Spiritualität

Alle Aufgaben, Dienste und Tätigkeiten in der Gemeinschaft sind zutiefst verknüpft und verwoben mit unserer zisterziensischen Spiritualität, denn geistliches Leben und konkrete Aufgaben bilden im Kloster eine Einheit. Diese Einheit ist die geistige Grundlage unseres Ordenslebens.

Mit Spiritualität bezeichnen wir in gewisser Weise einen „geistlichen Lebensstil“ wie er in einem Kloster spürbar und erfahrbar ist. Auch wenn ein klösterlicher Lebensstil sich im Laufe der Zeit verändert, so ist doch entscheidend, dass in ihm das Geheimnis unseres Glaubens sichtbar wird.

Ob eine Schwester die Liturgie gestaltet, ob sie unterrichtet oder ein Gespräch führt, ob sie im Haus oder im Garten arbeitet – wo auch immer sie im Dienst der Gemeinschaft steht -, ist für sie „Gottesdienst“. Sie lebt – im Aufgeben der grundlegenden Bedürfnisse nach eigenem Besitz, Partnerschaft und Autonomie aus dem Geist und dem Beistand Gottes – ihr spirituelles Leben nicht aus eigener Kraft aber immer das eigene Leben.

"Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens." (RB Prol. 20)

 


Die Weite von Raum ...

Unser Kloster ist zwar eine eigene kleine Welt, aber keine "Insel der Seligen." Zum einen sind wir lebendiger Teil der konkreten Ortskirche und Region. Wir sind fest verwurzelt in der Stadt Landshut und in der Diözese Regensburg, sind aber auch verbunden mit den Seligenthaler Mitschwestern, die in La Paz / Bolivien ein Kloster gegründet haben, um den dortigen Menschen durch die Führung einer großen Schule zu dienen. Darüber hinaus gibt es die Mitschwestern und Mitbrüder in Nord- und Südamerika, in Afrika und Asien, in den europäischen Ländern, den Nachbarländern Deutschlands sowie in Deutschland selbst, denen wir uns verbunden wissen, weil sie mit uns zusammen den Zisterzienser-Orden bilden. So gilt unser Beten all diesen nahen und fernen Menschen mit ihren Sorgen und Nöten.

... und Zeit hinter Klostermauern

Ähnlich verhält es sich mit der Zeit. Unser Kloster ist mehr als die Personen, die momentan darin leben. Wie die Kirche eine Gemeinschaft der Heiligen durch Raum und Zeit hinweg ist, so ist es auch ein Kloster als ekklesiola. Unser Kloster ist das, wozu es die klösterlichen Vorfahren gemacht haben und wozu in der Gegenwart auch wir unseren Beitrag leisten dürfen. Was Seligenthal jetzt ist, verdanken wir den 1500 Mitschwestern, die seit dem Jahr 1232 in diesen Mauern gebetet und gearbeitet haben. Wir leben mit unserer Geschichte, und wir erleben sie täglich, wenn wir durch die alten Gänge gehen, an den Bildern und Altären vorbei, die unsere Vorgängerinnen haben malen lassen. Das gibt uns Gelassenheit gegenüber der Schnelllebigkeit unserer Zeit, die wir selbstverständlich auch zu spüren bekommen. Was sind schon fünf oder zehn Jahre in Anbetracht von mehr als 775 Jahren? Unsere Geschichte und Tradition bedeutet für uns kein Sich-Abschließen von der Gegenwart, sondern einen wohltuenden Abstand zur eigenen Zeit, in der wir uns oft für allzu wichtig halten.

Wer sein Leben verliert, gewinnt es.


Dem Leben auf der Spur

Vom Standpunkt des postmodernen Menschen, dem Beliebigkeit, Mobilität, Unabhängigkeit und Individualität unabdingbar für ein erfülltes Leben zu sein scheinen, mag ein Leben für Gott in Gehorsam, (Orts-) Beständigkeit, Einfachheit und Gemeinschaft wohl tatsächlich ein vertanes, verlorenes Leben sein. Doch ganz abgesehen davon, müssen wir auch immer wieder unser Leben verlieren, unsere Vorstellungen von einem - nach menschlichen Maßstäben – guten Leben aufgeben, eigene Wünsche hintanstellen. Wir wollen nach dem Beispiel Christi einander in Liebe dienen und so die Weisung des Hl. Benedikt erfüllen: "Die Mönche sollen einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen" (RB 72,4).




Demut ?!

