätzt. Er war das Ziel der Sehnsucht des gläubigen Juden, wie sie etwa in den sog. Wallfahrtspsalmen sich ausdrückt. Der PS. 122 z.B. beginnt mit den Worten: „Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“ Vierzehn solcher Wallfahrtspsalmen, Wallfahrtslieder finden wir im Psalter. Wir dürfen annehmen, dass der zwölfjährige Jesus auf dem Weg nach Jerusalem zusammen mit den anderen Pilgern gesungen hat.

b)         In den Tempel zu kommen, das war für Jesus natürlich von besonderer Bedeutung; er ist das Haus seines Vaters. Mit dieser Begebenheit setzt die Ablösung Jesu vom Elternhaus ein. Auf die Vorhaltung der Mutter: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“ antwortete er: “Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört.“ Es wird zwar am Schluss der Erzählung nochmal betont, dass Jesus mit seinen Eltern nach Nazareth zurückkehrte und ihnen untertan war. Aber hier meldet sich das Ende dieses Gehorsamsverhältnisses gegenüber den Eltern an. Hier bricht es zum erstenmal durch, dass er ganz dem himmlischen Vater gehört, bei dem er von Anfang an war, und dass sein Wille allein für ihn bestimmend ist. Später wird er das immer wieder betonen. Die bekannteste Stelle ist die bei Johannes: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen.

Dieser Wille des Vaters ist kein Willkürwille, sondern er hängt zusammen mit der Sendung Jesu, die darauf abzielt, dass die Menschen, die Welt heil wird. Alles, was der Vater von ihm erwartet, dient der Erlösung der Menschen. Es scheint hier, als führe der Wille des Vaters Jesus in den Konflikt zwischen dem Willen seiner Eltern und dem des Vaters. Aber für ihn gibt es diesen Konflikt nicht. Denn hier stehen nicht zwei gleiche Ansprüche gegeneinander; so wie der Vater über allem steht, so auch sein Wille. Für ihn, der den Vater kennt, ergibt sich hier keine Spannung; sie stellt sich nur dort ein, wo Gott nicht groß genug gesehen wird.

Auch für Jesus hatte die Beziehung zu den Eltern eine ganz große Bedeutung, so wie für jedes Kind. In dieser Beziehung erkennen wir vor allem, was Vertrauen, was Liebe, was Gehorsam ist, (in dieser Beziehung) lernen wir, was für das Zusammenleben so wichtig ist, was für unser Verhältnis zu Gott so wichtig ist. Aber es ist nur eine Phase des Durchgangs. Der Gehorsam gegenüber den Eltern nimmt dann ein Ende, wenn ich selbst verantwortlich handeln kann. Der Gehorsam Gott gegenüber aber bleibt.

3          So wie Jesus uns ähnlich war, so müssen wir ihm ähnlich werden, was die Erfüllung des Willens des Vaters betrifft. In der Bergpredigt sagt er: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“ Deshalb lehrt er uns auch im Vaterunser zu beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden.“ Auch dürfen wir den Willen Gottes nicht als einen ständig schwankenden verstehen, so als verlangte er von uns heute dieses und morgen jenes. Sondern sein Wille ist allein auf unser Heil gerichtet. Der, den wir unseren Vater nennen dürfen und der es ist, kann gar nichts anderes wollen als dieses. Es ist sicher manchmal nicht ganz leicht, genau, konkret zu erkennen, was Gott von mir will, wie ich seinen Heilswillen in dieser oder jener Lage zu verstehen habe. Aber soweit ich ihn erkenne, hat er den Vorrang vor allem anderen. Er, Gott, steht über allem, und was er will, unser Heil, das ist wichtiger als alles andere.

C          Wir begehen heute den letzten Sonntag des Jahres 1985. Sie kennen das Sprichwort „Ende gut, alles gut.“

Vielleicht erkennen wir am Ende dieses Jahres, dass etwas gut zu machen ist: mit Gott, mit einem Menschen, dass etwas, was falsch gelaufen ist, korrigiert werden muss. Nehmen wir die Chance, die auch noch in den letzten Stunden liegt, wahr, und machen wir daraus noch das Beste und so das ablaufende Jahr zu einem Jahr des Heiles.

 

Stephanitag 1985

1          Der bestimmende Text des heutigen Gottesdienstes ist die Lesung aus der Apg. Dort, in der Apg., wird verhältnismäßig breit vom Wirken, der Verfolgung und der Tötung des hl. Stephanus berichtet.

Der Abschnitt, den wir gehört haben, ist nur ein Teil davon, und zwar der Anfang und der Schluss. Der große Mittelteil fehlt. Das ist die Rede des Stephanus vor dem Hohen Rat. Auf sie bezieht sich der Satz hier: „Als sie seine Rede hörten, waren sie aufs äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen.“

2a)       In dieser hier angesprochenen Rede geht Stephanus die ganze Heilsgeschichte durch, angefangen bei Abraham, und weist dabei auf den fortgesetzten Ungehorsam des Volkes gegen Gott hin. Mose hat ihnen das Gesetz gegeben, und sie sind stolz darauf, aber sie halten es nicht. Die Propheten haben ihnen das Kommen des Messias verkündet, und sie haben sie verfolgt und getötet.

Dann zieht er Parallelen zu dem, was jetzt geschieht: dass von den Führern des Volkes auch Christus abgelehnt wird.

b)         Was Stephanus hier sagt, ist nicht aus der Luft gegriffen, aber die Zuhörer wollen das nicht auf sich sitzen lassen. Die Schrift selbst ist es, die von dieser andauernden Halsstarrigkeit des Bundesvolkes spricht. Aber sie ertragen die Wahrheit nicht; sie greifen zum Mittel der Lynchjustiz und steinigen Stephanus.

3a)       Überblickt man das Ganze, so fällt die Ähnlichkeit zu dem Vorgehen gegen Jesus auf. Bei Jesus wird zwar ein offizielles Urteil gesprochen – im Unterschied zu hier -, aber auch dieses Urteil war durch eine erregte Menschenmenge erzwungen worden. Auch bei Jesus ist es so, dass man die Wahrheit einfach nicht annehmen will, weil sie den eigenen Vorstellungen, ihrem Bild von Gott nicht entspricht.

3b)       Die andere Ähnlichkeit ist, dass Stephanus ähnlich wie Christus stirbt. Er betet: Herr, nimm meinen Geist auf. Dann sank er in die Knie und schrie laut: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“

4          Stephanus ist ein beispielhafter Jünger Jesu. Er hat sich ganz an seinen Herrn hingegeben, und glaubend hat er sich von ihm ergreifen und verwandeln lassen nach seinem Vorbild. Er ist durch den Glauben Christus ähnlich geworden. In ihm erreichte die Menschwerdung Gottes, der uns gleich wurde, damit wir ihm ähnlich werden, ihr Ziel.

Lassen wir uns von diesem Beispiel ansprechen!

 

Weihnachten 1985

                                                                                                                                  Joh 1,1 -18

 

A          Dieser Evangelien-Abschnitt steht, wie Sie wissen, am Anfang des Johannes-Evangelium. Man nennt ihn deshalb auch den Johannes-Prolog. Er ist aber nicht das, was man gewöhnlich unter einem Prolog versteht: ein Vorwort, eine Einführung: sondern er ist die Zusammenfassung und die tiefgründige Ausdeutung des ganzen Evangeliums. Er hätte eigentlich seinen Platz besser am Ende des Evangeliums, nach all dem, was über das Leben, das Wirken, über die Predigt Jesu gesagt wird und auch nach dem Zeugnis der Auferstehung, die den Fels des Glaubens bildet.

Hier wird nicht einfach erzählt, was geschehen ist, wie das Evangelium der hl. Nacht geschieht, sondern hier wird in der Form eines Lobpreises das Geheimnis Christi dargestellt: seine Geburt aus dem Vater vor aller Zeit, sein schöpferisches Wirken und seine erlösende Tat. „Er kam in sein Eigentum“, „Er ist Fleisch geworden“ und „Er hat allen Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden.“ Fast am Schluss steht der Satz: “Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit.“ – Bei diesem Schlusswort „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ wollen wir betrachtend etwas verweilen.

 

B1        Wer sind diese „Wir“, die so sprechen: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“?

Man könnte am Weihnachtstag an die Hirten auf den Feldern von Betlehem denken, die etwas von dem Glanz der himmlischen Heerscharen vernahmen. – Man könnte auch an Maria und Joseph denken, die etwas von dieser göttlichen Herrlichkeit spüren durften. Aber nicht sie sind es, zumindest nicht sie allein, die hier sprechen, sondern es sind die Jünger Jesu, die hier Zeugnis geben. Es sind die, die mit Jesus beisammen waren, die mit ihm gezogen sind, die ihn gehört haben, denen er sich als der Auferstandene gezeigt hat, die an ihn glauben. Wenn sie sagen „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, dann meinen sie damit all das, was sie in den Begegnungen mit ihm und im Zusammensein mit ihm erfahren haben.

Das Wort „Herrlichkeit“ meint schon im AT nicht nur etwas, was schön und wunderbar anzuschauen ist, sondern es ist eine Umschreibung für Gott. Man spricht von der Herrlichkeit Gottes oder einfach auch von der Herrlichkeit und meint damit Gott.

Wer Gott in irgendeiner Weise erkannt hat, der kann sagen, dass er seine Herrlichkeit geschaut hat. So ist es hier gemeint. Oder man kann auch sagen: wer an Jesus glaubt, wer bekennt, dass er der Sohn des Vaters ist, dass er sein allmächtiges Wort ist und dass in ihm sein Erbarmen Fleisch angenommen hat: der hat seine Herrlichkeit geschaut.

In diesem Sinn können nicht nur die Jünger, die Jesus während seines Erdenlebens begleitet haben, sagen „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, sondern jeder, der glaubt, kann das von sich sagen „Ich habe seine Herrlichkeit geschaut“. Ja er wäre kein gläubiger Mensch, wenn er dies nicht sagen könnte.

2          Von hier lässt sich auch sehr gut erfassen, was Weihnachten uns bedeuten soll, was es uns sagen soll. Dass ein äußerliches Feiern Weihnachten nicht gerecht wird, braucht man nicht weiter zu erläutern. Es wäre aber auch noch zu wenig, wenn wir nur an das dächten, was einmal geschehen ist, damals unter Augustus in Bethlehem. Das dürfen wir nicht übersehen, denn es macht klar, dass das Weihnachtsgeschehnis ein gewichtiges Ereignis ist und dass es genauso wirklich ist wie das, was die Nachrichten und die Tagesschau heute berichten. -  Es ist nicht bloß eine schöne Geschichte, die uns erzählt wird, auch nicht bloß ein Mythos, in dem sich eine religiöse Idee veranschaulicht hat. Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist ein geschichtliches Ereignis, aber sie ist auch nicht nur ein solches, ein einmaliges Ereignis. Mit ihr ist Gott ein für allemal in diese seine Welt, in sein Eigentum eingetreten, damit alle, die an ihn glauben, die Macht haben, Kinder Gottes zu werden. Oder sagen wir es mit den anderen Worten: damit alle seine Herrlichkeit schauen und seine Kinder werden können.

Weihnachten will uns also ein Anruf sein, die Herrlichkeit Gottes zu entdecken und zu sehen. Aber dies eben nicht in dem Sinn, den man damit zunächst verbindet, wenn man das Wort Herrlichkeit hört. Die Herrlichkeit ist das, was wir erkennen, wenn wir es mit den Augen des Glaubens betrachten. Wir erkennen seine Herrlichkeit, wenn wir seine Botschaft verstehen. Diese wird uns zwar vermittelt durch Worte, die durch den täglichen Gebrauch abgegriffen und verhaucht sind, die man für alles Mögliche verwendet, die aber als Worte aus seinem Mund Worte des Lebens für uns sind.

Wir erkennen seine Herrlichkeit, wenn wir hier beim Gottesdienst nicht bei dem stehen bleiben, was wir mit den Augen und den Ohren erfassen, sondern glaubend wahrnehmen, dass er bei uns ist, dass er sich uns schenkt in dem so unscheinbaren Zeichen des Brotes.

Wir erkennen seine Herrlichkeit, wenn wir in unseren Mitmenschen nicht nur fühlende und denkende Wesen sehen, die sich ihr Glück suchen, sondern wenn wir in ihnen seine Brüder und seine Schwestern erkennen und anerkennen, wenn wir in ihnen auch ihn sehen.

3          So wie ein Licht, das man anzündet, seinen Schein auf alles wirft, was um es herum ist, so liegt auf allem die Herrlichkeit des Herrn, wenn wir es im Licht des Glaubens sehen. So wie sich mit den Lichtverhältnissen das, was ich betrachte, verändert, so verändert sich auch unser Leben, unsere Welt je nachdem, ob wir sie im Licht der Herrlichkeit Gottes sehen oder nicht. Manches verliert in diesem Licht die Bedeutung, die wir ihm sonst zumessen, und manches gewinnt dadurch an Bedeutung. Vor allem verliert das seinen Glanz, was uns vor anderen vermeintlich groß machte; und was in den Augen der Welt wenig zählt, zeigt sich oft als großer Wert.

