"Ora et labora"

Bei uns im Orden und in Seligenthal wird das ora et labora so gesehen, so dass „Gott in allem verherrlicht werde“ wie es in der BR 57,9 heißt.

Wenn Benedikt auch fordert, „dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“ BR 43,3, und dieser Grundsatz in unserem Leben Gewicht haben soll, so nimmt gleichzeitig in der Regel die Arbeit der Mönche einen breiten Raum ein. Rein zeitlich gesehen sogar einen breiteren Raum als Gebet und Lesung. Ja, Benedikt rechnet sogar damit, dass die Arbeit manchmal so anwachsen kann, dass der Einzelne sich überfordert fühlt, oder meint, er kann sein Pensum nicht bewältigen.

Benedikt und mit ihm das ganze alte Mönchtum, also auch die Zisterzienser, sehen die Arbeit auch als asketische Übung, die uns auf dem Weg zur Reinheit des Herzens genauso voranbringen kann, wie das Schweigen, Fasten und Beten.

In anstrengender Arbeit stoßen wir nicht nur an unsere Grenzen, oder werden wir aufgefordert all unsere Kräfte einzusetzen, sondern die Anstrengung kann uns nach Wilhelm von St. Thierry auch für Gott öffnen und uns für die Erfahrung Gottes empfänglich machen: „Die harte Arbeit auf dem Feld stehe nicht im Gegensatz zum Gebet, sondern sie bewahre dem Mönch gerade die Freude an geistlichen Studien und nähre sie. Und die körperliche Erziehung durch die Feldarbeit erzeuge in ihnen ein tiefes Gefühl der Frömmigkeit.“

Wir denken manchmal, wir sind zu müde, um überhaupt noch Gedanken an Gott zu haben, oder gar beten zu können, und sind deshalb traurig.

Die alten Mönche und auch heutige Meditationsmeister sehen das anders. So schreibt Erhard Kästner in dem Buch „Stundentrommel vom Hl. Berg Athos“:

„In der Müdigkeit sei man aufnahmefähiger als sonst, bei gedrosselten Sinnen steige das Eigentliche herauf, Schwäche mache offener und die Müdigkeit erzeuge jenen Zustand großer Empfängnis, der nur das Wenige einlässt“.

Für die alten Mönche jedenfalls gehörte die Anstrengung in der Arbeit wesentlich zu ihrem geistlichen Weg. Altvater Apollo konnte von der Arbeit sagen: „Mit Christus habe ich heute für meine Seele gearbeitet.“ Die äußere Arbeit ist für ihn zugleich Seelenarbeit, Arbeit am inneren Menschen. Denn unnütze, sowie selbstquälerische oder unzufriedene Gedanken, können nicht so viel Macht über uns gewinnen, wenn wir unsere Arbeit innerlich konzentriert auf Gott und den Menschen bezogen vollziehen.

Nicht nur, dass wir dabei zu einer tieferen Selbsterkenntnis kommen können, weil uns nach Abba Poimen die Arbeit „Unterweisung und Lesung“ ist, indem wir die auftauchenden Gedanken an Ärger, Groll, Selbstüberschätzung, Ehrgeiz, Eifersucht oder auch Stolz, Eitelkeit ausloten und uns erkennen lassen, wie wir vor Gott stehen, sondern wir finden auch Stoff und Inhalte für unser Gebetsleben. In der Regel von Taize` heißt es: „Damit dein Gebet wahrhaftig sei, musst du in harter Arbeit stehen. Begnügst du dich mit dilettantischer Lässigkeit, so wirst du unfähig, wirkliche Fürbitten zu tun. Dein Gebet führt zur Ganzheit, wenn es eins mit der Arbeit ist.“

Durch die Tagesordnung, die Benedikt in der Regel festhält, zeigt er uns, dass der sinnvolle Wechsel von Gebet und Arbeit für ihn und alle, die in seine Fußstapfen treten, der gesunde Weg zu Gott ist.

Die Anstrengung der Arbeit bereitet auch die Seele für Gott. Die Müdigkeit war ganz offensichtlich ein Element ihrer Askese, die sie für Gott offener machen sollte.