Diese Haltung der Demut befreit uns von falschem Geltungsstreben; zugleich setzt sie jedoch eine gesunde Portion Selbstbewusstsein voraus, denn oft ist es schwerer als man meint, sich selbst so zu sehen und anzunehmen, wie man ist, und nicht so, wie man gerne wäre. "Wer bei euch der erste sein will, der sei der Diener aller" (Mk 9,35), das gilt für alle Christen und besonders für die Mönche und Nonnen, denen der hl. Benedikt sagt: "Durch Selbsterhöhung steigen wir hinab und durch Demut hinauf." (RB 7,7) Dieses Loslassen von einem verkrampften Festhalten an der eigenen Position befreit uns zur wahren Freude und lässt unser Herz weit werden (vgl. RB Prolog 49); es lässt uns zu dem werden, wie wir von Gott gedacht sind: Ebenbilder Gottes. Kann es ein erfüllteres Leben geben?


Wer sucht ...

Neben der Bereitschaft, diese Haltung der Demut zu erlernen, ist für den Hl. Benedikt ein weiteres Kriterium für die Aufnahme eines Menschen ins Kloster, ob er wirklich ein Gottsucher ist (RB 58,7). Wie wir nicht von heute auf morgen demütig werden, sondern unser Leben lang dahin unterwegs sind, so ist auch dieses Gottsuchen eine lebenslange Aufgabe. Nicht umsonst nennt Benedikt das Kloster eine "Schule für den Herrendienst" (RB Prolog 45). Es ist also lebenslanges Lernen angesagt. Wie Abraham müssen wir immer wieder aufbrechen auf dem Weg der Gottsuche, wir müssen immer auf dem Weg bleiben. Dabei trägt uns die Gewissheit, die der hl. Bernhard von Clairvaux so umschrieben hat:"Voll Güte bist Du, Herr, für die Seele, die Dich sucht. Doch was erst bist Du für die, welche Dich finden? Doch darin besteht das Wunderbare, dass niemand Dich suchen kann, der Dich nicht schon gefunden hat. Du willst also gefunden werden, damit man Dich sucht, und gesucht werden, damit man Dich findet. Du kannst also gesucht und gefunden werden, aber niemand kann Dir zuvorkommen."Gott kommt uns immer zuvor. Am deutlichsten wird uns das bei der täglichen Eucharistiefeier, wenn Christus sich uns immer wieder neu schenkt. Diese innige Gemeinschaft mit ihm ist die Quelle unseres Lebens und wir dürfen tagtäglich neu erfahren: Wir leben nicht aus unserer eigenen kleinen Kraft, sondern aus seiner uns geschenkten Güte und Gnade.

... ist schon gefunden.

Aber nicht nur der Mensch sucht Gott, sondern Gott selbst sucht den Menschen. So stellt der Hl. Benedikt in seiner Regel Gott vor als einen, der Arbeiter für seinen Weinberg sucht. Zu dem, der auf die Frage Gottes: "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt?" antwortet: "Ich," sagt Gott: "Noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da." (RB Prolog 17f) Wir haben aus Liebe zum wahren Leben auf Gottes Ruf ins Kloster geantwortet mit unserer Hingabe. Aber auch von dieser Liebe gilt: "Könnten wir Ihn lieben, wenn nicht Er uns zuerst geliebt hätte?" (Aug., in Ep. Joh. VII, 7) Diese Liebe ist für uns Quelle und Triebfeder, damit wir in all unserem Tun und Sein Gott verherrlichen (RB 57,9) – das ist seit mehr als 775 Jahren die Aufgabe unseres Klosters.Halte die Ordnung und sie hält dich – das Kloster als Raum der Freiheit.

Halte die Ordnung und sie hält dich – das Kloster als Raum der Freiheit.


Leben unter Regel ...

Sehr viele Menschen verbinden mit Klöstern Mauern, starres Reglement, eine unbarmherzige Ordnung. Und tatsächlich leben wir auch gleichsam hinter Mauern, nach einer Regel, die durch eine Art Hausordnung an die konkreten Situationen angepasst ist. Doch wir empfinden das nicht als Beschränkung unserer Freiheit, sondern als Lebensgrundlage, die uns unsere Freiheit erst ermöglicht. Das liegt wohl zum einen daran, dass die Regel des Hl. Benedikt, nach der wir leben, zwar aus dem 6. Jahrhundert stammt, aber von einer geistigen und geistlichen Weite ist, die nichts mit Kleinkariertheit und Regelungswut zu tun hat. Zum anderen sind in einer Gemeinschaft ganz unterschiedliche Menschen, die Jahre- und jahrzehntelang zusammenleben, bestimmte Ordnungen notwendig, um ein reibungsarmes Miteinander zu ermöglichen. Es ist ganz einfach notwendig, dass z.B. bestimmte Zeiten für die Mahlzeiten und das Chorgebet festgelegt sind. Die Regeln bilden sozusagen das Rückgrat der Gemeinschaft, das jeder Einzelnen einen Raum der Freiheit gewährt und zugleich der Freiheit der Einzelnen den Halt gibt.