Hier wäre ein Ansatzpunkt für eine persönliche Weihnachtsbesinnung: Schauen wir auf uns selbst und all das und all die, die zu unserem Leben gehören, und achten wir dabei, wie wir Licht und Schatten verteilt sehen, wenn wir es betrachten mit dem allgemeinen Weltblick. Überlegen wir uns dann, wie dieses Bild sich verändert, wenn wir es im Licht des Glaubens, im Licht der Herrlichkeit Gottes sehen. Aber es soll nicht nur eine Möglichkeit sein, die sich ausdenken lässt, sondern so soll ich mein Leben und die Welt sehen, so mich und meine Welt annehmen.

C          Weihnachten verwandelt wie kein anderer Tag des Jahres die Menschen. Freilich, es ist oft nur ein kurzer Wandel, beschränkt auf die Stunden des Feierns. Es kann aber und es soll mehr sein. Das hängt davon ab, ob und wieweit wir erfassen und begreifen, was in der Geburt Jesu, in der Menschwerdung Gottes geschehen ist, davon - um es mit den Worten unseres Evangeliums zu sagen -, ob wir zu den Seinen gehören, die ihn aufnehmen und damit Kinder Gottes – damit wirklich andere werden. Wenn ich ihnen zum Schluss ein gesegnetes Weihnachtsfest wünsche, dann in dem Sinn, dass Sie die Herrlichkeit Gottes schauen.

Heilig Abend 1985

1               Alle Jahre wieder“: so singen zu Weihnachten die Kinder.  „Alle Jahre wieder“: mit diesen Worten des Kinderliedes persiflieren Erwachsene das Ritual, mit dem Weihnachten Jahr für Jahr gefeiert wird: die abendliche Feier zu Hause, das Sich-Beschenken, der Gang zur Mette, vielleicht sogar in der Mitternacht hierher nach Seligenthal, das Evangelium, das mit dem Befehl des Kaisers Augustus beginnt, und am Schluss das gemeinsame Stille Nacht.

Äußerlich gesehen, kann sich das Jahr für Jahr sehr ähnlich sein; aber gleich ist es nicht. Denn wir bleiben nicht die gleichen. Wir sind heute andere als vor einem Jahr. Wir haben im Laufe des Jahres vieles erfahren und erlebt, wenn auch nichts Außergewöhnliches; und das hat uns verändert. Wir hören heute die Weihnachtsbotschaft mit anderen Ohren als vor einem Jahr. Möglicherweise hören wir etwas, geht uns etwas auf, was uns bislang verborgen blieb, was wir überhört, übersehen haben. Deshalb ist es gut, nicht zu sagen: das kenne ich schon, sondern mit immer neuer Aufmerksamkeit auf die Weihnachtsbotschaft zu hören.

 

2               Die Weihnachtsbotschaft, wie wir sie im Lk-Evangelium finden – das ist dieses Jahr unser Evangelium - zeichnet sich dadurch aus, dass sie im ersten Teil eigentlich gar nichts berichtet, was aus dem Rahmen des Alltäglichen fällt. Wir hören von der Verordnung des Kaisers, Steuerlisten anzulegen, dann von der Durchführung dieser Bestimmung in der Provinz Syrien, zu der Palästina gehörte; wir hören von einem jungen Paar, von einer Frau, die ein Kind erwartet und es gebar, es in Windeln wickelte und in eine Futterkrippe legte. Lediglich dieses Letzte ist etwas Ungewöhnliches. Aber wenn wir denken, unter welchen Umständen manche Mütter etwa auf der Flucht aus dem Osten vor vierzig Jahren ihre Kinder geboren haben, dann verliert das den Eindruck des ganz Ungewöhnlichen. Gottes Kommen in diese Welt geschieht in einer recht menschlichen, ja alltäglichen Form. Endete das Evangelium an dieser Stelle mit den Worten: „Maria wickelte das Kind in Windeln und legte es in eine Krippe“, würden wir das Wunder dieser Nacht gar nicht begreifen. Dieses erschließt uns erst der zweite Teil des Evangeliums.

 

3               Den Hirten auf dem Feld erscheint ein Engel. Er verkündet ihnen das Geschehene und deutet es ihnen. In diesem Kind ist ihnen und allen Menschen der Retter geboren, der Messias, der Herr. Und zu dem sprechenden Engel trat ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte, weil er den Menschen diese Gnade erwiesen hat. Erst im Licht dieser Deutung gewinnt die Geburt des Kindes in Bethlehem für uns ihren eigentlichen Sinn.

 

4               Der Glaube, dass Jesus der Retter der Menschen ist, der Messias, der Herr, wie es hier heißt, gründet natürlich nicht nur auf der Erscheinung, die den Hirten auf den Feldern bei Bethlehem zuteil wurde, sondern in dem Wirken und in der Verkündigung Jesu, vor allem in seiner Auferstehung, die seine Würde, seine Macht, seine Bedeutung bekräftigt. Für sich allein wäre das nächtliche Erlebnis einiger Hirten viel zu schwach, um den Glauben vieler zu tragen. In ihm spiegelt sich nur, was uns Gott im Wirken seines Sohnes offenbar gemacht hat und was uns bezeugt wird durch die, die mit ihm beisammen waren, die ihn erlebt haben und denen er als Auferstandener erschienen ist.

 

5               Mit den Augen des Leibes sehen wir in der Krippe nur ein Kind, eines, das wie die vielen anderen ist. Mit den Augen des Glaubens aber erkennen wir, wie dieses Kind ist und was es für uns bedeutet. Man kann von jedem Kind sagen, dass es ein Wunder ist, ein einmaliges Geschenk Gottes, das uns Ehrfurcht abverlangt. Aber das Kind von der Krippe von Bethlehem ist mehr als dies. In ihm ist Gott als Mensch in dieses Leben eingetreten, um die Menschen zu sich zu führen und zu erheben. Nehmen wir dieses Geschenk Gottes in dankbarem Glauben und dankbarer Freude an.

 

6               Weil wir Beschenkte sind, sollen wir auch selbst großzügig Schenkende sein vor allem denen gegenüber, die sich nicht revanchieren können.

Auch in diesem Jahr bittet uns zu Weihnachten Adveniat um ein Opfer für die Kirche in Lateinamerika. Hören wir auf die Bitte, und bringen wir durch unser Geschenk Licht in das Leben derer, denen es zuteil wird, und so auch Licht in unser eigenes Leben.

4. Advent-Sonntag 1985

Dr. Fuchs nahm zum Inhalt seiner Predigt die Verse, die sich denen des heutigen Evangeliums anschließen: Lk 1,39 - 47

 

A      Maria machte sich auf den Weg und eilt zu ihrer Verwandten Elisabeth.

Wenn man eilt, wird man von etwas getrieben: entweder von Sorge, von Angst oder auch von Freude. Man will jemanden etwas Großes, Schönes mitteilen, und das drängt einen zur Eile.

Das dürfte der Grund der Eile Marias hier sein. Voll der Freude ist auch Elisabeth: der Freude über das Leben, das sie in sich trägt, und der Freude darüber, dass die „Mutter ihres Herrn zu ihr kommt.“ Sogar ihr Kind wird von ihrer Freude bewegt.

Die Szene schließt noch nicht mit der Seligpreisung Marias durch Elisabeth. Auf sie folgt noch – das fehlt hier – die Antwort Marias, ihr Lobgesang, das sog. Magnifikat, das mit den Zeilen beginnt: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Das Lob, das ihr durch ihre Verwandte zuteil wird, gibt sie in froher Dankbarkeit an Gott weiter.

Über der ganzen Szene liegt der Glanz tiefer Freude. Wie konnte es anders sein! Was wir hier sehen und was uns hier so selbstverständlich erscheint, das müsste eigentlich für alle gelten, die aus dem Glauben leben. Denn die Freude ist in der Tat das Gütezeichen des Glaubens.

 

B1    Man kann wohl nicht generell sagen, dass die Christen frohere Menschen sind als alle anderen. Ja es gibt Christen, die sich ausdrücklich als solche verstehen und die einen recht sauertöpfischen Eindruck machen, die vielleicht froher wären und wirkten, wenn sie nicht „so christlich wären“, wie sie das verstehen.

Woran liegt das?

a)       Nun wir wissen: Freude ist nicht gleich Freude. Es gibt neben der inneren, besinnlichen Freude auch eine recht oberflächliche Freude, der der Ernst fehlt, die sich allem überlässt, was Spass macht, die keine Grenzen kennt.

Obwohl zwischen den beiden Haltungen ein großer Unterschied besteht, bezeichnen wir sie mit dem gleichen Wort, und das kann dazu führen, dass man auch im Urteilen nicht unterscheidet: dass man Freude ganz allgemein als Oberflächlichkeit ansieht, als Ausdruck mangelnden Lebensernstes und deshalb gegen sie argwöhnisch ist. Man legt sich auf eine ernste Entschiedenheit fest und meint, dass sie allein einer christlichen Lebenseinstellung entspricht, dass sie allein dem Ernst des Lebens gerecht wird.

b)      Es gibt aber auch das, dass man anderen die Lebensfreude missgönnt, oft mehr unbewusst als bewusst. Aber man sieht den Grund dafür nicht in sich, sondern beim anderen und verdächtigt ihre Freude und die Freude überhaupt.

c)       Es kann auch daran liegen, dass man den Glauben vorwiegend als moralische Haltung ansieht, als Befolgung von Geboten, als Leistung, die erbracht werden muss, um sich den Himmel zu verdienen. Hier gibt es nichts zu lachen! Hier heisst es: sich mühen, sich plagen, seine Pflicht tun, um so das Höchste zu erringen.

2       Schauen wir auf die beiden Frauen, auf Maria und Elisabeth, dann erkennen wir sofort, dass ihr Glaube ein anderes Gesicht hat. Ihr Glaube ist nicht ein Eingespanntsein in die Gebote eines unbarmherzigen Gesetzes, das es zu erfüllen gilt, sondern beide wissen sich von Gott reich beschenkt: Sie wissen um die Liebe Gottes, die ihnen zuteil wurde. Was ihnen zuteil wurde, ist wohl etwas Einmaliges, aber doch auch etwas, was dem nicht unähnlich ist, was Gott allen Menschen anbietet. Jesus sagt uns: „Wer an den Sohn glaubt und ihn liebt, den wird der Vater lieben, und wir werden kommen und bei ihm wohnen.“ Er will uns alle durch seine Gegenwart beschenken; er nimmt uns alle an als seine Kinder, als seine Söhne und Töchter.

Den Kern des christlichen Lebens machen nicht die Gebote und Verbote aus, sondern die Tatsache, dass Gott sich uns zuwendet, dass er uns annimmt, dass er uns Gemeinschaft mit sich schenkt. Dass wir uns auch von seinem Geist leiten lassen: das gehört natürlich auch dazu. Aber das ist die Folge, die sich aus der Gemeinschaft mit ihm ergibt.

3       Wenn wir unser Christsein so verstehen: müssen wir dann aufgrund des Glaubens nicht frohere Menschen sein, als wir es wären ohne Glauben. Wir behalten selbstverständlich unsere natürliche Veranlagung, und von ihr her gibt es sonnige, frohe Menschen und mehr zur Traurigkeit neigende Menschen, um nur die beiden Gegensätze zu nennen. Aber das sind keine Festlegungen, an denen wir gar nichts ändern könnten. Die Veranlagung ist ein Faktor, ein anderer muss der Glaube sein. Als Gläubige müssen wir einige Grade froher, heiterer sein als wir es wären ohne den Glauben an die Zuwendung, an die Liebe Gottes, ohne den Glauben, dass wir von Gott als seine Söhne und Töchter angenommen sind.

4       Der Glaube sagt uns also nicht einfach: Seid froh, seid heiter und gelassen. Mit einem bloßen Aufruf wäre wenig gewonnen. Sondern der Glaube sagt uns, dass uns Gott reich macht, und dieser Reichtum ist der Grund der Freude.

So war es bei Maria und Elisabeth. So soll es bei allen sein. Eine griesgrämige Maria kann man sich wohl nicht gut vorstellen. In ihrem Lobpreis sagt sie u.a.: „Der Mächtige hat Großes an mir getan.“ So etwas kann man nur in dankbarer Freude sprechen.

Aber so zu sprechen ist nicht ihr vorbehalten. So dürfen wir alle sprechen. Die Kirche hat dieses Gebet auch zu ihrem Gebet gemacht. Es wird jeden Tag im Rahmen des liturgischen Gebetes der Kirche gebetet. Wir haben allen Grund, das auch für uns zu sprechen, denn Großes hat der Herr an uns allen getan und tut es. Der Glaube daran ist der Grund unserer Freude.