In der anstrengenden Arbeit erfährt der Mönch Gott als einen, der ihn beanspruchen kann bis in sein Innerstes hinein, ja bis hin zur Erschöpfung und Ermüdung. Gott zeigt sich darin als sein Herr, der über seinen Knecht verfügen kann, der ihn aufreiben kann. Die Grenze, an die der Mönch in einer harten anstrengenden Arbeit stößt, kann für Benedikt Gott selbst sein.

Ein weiteres Spannungsverhältnis finden wir auch in folgenden zu Mose gesprochenen Worten Gottes. „Komm nicht näher heran! Leg Deine Schuhe ab; denn der Ort wo Du stehst ist heiliger Boden Exodus 3,5.

Wir kennen alle die Geschichte der Begegnung Gottes mit dem aus Ägypten geflohenen Mose. Wir wissen, dass Gott seine Allgegenwart Mose gerade in der Wüste, in einem dürren Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt, offenbart. Wir bedenken vielleicht manchmal zu wenig, dass Gott Mose beim Namen ruft, ihn bevor er näher kommt, anhalten lässt und ihn auffordert, seine Schuhe abzulegen.

Mose war auf der Flucht und gleichzeitig auf der Suche. Er floh vor den Ägyptern, um der Konsequenz seines Handelns zu entgehen, aber er floh sicher auch vor dem Zorn der Ägyptischen Gottheiten und vor seinem eigenen Gewissen. Er wollte mit all dem was hinter ihm lag ins Reine kommen, zog sich zurück in die Wüste und wagte einen Aufstieg zu einem Neuanfang. Und da nahm er sich als Angesprochener wahr, hörte wie Gott seinen Namen rief, ihm kund tat, dass er mit ihm etwas zu tun haben möchte, dass er ihn sieht, um ihn weiß. Nehme ich im Alltag wahr, dass Gott mich beim Namen nennt und mit welchem Namen er mich ruft? Im weiteren Verlauf des Gespräches offenbart Gott seinen Namen, ich bin der Da Seiende, der für euch Da Seiende. Aber vorerst offenbart er sich als der heilige Gott, der Unnahbare, der völlig Unverfügbare: „Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab!“

So ist eine benediktinische Grundforderung im Bewusstsein der Gegenwart Gottes zu Beten und zu Arbeiten.

Unser ganzes Leben steht unter der Gegenwart Gottes. Wir stellen deshalb ganz bewusst unser Beten und Arbeiten unter seine Gegenwart, indem wir verinnerlichen, was St. Benedikt schreibt: „Wir glauben, dass Gott überall gegenwärtig ist und dass die Augen des Herrn an jedem Ort die Guten und die Bösen beobachten. Doch wollen wir das in besonderer Weise glauben, und zwar ohne irgendwie zu zweifeln, wenn wir im Gottesdienst stehen.“ Regel 19,1

Beim Gottesdienst ist uns die Gegenwart Gottes normalerweise bewusst, außer wir nehmen ganz gedankenlos daran teil. Im Arbeitsvollzug könnten wir über die Konzentration auf die Sachaufgaben leicht vergessen, dass auch diese Aufgaben mit dem liebenden Blick auf das Dasein Gottes vollzogen werden können. In den Werkzeugen der geistlichen Kunst rät uns ja Benedikt: „der Mönch soll sein Leben so gestalten, dass er sich stets bewusst ist, unter dem Angesicht Gottes zu leben.“ Regel 4,49

Wir können uns fragen:
  • Was bedeutet für mich die Herausforderung meine Schuhe abzulegen, welche Hindernisse trennen mich von der Begegnung mit dem lebendigen Gott?
  • Habe ich Angst, dass er mir zu nahe kommt?
  • Erdrückt mich seine Heiligkeit oder erfüllt sie mich mit Staunen, Ehrfurcht, Hingabe und Anbetung?
  • Existiert heiliger Boden für mich nur im Kirchenraum, oder kann ich es wörtlich nehmen, der Ort, wo du stehst, also wo ich lebe, ist heiliger Boden?
  • Vertraue ich der Taufgnade, glaube ich an die heilende, befreiende Kraft des Wortes Gottes, der Sakramente, des Gebetes?
  • Weiß ich, dass Gott mich sucht, schon bevor ich ihn suche?
  • Nehme ich mir genügend Zeit für das Gebet, für das stille Verweilen vor Gott oder stürze ich mich geradezu in Aktion um der Selbstkonfrontation und der Konfrontation mit dem Willen Gottes zu entgehen?