... und Abt

Neben diesem eher funktionalen Gehorsam steht der Glaubensgehorsam. Wir sind ja im Kloster, um DEM immer ähnlicher zu werden, der von sich gesagt hat: "Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat." (Joh 6,38) Nur die wenigsten Menschen haben wohl direkte Offenbarungen über den Willen Gottes. Wir dürfen aber glauben, dass sich uns der Wille Gottes durch konkrete Situationen und Menschen zeigt. In besonderer Weise gilt das vom Abt (Äbtissin), der(die) im Glauben von uns als Christi Stellvertreter im Kloster angesehen wird (vgl. RB 2,2), aber auch von unseren Mitschwestern, denen wir bereitwillig das Gut des Gehorsams erweisen sollen (vgl. RB 71,1). Diesen Gehorsam üben wir in den kleinen Dingen und Diensten des Alltags, um dann – wenn Gott es von uns verlangt – auch zum Gehorsam in größeren Dingen bereit zu sein.

Das Kloster ist nicht der Himmel auf Erden, sondern der Versuch einer Verbindung von Himmel und Erde.


conversio morum

Wer ins Kloster eintritt, nimmt sich selbst mit, und so ist ein jedes Kloster menschlich – wer wollte auch schon in einer unmenschlichen Gemeinschaft leben? Wir sind und bleiben auch im Kloster Menschen, und haben als solche immer Umkehr notwendig. Unser Gelübde der "conversio morum" (Bekehrung der Sitten) hat genau hier seinen Ansatzpunkt: Wir sollen und dürfen täglich neu anfangen, wir bedürfen der täglich neuen Ausrichtung auf das eine Notwendige. Die Menschen in den Klöstern sind ganz sicher nicht heiliger als der Rest der Welt. Dadurch, dass wir in einem relativ reizarmen Raum mit relativ wenigen Ablenkungsmöglichkeiten leben, werden uns unsere Fehler aber vielleicht mehr bewusst. Doch ist das für uns kein Grund zur Verzweiflung, denn wir wissen, dass wir uns der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen dürfen, der uns als seine Kinder angenommen hat und liebt. Nur durch seine Gnade können wir Fortschritte auf dem Weg zur Heiligkeit machen.


Klausur

Wir umgeben uns nicht mit Mauern aus Angst vor der "bösen Welt", und noch weniger empfinden wir die Klausurmauern als kirchlich verordnetes Gefängnis. Die Klausur eröffnet uns einen Raum, in dem Stille und Schweigen herrschen, und der uns so zu innerer Sammlung verhilft. Diese Atmosphäre, die zum Gebet einlädt und unseren Blick auf das Wesentliche lenkt, bewirkt auch, dass die Arbeit ihren richtigen Stellenwert bekommt.


Gebet ...

Wir versuchen in der Gegenwart Gottes zu leben. All unser Tun ist somit in gewisser Weise immer schon verleiblichtes Gebet und damit Gottesdienst. Dieses beständige Leben in der Gegenwart Gottes findet aber seinen Höhepunkt in der Feier des Chorgebetes und der Eucharistie. Denn wenn wir auch glauben, dass Gott überall gegenwärtig ist, so gilt das doch in besonderer Weise, wenn wir zum Gottesdienst zusammenkommen (vgl. RB 19,2). Unser Alltag wird immer wieder wohltuend durch die Gebetszeiten unterbrochen. Wir treten dann aus unserem begrenzten Horizont heraus, und über uns öffnet sich gleichsam der Himmel, wenn wir "vor dem Angesicht Gottes und seiner Engel" (RB 19,6) in das Gotteslob der himmlischen Chöre mit einstimmen und auch die Sorgen und Nöte der Menschen vor Gott bringen.

... und Arbeit

All unser Tun nimmt seinen Ausgang von dieser Gottverbundenheit. So sehr wir unsere Arbeit auch als Dienst für Gott sehen, dem wir in den Mitmenschen dienen, so gilt doch immer: "Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden" (RB 43,3). Dadurch werden wir davor bewahrt, dass die Arbeit uns hat und nicht wir Arbeit haben; die – ganz selbstverständlich - geleistete Arbeit ist nicht der Zweck unseres Seins im Kloster, von ihr hängt nicht unser Wert ab. Ja, gerade die, die nicht mehr viel leisten können, tragen durch ihr stilles Beten die klösterliche Gemeinschaft in ihrer letzten Ausrichtung auf den Herrn der Geschichte ganz wesentlich mit.