C       Wir wünschen in diesen Tagen vielen Menschen ein frohes Weihnachtsfest, und viele wünschen es uns. Solche Wünsche können sehr formelhaft sein; sie können aber auch das Tiefste ausdrücken: den Wunsch: dass wir das Frohmachende dieses Festes erfassen und dass wir dadurch auch zu noch froheren Menschen werden. Das ist das Schönste, was wir uns wünschen können.

3. Advent-Sonntag 1985

 

                                                                                                                                                         Phil 4,4 – 7

                                                                                                                                                         Lk 3,10 – 18

 

A                   Unser Evangelium heute ist die Fortsetzung des Evangeliums vom letzten Sonntag. Sie erinnern sich: Es berichtet vom Auftreten Johannes des Täufers in der Wüste, von seinem Aufruf zu Umkehr und Buße. In ihm haben sich die Worte des Propheten Jesaja erfüllt: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg.

Heute ist die Rede von den Menschen, die zu ihm in die Wüste hinausgezogen sind. Betroffen von seinem Wort, fragen sie ihn: Was sollen wir tun?, fragen sie ihn, was heißt das: Bereitet dem Herrn den Weg! Und er sagt es ihnen. Dieses Wort, „Bereitet dem Herrn den Weg“ ist auch das Geleitwort der diesjährigen Adveniat-Aktion. Sie haben es wohl schon gelesen auf dem Adveniatplakat, auf dem es in großen Buchstaben stehe. Darüber ist ein Indio beim Straßenbau zu sehen. Nur mit einem Hammer ausgerüstet, fügt er Stein an Stein, um so die Straße zu befestigen und sie befahrbar zu machen: ein anschauliches Bild für das, was die Worte besagen.

„Bereitet dem Herrn den Weg“: ein Wort des Propheten und ein Wort unserer Kirche an uns.

B 1a)            Wenn wir uns die Antwort des Johannes anschauen, die er den Menschen gibt, die ihn fragen, was sie denn tun sollen, fällt auf, dass sie sehr bestimmt ist. Den Soldaten sagt er: sie sollen sich mit ihrem Lohn zufrieden geben und niemanden erpressen. Den Zöllnern sagt er: sie sollen nicht mehr verlangen, als was festgesetzt ist, und den Leuten allgemein: Wer zwei Gewänder hat, gebe dem eines, der keines hat, und wer zu essen hat, handle ebenso. Gerade diese letzte, an alle gerichtete Forderung ist keine Kleinigkeit. Er fordert sie auf, nicht nur ein Almosen zu geben, sondern zu teilen „Wer zwei Gewänder hat, gebe dem eines, der keines hat.

Man könnte fragen: Ist das wirklich das Wichtigste, das äußere Teilen? Ist eigentlich nicht wichtiger, sich innerlich für Gott aufzuschließen und das „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ auf das Tor des Herzens beziehen?

Das fehlt nicht! Obenan steht der Aufruf zur Umkehr und zur Buße. Aber das darf eben nicht bloß ein innerlicher Vorgang bleiben, sondern dieser muss im Handeln konkret werden. Das erst zeigt, wie echt, wie ehrlich die Umkehr ist.

b)                  Wir heute brauchen nicht neu zu fragen: Ja, was sollen wir tun, um dem Herrn den Weg zu bereiten. Es ist heute wie damals die innere Umkehr, die Hinwendung zu Gott, die sich in Taten der Liebe, der Hilfe für andere auswirkt. Eine Form, jetzt zu Weihnachten, ist die Unterstützung der Adveniat-Aktion, die dieses Jahr zum 25. mal durchgeführt wird.

2a)                Ich kann mir denken, dass in diesen Tagen manche ihre liebe Not hatten oder haben, für die, die sie zu Weihnachten beschenken wollen, das rechte Geschenk zu finden, was soll man denn jemandem nur schenken, der alles hat, der, was die Dinge angeht, rundum zufrieden ist! In Bezug auf die Weihnachtsgabe, der die Adveniat-Aktion zugute kommt, sind wir nicht in der schwierigen Lage. Denn diese ist zumindest etwas höchst Sinnvolles. Dort, in Mittel- und Südamerika, lebt etwa die Hälfte aller Katholiken auf der Welt; es ist für die Kirche ein unübersehbares Aufgabenfeld. Und diese Aufgabe darf nicht nur gesehen werden von den Interessen der Kirche her, sondern zuerst von den Menschen her, denen durch den Glauben an Gott und an Jesus Christus ihre menschliche Würde bewusst werden soll, die aus diesem Glauben Hoffnung schöpfen sollen, die durch ihn Sinn finden sollen für ihr Leben. Die Glaubensverkündigung rangiert nicht nach allen anderen Problemen, nach den wirtschaftlichen, sozialen Problemen, sondern ist die Voraussetzung für ein Leben, das des Menschen würdig ist.  Mitzuhelfen, dass die Kirche dort diese Aufgabe einigermaßen erfüllen kann, ist zweifellos etwas Schönes, was man gerne tun soll, wozu wir uns auch nicht genötigt fühlen sollen.

b)                  123 Millionen DM sind von den Katholiken der BRD im letzten Jahr zu Weinachten für Adveniat gegeben worden. Das ist viel oder nicht: je nachdem. Wie man es sieht. Es ist immerhin etwas. Es ist letztlich die Frage, die sich der einzelne selbst stellen muss, wie sein Beitrag zu werten ist.

Denken wir an den Straßenarbeiter auf dem Plakat: ein paar Meter neue Straße: Das ist nicht viel; aber das ist das, was er tun kann.

Tun wir das unsere, um dem Herrn in Latein-Amerika den Weg zu bereiten.

C                   Hirtenwort

 

2. Advent-Sonntag 1985

                                                                                     Bar 5,1 – 9

                                                                                                                                                Lk 3,2 – 6

A             Vom Datum her – 8. Dezember – träfe heute das Fest Mariä Unbefleckte Empfängnis. Es wurde in diesem Jahr aber auf den gestrigen Samstag verlegt, um dem 2. Advent-Sonntag Raum zu geben. Gerade an ihm kommt der adventliche Gedanke besonders deutlich zum Ausdruck: Johannes tritt auf; er weist auf den Messias, auf Christus, hin, und er ruft uns auf, ihm den Weg zu bereiten

Die Anordnung der Großen jener Tage, die am Anfang des Evangeliums genannt werden: des Kaisers in Rom, seines Statthalters in Judäa, der Fürsten in Palästina, des Hohenpriesters: ihre Verfügungen sind für uns heute, soweit sie überhaupt noch greifbar sind, nur noch geschichtliches Quellen-Material. Aber die Worte des Predigers am Rande der Wüste sind heute so aktuell wie damals. Sie wollen uns wachrütteln aus Taubheit und Bequemlichkeit. Und heute kommt noch hinzu: Sie wollen uns auf das Wesentliche hinweisen, warnen, dass wir uns nicht verlieren in der Geschäftigkeit und Betriebsamkeit. Was wird doch an Zeit, an Energie aufgewendet für den Rahmen des Weihnachtsfestes: für die Geschenke, für die Post, für den Schmuck, für das Essen, für das, was im Vergleich zum Eigentlichen ganz nebensächlich ist. Diese moderne Gefährdung kommt also noch hinzu zu der allgemeinen: Trägheit, Bequemlichkeit. Und sie vor allem dürfen wir nicht übersehen, wenn wir die Worte des Johannes hören: „Bereitet dem Herrn den Weg!“

B            So wie es viele Wege gibt, die nach Rom führen, so gibt es auch viele Möglichkeiten, dem Herrn den Weg zu uns zu bereiten. Die grundlegende Voraussetzung für sie alle aber ist, dass wir zu einer Veränderung bereit sind.

1             Ganz natürlich gesehen, ist es so, dass man in jungen Jahren eine verhältnismäßig große Veränderungsbereitschaft hat, dass diese aber mit zunehmendem Alter abnimmt und dass eine gewisse Starrheit sich einstellt. Man hat sein Lebensschema gefunden, mit dem sich leben lässt. Man ist mit ihm und mit sich selbst zufrieden – mehr oder weniger.

Für manche Bereiche des Lebens kann man das gelten lassen, aber nicht für den, wo wir zu christlichem Handeln aufgerufen sind, nicht dort. Wo wir dem Anruf Christi „Folge mir nach“ Antwort geben müssen oder auch dem Wort des hl. Paulus: „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Diese Antwort unterliegt wie das Leben, wie die Zeit einem ständigen Wandel, und wir müssen deshalb immer neu fragen: „Herr, was willst du, dass ich tue?“ und auch bereit sein, danach zu handeln.

2            Es kann jemand hier einwenden: Ich kann zwar so sprechen: „Herr, was willst du, dass ich tue?“ aber bekomme ich darauf auch eine Antwort? Das ist doch eine bloße Absichtserklärung. Sicher bekomme ich die Antwort nicht in der Weise, wie ich sie mir bei einem Menschen holen kann, den ich um eine sachliche Auskunft bitte. Aber wenn ich mit dieser ehrlichen Bitte im stillen Gebet und in rechter Demut bei Gott etwas verweile, dann erschließt sich mir auch die Antwort auf meine Bitte, dann wird mir klar, was ich tun soll: heute, morgen.

Dadurch, dass ich mein Leben vor Gott bringe, fällt sein Licht darauf, so dass ich besser sehen kann, und es kommt alles unter das Urteil seines Wortes, bzw. unter das Urteil des Lebens Jesu als des verbindlichen Vorbildes, so dass ich besser beurteilen kann. Aber das setzt die grundsätzliche Bereitschaft zur Veränderung voraus, die sich möglicherweise ergibt. Fehlte sie, dann werde man sich von vorneherein gegen eine solche Erkenntnis sperren.

3            Das macht verständlich, dass zu der Veränderungsbereitschaft auch ein heilsames Misstrauen sich selbst gegenüber gehört. Wie schnell setzen wir unseren Möglichkeiten, unseren Kräften eine Grenze: „Das kann ich unmöglich!“ “Das bringe ich nicht fertig“. „Dafür bin ich nicht begabt.“… Und wie solche Selbstbegrenzungen heißen.

Es kommt hinzu, dass sich manches sehr demütig anhört, dass solche Selbstbeschränkungen als Zeichen der Bescheidenheit aufgefasst werden – was sie in Wirklichkeit gar nicht sind.

Wir machen uns alle sehr gerne etwas vor, wenn wir einer Sache ausweichen wollen. Und deshalb ist es wichtig, dass wir ehrlich sind, selbstkritisch sind, um uns nichts vorzumachen, um nicht der süßen Selbsttäuschung zu erliegen.

4            Mit all dem ist natürlich nicht gesagt, dass ich nicht ich selbst sein, ich selbst bleiben darf. Meine Besonderheit, meine Einmaligkeit ist doch auch etwas Gottgewolltes. Gerade deshalb muss ich mich fragen, was Gott von mir will. Wir sind nicht einfach Exemplare der Wesen Mensch, sondern jeder ist ein einziger. Und was für den einen richtig ist, muss es nicht auch für den anderen sein. Aber man darf es nicht verwechseln mit dem, was man so allgemein als seine Eigenart ansieht. Wir dürfen nicht einfach sein, wie wir sind, sondern wir sind uns allen eine Aufgabe, ein neuer Mensch zu werden, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“

5            Kardinal Newman weist einmal darauf hin, dass es um den schlecht bestellt sei, der glaubt, auf einer bestimmten Stufe genug getan zu haben, wie hoch diese Stufe auch immer sei. Das Leben der Heiligen zeigt es uns, dass dieses Streben nach wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit nie an ein Ende kommt, dass es umgekehrt zunimmt, je weiter es fortgeschritten ist, und es zeigt uns, wie weit die Veränderungsbereitschaft gehen kann, so weit, dass auch die letzten Schranken, die letzten Vorbehalte fallen. Das zeigt sich etwa in dem bekannten Gebet des hl. Ignatius: „Nimm hin, o Herr, meine ganze Freiheit. Nimm an mein Gedächtnis, meinen Verstand, meinen ganzen Willen. Was ich habe und besitze, hast du mir geschenkt. Ich gebe es dir wieder ganz und gar zurück und überlasse es dir, dass du es lenkest nach deinem Willen.“ Hier ist wirklich der letzte Vorbehalt weggenommen.

C            Der Aufruf Johannes des Täufers „Bereitet dem Herrn den Weg“ wird bei uns in dem Maß fruchtbringend sein, in dem wir zur Veränderung im Sinne Jesu bereit sind. Fehlt die Bereitschaft dazu, dann sind wir – um es im Bild des Gleichnisses vom Sämann zu sagen – wie festgetretener oder felsiger Grund, auf dem nichts wächst. Ist die Bereitschaft da, dann sind wir guter Boden, der reiche Frucht bringt.