Obwohl für St. Benedikt das Gebet so wichtig ist, gibt er keine Anweisungen wie wir beten sollen, außer dass das persönliche Gebet kurz sei und lauter, still und unauffällig. Hier wird die neutestamentliche Lehre deutlich, dass der Christ in seine Kammer geht, womit nicht nur der Raum, sondern die Verborgenheit des Herzens gemeint ist. Für Benedikt gehört die Unaufdringlichkeit des Betens in den Bereich des Schweigens als Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes und als Kennzeichen der Demut. Als Charakteristikum nennt Benedikt das Beten unter Tränen. Dieses Element der monastischen Tradition macht die Bußbereitschaft des Mönches deutlich. Die Gabe der Tränen kennzeichnet Selbsterkenntnis und Reue, in der es aber nicht um Ergriffenheit geht, sondern um die ungeteilte Ausrichtung auf den Herrn, die im Gebet wie durch die Arbeit wachsen soll.

Wie können wir zu dieser Zweisamkeit trotz intensiver Arbeit finden?

Zuerst müssen wir uns mit Kopf und Herz bewusstmachen, Gott ist immer da, ob wir daran denken oder nicht. Er schenkt uns seine Nähe von sich aus, wir müssen sie nicht erst verdienen und sie hängt nicht von unserem Wollen ab. Sie hat auch nichts mit Kontrolle oder Misstrauen zu tun, sondern gleicht mehr einer stützenden, unaufdringlichen Begleitung. Wir können die Gegenwart Gottes vergessen und ignorieren, aber wir können uns genauso jederzeit ihrer bewusst werden und Gott ein Zeichen unserer inneren Verbundenheit schenken.

  • Sei es durch einen liebenden Blick auf das Kreuz,
  • Sei es durch das schon verinnerlichte Jesusgebet,
  • durch kurze Bittgebete wie „Herr eile mir zu Hilfe“, oder „Christus, Christus in mir – heile mich in deiner Liebe“, oder „du göttliche Kraft in mir – führe mich auf deinem Weg“, oder „du göttliches Sein – begleite mich an diesem Tag“. Oder durch ein kleines Gebet wie: „Herr, lass mich Dich heute mehr lieben als gestern und morgen mehr als heute“.
  • Oder einen anderen Gedanken, der uns bewusst macht „ich bin nicht allein, ich werde getragen, ich darf meine Liebe kund tun.
  • Wenn es der Arbeitsprozess ermöglicht, wäre es auch manchmal gut inne zu halten und einen Abschnitt aus der Hl Schrift zu lesen.

Das Bewusstsein um die Gegenwart Gottes zu intensivieren schlägt Albert Peyriguere einer Ordensfrau vor, die wie einige von uns im Schuldienst stand und befürchtete, durch ihre Arbeit sich zu weit von Gott zu entfernen. A. P. schreibt im Buch „Von Gott ergriffen„:

„Christus verlässt sie nicht einen Augenblick, folglich verlassen auch sie ihn nicht einen Augenblick. Was sie auch tun, - er ist bei ihnen. Machen sie keinen Unterschied mehr zwischen den Augenblicken, wo sie im Gebet bei Christus weilen und jenen, wo sie weniger nahe bei ihm zu sein scheinen. Sie sind ständig bei ihm und er ist bei ihnen, bald im Gebet, dann in der Tätigkeit, dann wieder im Gebet. Verlassen können sie ihn nicht, und auch er verlässt sie nicht.“

So kann uns dieses Bewusstsein innere Ruhe und Gelassenheit schenken und so verhindern, dass wir leicht ungeduldig und unzufrieden werden, oder uns in die Arbeit stürzen und nichts Anderes mehr sehen als diese und den Erfolg, den sie bringt.