1. Advent-Sonntag 1985

1.       Advent-Sonntag 1985

Lk 21,25-28, 34-36

               

A             Die Adventszeit, in die wir heute eintreten, hat einen ganz besonderen Stimmungswert. Er wird geprägt durch das Dunkel der Jahreszeit, durch das warme Licht der Kerzen, das im Dunkel besonders zur Geltung kommt, er wird geprägt durch die Adventskränze oder andere Tannengebinde, durch die Adventslieder und nicht zuletzt durch die Erwartung des Weihnachtsfestes. Dieser Stimmungswert des Advents hat sicher sein Gutes, aber er bleibt doch oberflächlich, wenn er nicht mit einer geistigen Haltung verbunden ist. Es muss zur Adventsstimmung der Adventsgeist hinzukommen. – Zu diesem möchte ich heute am 1. Advents-Sonntag etwas sagen, und zwar im Anschluss an eines der bekanntesten Adventslieder, an das Lied: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Die ersten drei Strophen dieses Liedes lauten:

B1           Der Text dieses Liedes stammt von dem bekannten Barockdichter Friedrich v. Spee, einem Jesuiten, der ihn 1622 – also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – in Paderborn gedichtet hat. Die Melodie findet sich nach Angabe des Gotteslobes in einem Gesangbuch aus den Jahren 1666.

Die Bilder, die der Dichter hier verwendet, sind zum großen Teil aber nicht seine, sondern die Bilder des Propheten Jesaia. Auf diesen greift Spee nämlich zurück. Im 63. Kapitel des Propheten wendet sich das Volk betend an Gott: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab.“ Und einige Kapitel vorher finden sich die Worte: „Taut, ihr Himmel, von oben; ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit sprießen. Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor.“ In diesem Lied kommt zum Klingen, was die Menschen schon vor eineinhalbtausend Jahren ausgesprochen haben.

 

2             Bleiben wir bei unserem Lied!

a)            Die Bilder der ersten Strophe haben etwas Gewaltsames: „reiß die Himmel auf“; „reiß Schloss und Riegel ab“; „reiß die Türen auf“ und „lauf herab zu uns Menschen.“

Was drücken dies Bilder aus? Sie sagen, dass das Heil von Gott kommt, aber sie sagen nicht als Mitteilung, sondern als Anrufung: er möge kommen in Eile, mit Macht und das verheißene Heil Wirklichkeit werden lassen.

b)           Die zweite Strophe besagt das gleiche in einem ähnlich gewaltigen Bild: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.“ Aber daneben steht das Zarte Bild vom Tau des Himmels, dessen Kommen im Unterschied zu den Wassermassen eines Wolkenbruches nicht wahrgenommen wird. Der Tau war für die Menschen früher etwas Geheimnisvolles: man hört und sieht sein Kommen nicht, er ist einfach da. Unsichtbar wie der Tau vom Himmel kommt, so kommt auch die Huld Gottes auf uns herab.

c)            In der dritten Strophe wird das gleiche nochmals gesagt in neuen Bildern, wieder in zarten, leisen Bildern: so wie im Frühling das Gras aufkeimt und die Blumen aufblühen: so komme das Heil von Gott zu uns.

Es ist dies ein sehr schönes Lied; es kreist, wie viele Lieder, um einen Gedanken und bringt ihn in immer neuer Weise und neuen Bildern zum Ausdruck.

3             Das Lied ist eine Anrufung Gottes, die aus der sicheren Überzeugung kommt, dass es für uns Menschen ein Heil gibt und dass das Heil von Gott kommt. Diesen Glauben und diese Hoffnung auf das Heil zu wecken und zu stärken: das ist das große Anliegen der Adventszeit.

Mit dem Wort „Heil“ dürfte es freilich manche Schwierigkeiten haben. Unter Glück Gesundheit und Heilung können sich alle etwas vorstellen, das ist etwas, was allen vertraut ist.

Aber was sagt Heil?

Ursprünglich hat das Wort „Heil“ all das bezeichnet: Glück, Gesundheit, Heilung und auch ewiges Heil. Aber allmählich hat sich die Bedeutung dieses Wortes verengt auf das „Seelenheil“. Auf das ewige Heil, und das Wort Glück trat neben das Wort Heil, und das Streben vieler richtete sich mehr und mehr auf das Glück. Ja, beide werden fast als Gegensätze empfunden in dem Sinn, dass man das Streben nach dem ewigen Heil als hinderlich für das Streben nach Glück ansieht.

Aber wer so empfindet, stellt alles auf den Kopf. Das wahre Glück ist vom eil nicht zu trennen. Dann das Glück lehrt uns ja verstehen, was Heil ist; und im Heil erst findet das noch immer unvollkommene Glück seine Erfüllung. „Alles Glück will Ewigkeit“, so hat es ein Dichter formuliert.

Etwas andere ist die Lust, die kurzlebige Lust, die wir bei der Befriedigung unserer Triebe erfahren. Aber Glück ist mehr als Lust. Zu ihm gehört auch die Erfahrung von Lebenssinn, zu ihm gehört Verstandensein, Angenommensein, gehört Geborgenheit. Das sind Erfahrungen, die tiefer gehen, die eine gewisse Dauer haben, aber noch keine endgültige; denn es ist begrenztes und zerbrechliches Glück. In seiner Vollkommenheit – das ist nur möglich als Geschenk Gottes – ist es das Heil. Das Heil ist nicht etwas grundsätzlich anderes als das Glück, sondern nur dessen letzte Erfüllung, die uns durch die Gemeinschaft mit Gott zuteil wird.

4             Aber weil wir von Gott nicht erst angenommen werden nach diesem Leben, sondern auch jetzt schon, deshalb ist auch das Heil nicht nur etwas Zukünftiges, sondern schon Gegenwärtiges. Und wir spüren von diesem, dem gegenwärtigen Heil, auch schon jetzt etwas, wenn wir uns im Vertrauen Gott hingeben, dann, wenn wir seine Liebe zu uns erwidern. Dadurch entsteht ja Gemeinschaft. Und in der Gemeinschaft mit Gott liegt unser Heil. Je größer unser Vertrauen ist, je größer die Hingabe, umso mehr wird dieses Heil erfahren. Aber voll wird es erst, wenn wir Gott unmittelbar erfassen, wenn der Glaube in das Schauen übergeht.

C             Das Lieb „O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist eine dringliche Bitte an Gott, er möge uns sein Heil schenken. Weil das Heil nicht nur von ihm abhängt, sondern auch von uns Menschen, ob und wieweit wir auf sein Angebot eingehen: deshalb ist dieses Lied indirekt auch ein Aufruf an uns, dass wir uns für Gott öffnen, uns ihm zuwenden und sein Angebot annehmen. Das tun heißt: Advent feiern.

 

1.       Advent-Sonntag 1985

Lk 21,25-28, 34-36

               

A             Die Adventszeit, in die wir heute eintreten, hat einen ganz besonderen Stimmungswert. Er wird geprägt durch das Dunkel der Jahreszeit, durch das warme Licht der Kerzen, das im Dunkel besonders zur Geltung kommt, er wird geprägt durch die Adventskränze oder andere Tannengebinde, durch die Adventslieder und nicht zuletzt durch die Erwartung des Weihnachtsfestes. Dieser Stimmungswert des Advents hat sicher sein Gutes, aber er bleibt doch oberflächlich, wenn er nicht mit einer geistigen Haltung verbunden ist. Es muss zur Adventsstimmung der Adventsgeist hinzukommen. – Zu diesem möchte ich heute am 1. Advents-Sonntag etwas sagen, und zwar im Anschluss an eines der bekanntesten Adventslieder, an das Lied: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Die ersten drei Strophen dieses Liedes lauten:

B1           Der Text dieses Liedes stammt von dem bekannten Barockdichter Friedrich v. Spee, einem Jesuiten, der ihn 1622 – also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – in Paderborn gedichtet hat. Die Melodie findet sich nach Angabe des Gotteslobes in einem Gesangbuch aus den Jahren 1666.

Die Bilder, die der Dichter hier verwendet, sind zum großen Teil aber nicht seine, sondern die Bilder des Propheten Jesaia. Auf diesen greift Spee nämlich zurück. Im 63. Kapitel des Propheten wendet sich das Volk betend an Gott: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab.“ Und einige Kapitel vorher finden sich die Worte: „Taut, ihr Himmel, von oben; ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit sprießen. Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor.“ In diesem Lied kommt zum Klingen, was die Menschen schon vor eineinhalbtausend Jahren ausgesprochen haben.

 

2             Bleiben wir bei unserem Lied!

a)            Die Bilder der ersten Strophe haben etwas Gewaltsames: „reiß die Himmel auf“; „reiß Schloss und Riegel ab“; „reiß die Türen auf“ und „lauf herab zu uns Menschen.“

Was drücken dies Bilder aus? Sie sagen, dass das Heil von Gott kommt, aber sie sagen nicht als Mitteilung, sondern als Anrufung: er möge kommen in Eile, mit Macht und das verheißene Heil Wirklichkeit werden lassen.

b)           Die zweite Strophe besagt das gleiche in einem ähnlich gewaltigen Bild: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.“ Aber daneben steht das Zarte Bild vom Tau des Himmels, dessen Kommen im Unterschied zu den Wassermassen eines Wolkenbruches nicht wahrgenommen wird. Der Tau war für die Menschen früher etwas Geheimnisvolles: man hört und sieht sein Kommen nicht, er ist einfach da. Unsichtbar wie der Tau vom Himmel kommt, so kommt auch die Huld Gottes auf uns herab.

c)            In der dritten Strophe wird das gleiche nochmals gesagt in neuen Bildern, wieder in zarten, leisen Bildern: so wie im Frühling das Gras aufkeimt und die Blumen aufblühen: so komme das Heil von Gott zu uns.

Es ist dies ein sehr schönes Lied; es kreist, wie viele Lieder, um einen Gedanken und bringt ihn in immer neuer Weise und neuen Bildern zum Ausdruck.

3             Das Lied ist eine Anrufung Gottes, die aus der sicheren Überzeugung kommt, dass es für uns Menschen ein Heil gibt und dass das Heil von Gott kommt. Diesen Glauben und diese Hoffnung auf das Heil zu wecken und zu stärken: das ist das große Anliegen der Adventszeit.

Mit dem Wort „Heil“ dürfte es freilich manche Schwierigkeiten haben. Unter Glück Gesundheit und Heilung können sich alle etwas vorstellen, das ist etwas, was allen vertraut ist.

Aber was sagt Heil?

Ursprünglich hat das Wort „Heil“ all das bezeichnet: Glück, Gesundheit, Heilung und auch ewiges Heil. Aber allmählich hat sich die Bedeutung dieses Wortes verengt auf das „Seelenheil“. Auf das ewige Heil, und das Wort Glück trat neben das Wort Heil, und das Streben vieler richtete sich mehr und mehr auf das Glück. Ja, beide werden fast als Gegensätze empfunden in dem Sinn, dass man das Streben nach dem ewigen Heil als hinderlich für das Streben nach Glück ansieht.

Aber wer so empfindet, stellt alles auf den Kopf. Das wahre Glück ist vom eil nicht zu trennen. Dann das Glück lehrt uns ja verstehen, was Heil ist; und im Heil erst findet das noch immer unvollkommene Glück seine Erfüllung. „Alles Glück will Ewigkeit“, so hat es ein Dichter formuliert.

Etwas andere ist die Lust, die kurzlebige Lust, die wir bei der Befriedigung unserer Triebe erfahren. Aber Glück ist mehr als Lust. Zu ihm gehört auch die Erfahrung von Lebenssinn, zu ihm gehört Verstandensein, Angenommensein, gehört Geborgenheit. Das sind Erfahrungen, die tiefer gehen, die eine gewisse Dauer haben, aber noch keine endgültige; denn es ist begrenztes und zerbrechliches Glück. In seiner Vollkommenheit – das ist nur möglich als Geschenk Gottes – ist es das Heil. Das Heil ist nicht etwas grundsätzlich anderes als das Glück, sondern nur dessen letzte Erfüllung, die uns durch die Gemeinschaft mit Gott zuteil wird.

4             Aber weil wir von Gott nicht erst angenommen werden nach diesem Leben, sondern auch jetzt schon, deshalb ist auch das Heil nicht nur etwas Zukünftiges, sondern schon Gegenwärtiges. Und wir spüren von diesem, dem gegenwärtigen Heil, auch schon jetzt etwas, wenn wir uns im Vertrauen Gott hingeben, dann, wenn wir seine Liebe zu uns erwidern. Dadurch entsteht ja Gemeinschaft. Und in der Gemeinschaft mit Gott liegt unser Heil. Je größer unser Vertrauen ist, je größer die Hingabe, umso mehr wird dieses Heil erfahren. Aber voll wird es erst, wenn wir Gott unmittelbar erfassen, wenn der Glaube in das Schauen übergeht.

C             Das Lieb „O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist eine dringliche Bitte an Gott, er möge uns sein Heil schenken. Weil das Heil nicht nur von ihm abhängt, sondern auch von uns Menschen, ob und wieweit wir auf sein Angebot eingehen: deshalb ist dieses Lied indirekt auch ein Aufruf an uns, dass wir uns für Gott öffnen, uns ihm zuwenden und sein Angebot annehmen. Das tun heißt: Advent feiern.

 

1.       Advent-Sonntag 1985

Lk 21,25-28, 34-36

               

A             Die Adventszeit, in die wir heute eintreten, hat einen ganz besonderen Stimmungswert. Er wird geprägt durch das Dunkel der Jahreszeit, durch das warme Licht der Kerzen, das im Dunkel besonders zur Geltung kommt, er wird geprägt durch die Adventskränze oder andere Tannengebinde, durch die Adventslieder und nicht zuletzt durch die Erwartung des Weihnachtsfestes. Dieser Stimmungswert des Advents hat sicher sein Gutes, aber er bleibt doch oberflächlich, wenn er nicht mit einer geistigen Haltung verbunden ist. Es muss zur Adventsstimmung der Adventsgeist hinzukommen. – Zu diesem möchte ich heute am 1. Advents-Sonntag etwas sagen, und zwar im Anschluss an eines der bekanntesten Adventslieder, an das Lied: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Die ersten drei Strophen dieses Liedes lauten:

B1           Der Text dieses Liedes stammt von dem bekannten Barockdichter Friedrich v. Spee, einem Jesuiten, der ihn 1622 – also in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – in Paderborn gedichtet hat. Die Melodie findet sich nach Angabe des Gotteslobes in einem Gesangbuch aus den Jahren 1666.

Die Bilder, die der Dichter hier verwendet, sind zum großen Teil aber nicht seine, sondern die Bilder des Propheten Jesaia. Auf diesen greift Spee nämlich zurück. Im 63. Kapitel des Propheten wendet sich das Volk betend an Gott: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab.“ Und einige Kapitel vorher finden sich die Worte: „Taut, ihr Himmel, von oben; ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit sprießen. Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor.“ In diesem Lied kommt zum Klingen, was die Menschen schon vor eineinhalbtausend Jahren ausgesprochen haben.

 

2             Bleiben wir bei unserem Lied!

a)            Die Bilder der ersten Strophe haben etwas Gewaltsames: „reiß die Himmel auf“; „reiß Schloss und Riegel ab“; „reiß die Türen auf“ und „lauf herab zu uns Menschen.“

Was drücken dies Bilder aus? Sie sagen, dass das Heil von Gott kommt, aber sie sagen nicht als Mitteilung, sondern als Anrufung: er möge kommen in Eile, mit Macht und das verheißene Heil Wirklichkeit werden lassen.

b)           Die zweite Strophe besagt das gleiche in einem ähnlich gewaltigen Bild: „Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.“ Aber daneben steht das Zarte Bild vom Tau des Himmels, dessen Kommen im Unterschied zu den Wassermassen eines Wolkenbruches nicht wahrgenommen wird. Der Tau war für die Menschen früher etwas Geheimnisvolles: man hört und sieht sein Kommen nicht, er ist einfach da. Unsichtbar wie der Tau vom Himmel kommt, so kommt auch die Huld Gottes auf uns herab.

c)            In der dritten Strophe wird das gleiche nochmals gesagt in neuen Bildern, wieder in zarten, leisen Bildern: so wie im Frühling das Gras aufkeimt und die Blumen aufblühen: so komme das Heil von Gott zu uns.

Es ist dies ein sehr schönes Lied; es kreist, wie viele Lieder, um einen Gedanken und bringt ihn in immer neuer Weise und neuen Bildern zum Ausdruck.

3             Das Lied ist eine Anrufung Gottes, die aus der sicheren Überzeugung kommt, dass es für uns Menschen ein Heil gibt und dass das Heil von Gott kommt. Diesen Glauben und diese Hoffnung auf das Heil zu wecken und zu stärken: das ist das große Anliegen der Adventszeit.

Mit dem Wort „Heil“ dürfte es freilich manche Schwierigkeiten haben. Unter Glück Gesundheit und Heilung können sich alle etwas vorstellen, das ist etwas, was allen vertraut ist.

Aber was sagt Heil?

Ursprünglich hat das Wort „Heil“ all das bezeichnet: Glück, Gesundheit, Heilung und auch ewiges Heil. Aber allmählich hat sich die Bedeutung dieses Wortes verengt auf das „Seelenheil“. Auf das ewige Heil, und das Wort Glück trat neben das Wort Heil, und das Streben vieler richtete sich mehr und mehr auf das Glück. Ja, beide werden fast als Gegensätze empfunden in dem Sinn, dass man das Streben nach dem ewigen Heil als hinderlich für das Streben nach Glück ansieht.

Aber wer so empfindet, stellt alles auf den Kopf. Das wahre Glück ist vom eil nicht zu trennen. Dann das Glück lehrt uns ja verstehen, was Heil ist; und im Heil erst findet das noch immer unvollkommene Glück seine Erfüllung. „Alles Glück will Ewigkeit“, so hat es ein Dichter formuliert.

Etwas andere ist die Lust, die kurzlebige Lust, die wir bei der Befriedigung unserer Triebe erfahren. Aber Glück ist mehr als Lust. Zu ihm gehört auch die Erfahrung von Lebenssinn, zu ihm gehört Verstandensein, Angenommensein, gehört Geborgenheit. Das sind Erfahrungen, die tiefer gehen, die eine gewisse Dauer haben, aber noch keine endgültige; denn es ist begrenztes und zerbrechliches Glück. In seiner Vollkommenheit – das ist nur möglich als Geschenk Gottes – ist es das Heil. Das Heil ist nicht etwas grundsätzlich anderes als das Glück, sondern nur dessen letzte Erfüllung, die uns durch die Gemeinschaft mit Gott zuteil wird.

4             Aber weil wir von Gott nicht erst angenommen werden nach diesem Leben, sondern auch jetzt schon, deshalb ist auch das Heil nicht nur etwas Zukünftiges, sondern schon Gegenwärtiges. Und wir spüren von diesem, dem gegenwärtigen Heil, auch schon jetzt etwas, wenn wir uns im Vertrauen Gott hingeben, dann, wenn wir seine Liebe zu uns erwidern. Dadurch entsteht ja Gemeinschaft. Und in der Gemeinschaft mit Gott liegt unser Heil. Je größer unser Vertrauen ist, je größer die Hingabe, umso mehr wird dieses Heil erfahren. Aber voll wird es erst, wenn wir Gott unmittelbar erfassen, wenn der Glaube in das Schauen übergeht.

C             Das Lieb „O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist eine dringliche Bitte an Gott, er möge uns sein Heil schenken. Weil das Heil nicht nur von ihm abhängt, sondern auch von uns Menschen, ob und wieweit wir auf sein Angebot eingehen: deshalb ist dieses Lied indirekt auch ein Aufruf an uns, dass wir uns für Gott öffnen, uns ihm zuwenden und sein Angebot annehmen. Das tun heißt: Advent feiern.

 

Christkönig 34. Sonntag 1984

                                                                                                                                             Ex 34, 11-12.15-17

                                                                                                                                             Mt 25, 31-46

 

A             Wenn wir von einem König sprechen, meinen wir einen gekrönten Herrscher. Es ist damit noch gar nichts gesagt über die Macht, die er hat. Es gibt Könige, die nur Repräsentanten sind und selbst sehr wenig Macht haben, und es gibt Könige, die sehr große Macht haben. Der Name, der Titel allein sagt darüber nichts aus.

Wenn Jesus – auf die Frage des Pilatus - von sich sagt: „Ich bin ein König“, wenn wir ihn als König bezeichnen und verehren, dann ist das nicht nur ein schmückender Name; eines solchen Schmuckes bedarf er nicht; sondern dieser Titel weist hin auf die Macht, die ihm vom Vater übergeben ist. Welcher Art diese Macht ist, das müssen wir seiner Predigt entnehmen. Ein besonders wichtiger Zug wird in dem Evangelium, das wir eben gehört haben, dargestellt.

B1           Mit einem Satz gesagt: Christus ist König, heißt: Er ist der Richter der Menschen. Am Ende der Tage werden alle Völker, alle Menschen vor ihm zusammengerufen, und er wird sie in zwei Gruppen scheiden, so wie ein Hirte am Abend, wenn er von der Weide mit den Tieren zurückkehrt, die Schafe von den Böcken scheidet. Die einen wird er zu seiner Rechten, die anderen zu seiner Linken versammeln. Rechts und links sind Sinnbilder für Heil und Unheil.

2a           Im Einzelnen bedeutet das, dass das entscheidende Urteil über uns nicht Menschen fällen, sondern der Menschensohn, wie er hier genannt wird: Christus, der König. Zwischen beiden, dem Urteil der Menschen und dem Urteil Christi besteht meist ein erheblicher Unterschied. Was jetzt in den Augen anderer groß sein mag, das wird dann klein ein, und was jetzt völlig unbeachtet bleibt, das wird sich dann als groß erweisen. Obwohl wir das alles wissen, liegt uns doch oft viel mehr am Urteil unserer Umwelt als an dem Urteil Christi.

Da gibt es Streit und Zerwürfnisse, weil man nicht für dumm angesehen werden will, weil man glaubt, herabgesetzt worden zu sein, weil man übergangen wurde, obwohl wir wissen, dass uns gerade Verzeihen und Versöhnung vor Gott, vor Christus groß machen. Und er ist es doch, der das letzte, das entscheidende Urteil spricht, von dem alles abhängt, während das Urteil unserer Umwelt oft schief und oberflächlich ist – in seiner Bedeutung mit dem anderer überhaupt nicht zu vergleichen ist. Nicht auf das Urteil der anderen kommt es an und auch nicht darauf, dass wir selbst mit uns zufrieden sind, dass wir überzeugt sind, sagen zu können: Im Vergleich mit den anderen darf ich mit mir mehr als zufrieden sein

Genauso schief wie die Urteile der anderen sind auch solche Vergleiche. „Ich richte mich nicht selbst“, sagt Paulus, „der mich richtet, ist der Herr.“ Damit will nicht gesagt sein, dass wir ständig mit einem anklagenden, schlechten Gewissen herumlaufen sollen. Das wäre das andere Extrem zu einer selbstgenügsamen Zufriedenheit. Nicht so und nicht so: Wir sollen vielmehr wachsam bleiben, selbstkritisch und immer Strebende bleiben.

b)           Worauf es Jesus beim Gericht vor allem ankommt: darüber lässt er uns nicht im Unklaren. Es ist das Verhalten den Armen, den Verachteten, den Hilflosen gegenüber. Bildhaft gesagt: Er wird uns danach beurteilen, ob und wieweit wir uns gebückt haben, zu denen hinunter, die unsere Hilfe brauchen, den Nahen und Fernen, Bekannten und Unbekannten. Und er erklärt, dass wir uns, indem wir uns zu ihnen hinuntergebeugt haben, zu ihm hinuntergebeugt haben, dass wir das Gute, das wir ihnen getan haben, ihm getan haben. Er stellt sich auf ihre Seite, solidarisch mit ihnen, so dass wir ihn nicht ohne sie heben können, dass wir nicht zu ihm ja sagen können, ohne nicht auch zu ihnen ja zu sagen.

c)            Einen besonderen Akzent setzt unsere Erzählung vom Gericht dadurch, dass der Richter denen seiner Linken nicht Untertan zur Last legt, Raub, Verleumdung, Todschlag, sondern dass er nur Unterlassungen nennt: „Ich war hungrig, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben … Ich war nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet.“

Ja, wenn es nur auf die Taten ankäme, dann stünden wir vielleicht gar nicht so schlecht da. Aber ganz anders ist es, wenn wir an das denken, was wir den vielen Bedürftigen hätten tun können, aber nicht getan haben, und dies nicht aus direktem bösen Willen, sondern aus Bequemlichkeit, aus Blindheit oder aus mangelnder innerer Zucht: dass wir uns so haben beherrschen lassen von den eigenen Interessen, dass es uns an der nötigen Offenheit fehlte.