Wir suchen uns die je eigene Form, unseren persönlichen Blick für die Gegenwart Gottes wach zu halten, damit alles, was wir tun, unter dem Blick seiner Liebe geschieht.

Gedanken zum Beten während der Arbeit und zum betenden Reflektieren derselben.

Routinemäßige Arbeiten ermöglichen uns das Beten während des Arbeitsvollzuges. Ganz offensichtlich gebrauchten unsere Vorfahren diese Möglichkeit während des Kochens, und anderer Tätigkeiten. Denn Zeitmaße wurden mit der Länge eines oder mehrerer „Vater unser“ bemessen. Bei Arbeiten, die wie von selbst von der Hand gehen, bei denen Verstand und Herz frei sind, kann man sich während dieser Zeit Wunschträume aufbauen, oder seinem Ärger nachgehen, man kann hier aber auch sich Gott zuwenden, vor ihm ausbreiten, was einen beschäftigt, ängstigt oder freut. Ich kann mein ganzes Inneres, mein Gefühlsleben, meine Gedanken und Pläne Gott hinhalten, ihn um seinen Segen bitten und selbst manches unter seinem Blick relativieren.

Bei Konzentration und Aufmerksamkeit fordernden Aufgaben kann ich zwar nicht ununterbrochen an Gott denken,

  • aber ich kann ihn am Anfang einer Tätigkeit um seinen Beistand bitten
  • und in Kurzpausen daran denken, dass er da ist.
  • Ich kann nach einem Arbeitsschritt mein Werk Gott hinhalten
  • und ich kann, wie die alten Mönche es taten, durch ein Zwei – oder Einwortgebet, durch die Verbindung von Atemholen und einem Gebetswort wie „Du da“, „mein Gott“, gleichsam unablässig beten.
  • Auch Schriftworte, die wir am Abend vorher oder frühen Morgen meditieren, können uns den ganzen Tag über begleiten. Am Beispiel Jesu orientiert, können wir so leichter Alltagssituationen bewältigen und verlieren das Gefühl der Ohnmacht über unser Leben.
  • Eine Hilfe bei der Arbeit zu beten, kann auch die Koppelung eines Gebetswortes mit einem bestimmten Handgriff, einem bestimmten Ort, einem Bild, dem Läuten des Telefons, oder dem Zurücklegen einer Wegstrecke sein.
  • Wenn uns manch eine Anforderung schwer fällt, eignet sich auch gut unsere Sonntagsbitte. „Gib, dass mein Arbeiten beseelt sei von Liebe zu dir und wahrer schwesterlicher oder brüderlicher Liebe.“

Wenn wir das Gebet während der Arbeit eine Zeitlang eingeübt haben, werden wir erfahren, das kostet keine Zeit und Konzentration, hilft uns aber ganz bei Gott und uns zu sein.

Im alten Mönchtum war die Voraus – und Nachmeditation der Arbeit üblich.

  • In der Vorausschau stelle ich mich innerlich auf die mich zukommende Arbeit ein, überlege was alles auf mich zukommt, wem ich begegne, was ich erreichen möchte, wo ich aufpassen muss, was ich nicht vergessen darf.....Wenn ich vorher schon um Kraft und Segen bitte, Gott die Kinder, einen Mitarbeiter, oder eine Sache empfehle, bin ich vielleicht in der Realsituation aufgeschlossener, ruhiger und wohlwollender.
  • In der Nachmeditation denke ich nicht nur in Anwesenheit Gottes über Erfolg und Misserfolg nach, sondern ebenso über meine Haltung und Einstellung, über die Motive meines Redens, Tun und Denkens.

Vor - und Nachmeditation der Arbeit verhelfen uns zu einer besseren Selbst – und Fremderkenntnis und bewirken, dass wir leichter zu einer Arbeit ja sagen können und verarbeiten und loslassen, was uns beschäftigt.

Im Prolog der Benediktusregel greift Benedikt ein Wort Gottes folgendermaßen auf: Prolog 18

„Wenn ihr das tut, blicken meine Augen auf euch, und meine Ohren hören auf eure Gebete; noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da.“