Wir sollen uns, wenn wir dieses Evangelium hören, nicht im Geist sofort auf die Seite derer einordnen, die zur Rechten stehen, sondern uns auch von der Möglichkeit erschüttern lassen, hören zu müssen: Du hast mich nicht angenommen, du hast mich nicht besucht, du hast mir nicht geholfen, du hast immer nur an dich selbst gedacht. Jesus spricht hier zu seinen Jüngern, nicht unmittelbar zu Wucherern und Taschendieben oder zu denen, die in den Villen am Meer ihr Leben genossen. Das hier ist ein Aufruf an uns alle, mit uns ins Gericht zu gehen, damit er nicht mit uns ins Gericht geht.

d)           Es bleibt noch die Frage: Wenn entscheidend ist, was Jesus hier in das Wort fasst „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, bedeutet das dann, dass alles andere unwichtig ist: Vertrauen, Gebet, Gottesliebe, Opfer? Keineswegs! Die Hilfsbereitschaft ersetzt all das nicht. Aber ein lebendiger Glaube, zu dem Vertrauen, Gebet usw. gehören, muss sich auch in dieser Weise auswirken. Wenn das nicht der Fall ist, dann wäre das auch ein Zeichen dafür, dass diese Gottesbeziehung nicht in Ordnung ist.

Jesus sagt nicht an jeder Stelle alles. Er weist einmal auf dieses, ein anderes mal auf etwas anderes hin, und das eine muss sich mit dem anderen verbinden. Nichts von dem, was wesentlich ist, darf fehlen, und das, worauf er hier hinweist, ist ein ganz wesentlicher Punkt des Glaubens, der Punkt, an dem sich der Ernst unseres Glaubens zeigt.

C             Das Christ-König-Fest ist ein Bekenntnistag. In der Zeit des Dritten Reiches war es der große Bekenntnistag der Jugend, die sich mit dem Bekenntnis zu Christus und der Treue zu ihm gegen die Ansprüche des sog. Führers ausgesprochen hat. Diese Herausforderung besteht bei uns hier und heute nicht mehr. Verstehen wir deshalb unser Bekenntnis zu Christus als Parteinahme für die, mit denen sich Jesus hier in unserem Evangelium zusammenschließt, mit den Geringsten, wie er sie einfach nennt. „Was ihr ihnen tut, das tut ihr mir.“

33. Sonntag 1984

                                                                                                                      Mt 25, 14 – 30

A          Wie viele Gleichniserzählungen, so ist auch diese klar übersichtlich angelegt: Ein reicher Mann geht auf Reisen und übergibt sein Vermögen seinen Angestellten: dem einen mehr, dem anderen weniger, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann wird erzählt, was die einzelnen tun in der Zeit der Abwesenheit ihres Herrn, wie sie mit dem ihnen Anvertrauten umgehen.

Der dritte Abschnitt ist eine Rechenschaftsablage der einzelnen bei der Rückkunft des Herrn: Der fünf Talente erhalten hatte, hatte ebensoviel dazugewonnen, ebenso der, der zwei hatte. Nur der eins bekommen hatte, hatte nichts dazugewonnen. Dem wird auch dieses dann genommen, und er wird verstoßen. Am Schluss steht eine Art Sprichwort: „Wer hat, dem wird gegeben; wer nicht hat, dem wird auch das noch weggenommen, was er hat.“ Heißt das, dass das Leistungsprinzip auch vor Gott gilt? – Das sei unsere Frage.

 

B1        Setzen wir an bei einigen allgemeinen Überlegungen. Das Wort Leistung finden wir im NT nicht. Ich weiß jedenfalls keine Stelle. Relativ häufig aber ist vom Lohn die Rede, und zwischen Leistung und Lohn besteht ein Zusammenhang. Unser Evangelium ist ein Beispiel dafür: Die beiden, die etwas geleistet haben, werden belohnt, während der Dritte, der das Talent in die Erde versteck hat und nichts geleistet hat, getadelt und bestraft wird. Oder denken wir an Jesu Wort: „Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ Umgekehrt sagt Jesus von denen, die fromme Werke nur tun, um gesehen zu werden, dass sie keinen Lohn zu erwarten haben.

Auch alle Worte, die von den Bedingungen handeln, um in das Reich Gottes einzugehen, schließen den Lohngedanken mit ein, ebenso die Worte und Gleichnisse, die vom Gericht sprechen. Der Weg zum Leben ist schmal und steil, und die Pforte ist eng. Den Gedanken des Lohnes und damit auch der Leistung kann man aus der Lehre Jesu nicht herauslösen, nicht ausklammern. - Das ist das Erste.

2          Ein Zweites, was zu sehen ist: Der Lohn, um den es geht, ist immer die Gemeinschaft mit Gott, die Aufnahme in das Reich Gottes; d.h. es ist immer ein jenseitiger Lohn, kein diesseitiger. Hier auf Erden lässt Gott seine Sonne über Gute und Böse scheinen; hier muss der Gute oft Leid erdulden, während der andere in Glück lebt. Ja, Jesus preist sogar die Armen, die Trauernden, die Verfolgten selig, während er den Reichen ein Wehe zuruft. Der Lohn, von dem Jesus spricht, ist – kurz gesagt – der Himmel.

3          Ein Drittes: Der Lohngedanke soll oder darf nach Jesu Worten nicht obenan stehen; obendran muss Gott selbst stehen. Auf ihn ist die wahre Frömmigkeit gerichtet, wie es das Hauptgebot der Liebe unmissverständlich sagt: “Du sollst den Herrn deinen Gott lieben: Das ist das erste und höchste Gebot.“ Wir sollen ihn lieben, weil er uns liebt und weil er uns als seine Söhne und Töchter angenommen hat. Das muss das Hauptmotiv sein. Aber das verbietet nicht, dass der Lohngedanke als Nebenmotiv mitklingt.

Man darf den Menschen nicht sehen wie einen Erzklumpen, bei dem man alles reinlich ausscheiden kann, was nicht Silber, nicht Kupfer, nicht Eisen usw. ist. Der Mensch ist eher mit dem Klang einer Glocke vergleichbar, die zwar auf einen Hauptton abgestimmt ist, bei der aber mehrere andere Töne mitklingen. Gerade das macht ja die Schönheit des Glockenklanges aus. Bestimmend muss die Gottesliebe sein, aber der Lohngedanke darf, ja soll mitklingen.

4          Wichtig ist ferner, dass wir den Lohn, bei Gott als Gnadenlohn verstehen, als Lohn, auf den wir keinen Anspruch haben, den man nicht einfordern kann. Das ist schon deshalb so, weil Leistung und Lohn in jedem Fall völlig ungleich sind. Selbst das Opfer eines Märtyrers bedeutet nichts im Vergleich zu dem, was Gott uns verheißen hat, zur beseligenden Gemeinschaft mit Gott, ganz abgesehen davon, dass es keinen Anspruch auf die Liebe gibt, die diese Gemeinschaft begründet. Sie kann man sich nur schenken lassen. Sie ist immer Gnade.

5          Ein weiterer Gesichtspunkt schließlich wir durch unser Gleichnis vom anvertrauten Geld dargestellt, nämlich dass das, was Gott von uns erwartet, immer abhängt von den Voraussetzungen. Wir Menschen sind vor ihm nicht wie technische Werkstücke: eines genauso wie das andere. Es ist jeder ein Einmaliger, was die natürliche Veranlagung betrifft und auch, was die Begnadung anbelangt.

Hier ist das sehr schematisch dargestellt: Der eine bekam fünf, der andere drei, der letzte nur ein Talent. In Wirklichkeit ist das natürlich viel komplizierter, weil es verschiedene Gaben, verschiedene Begnadigungen gibt, die man nicht miteinander vergleichen kann, und sie liegen auch nicht so offen wie die empfangenen Talente hier. Es kennt sie genau nur Gott – wir nicht: nicht nur bei anderen nicht, sondern auch bei uns selbst. Denn was in uns steckt, wozu wir fähig sind, was uns gegeben ist an Gnaden, das wird erst im Tun offenbar, das weiß man nicht von vornherein. Der Diener, dem das eine Talent gegeben wurde in jenem Gleichnis, sagt: Ich hatte Angst, deshalb hatte er es versteckt. Es fehlte ihm der Mut und noch mehr die Demut, sein Talent einzusetzen, und so vergibt er, was er hat.

Es ist wohl nicht zufällig, dass es der ist, der nur das eine Talent empfangen hat. Hat er nur auf das geschaut, was die anderen hatten, hat er das, was er hatte, geringgeschätzt und gemeint, darauf käme es nicht an. Keiner darf sagen: Auf mich kommt es doch nicht an, was ich einbringen kann, das ist doch völlig unwichtig. Nein nichts ist unwichtig. Niemand darf sich so unwichtig einschätzen, sich also selbst als Null abstempeln, denn die gibt es nicht. Jeder hat seine Talente, möglicherweise auch nur ein halbes. Und mit dem, was wir haben, müssen wir tätig sein im Interesse Gottes und zu unserem eigenen Heil.

 

C          Der Wert des Lohnmotivs - des Nebenmotivs – liegt darin, dass es uns aus dem alltäglichen Leben vertraut ist. Jede Mühe zielt auf irgendeinen Lohn hin – Lohn im weiteren Sinn, nicht nur im Sinn des Geldes.

Was tun wir um dieses oder jenes vergänglichen Lohnes willen, und was tun wir im Vergleich dazu um des ewigen Lohnes willen! Geben wir – angewandt auf uns selbst – dieser Frage heute etwas nach!

32. Sonntag 1984

Die Hochzeit und die klugen Jungfrauen                                                      Mt 25, 1 – 13

 

A          Die Hochzeiten sind nach Zeit und Ort recht verschieden. In der Zeit Jesu war es üblich, dass der Bräutigam an die Eltern der Braut einen Brautpreis zahlen musste, und auch die Verwandten der Braut hatten einen Anspruch auf entsprechende Geschenke.

Die Verhandlungen über den Brautpreis und über die Geschenke wurden oft erst am Abend vor der Hochzeit endgültig geregelt und es versteht sich, dass es dabei zu Verzögerungen kommen konnte. Das längere Ausbleiben des Bräutigams in unserem Gleichnis hat darin wohl seinen Grund. Man muss aber die Hochzeitsbräuche damals und dort nicht unbedingt kennen. Man versteht dieses Gleichnis von den zehn Jungfrauen auch so. Worauf es Jesus ankommt, das macht die Erzählung für sich ausreichend deutlich.

 

B1        Klar ist zunächst dies: dass das Warten der Brautjungfrauen auf den Bräutigam ein Bild für das Warten der Gläubigen auf Christus ist: das Warten auf seine Wiederkunft am Ende der Zeit oder auch das Warten auf die Begegnung mit ihm im Tod.

Das Warten auf die Wiederkunft Christi gehört zwar mit zu einer gläubigen Haltung, und wir bekennen sie an mehreren Stellen in der Liturgie, etwa in der Anrufung nach der Wandlung: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Aber im Allgemeinen ist dieser Glaube nicht sehr ausgeprägt, jedenfalls wenigstens schwächer als etwa bei den Zeugen Jehovas. Wir sollten diesen Glauben aber nicht den Zeugen Jehovas überlassen, sondern auch selbst in dieser Erwartung leben und unser Leben daraufhin ausrichten. Es ist verständlich, dass die Erwartung der Begegnung mit Jesus im Tod eine größere Rolle spielt als die Begegnung mit dem wiederkommenden Christus. Aber die beiden sind kein Gegensatz, sondern sie gehören zusammen.

Es gibt auch andere Gleichnisse im NT, die von dieser Erwartung handeln, etwa das Gleichnis vom wachsamen Hausherrn oder das Gleichnis vom treuen und schlechten Knecht. In diesem heißt es: „Selig der Knecht, den der Herr wach findet, wenn er kommt.“ Hier in diesem Gleichnis ist das Bild etwas anders. Es schlafen nicht nur die fünf törichten Jungfrauen, sondern von allen heißt es: „Als der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.“

Es hat keinen Sinn, hier anzuklagen und den Klugen vorzuwerfen, sie hätten doch teilen können, sie haben unsozial und unchristlich gehandelt. Es ist ein Gleichnis, und bei diesem kommt es nicht auf das Geschehene selbst an, sondern auf seine Bedeutung.

In den törichten Jungfrauen stehen die vor uns, die nicht an die Zukunft gedacht haben, die nicht vorgesorgt haben und die nun mit leeren Lampen und mit leeren Händen dastehen.

b)         Die einen und die anderen kennen den Bräutigam und wissen um sein Kommen, aber nur die einen ziehen die praktischen Konsequenzen aus diesem Wissen, aus ihrem Glauben. In ihnen spiegeln sich also nicht Gläubige und Ungläubige wider, sondern die Klugen stehen für die, die ihren Glauben auch leben, und die Törichten für die, für die er ein Lippenbekenntnis ist. Es fehlt ihnen nicht das Glaubensbewusstsein, aber es fehlt ihnen an praktischem Ernst, am Durchhaltewillen, an Treue, an der Bereitschaft zum täglichen neuen Anfangen.

 

3          Es gibt eine berühmte Darstellung unseres Gleichnisses, und zwar am Straßburger Münster. Dort sind die Klugen und törichten Jungfrauen als Portalfiguren einander gegenübergestellt: die einen mit Christus, mit dem himmlischen Bräutigam; die anderen mit dem Versucher. Dieser hält denen, die auf seiner Seite stehen, den Apfel hin, das Symbol der Verführung. Die, die unmittelbar daneben steht, wendet sich lächelnd diesem Angebot zu. Die anderen haben bereits gekostet, und es sind ihnen die Augen aufgegangen, aber leider zu spät.

 

4          Mit dem Gleichnis wird uns also ein Zweifaches gesagt:

Das Erste: Wir müssen ernstlich mit dem Kommen Christi rechnen, wir müssen jederzeit nach ihm Ausschau halten. Mag das Warten noch so lang dauern, die Länge der Zeit ändert nichts an der Tatsache selbst. –

Das Zweite: dieser Glaube darf nicht bloß Gedanke bleiben. Wir müssen vorsorgen, so dass wir jederzeit für die Begegnung mit Christus, mit Gott bereit sind.

Denken wir zum Vergleich daran, was getan wird, wenn man Gäste erwartet! Was wird dafür nicht Erwartung an Zeit, Kraft und auch Geld aufgewendet. – Man möchte einen guten Eindruck machen, möchte zeigen, dass man weiß, was sich gehört, man möchte sich nichts nachsagen lassen“, man möchte vor den Gästen bestehen können.

Und was geschieht in Erwartung dessen, der uns hier im Bild des Bräutigams vorgestellt wird! Freilich, wir wissen nicht genau, wann er kommt. Im anderen Fall sind Tag und Stunde genau miteinander vereinbart. Aber es geht doch auch um einen ganz anderen Gast! Nicht um meinesgleichen, um einen, dessen Wohlwollen mir nicht nur Vorteile bringen kann, den ich mir „warmhalten“ muss, sondern um den, an dem sich mein Leben entscheidet.

Und das, was wir in Erwartung auf sein Kommen tun sollen, das kommt eigentlich nicht ihm zugute, sondern uns selbst und all denen, mit denen wir leben. Je mehr wir uns an Gottes Willen halten, umsomehr gewinnt unser Leben. Und dieses Kommen ist nicht nur etwas, was eben auch geschieht neben anderem, sondern es ist das Ziel, auf das mein ganzes Leben hingerichtet sein muss. Man kann nicht für alles und jedes in diesem Leben gerüstet sein; aber wir können und sollen in jeder Phase unseres Lebens für „ihn“ bereit sein. Das verlangt nichts Außergewöhnliches, sondern eben dies, dass wir uns an seinem Leben und seinem Wort ausrichten: heute, morgen und jeden Tag.

 

C          Die Lampen der törichten Jungfrauen sind erloschen. Bei den Darstellungen am Straßburger Münster liegt sie bei der einen auf dem Boden, die anderen halten sie so, dass man sieht, dass sie leer sind, dass sie nicht mehr brennen.

Bei unserer Taufe wurde stellvertretend für uns unserem Paten eine Kerze überreicht und dabei gesprochen: „Das Kind soll als Kind des Lichtes leben, sich im Glauben bewähren und dem Herrn … entgegengehen, wenn er kommt in Herrlichkeit.“

Das will uns unser Evangelium bewusst machen, und dazu ruft es uns auf: Dass wir wachsam sind, dass wir als Menschen des Lichtes leben, dass wir sorgen, dass dieses Licht nicht erlischt.

31. Sonntag 1984

Mt 23, 1 – 12

 

A                            Die Worte Jesu gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer, die wir eben als Evangelium gehört haben, könnten zu der Frage veranlassen: Was gehen denn diese uns heute noch an, in einer Zeit, in der es weder Schriftgelehrte noch Pharisäer gibt. Es ist richtig, dass es diese Gruppen heute nicht mehr gibt. Aber die Worte Jesu gelten nicht nur für diese, für die damaligen geistigen Führer des Volkes; sondern sie haben auch uns Heutigen etwas zu sagen, und zwar nicht nur dieser oder jener Gruppe, sondern uns allen.

 

B1a)    Gehen wir aus von dem Wort Jesu an die Jünger gleich zu Beginn: „Die Schriftgelehrten und Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Moses gesetzt. Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun.“

Insofern die Schriftgelehrten das Gesetz des Moses erforschen und auslegen, verdienen sie Beachtung. Als solche verkünden sie nicht ihre eigene Weisheit, sondern den Willen Gottes. An dem sich jeder ausrichten soll. Das ist zu unterscheiden von ihrer Lebenspraxis. Es ist zwar traurig, dass sie selbst nicht tun, was sie als Willen Gottes erkennen, aber dieser Mangel ist kein Einwand gegen das Gesetz selbst, gegen den Willen Gottes, wie er in der Schrift niedergelegt ist. Jesus mutet hier seinen Jüngern wirklich etwas zu: sie sollen unterscheiden zwischen den Worten und den Taten und das Urteil über die Taten nicht zum Urteil über die Worte machen.

Er selbst hat sie nicht in diese Schwierigkeit versetzt. Bei ihm stimmen Worte und Taten völlig zusammen, ja sein Leben ist die eindrucksvolle Veranschaulichung seiner Botschaft. Aber was er, der Sohn des himmlischen Vaters, verkündet, das vermag kein Mensch. Das vermochten die pharisäischen Schriftgelehrten nicht, das vermögen auch die Jünger Jesu nicht. Es bleibt in jedem Fall eine Differenz. Freilich ist die bei denen, die Jesus hier im Auge hat, besonders groß. Je größer dieses Gefälle ist zwischen den Worten und den Taten, umso größer ist auch die Zumutung, die in dieser Anforderung Jesu lieget: „Tut und befolgt, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun.“ Sie müssen auch wir in jedem Fall ertragen.

b)         Kritik an der Kirche, gemeint als Kritik an den Amtsträgern der Kirche, ist heute ein beliebtes Thema. Sie gibt dazu auch wirklich Anlass, wie sie eine Kirche von Menschen ist. Wenn wir aber das unumgängliche Gefälle von Ideal und Wirklichkeit anerkennen, dann muss die Kritik immer mit Güte, mit Verständnis verbunden sein. Auch der, der Kritik übt, bleibt als Christ hinter dem Ideal der Verkündigung zurück. Deshalb muss er die Entschuldigung, die er für sich selbst braucht, auch anderen zukommen lassen. Gerade als Christen sollten wir das eigentlich können und praktizieren: dass wir die notwendige Kritik verbinden mit der immer geforderten Güte und – worauf es hier ankommt – dass wir unterscheiden zwischen der Wahrheit und der Lebenspraxis.

2a)       Zunächst nimmt Jesus in unserem Evangelium die Schriftgelehrten und Pharisäer gewissermaßen in Schutz. Er verteidigt sie als Lehrer des Gesetzes. Im zweiten Teil geht er näher auf ihre Praxis ein. Er hält ihnen vor, dass ihr Handeln nur darauf gerichtet sei, den Menschen zu gefallen, Eindruck zu machen, Ansehen zu gewinnen. Sie möchten bei ihnen als fromme, gottesfürchtige Menschen gelten. Sie erkennen die Frömmigkeit durchaus als einen Wert, ja als den Wert, aber sie bemühen sich leider nicht darum, fromm zu sein, sondern nur als fromm zu gelten, sie wollen es in den Augen ihrer Mitmenschen sein und nicht in den Augen Gottes.

b)         Wenn wir in den Spiegel dieser Worte schauen, dann erkennen wir uns sicher auch darin, nur mit dem Unterschied, dass es im Allgemeinen nicht darum geht, als fromm zu erscheinen, sondern einfach bei den Menschen etwas zu gelten, anerkannt zu sein. Man möchte angesehen sein als jemand, der etwas kann, der etwas hat. Hier wird sicher nicht in Abrede gestellt, dass der Mensch auch Anerkennung braucht, sondern die Art und Weise bloßgestellt, wie er sie zu gewinnen sucht, und gezeigt, dass vieles doch nur Schein ist.

 

3          Was die wahre Güte ausmacht, das sagt Jesus im Schlussteil dieses Abschnittes: „Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“

Das deutlichste Beispiel dieser Wahrheit gibt uns Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus, der sich in ihm erniedrigt hat für uns, erniedrigt bis zum Tod am Kreuz. Wie hätte er uns seine Liebe anschaulicher zeigen können als so, und wie könnte er uns seine Größe anschaulicher zeigen als durch seine Liebe?

Die Wahrheit dieses Wortes können wir aber nicht nur an diesem nicht mehr überbietbaren und einzigartigen Beispiel erkennen. Wir könne sie auch am Verhalten unserer Mitmenschen erkennen. Wer steht größer vor uns: der in großen Tönen von dem spricht, was er tut, der seine Leistung zur Schau stellt, oder der, der einfach tut, was recht ist, was er kann. Wir sind uns hier alle einig: der Letztgenannte.

Was uns das Evangelium sagt: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“, das entspricht ganz unserem Urteil über andere. Es ist sogar vom „Erniedrigen“ die Rede, und das ist mehr als sich nicht zur Schau stellen, aber es ist auch keine Selbstabwertung. Sondern mit diesem „erniedrigen“ wird auf die Haltung des Dieners hingewiesen. So wie sich Jesus erniedrigt hat, um uns zu dienen, so sollen auch wir einander dienen – in den vielen Formen, in denen dieses möglich ist.

In dieser Haltung des Dienens einen Wert sehen, und zwar ganz allgemein, das kann man eigentlich nur, wenn man auf Jesus schaut. Oder anders gesagt: Wenn wir an Jesus Christus glauben und an ihm unser Leben ausrichten, dann müssen wir in dieser Haltung des Dienens den großen Wert sehen.

Dieses Wort Jesu vom „sich-Erhöhen und sich-Erniedrigen“ findet sich im Mt-Evangelium zweimal, im Mk-Evangelium ebenfalls zweimal, und im Lk-Evangelium findet es sich viermal. Das ist ein Zeichen dafür, dass man ihm einen ganz großen Wert beigemessen hat, dass ihm ein ganz großer Wert zukommt.

C          Schauen wir zurück: Unser Evangelium ist insgesamt ein Aufruf an uns, zu prüfen, ob zwischen unserem Bekenntnis als Christ und unserem Leben eine Übereinstimmung besteht.

Müssen wir auch zugestehen, dass zwischen unserem Vorbild, Christus, und unserem Leben immer ein Gefälle besteht, das wir nicht überwinden können, so müssen wir das doch deutlich unterscheiden von einer Unwahrheit des Lebens, bei der die grundsätzliche Einstellung dem Vorbild nicht entspricht, wo man von Gott spricht und nur sich selbst sucht, bzw. wo es um ein Gefälle geht, das man guten Willens verringern kann. Was man kann, das müssen wir auch tun. Und was darüber hinausgeht: darum müssen wir Gott immer wieder um Verzeihung bitten.

Allerheiligen 1984

                                                                                                                                                     1. Joh 3, 1 – 3

                                                                                                                                                      Mt 5, 1 – 12a

A          Zu denen, deren Fest wir heute feiern – alle Heiligen – gehört auch der hl. Bischof Polykarp von Smyrna, der seinen Glauben durch das Martyrium bezeugt hat. Auf dem Scheiterhaufen betete er mit lauter Stimme: „Ich preise dich, Herr, dass du mich dieses Tages und dieser Stunde gewürdigt hast, dass ich unter deinen Märtyrern Anteil erhalte am Kelch deines Christus“. Dieses Gebet ist uns aufgeschrieben im Bericht, den die Gemeinde von Smyrna noch im gleichen Jahr über das Martyrium dieses Bischofs versandt hat. Darin wird auch bemerkt, dass man jedes Jahr am Grab des Bischofs seinen Todestag begehen wolle.

Dies ist eines der Beispiele dafür, dass man schon sehr früh einem Märtyrer ein Jahresgedächtnis gewidmet hat. In den großen Städten, wie Rom und Antiochien, war die Zahl der Märtyrer so groß, dass es nicht mehr möglich war, für jeden einen besonderen Gedächtnistag zu begehen. Man ging zudem dazu über, dass man nicht nur Märtyrern ein solches Gedächtnis widmete, sondern auch den Bekennern, die die Verfolgungszeit zwar überstanden hatten, die aber ihren Glauben in Kerker und Verbannung gelebt, und schließlich auch solchen Bekennern, die in früheren Zeiten ein besonders eindrucksvolles christliches Leben geführt haben. Aus der Unmöglichkeit, dieser aller je für sich zu gedenken und auch im Hinblick auf die unzählige Schar der unbekannten Heiligen entstand das Fest Allerheiligen; seit dem 9. Jhdt. wird es am heutigen Tag, am 1. November, begangen.

Es ist entstanden als Gedächtnistag, es hat aber zugleich die Bedeutung, uns auf den Wert der Heiligkeit hinzuweisen, der für unser persönliches Leben von größter Bedeutung ist.

 

B1        Das 2. Vatikanische Konzil hat in seiner Konstitution über die Kirche ein eigenes Kapitel aufgenommen, das von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit handelt. Das war nicht von Anfang an vorgesehen, sondern entstand erst im Lauf der Verhandlungen. Vorgesehen war an dieser Stelle das Kapitel über den Ordensstand in der Kirche. Dieses steht auch noch im Text; aber vorgeordnet wurde ihm das andere, das sich mit der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit befasst. Die Absicht ist klar: Man wollte verhindern, dass nicht der Eindruck entsteht, das Streben nach Heiligkeit sei bloß Sache der Ordensleute. Es sollte deutlich werden, dass alle Glieder der Kirche zur Heiligkeit berufen sind.

Das sagt uns nicht nur das Konzil, das sagt uns Gott selbst. Die entsprechenden Hinweise finden wir im NT, etwa im 1. Thess-Brief, wo es heißt: „Das ist Gottes Wille, euere Heiligung, oder im Eph-Brief, wo wir gemahnt werden zu leben, „wie es Heiligen geziemt“. Und im Kol.-Brief heißt es: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum ziehet Erbarmen, Güte, Demut (usw.) an.“

Das Streben nach Heiligkeit ist die Konsequenz, die sich aus der Taufe und der Firmung ergibt, in denen uns der Heilige Geist geschenkt wurde, durch den wir geheiligt sind. Als solche, als Geheiligte, sollen wir leben; wer so lebt, ist ein Heiliger, oder noch besser: Wer danach strebt, ist ein Heiliger.

 

2          In der Vergangenheit – in bestimmten Zeiten – bediente man sich bei der Beschreibung der Heiligenleben oft Klischees. Es gehörten zu einem Heiligen ganz bestimmte Züge, die ihn eben als solchen auszeichnen. Demgegenüber sagt das Konzil: „Jeder muss nach seinen eigenen Gaben und Gnaden auf dem Weg des lebendigen Glaubens, (der Hoffnung weckt und durch die Liebe wirksam,) … vorangehen und muss sich entfalten „in den verschiedenen Verhältnissen und Aufgaben des Lebens.“ Heiligkeit ist also nichts Uniformes, sondern etwas sehr Individuelles. So wie jeder Mensch etwas Einmaliges ist, so ist auch jede Heiligkeit etwas Einmaliges.

Die Heiligkeit eines Bischofs hat eine andere Gestalt als die Heiligkeit eines Mönchs, vom Auftrag her und immer auch von der persönlichen Eigenart her. Ebenso ist die Heiligkeit von Eheleuten und Eltern eine andere als die von Unverheirateten, von Ordensleuten. Die Umsetzung des Grundgebotes der Liebe zu Gott und zum Nächsten, die die Heiligkeit begründe, hat bei jedem einen eigenen Charakter.

 

3          Diese Einsicht zu vermitteln ist verhältnismäßig einfach. Schwieriger ist es, den Willen zu dem Streben nach Heiligkeit zu bewegen, schwierig bei uns selbst, schwieriger erst recht bei anderen. Die Einsicht an sich hat natürlich schon ihren Wert. Aber gibt es noch andere Beweggründe dafür?

a)         Ein Motiv ist die Verheißung, die Christus uns gegeben hat und auf die wir in der Lesung hingewiesen worden sind: Es heißt dort: „… Jetzt sind wir Kinder Gottes. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird: dann werden wir ihn sehen, wie er ist. Jeder, der dies von ihm erhofft, heiligt sich.“

Das Leben jetzt in seiner Enge, seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit ist noch nicht das volle Leben. In dieses soll es münden. Wir sollen es nicht einfach passiv erwarten, sondern wir sollen tiefer in es hineinwachsen. „Jeder, der dies … hofft, heiligt sich“, d.h. lebt auch, was er glaubt, was er erhofft.

b)         Das nämliche sagen uns die Worte des Evangeliums, die sog. Seligpreisungen, die alle mit der Verheißung enden: „Denn ihnen gehört das Himmelreich“ oder mit Umschreibungen dieser Verheißung. Die einzelnen Sätze zeigen auch, dass mit dieser Hoffnung dieses Leben nicht übersprungen oder geringgeachtet wird. Die Verheißungen sind gebunden an Bedingungen, die sich auf dieses Leben beziehen: an die Gesinnung der Armut, an Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit. Wenn wir diese Werte leben – nicht nur an andere stellen oder von ihnen fordern -, dann erfahren wir auch, dass dies große Werte sind, dann erleben wir etwas von ihrem Wert, und gerade diese Erfahrung kann uns bewegen, mit ihnen wirklich ernst zu machen. Jeder Heilige sagt es uns – ausdrücklich oder nicht ausdrücklich: Es gibt nichts, was den Menschen tiefer erfüllen kann und mehr beglücken kann, als den Weg zu gehen, den Christus gegangen ist, den er uns durch seine Predigt gewiesen hat; und das ist eben der Weg der Heiligkeit.

 

C          Es ist kein Zufall, dass dem Allerheiligenfest der Allerseelentag folgt und dass der Übergang vom einen zum anderen fließend ist; ja in der Allgemeinheit fallen sie ganz zusammen.

Wenn wir an alle Heiligen im Himmel denken, dann hoffen wir, dass zu ihnen auch die zählen, die uns im Leben nahegestanden sind, die wir geschätzt und geliebt haben. Die innere Gemeinschaft mit ihnen soll uns in der Hoffnung auf die Verheißung Christi bestärken und damit auch in dem Bestreben, heilig zu leben.


Bildung

Bei der Wiedereröffnung des Klosters erhielt Seligenthal im Jahr 1835 von König Ludwig I. den Auftrag, sich der Mädchenbildung zu widmen. Bald trat eine große Schar von Schwestern ein, die Schülerzahl wuchs stetig und die Ausbildungsrichtungen differenzierten sich im Lauf von 170 Jahren immer mehr. Heute liegt das Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung, die im Jahr etwa 1.900 Kinder, Jugendliche und Studierende auf ihrem Bildungs- und Ausbildungsweg begleitet und betreut.


Ein Zentrum - viele Perspektiven

7 Bildungs- und Betreuungseinrichtungen in einer Hand

 

Zum Bildungszentrum Seligenthal in Trägerschaft der Schulstiftung Seligenthal gehören heute:

  • Der Kindergarten Seligenthal mit fünf Gruppen, in dem die Kinder nach anerkannten pädagogischen Konzepten auf verschiedenen Ebenen angesprochen und begleitet werden.
  • Der Kinderhort Seligenthal, in dem etwa 200 Buben und Mädchen in acht Gruppen betreut werden: Beim Mittagessen, bei der Erledigung der Hausaufgaben und der aktiven Freizeitgestaltung. Im Allgemeinen besuchen die Kinder des Horts unsere eigene Grundschule.
  • Die private Grundschule Seligenthal mit zwölf Klassen, in der die Kinder eine umfassende schulische Grundbildung und eine kindgerechte Glaubensgrundlage erhalten sollen. Als Konfessionsschule steht sie nur Kindern offen, die einem christlichen Bekenntnis angehören.
  • In der Ganztagsbetreuung Seligenthal werden an Schultagen Kinder der 5. bis 7. Jahrgangsstufe betreut werden. Die Betreuung beinhaltet Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung sowie Freizeitgestaltung.
  • Die Wirtschaftsschule Seligenthal, in der eine zwei-, vier- oder fünf-stufige Schulbildung mit dem Abschluss  "Mittlere Reife" angeboten wird. Sie öffnet Mädchen und Jungen die Tür zu allen Ausbildungsberufen und schafft ihnen auf dem Ausbildungsmarkt einen deutlichen Vorteil. Den Schülerinnen und Schülern der Wirtschaftsschule wird die Ganztagsbetreuung sowie der Zugang zum Mensa-System angeboten.
  • Das Gymnasium Seligenthal bietet den sprachlichen Zweig an und ist außerdem ein Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Gymnasium mit sozialwissenschaftlichem Profil. Es gibt desweiteren einen musischen Zweig sowie eine Fußball- und Chorklasse, um auf die unterschiedlichen Begabungen der Schülerinnen und Schüler einzugehen und deren Freude am Lernen zu fördern. Eine Schulmensa steht allen Schülerinnen und Schülern mit einem täglich wechselndes Angebot zur Verfügung. Das Gymnasium hat das Motto: "Aus der Tradition Zukunft gestalten."
  • Die Fachakademie für Sozialpädagogik ist zweizügig und bildet insgesamt rund 146 Studierende pro Schuljahr aus. Hinzu kommen die 102 Schülerinnen des sozialpädagogischen Seminars (SPS). In diesem Schuljahr hat die Schule die Selbstevaluation an Schulen, kurz SEIS genannt, erfolgreich abgeschlossen.


Einzelheiten über das Bildungszentrum und seinen Einrichtungen erfahren Sie hier direkt auf der Homepage der Schulstiftung Seligenthal.


Führungen

Führungen in der Abteikirche und der Afrakapelle sind nach dem Sonntagsgottesdienst ab ca. 10:30 Uhr möglich. Um rechtzeitige Anmeldung an der Klosterpforte unter Tel. 0871 / 8210  oder direkt per Mail an Schwester M. Fidelis Thurner  - m.fidelis@kloster.seligenthal.de wird gebeten.


Vorträge

Seligenthaler Gespräche und andere Workshops

In Zusammenarbeit mit der Landshuter Zeitung ("Bernlochner Gespräche") und dem christlichen Bildungswerk, findet bei uns jedes zweite Jahr eine Vortragsreihe mit christlichen Themen statt. Im Anschluss an den jeweiligen Vortrag laden wir bei einem Glas Wein zu einem Gesprächsaustausch ein.

Hier einige Beispiele über unsere Themen und Referenten: 

2010  - „Suche den Frieden und jage ihm nach“

  • Pater Walter Rupp SJ spricht über - "Pater Rupert Mayer, der Apostel der Armen und Prediger wider den Ungeist."
  • Dr. Georg Evers - "Kampf der Kulturen oder Gespräch unter den Religionen 
  • Dr. Hildegard Goss-Mayr - "Gewalt- Gewalt überwinden. Die Gewaltfreiheit Jesu in unserem Leben."

 

2014 - „Wege zum Selbst"

  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - "Scheitern und Gelingen - der Weg von mir zu mir“
  • Professor Dr. Dr. habil. Erwin Möde - „Beten als Weg zu mir selbst“
  • Professor Dr. Martin Thurner - "Gotteskindschaft. Eugen Biser über den Selbstwert der Menschen“

 

2016 

  • Professor dr. Michael Bordt SJ - „Sich selbst verstehen“
  • Professor Dr. Martin Thurner - „Mit Grenzen leben - sich selbst wiederfinden“
  • Professor Dr. phil. habil., Dr. theol. h.c. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz - „Halb sein und Ganz werden"

 

2018 „Göttliche Tugenden: Glaube – Hoffnung – Liebe"

  • Professor Dr. Martin Thurner - „Glaube: Philosophische Annäherungen in drei Gleichnisbildern“
  • Professor Dr. Georg Sans SJ - „Worauf hofft ein Christ?“
  • Professor Dr. Karl Woschitz - „Transfiguration der Liebe“

Jugendvigil

In regelmäßigen Abständen gestaltet Schwester M. Immaculata mit Jugendlichen zusammen eine Jugendvigil. Diese findet im zwei-monatlichen Rhythmus in unserer Afrakapelle statt.

Bei Interesse informiere Dich bei m.immaculata@kloster.seligenthal.de.

 

Einladung zur Jugendvigil

Wenn Du zu einer Jugendvigil kommen willst, dann musst Du Dich darauf einstellen, etwas ganz Spezielles zu erleben. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: bei der Jugendvigil kommen wir Gott näher. Die Jugendvigil reißt Dich heraus aus dem Alltäglichen, Langweiligen, manchmal Leerem; aus dem, was fast alle anderen tun.
Die Jugendvigil ist auch für alle, die im Herzen jung und jung geblieben sind.

Ich freue mich auf Dich!

Herzliche Grüße,
Schwester M. Immaculata OCist.

Hier kannst Du mehr erfahren


Jugendvigil-Termine 2019/2020

Unsere Jugendvigil, kurz Juvi genannt,  ist in der Regel jeden 2. Monat am 1. Freitag.

Ort:       Afrakapelle
              (durch den Torbogen in unseren Schmuckhof, gerade aus, rechts durch die Ecktüre
              über den Afragarten)

Beginn: 20.00 Uhr, Ende: ca. 21.30 Uhr,
danach: gemütliches Beisammensein in der Mensa

Nächste Termine

Fr.   7. Februar 2020 (Blasius-Segen)
Fr.   3. April 2020